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»Wir lieben den Tod«

Der Generalsekretär der schiitischen Hisbollah, Scheich Hassan Nasrallah, über den Kampf gegen Israel im Südlibanon
Von Adel S. Elias
aus DER SPIEGEL 43/1997

SPIEGEL: Eminenz, bei einer Aktion der Hisbollah Mitte September wurde Ihr 18 Jahre alter Sohn Hadi von israelischen Soldaten getötet. Was empfinden Sie über diesen Verlust - Haß oder Trauer?

Nasrallah: Mein Sohn wurde nicht getötet, während er auf der Straße herumlungerte. Dieser Mudschahid stieß mit dem Gewehr in der Hand auf den Feind. Er marschierte entschlossen und selbstbewußt an die Front, durchdrungen vom tiefen Verlangen, den Feind zu vernichten. Sein Tod ist kein Sieg für die Israelis, sondern ein Sieg für die Hisbollah. Wir sind stolz auf diesen Gefallenen. Und ich als Generalsekretär der Hisbollah bin glücklich.

SPIEGEL: Auch als Vater, der seinen Sohn verloren hat?

Nasrallah: Wenn ich Sie glauben machen wollte, der Verlust meines Sohnes schmerze mich nicht, würde ich lügen. Aber Sie müssen die Dinge so sehen: Er ist als Märtyrer gestorben, und das ist das höchste Gefühl der Freude, das einen Vater beseelen kann. Wir schätzen und ehren die Märtyrer ganz außerordentlich, sie sind für uns wie Heilige.

SPIEGEL: Sind Ihre politischen Motive stärker als die Gefühle eines Vaters?

Nasrallah: Mein Freund, hören Sie genau zu. Was ich jetzt sage, ist religiös begründet: Wir sind Gottesgläubige, und nach unserem Glauben beginnt der Märtyrer ein neues, viel schöneres Leben im Paradies. Er nimmt eine besondere Stellung bei Gott ein. Während des Jüngsten Gerichts, wenn die Guten und die Schlechten vor Gott stehen, hat der Märtyrer ein Recht auf Fürsprache für seine Familienangehörigen.

SPIEGEL: Ihr Sohn hat sich also auch für die Familie geopfert?

Nasrallah: Hadi wird uns ganz sicher zu sich ins Paradies holen, allen Märtyrerfamilien wird diese Freude zuteil werden. Es ist das höchste Glück für uns, wenn wir unser kurzes irdisches Leben verlassen und es uns vergönnt ist, neben Gott, seinem Gesandten und dessen Nachfolgern leben zu dürfen. Ich danke Gott, daß er die Güte hatte, mich zum Mitglied einer Märtyrerfamilie zu machen.

SPIEGEL: Haben Sie Ihren Sohn angestiftet und ermutigt?

Nasrallah: Er hat ganz allein entschieden und freiwillig gehandelt. Hadi war entschlossen, um jeden Preis in die Reihen der Sondereinheiten aufgenommen zu werden, in die Elite des libanesischen Widerstands. Die Männer dieser Truppe erhalten ein besonders hartes militärisches Training, das fast 36 Monate dauert. Meine einzige Beteiligung bestand darin, daß meine Frau und ich seiner Entscheidung nicht im Wege standen, sondern sie respektierten.

SPIEGEL: Drei Jahre Ausbildung - das heißt, Ihr Sohn wurde schon im Alter von 15 Jahren Kämpfer. Kann man eine so schwerwiegende Entscheidung einem Kind überlassen? Hatten Sie keine Skrupel?

Nasrallah: Nein, wir betrachten unsere Söhne in diesem Alter als angehende Männer, die ihre Entscheidungen allein treffen können. Und ich muß Ihnen gestehen, daß ich sehr froh und glücklich über seinen Entschluß war. Der Weg des Widerstands ist steinig und dornig. Jeder dieser jungen Männer weiß, daß der von ihm eingeschlagene Weg der Weg des Märtyrers ist. Jeder von ihnen rechnet mit dem Tod und sehnt sich nach diesem Martyrium. Wir fürchten den Tod nicht, wir lieben ihn und dürsten danach.

SPIEGEL: Die Israelis haben frohlockt, als Ihr Sohn ums Leben kam. Für sie ist sein Tod ein Sieg im Kampf gegen den Terrorismus.

