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»Wir lieben die Heimat«

Von Henryk M. Broder
aus DER SPIEGEL 27/1995

Der geographische Mittelpunkt der DDR liegt bei 12 Grad 31 Minuten östlicher Länge und 52 Grad 12 Minuten nördlicher Breite in der Nähe der Ortschaft Verlorenwasser im Landkreis Potsdam-Mittelmark auf halber Strecke zwischen der Gaststätte »Zur Hirschtränke« und der Pension »Jagdhaus Weitzgrund«.

Bis zur Wende war die durch ein Schild im Wald markierte Stelle ein beliebtes Ausflugsziel. Vor allem an Christi Himmelfahrt, in der DDR »Herrentag« genannt, wurde rund um den »Mittelpunkt« gezecht und gebechert - wenn auch auf eine beinah dissidentische Art. »Nach der Abschaffung von Christi Himmelfahrt als Feiertag«, erinnert sich Klaus Nichelmann, »mußten wir ein halbes Jahr im voraus Urlaub beantragen, damit die Betriebsleitung nicht merkte, um welchen Tag es ging.«

Mit dem Ende der DDR kehrte auch am »Mittelpunkt der DDR« Stille ein, bis Klaus Nichelmann, Sprecher der Bürgerinitiative »Pro Belzig«, kürzlich aktiv wurde. Ein paar Meter von der Originalstelle entfernt ließ er einen achteckigen, offenen Holzpavillon errichten und gleich daneben ein neues Schild aufstellen: »Achtung: Hier ist der Mittelpunkt der ehemaligen DDR!«

Zu Christi Himmelfahrt 1995, noch immer »Herrentag« genannt, wurde wieder gefeiert, mit Wernesgrüner Bier und Suppe aus der Gulaschkanone. Außerdem hatte Nichelmann einen 14 mal 4 Zentimeter großen Stempel mitgebracht, mit dem jedem Teilnehmer der Fete auf einer Urkunde bescheinigt wurde, daß er »den Mittelpunkt der ehemaligen DDR« besucht hat. Einige ließen _(* DDR-Karte aus bemaltem Beton, in ) _(der Nähe der Ortschaft Verlorenwasser ) _(bei Brandenburg. )

sich den Stempel in ihren alten DDR-Personalausweis drücken.

Ein seltsames Phänomen macht sich zwischen Kap Arkona im Norden und Apolda im Süden breit: Die DDR ist wieder da. Den Arbeiter-und-Bauern-Staat gibt es nicht mehr, doch dreht sich das Land noch immer (oder: schon wieder) um seinen eigenen Mittelpunkt. Ähnlich geht es den Menschen, die plötzlich heimatlos wurden, ohne ihre Wohnstube zu verlassen. »Ich hab'' hier gelebt, es war nicht alles schlecht«, sagt Klaus Nichelmann und setzt gleich hinzu, daß er um nichts in der Welt die SED und das Politbüro zurückholen möchte. »Man hat die Wende eigentlich nicht mitbekommen, danach hat jeder mit der Umstellung zu tun gehabt. Jetzt erst, nach fünf Jahren, kommen wir zum Nachdenken.«

Nichelmann, 1943 in Ostpreußen geboren, hat mit seiner Bürgerinitiative dafür gekämpft, daß Belzig Kreisstadt wurde. Nun steckt der Heizungsingenieur, der sich nach der Wende selbständig gemacht hat, seine ganze Freizeit in die Pflege des »Mittelpunktes«. Das sei, sagt er, »erlebte Geschichte«. In zwei Jahren, wenn Belzig 1000 Jahre alt wird, soll es ein großes Volksfest geben. Bis dahin, hofft Nichelmann, wird der reaktivierte »Mittelpunkt der ehemaligen DDR« als Attraktion für Touristen über die Grenzen der Kreisstadt Belzig bekannt sein.

Zwischen dem Waldstück bei Verlorenwasser und der Steinwüste des Prenzlauer Bergs liegen Welten, doch scheinen die Menschen dort wie hier vom gleichen Bedürfnis getrieben: in ihre Geschichte einzutauchen, um sie noch einmal zu erleben.

