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»Wir missionieren bis an die Memel«

Die Vertriebenen, ihre Verbände und Funktionäre in der bundesdeutschen Politik *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Die Kieler Ostseehalle war bis auf den letzten Platz gefüllt, über 5000 Teilnehmer hatten sich zu einer »nationalen Feierstunde« eingefunden. Redner beschworen den »unauslöschlichen Reichsgedanken« und das »ganze Vaterland«. Am Ende »klang die in größter Disziplin verlaufene Kundgebung«, so ein Bericht der Veranstalter, »mit dem Großen Zapfenstreich und allen drei Strophen des Deutschlandliedes aus«.

Das nahm sich, in Rahmen und Reden, wie ein Rendezvous von Rechtsextremen aus, war jedoch eine Wahlveranstaltung westdeutscher Vertriebenenpolitiker: So patriotisch und pathetisch zog, im Juli 1953, der Gesamtdeutsche Block/ Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (GB/BHE) in den Kampf um die Mandate für den zweiten Deutschen Bundestag. »Wir sind«, sprach der BHE-Gründer Waldemar Kraft, »die einzige neue, echte politische Partei mit Volksgemeinschaftscharakter und gesamtdeutschem Anspruch.«

Noch als reine Interessenpartei des Lastenausgleichs und der Wohnraumbeschaffung hatte der Vertriebenen-Block drei Jahre zuvor in seinem Ursprungsland Schleswig-Holstein aus dem Stand einen fast sensationellen Landtagswahlerfolg mit 23,4 Prozent der Stimmen erzielt. Nach seiner raschen Ausbreitung in fast allen Bundesländern und weiteren Wahlerfolgen schien der BHE »den Durchbruch des 5. Standes in das politische Leben der Deutschen« zu markieren, wie die »Gewerkschaftlichen Monatshefte« verblüfft kommentierten.

Doch Mitte der fünfziger Jahre streifte die Flüchtlingspartei das Proletarier-Image ab, um Größeres, Gesamtdeutsches zu bewegen. BHE-Politiker wie der ehemalige schlesische Gutsbesitzer Friedrich von Kessel, der in Niedersachsen zum Landwirtschaftsminister avancierte, fühlten sich nun berufen, »dem deutschen Volk wieder ein echtes Nationalbewußtsein beizubringen«. Das Parteisymbol des Gesamtdeutschen Blocks, Berlins Brandenburger Tor, kennzeichnete die neue Marschrichtung.

Der Ostpreuße und BHE-Mitgründer Alfred Gille, einst bei der NSDAP und der SA, wollte, daß »der Blick nicht endet an der Oder-Neiße-Linie, sondern bis in die Räume hineingeht, wo deutsche Menschen Jahrhunderte gelebt und abendländische Kultur geschaffen haben«.

Der deutsche Osten müsse, so der sudetendeutsche BHE-Abgeordnete Frank Seiboth, ein früherer NS-Gauschulungsleiter, der es zum Staatssekretär im hessischen Landwirtschaftsministerium brachte, »wieder die Kornkammer des Reiches werden, damit wir in der Enge des halben Deutschland nicht ersticken«. Seiboth: »Wir missionieren für Deutschland! Von der Saar bis an die Memel!«

Das waren Perspektiven und Zeiten, von denen Vertriebenenprofis heutzutage nur träumen können - die Jahre des Kalten Kriegs und des kreuzzugartigen Antikommunismus; Jahre, in denen sich die junge westdeutsche Republik wiederbewaffnete und in das westeuropäische Verteidigungsbündnis integrierte.

Da war die Rückkehr der »reichsdeutschen« Vertriebenen nach Pommern, Schlesien oder Ostpreußen noch nicht zur Schimäre verblaßt; für Optimisten schien sie vielmehr eine durchaus realistische Vorstellung zu sein. Politiker aller in Bonn präsenten Parteien - die KPD wurde 1956 für verfassungswidrig erklärt und verboten - sparten nicht mit feierlichen Gelöbnissen und Gebietsansprüchen rechtstheoretischer Art. Auch die SPD stand noch stramm zur Parole ihres 1952 verstorbenen, aus Westpreußen stammenden Führers Kurt Schumacher: »Die deutsche Sozialdemokratie wird um jeden Quadratmeter des Landes jenseits von Oder und Neiße ... einen zähen Kampf führen.«