Nasrallah: Die Zionisten sollten sich nicht zu früh freuen. Sie sollten den Märtyrertod meines Sohnes Hadi richtig verstehen. Sie stehen Widerstandskämpfern gegenüber, die den Tod nicht fürchten, sondern ihn herausfordern. Die Führer der Hisbollah frönen nicht einem angenehmen Leben im Luxus. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Mein Sohn Hadi ist nicht der einzige Sohn eines Hisbollah-Führers, der in den Reihen des Widerstands kämpft. Viele Söhne von Hisbollah-Verantwortlichen stehen an vorderster Front.

SPIEGEL: Nach dem Tod Ihres Sohnes drohten Sie, jetzt werde ein erbarmungsloser Krieg zwischen der Hisbollah und Israel ausbrechen. Wie haben Sie das gemeint? Werden Sie israelische Politiker oder deren Söhne als Zielscheibe auswählen?

Nasrallah: Wir sind keine Mörder, sondern Männer des Widerstands. Wir werden den Feind überall verfolgen. In einem erbarmungslosen Krieg sind alle Mittel erlaubt. Wir werden den Besatzern den Boden unter ihren Füßen zur Hölle machen. Palästina kann nur von Männern befreit werden, die zum Märtyrertod bereit sind - wie mein Sohn.

SPIEGEL: Gehen da die Gefühle nicht mit Ihnen durch? Hisbollah ist trotz allem nur eine kleine Widerstandsbewegung, und Israel ist eine der größten Militärmächte des Nahen Ostens.

Nasrallah: Mir scheint, daß Sie nicht richtig beobachten, was an der Grenze zwischen dem Libanon und dem zionistischen Gebilde geschieht.

SPIEGEL: Raketenangriffe, Hinterhalte, darauf Strafaktionen der Israelis - so geht das seit Jahren.

Nasrallah: Wie deuten Sie das, was die Zionisten nach jedem militärischen Debakel in den von ihnen besetzten Gebieten im Südlibanon veranstalten? Das Gejammer in der zionistischen Gesellschaft ist nicht mehr zu überhören. Netanjahu sagte vor kurzem: Ich bin bereit, aus dem Südlibanon abzuziehen, falls mir jemand Garantien gibt, daß die Hisbollah uns nicht weiter bis nach Nordisrael verfolgt. Überlegen Sie doch mal, was diese Worte bedeuten - von einem Regierungschef, der an der Spitze einer der, wie Sie meinen, größten Militärmächte der Region steht.

SPIEGEL: Netanjahu muß Rücksicht auf die Stimmung in der Bevölkerung nehmen. Und die möchte - anders als Sie - ihre Söhne nicht weiter opfern.

Nasrallah: Netanjahu verlangt keinen Friedensvertrag mit dem Libanon mehr. Er verlangt keine Sicherheitszone mehr, er will nur seine Ruhe - vor uns. Er will garantiert haben, daß wir ihn nicht nach Nordisrael hinein verfolgen. Ich sage aber Netanjahu schon jetzt: Wir kennen kein Nordisrael, sondern es heißt: das besetzte Nordpalästina. Niemals wird der Tag kommen, an dem wir die Existenz Nordisraels anerkennen.

SPIEGEL: Werden Sie Ihren Kampf also auch weiterführen, wenn Israel sich aus dem Südlibanon zurückzieht?

Nasrallah: Lassen Sie uns nüchtern denken. Gehen wir davon aus, daß die Hölle friert und Israel das Unvorstellbare wahr macht, das heißt, sich aus dem Südlibanon und von den syrischen Golanhöhen zurückzieht. Gehen wir weiter davon aus, daß es an den Grenzen ruhig bleibt. Glauben Sie, daß dann Versöhnung und Frieden zwischen Arabern und Juden herrschen?

SPIEGEL: Warum sollten Araber und Juden nicht in Frieden leben können?

Nasrallah: Selbst wenn das alles eintreten würde, gäbe es keine Versöhnung und keinen Frieden, solange Palästina vom zionistischen Feind besetzt ist. Das jüdische Gebilde ist das Sinnbild des Terrorismus. Es ist ein durch und durch terroristischer Staat. Es wird keinen Frieden mit einem Gebilde geben, das Juden aus aller Welt nach Palästina holt und die Palästinenser ihres Bodens und ihrer Heimat beraubt.

SPIEGEL: Die Existenzberechtigung Israels ist von vielen arabischen Staaten anerkannt. Bleiben Sie dabei, daß Sie niemals einen Staat Israel akzeptieren werden?