Jeden Freitag um 22 Uhr geht in der alten Kantine der »KulturBrauerei« die »ost rock test the west disco« ab. Auch hier wird die DDR im Verhältnis 1:1 für ein paar Stunden rekonstruiert. »Die Musik kommt aus dem Osten, die Eintrittspreise sind original Ost und die Getränke auch«, sagt Uwe, 33, gelernter Elektromonteur, der zusammen mit seinem Freund Peter, 32, einem Konditor, seit einem Jahr einmal in der Woche hinter der Theke steht und Kneipier spielt. Der Eintritt kostet, wie früher in der DDR, 3,10 Mark; ein Glas Wodka-Cola (zubereitet mit der volkseigenen Club-Cola) 3 Mark, wer lieber Bier trinken möchte, greift zu den Original-Ost-Marken Radeberger, Wernesgrüner und Bürgerbräu.

Die Diskjockeys Axel und Udo mischen die Musik, entsprechend einer alten Order aus dem DDR-Kulturministerium, 60 zu 40; das heißt, 60 Prozent der gespielten Titel müssen DDR-Produktionen sein, »Musik, die wir früher gern gehört haben«, sagt Uwe und stellt den Gast aus dem Westen auf die Probe, indem er ein paar Namen nennt: »Pankow, Karat, Holger Biege, Ute Freudenberg«. Eben hat der DJ das »Gänselieschen« von Klaus Renft aufgelegt. »Es ist nicht nur die Musik, es ist die gemeinsame Erinnerung. Wenn das ,Gänselieschen'' läuft, schauen sich alle an und wissen Bescheid, ohne was zu sagen.«

Uwe und Peter gehören mit ihren über 30 Jahren zu den Senioren in dem überfüllten, zugedröhnten und vollgequalmten Raum. Die meisten Besucher der freitäglichen »ost rock disco« in der KulturBrauerei sind 20 bis 25 Jahre alt. _(* »Revue 60« im Neuen Theater. )

Vor ein paar Jahren haben diese Kids noch einen Wochenlohn für eine echte Wrangler hingelegt, sie hätten ihren Ausweis für eine alte CD von Udo Lindenberg getauscht, und heute kann es ihnen nicht »zornig« genug zugehen.

Uwe versteht nicht, worüber der Gast staunt, und empfiehlt, wiederzukommen, wenn im »Kesselhaus« alte DDR-Filme gezeigt werden, »Heißer Sommer« oder »Die Legende von Paul und Paula«. »Dann sitzen alle still da, halten sich fest und heulen.«

»Je länger die Wende zurückliegt, um so schöner wird die DDR«, sagt auch Ralf Scherff, 32, der mit seinem Bruder Andreas, 33, in Berlin Mitte den »Kaufmannsladen« betreibt. Die beiden führen noch ein paar Original-DDR-Artikel im Sortiment, zum Beispiel Grabower Küßchen ("Negerküsse mit kakaohaltiger Fettglasur") und Dr. Quendt ABCD Russisch Brot ("Qualität, die man schmeckt"); auch die Club Cola, sagt Ralf, »schmeckt genau wie früher«, obwohl das alte Etikett neu gestaltet wurde. Es komme immer öfter vor, daß Kunden in den Laden kommen, eine alte Marke sehen und rufen: »Der Osten ist wieder da! Klasse!«

Hinter der Theke hat Ralf eine »Preistafel Preisstufe II« aus einer ehemaligen HO-Gaststätte hingestellt, Erinnerung an die Zeiten, als ein »Deutsches Pilsener 0,25 Liter« genau 51 Pfennig, ein »Weizendoppelkorn 2 cl« 73 Pfennig und ein »Kräuterbitterlikör« 60 Pfennig kosteten.

Ralf hat Karosseriebaufacharbeiter gelernt, war dann als Kleindarsteller am Deutschen Theater gemeldet, hat aber »immer eigene Sachen« gemacht, zum Beispiel alte Firmenschilder und Lederjacken in der Provinz eingekauft und in Berlin verkauft. Irgendwie hat er sich durchgeschlagen. »Die DDR war das Land der Ausnahmegenehmigungen, das Leben hat die Leute krank gemacht, wer sich nicht die Zeit nimmt zu genesen, der bleibt krank.«

1988 hat er den Wehrdienst verweigert und wäre »höchstwahrscheinlich in den Knast gekommen, wenn die Wende nicht passiert wäre«; dennoch sagt er: »Ich möchte keinen Tag von der DDR missen, wir hatten soviel Spaß, so viele schöne Sachen erlebt.« Und weil ihm die Arbeit im Laden nicht reicht, organisiert er Veranstaltungen, zuletzt Ende Mai das »Schwalbe Festival Berlin«, ein Treffen der Liebhaber von DDR-Motorrollern der legendären Marke Simson. »Wir wollen uns nicht von den Westlern an der Hand führen lassen. Das ist unsere Vergangenheit.«

Der Ossi, das rätselhafte Wesen: Zuerst kann er die DDR nicht schnell genug loswerden, dann klagt er darüber, daß sie ihm abhanden gekommen ist, schließlich versucht er, sie aus ein paar Bruchstücken wieder zusammenzusetzen. Während im Westen von der Notwendigkeit der »inneren Einheit« gesprochen wird, setzt sich der Osten um so stärker vom Westen ab, je mehr sich die Lebensbedingungen angleichen.

Als man den Ossi noch mühelos daran erkennen konnte, daß er »Hamse . . .?« und »Plaste« statt »Plastik« sagte, wollte er unbedingt so sein wie sein westdeutscher Cousin: cool, wendig und abgebrüht. Nun, da er Benetton von Ralph Lauren und Nike von Reebok unterscheiden kann, besinnt er sich auf seine eigene, unverwechselbare Identität. Er fährt wieder Trabi, raucht F6 und Club, trinkt Goldbrand und Nordhäuser Doppelkorn.

Und wenn er in die seit März 1995 wiedereröffnete Mokka Milch Eisbar in der Ost-Berliner Karl-Marx-Allee geht, bis 1990 die Eisdiele der DDR-Hauptstadt, dann bestellt er am liebsten den Eisbecher »Pittiplatsch« (Fruchteis, Sahne, Pfirsich und Kakaostreusel) oder den »Schwedenbecher« (Vanilleeis, Sahne, Eierlikör und Apfelmus), zwei DDR-typische Delikatessen.

Unter den richtigen Speisen führen ebenfalls zwei Klassiker der DDR-Gastronomie die Hitliste an: Soljanka und Würzfleisch. »Neulich haben wir Avocadocreme-Suppe angeboten, die wollte keiner haben«, sagt der Freund der Betreiberin, die nach zwei Jahren Haft in Hohenschönhausen wegen versuchter Republikflucht 1981 die DDR verlassen durfte und seitdem in West-Berlin lebt.

Zum akustischen Ambiente der Mokka Milch Eisbar gehört ein Schlager, der in den siebziger Jahren im DDR-Radio oft gespielt wurde: »In der Mokka Milch Eisbar hat sie mich gesehen, in der Mokka Milch Eisbar da ist es geschehen.« Zur Wiedereröffnung im März 1995 kam auch Thomas Natschinski, der das Lied vor über 20 Jahren mit seiner Gruppe aufgenommen hatte.

»Plötzlich war 1990 überall Westen«, sagt die 24jährige Ost-Berlinerin Petra, »wir hatten keine Zeit, uns von der _(* Mit seinem Mitarbeiter Stefan ) _(Schröter. )

DDR zu verabschieden, es dauerte eine Weile, bis wir begriffen hatten, was passiert ist.« Fünf Jahre später begeben sich viele ehemalige DDR-Bürger in eine virtuelle DDR-Realität, um sie noch einmal, diesmal bewußt und ohne Hektik, zu erleben.

Die Galerie »Stufe 85« im vierten Stock eines Ost-Berliner Fabrikgebäudes zeigt »Raritäten, Kitsch und Kurioses aus der DDR«, eine schaurig schöne Sammlung politischer Plakate ("Wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben"), Wimpel ("Wir kämpfen um den Ehrentitel Kollektiv der sozialistischen Arbeit") und Losungen ("Überholen ohne einzuholen«, »Trinkgelder sind unerwünscht!"), ergänzt um Artefakte des sozialistischen Alltags: unter anderem Bastelarbeiten für einen anti-imperialistischen Solidaritätsbasar, ein Schild, das auf deutsch, englisch, französisch und russisch »Grenzgebiet« verkündet und auf dessen Rückseite jemand »Frische Eier abzugeb.« gemalt hat; ein Einkaufsnetz, gefüllt mit einer Packung Spee Vollwaschmittel, einem Pfund Magdeburger Eiermakkaroni, einem Paket Verbandwatte und einer Packung Pfefferminzbonbons aus dem VEB Süßwarenfabrik Oschersleben.