Nasrallah: Genau das. Palästina gehört den Palästinensern, nicht den Juden. Nur unsere Gewehre und unsere Märtyrer werden Frieden in diese Region bringen. Die Zeiten, in denen wir vor den Zionisten Angst hatten, sind für immer vorbei.

SPIEGEL: Die Zivilbevölkerung leidet unter den israelischen Vergeltungsschlägen.

Nasrallah: Gewiß, die Zionisten besitzen eine schlagkräftige Luftwaffe, aber die Armee des zionistischen Gebildes ist schon lange nicht mehr das legendäre Heer, das man früher kannte. Die Leichen der im Südlibanon gefallenen israelischen Soldaten haben dem Mythos von der Unbesiegbarkeit der israelischen Armee ein Ende gesetzt. Die Strategie dieser Armee bestand stets darin, möglichst ohne Verluste zu kämpfen. Aber was kann eine solche Truppe gegen Menschen ausrichten, die gerne sterben und den Märtyrertod anstreben? Sehen Sie diese neue Entwicklung denn nicht?

SPIEGEL: Israels Minister für Innere Sicherheit, Awigdor Kahalani, hat jüngst gedroht: Wenn die Terrorakte der Hisbollah nicht aufhören, werde Israel die Infrastruktur des gesamten Libanon - Straßen, Brücken, Elektrizitäts- und Wasserwerke - zerstören, damit die Libanesen endlich begreifen, wie teuer sie die Überfälle auf Israel zu stehen kommen. Wollen Sie wirklich alles riskieren, was nach 15 Jahren Bürgerkrieg mühsam wieder aufgebaut wird?

Nasrallah: Wir sind uns dieser Drohungen durchaus bewußt. Sie sind nichts Neues. Sie spiegeln nichts anderes als blanke Angst und Hilflosigkeit wider, sie sind ein Beweis dafür, daß die Zionisten militärisch nichts mehr gegen uns ausrichten können.

SPIEGEL: Das können sie sehr wohl.

Nasrallah: Welche militärische Antwort haben die Zionisten denn? Nochmals den Libanon überrennen wie 1982? Die Sicherheitszone Richtung Norden ausweiten? Das würde nur eine Vergrößerung der Fläche bedeuten, auf der wir Widerstand leisten. Das wäre gut für uns, dann würden die Zionisten wie nach der Invasion 1982 in Holzsärgen heimkehren. Netanjahu täte besser daran, nicht zu vergessen, was geschah, als Rabin und Peres schon einmal solche Pläne hegten.

SPIEGEL: Die Möglichkeit der totalen Vernichtung schreckt Sie nicht?

Nasrallah: Die Zionisten sollen nur nicht glauben, daß wir und unsere Brüder, die Mudschahidin in Palästina, nicht in der Lage sind, dort jedes zivile Ziel in die Luft zu jagen. Im Falle eines israelischen Angriffs auf zivile Ziele im Libanon sind wir durchaus imstande, das zionistische Gebilde in einen Zustand zu versetzen, der zum Zusammenbruch des Tourismus führt. Ich gebe den Zionisten und ihren politisch Verantwortlichen den Rat: Versteht die Botschaft des Todes meines Sohnes richtig. Die Zionisten können nichts ausrichten gegen einen, der den Tod liebt und das Martyrium anstrebt.

SPIEGEL: Wie weit sind die Verhandlungen über den Austausch gefangener und gefallener Soldaten und Kämpfer zwischen Ihnen und Israel gediehen? Wer vermittelt zwischen Ihnen und der israelischen Seite?

Nasrallah: Das Internationale Rote Kreuz. Das geht uns aber nicht schnell genug. Die begnügen sich damit, als Briefträger zu fungieren. Der letzte Stand ist: Die Zionisten wollen nur Leichen austauschen. Wir wollen auch gefangene Libanesen freibekommen. Bis jetzt lehnen es die Zionisten ab, darüber zu verhandeln. Und deshalb soll die Familie des vermißten israelischen Soldaten Itamar Ilja auch wissen, daß sie die Überreste ihres Sohnes erst erhalten wird, wenn im Gegenzug unsere Gefangenen freigelassen werden.

SPIEGEL: Die Israelis vermissen noch immer den Flugnavigator Ron Arad, der 1986 über dem Libanon abgeschossen wurde.