An einer Wand hängt eine Campingliege aus sowjetischer Produktion ("Von der SU lernen heißt liegen lernen!"), in einer Ecke steht ein Staubsauger der Marke Steppke, daneben liegt ein NVA-Teppich ("Für unsere Sicherheit"), auf dem ein Mädchen in der Uniform der Jungen Pioniere einem Kalaschnikow tragenden Soldaten einen Strauß roter Rosen überreicht - lauter Teile aus dem Fundus eines geschlossenen Staatstheaters.

Zur »Finissage« kommen etwa 100 Besucher, um über das Motto der Ausstellung »Zum Abschied bleibt keine Zeit« zu diskutieren. Doch zuerst liest Ilona Seffner, 40, die im Rahmen eines ABM-Projekts »Soziokultur« die Galerie »Stufe 85« führt, einige selbstgeschriebene Gedichte vor. Es seien, sagt sie, »weniger Gedichte als Beschreibungen von Befindlichkeiten«. Eines ihrer Poeme heißt »Meine DDR« und geht so: _____« DDR mein Heimatland/ ach wie bist du mir bekannt/ » _____« deine Mauern/ deine Türme/ alte Männer/ viel Gewürme/ » _____« Fühl mich hin und hergerissen/ seh dich mit der Zeit » _____« verbissen/ denn du gibst mir keine Chance/ schlimmer » _____« noch/ du machst mir angst. »

Dann erzählt Ilona Seffner vom Tag, an dem die Mauer fiel, wie eine Nachbarin zu ihr kam und sagte: »Die Grenze ist offen«, wie sie dann beide da saßen und heulten, wie sie mit ihrem Sohn zum erstenmal in den Westen fuhr, wie ihr an der Grenze die Knie weich wurden und wie sie vor Aufregung fast kotzen mußte. »Es war wie im Zeitraffer, eine ungeheure Intensität.«

Danach liest Ilona Seffner, die in der DDR als Erzieherin gearbeitet hat, nach der Wende ein Projekt für gefährdete Jugendliche im Prenzlauer Berg leitete und dann anderthalb Jahre arbeitslos war, noch ein paar selbstgeschriebene Gedichte vor, darunter eines mit dem Titel »Volkes Entscheid": _____« Der Sozialismus erschlagen/ Die SED begraben/ Jetzt » _____« haben wir endlich das Paradies/ Doch mir geht es damit » _____« ganz schön mies. »

Die anschließende Diskussion geht nicht, wie man annehmen könnte, um die Qualität der Gedichte von Ilona Seffner, sondern um das Motto der Ausstellung »Zum Abschied bleibt keine Zeit«. Es soll »aus dem Wirrwarr herausführen«, sagt Peter Finke, ehemals wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, einer der Leihgeber der Ausstellung. »Man muß ja versuchen, rauszukommen aus den Dingen, die wir erlebt haben, und da hilft die Erinnerung und das Loslassen von Erinnerungen.« - »Stopp!« ruft daraufhin eine Frau, »sprich nicht in der Mehrzahl, sag nicht: wir. Ich will da nicht rauskommen, das ist ein Teil meines Lebens, und der hat Bestand.«

Ihm sei »politische Propaganda im Alltagsleben nicht begegnet«, sagt ein Mann, der sich als Musiker und Texter von Schlagern vorstellt, wenn ein Westdeutscher in die Ausstellung käme, würden alle seine Vorurteile gegen die DDR bestätigt. Es habe doch auch »Antikulturen« in der DDR gegeben, die kämen in der Ausstellung nicht vor.

»Ihr suhlt euch im Sumpf eurer Erinnerungen! Warum macht ihr das?« ruft ein männlicher Besucher aus dem Hintergrund. Worauf Peter Finke ein wenig ungehalten reagiert: »Das kann ich nicht annehmen, wir haben als ganz normale Bürger hier gelebt. Wir haben ein relativ normales Leben gehabt, das zu vergleichen ist mit dem Leben eines Bürgers in der Bundesrepublik, wenn man bestimmte Freiheiten wie Reisefreiheit oder Konsumfreiheit mal wegläßt. Von Sumpf kann keine Rede sein!«

An dieser Stelle greift ein Besucher aus dem Westen mit dem Hinweis ein, von einem normalen Land und von einem normalen Leben könne keine Rede sein, »wenn ich nicht die Möglichkeit habe, mich über etwas anderes zu informieren als die offizielle Meinung«.

Worauf sich die Reihen der Ossis wieder fester schließen. Mit dem Freiheitsbegriff müsse man »etwas vorsichtig sein«, wird der Gast aus dem Westen von Renaldo Tolksdörfer belehrt, einem ehemaligen hauptamtlichen FDJ-Sekretär, der heute »DDR-Devotionalien und Bücher« verkauft, die er gleich nach der Wende eingesammelt hat. »Wenn ich in der DDR gesagt hätte, Honecker ist blöd, wäre ich nach Bautzen abgegangen. Dafür konnte ich sagen, mein Betriebsleiter hat nicht alle Tassen im Schrank, weil er für die Nachtschicht kein warmes Essen bereitgestellt hat. Heute ist es umgekehrt. Sie können sagen, Herr Kohl ist nicht ganz richtig im Kopf, aber sagen Sie das mal Ihrem Chef, dann sind Sie gleich auf der Straße.«

Er habe, bekennt Tolksdörfer, bis zum November 1989 das Gefühl gehabt, »in der DDR gut zu leben«. Das sei doch keine Frage der Gefühle, setzt der Gast aus dem Westen nach, es gehe um »objektive Möglichkeiten, die man hat oder nicht hat«.

»Wir haben alles gehabt, was ihr gehabt habt«, stellt Peter Finke kategorisch fest, »es war bloß alles ein bißchen kleiner. Das Auto, die Waschmaschine, der Kühlschrank, der Fernseher.« Und er zeigt keine Spur von Irritation, als eine Frau dazwischenruft: »Das stimmt überhaupt ganz und gar nicht!«

Es sind therapeutische Diskussionen, die ehemalige DDR-Bürger über ihr Leben in der ehemaligen DDR führen. Sie fangen bei einer Mitropa-Tasse oder einem FDJ-Wimpel an und führen geradewegs in die »Befindlichkeit« einer Existenz voller Widersprüche, Kränkungen und Kompromisse. Die Reaktionen der Besucher, sagt Ilona Seffner, reichen von »Ich möchte die DDR wiederhaben, da war alles besser!« bis »Das ist ja nicht auszuhalten, warum tun wir uns das an?« Eine SED-Parole, ein Abzeichen der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, eine Plaste-Vase aus dem Soli-Basar bringen Erinnerungen hervor, »die viele verdrängt und verleugnet haben«. Niemand im Westen könne nachvollziehen, »was sich bei uns abgespielt hat«, diese »Mischung aus Fürsorge und Schwachsinn, Ordnung und Improvisation«.

Diese Art der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte funktioniert nur da, wo Ossis unter sich bleiben. Ein Auftauchen von Wessis ruft sofort Trotz- und Abwehrreaktionen hervor. Kaum haben sich Ossis untereinander darauf verständigt, daß der »DDR-Mief« eigentlich unerträglich war, bringt sie die Wessi-Frage »Wie habt ihr es da nur ausgehalten?« dazu, die »guten Seiten« der DDR hervorzukehren, zum Beispiel das Sozialversicherungsbuch, das jeder Bürger der DDR hatte und »wo alles drin stand, was man für die Rente brauchte«.

Was im Westen ein wenig voreilig »Ostalgie« genannt wird, spielt sich auf Flohmärkten ab, wo DDR-Fahnen, Spielzeug-Trabis und SED-Anstecknadeln verkauft werden. »Ostalgie« hat oft ganz praktische, nachvollziehbare Gründe. »Ich hab'' auf das Auto zwölf Jahre gewartet, das schafft Bindung«, sagt eine Brandenburgerin auf die Frage, warum sie noch immer einen Trabi fährt, obwohl sie sich längst ein richtiges Auto leisten könnte.

»Die Leute müssen den Zusammenhang zwischen Einkaufen und Arbeitsplätzen begreifen; wenn sie nur Westprodukte kaufen, dürfen sie sich nicht wundern, daß Ostbetriebe zumachen«, sagt Pierre Gedalge, der zusammen mit seinem Partner Harald Kujus im Ost-Berliner Stadtbezirk Friedrichshain einen Supermarkt mit dem Namen »Zurück in die Zukunft« aufgemacht hat.

Die beiden machen über 50 Prozent ihres Umsatzes mit Ostprodukten, wobei als Ostprodukt alles gilt, was im Osten hergestellt wird, auch wenn viele Betriebe inzwischen Unternehmen im Westen gehören. Das Sortiment reicht von Elmenhorster Fruchtsäften aus Rostock und Rhöntropfen Magenbitter aus Meiningen über Pasewalker Konserven und Möwe Feine Eiernudeln aus Waren an der Müritz bis zu Würzner Corn Flakes, Burger Knäcke und Werra-Krepp Toilettenpapier aus Wernshausen in Thüringen.