Nasrallah: Arad befindet sich nicht in unserer Hand.

SPIEGEL: Wo ist er denn dann?

Nasrallah: Das weiß ich nicht. Ich wäre froh, wenn wir ihn hätten. Dann könnten wir unsere Forderungen hochschrauben.

SPIEGEL: Die israelische Seite hofft, daß der Tod Ihres Sohnes die Verhandlungen mit Ihnen erleichtert, da es für Sie wichtig sei, den Leichnam zu bekommen.

Nasrallah: Unsinn. Bei uns sind die Prioritäten eindeutig geregelt. Sie richten sich danach, wann ein Kämpfer gefallen oder gefangengenommen wurde. Dementsprechend steht mein Sohn am Ende der Austauschliste. Die Israelis sollten sich also keine falschen Hoffnungen machen. Mein Sohn ist ein Märtyrer wie alle anderen, er genießt keine Vorzugsbehandlung.

SPIEGEL: Beim letzten Austausch von Gefallenen und Gefangenen hat der deutsche Geheimdienstkoordinator Schmidbauer vermittelt. Wollen Sie die Bundesregierung wieder einschalten?

Nasrallah: Nein, die Deutschen sind derzeit unerwünscht. Sie haben zwar gleich nach dem Debakel der Zionisten am 5. September direkt mit uns Kontakt aufgenommen und ihre Hilfe angeboten, aber wir haben abgelehnt.

SPIEGEL: Warum denn? Sie könnten doch wenigstens humanitäre Hilfe annehmen.

Nasrallah: Nein. Seit dem Urteil im »Mykonos«-Prozeß sind die Beziehungen zwischen Deutschland und Iran sehr schlecht.

SPIEGEL: Aber das sind doch zwischenstaatliche Probleme, die Hisbollah muß sich dadurch nicht betroffen fühlen.

Nasrallah: Doch, das betrifft nicht nur Iran und Deutschland. Die Vorwürfe gegen den geistlichen Führer Irans, Ali Chamenei, beleidigen und verletzen die Schiiten auf der ganzen Welt.

SPIEGEL: Die deutsche Justiz ist unabhängig. Die Bundesregierung hat auf das Urteil keinen Einfluß genommen.

Nasrallah: Die deutsche Justiz hat ihr Urteil unter dem Druck der amerikanischen Regierung gefällt. Washington wollte dem zionistischen Gebilde einen Dienst erweisen, und Deutschland mußte klein beigeben. Wissen Sie, der Westen muß noch viel Sensibilität und Fingerspitzengefühl entwickeln, um zu begreifen, was ein geistlicher Führer der Schiiten darstellt. Ich kann Ihnen versichern, daß die iranische Regierung an ihrer Entscheidung, den deutschen Botschafter erst als letzten europäischen Vertreter nach Iran zurückkehren zu lassen, festhalten wird.

SPIEGEL: Der neue iranische Staatspräsident Mohammed Chatami scheint aber auf einen flexibleren Kurs bedacht zu sein.

Nasrallah: Niemand wird daran rütteln. Unser geistlicher Führer Chamenei ist unantastbar, wir schätzen und ehren ihn. Ich gebe der deutschen Regierung den Rat, sich damit abzufinden: Der deutsche Botschafter wird als letzter nach Iran zurückkehren. Und Deutschland wird mit Sicherheit nicht mehr die bevorzugte Stellung genießen, die es vor dem Prozeß hatte.

SPIEGEL: Ihr ältester Sohn, wie es auf arabisch heißt, ein Teil Ihres Herzens und das Licht Ihrer Augen, ist tot. Sie haben noch einen Sohn, würden Sie auch den opfern?

Nasrallah: Wenn mein zweiter Sohn es so will, gern. Er ist gerade 15 Jahre alt geworden und hat den Wunsch geäußert, den Weg seines älteren Bruders zu gehen und Märtyrer zu werden. Ich möchte mich ihm nicht in den Weg stellen.

SPIEGEL: Und was sagt Ihre Frau dazu?

Nasrallah: Ich wollte nur die Gewißheit haben, daß der Entschluß meines Sohnes wirklich feststeht. Seine Mutter war schneller als ich: Sie sagte, sie wäre glücklich, wenn er den Weg seines älteren Bruders einschlagen würde.

SPIEGEL: Eminenz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Mit Redakteur Adel S. Elias in Beirut.

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