»Ich habe zwei Kinder, einen Hund, ein Grundstück und einen Kredit - es geht auch um meinen Arbeitsplatz«, sagt Gedalge, der zwei Wochen nach dem Bau der Mauer geboren wurde und sich Anfang 1990 mit einem Obst- und Gemüseladen selbständig gemacht hat. Den Namen seines Geschäfts erklärt er so: »Zurück zu den alten Produkten und damit in die Zukunft!«

Tatsächlich gleicht die ostalgische Beschäftigung mit der DDR einer Zeitreise in Vergangenheit und Zukunft zugleich. Kein Mensch hätte zur Zeit der Wende angenommen, daß ausgerechnet der Trabi, das Symbol für Mangelwirtschaft und kärglichen Komfort, zum Kultauto der neunziger Jahre avancieren würde. Zuweilen wird es sogar von Sammlern als Wertobjekt angesehen, mit dem sich Spekulationsgewinne erzielen lassen.

Und niemand hätte vorausgesehen, daß Ost-Berliner Jugendliche, die im November 1989 massenweise in den Westteil der Stadt strömten, heute am liebsten unter sich bleiben. Zum Beispiel in der »Tagung« in der Wühlischstraße, wo eine Marchlewski-Büste als Barhocker dient, der Kaffee in echten Mitropa-Tassen serviert wird und blaue Speisekarten vom 12. FDJ-Parlament ausliegen ("Guten Appetit wünscht das Kollektiv der Tagung!"). Die Gäste werden schon vor dem Betreten des Lokals mit einem Aushang darauf hingewiesen, was sie erwartet: »Mo: Warenannahme, Di: Urlaub oder Krankheit, Mi: Inventur, Do: Frisör und KWV, Fr: Komme gleich wieder, Sa: Brigadefeier, So: Ruhetag«.

Oder im Cafe »Mauerblümchen« in der Wisbyer Straße. Da hängt über der Theke ein Stück Mauer aus Styropor, gleich daneben ein blauer Pappkoffer, der einem Delegierten des 10. Parlaments der FDJ im Juni 1976 diente. Auf zwei der vielen Exponate sind die beiden Besitzer besonders stolz: ein dunkles _(* Mit Geschäftsführern Harald Kujus, ) _(Pierre Gedalge. )

Metallschild, das es nur einmal gibt: »Magistrat von Berlin - Hauptstadt der DDR« und die letzte »Urkunde über die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik« vom 13. November 1989.

Natürlich gibt es Soljanka ("der Wochenrückblick") und Grilletta ("König der Cheeseburger") zu essen und »Sekt mit Ananas« zu trinken. »Es ist erstaunlich, wie schnell man vergißt, wie das Leben mal war«, sagt »Mauerblümchen«-Mitbesitzer Jens Rammelt, »hier können die Ossis über sich selber lachen und die Wessis was über die DDR lernen.«

Das könnte auch die didaktische Absicht von Peter Sodann sein, wenn er eine hätte. Der Intendant des Neuen Theaters in Halle hat gleich nach der Wende eine »Revue 60« aufgeführt, die seitdem über 60mal vor ausverkauftem Haus gespielt wurde. Es ist die Re-Inszenierung der DDR der sechziger Jahre in Form einer historischen Collage. Was früher bitterer Ernst und amtliche Wahrheit war, wird nun als Originalton mit ironischer Hand serviert. Die Helden des Arbeiter-und-Bauern-Staates warten nur darauf, als Komiker geoutet zu werden.

Walter Ulbricht erklärt noch einmal, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu bauen, und bald darauf, nach erfolgtem Mauerbau, berichtet er, in den »ereignisreichen Tagen« sei »weit weniger passiert als bei einer Rock''n''Roll-Veranstaltung in Berlin«; dann verspricht er, im sozialistischen Lager werde bis 1965 »ein Überfluß an Lebensmitteln erreicht werden«; der FDJ-Chor singt »Wir sind überall auf der Erde«; Ulbricht tanzt mit Chruschtschow, während zwei Junge Pioniere »Wir wollen niemals auseinandergehen« singen; der Arbeiterchor des VEB Chemische Werke Buna jubelt »Aus den Öfen, aus den Kolonnen, haben wir das Glück gewonnen!«; ein Mädchenchor trällert »Wir lieben die Heimat, die schöne, und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört.«

Für die Vorstellung wird das Theater in eine Parteitagshalle verwandelt. Die »Delegierten« sitzen an weißgedeckten, mit roten Fähnchen dekorierten Tischen, die Wände sind mit Fahnen der DDR geschmückt. Darunter hängen Porträts der Mitglieder des Politbüros. So authentisch wie bei der »Revue 60« im Neuen Theater in Halle haben die Bürger und Bürgerinnen ihre DDR lange nicht mehr erlebt. Zwei Stunden lang erwacht die Ulbricht-Ära wie ein Zombie zu neuem Leben.

»Erinnern wir uns, wie ES damals war, wie WIR damals waren. Lassen Sie sich einladen zu einem großen Parteitag über zehn Jahre real existierenden Sozialismus. Diesmal aber zur Unterhaltung und nicht zur Belehrung«, heißt es im Zentralorgan des Neuen Theaters - Der Hammer.

Bei den ersten Vorstellungen bald nach der Wende wollten sich manche Gäste nicht einmal unterhalten lassen. »Die sind rausgerannt, weil sie die Show als eine Verarschung der DDR verstanden«, erinnert sich Peter Sodann, seit 1981 Schauspieldirektor in Halle. Inzwischen rennt niemand mehr heraus. »Das Interesse an der Vergangenheit ist gewaltig. Wir wollen wissen, wie es war. Und wie blöd waren wir eigentlich? Was haben wir uns alles bieten lassen?«

Doch als eine Distanzierung von der DDR will Sodann die »Revue 60« auch nicht verstanden wissen. »Es ist doch so, daß wir verschiedene Dinge in unserem Leben auch als angenehm empfunden haben.

Das Leben in der DDR war mühevoll, aber witzig, der Lebensweg hier war der interessantere. Ich hänge an nichts. Aber ich hänge an meinem Leben. Und hier hab'' ich gearbeitet, früher hätte man gesagt: gekämpft. Hier war ich eingesperrt, und daran hänge ich auch - irgendwie.«

1961 saß Sodann neun Monate in Haft, nachdem er im Leipziger Kabarett »Rat der Spötter« ein Programm mit dem Titel »Wo der Hund begraben liegt« inszeniert hatte. War die DDR eine Art Abenteuerspielplatz für Intellektuelle? »Vielleicht. Aber einer, wo man sich sehr schnell verletzen konnte.«

Nun können die Abenteuer ohne Verletzungsrisiko noch einmal durchlebt werden. Sodann erzählt, wie er im Knast mit zwei weiteren Gefangenen eine Parteigruppe gründete, wie er nach dem 17. Juni aus der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft austrat und später wieder eintrat, weil er sonst nicht in der Gesellschaft für Sport und Technik Motorrad hätte fahren können.

Und er erinnert sich, wie zu DDR-Zeiten junge Leute zu ihm kamen und sich über die Langeweile in der DDR beschwerten. »Denen hab'' ich gesagt: Geh zu deinem Parteisekretär und sag ihm, du möchtest in die Partei eintreten. Dann nehmen sie dich auf. Und anschließend sagst du alles, was du denkst. Dann schmeißen sie dich wieder raus. Und dann wird das Leben interessant.«

Erfahrungen, die kein Wessi nachvollziehen kann. Und auch ein echter Ossi wie Peter Sodann, 1936 in Meißen geboren, gelernter Werkzeugmacher, Absolvent der Dresdner Arbeiter-und-Bauern-Fakultät, Schüler von Helene Weigel am Berliner Ensemble, denkt an die vergangenen Zeiten mit einer Mischung aus Wehmut und Erleichterung zurück. »Ich bin froh, daß es so gekommen ist, daß die DDR inzwischen Geschichte ist.«

Und damit er »nicht falsch verstanden« wird, macht er schnell noch was klar: »Niemand will die DDR wieder haben. Aber keiner will sie sich nehmen lassen.« Y

[Grafiktext]

DDR-Propaganda-Plakat

[GrafiktextEnde]

* DDR-Karte aus bemaltem Beton, in der Nähe der OrtschaftVerlorenwasser bei Brandenburg.* »Revue 60« im Neuen Theater.* Mit seinem Mitarbeiter Stefan Schröter.* Mit Geschäftsführern Harald Kujus, Pierre Gedalge.

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