Solange die westdeutsche Ost-Außenpolitik vom »Wandel durch Annäherung« (SPD-Vordenker Egon Bahr)

noch meilenweit entfernt war, nahmen christliche wie sozialistische Demokraten den großdeutschen Verbalradikalismus von Vertriebenenpolitikern und Verbandsfunktionären ebenso gelassen hin wie die Tatsache, daß deren Organisationen von Ex-Nazis reichlich durchsetzt waren. Und solange Vertriebenenpolitiker im Bonner Bürgerblock der Adenauer-Kabinette mitmischen durften, hatten die revanchistischen Reden offenbar auch einen gewissen Zweck:

Die Vertriebenen sollten, wie das der Sudeten-Sprecher Walter Becher, einer der schärfsten Agitatoren, später beschrieb, stets »zwei Lautstärken lauter sein als die Bundesregierung, damit die Bundesregierung einen Ton stärker werden konnte«.

Vertriebenenultras forderten damals nicht die »Wiedervereinigung«, sondern die »Befreiung« der »Russenzone«, sie schürten Aggressionen und schufen Feindbilder.

»Sehen wir denn nicht«, so tönte Adenauers Verkehrsminister Hans-Christoph Seebohm, dessen Sonntagsreden maßgeblich zu den Revanchismus-Anwürfen aus Warschau, Prag und Ost-Berlin beitrugen, 1958 auf dem Stuttgarter Sudeten-Treffen, »wie aus dem Osten die Tollwut auf uns zukommt? Wir sollten die Zeichen erkennen, aber wir stecken den Kopf in den Sand und in den Freßnapf.«

Schon 1948 glaubte Theodor Oberländer, der spätere Vertriebenenminister Adenauers mit tiefbrauner Hypothek, daß die Westdeutschen zur »Überwindung des Bolschewismus« sowohl ein »Programm zur politischen Kriegführung bis zum Ausbruch des Waffenkrieges« als auch eines »zur Unterstützung des Waffenkrieges« benötigen würden (so Oberländer in einem Brief an den Fürsten zu Waldburg-Zeil).

Immer wieder berichtete die Vertriebenenpresse über angeblich verwahrloste, »halb menschenleere« Landstriche im ehemals deutschen Osten, wo unter den polnischen und tschechischen Neu-Siedlern eine »Auswanderungspsychose« grassiere. Der »Göttinger Arbeitskreis« vertriebener Wissenschaftler beschrieb 1958 Posen und Pommern als »Zone des allgemeinen Verfalls«, die »wie eine schwärende Wunde die Gesundung Europas verhindert«.

Die Vertriebenenprofis begriffen sich denn auch als »Elitebataillon im abendländischen Entscheidungskampf« (so der sudetendeutsche CSU-Bundestagsabgeordnete Hans Schütz), als »Träger der besten Werte von Volkstum und Menschentum« überhaupt (Sudete Becher) oder, etwas salopper, als »Sauerteig des deutschen Volkes« (Sudete Karl Anton Prinz Rohan).

Vor allem der Vertriebenenblock BHE wähnte sich auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung als »berufenster Träger« gesamtdeutscher Anliegen. Parteigründer Kraft, den Adenauer 1953 neben dem Vertriebenenminister Oberländer als »Sonderminister« (ohne sonderliche Kompetenzen) ins Kabinett nahm, betrachtete die »Altparteien« als »Zweckschöpfungen der Besatzungsmächte, die man aus der Mottenkiste der Weimarer Republik geholt« habe. Als »Versager von 1933« verdienten sie nach Ansicht des Ostpreußen kein Vertrauen mehr. »Wir sind«, glaubte Kraft, »die letzte Hoffnung von Millionen.«

Andersherum war das jedoch eher richtig: Die Kraft-Partei richtete ihre Hoffnungen auf die Millionen von Flüchtlingen und Aussiedlern, die sich in den Westen Deutschlands ergossen hatten, hier mehr als 15 Prozent der Bevölkerung stellten und sich - vornehmlich in Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein - in einer kaum überschaubaren Vielfalt von Verbänden und Vereinigungen samt Unter- und Nebengliederungen, berufsständischen und konfessionellen Organisationen formierten.

Heraus ragten am Ende 21 Landsmannschaften (LM), denn neben den großen Gruppierungen der Schlesier, Sudetendeutschen, Pommern und Ostpreußen organisierten sich unter anderen auch Mark Brandenburger, Deutschbalten und Siebenbürger Sachsen, Bessarabien-, Karpaten- und Buchenlanddeutsche, und alle existieren noch immer.

Doch der großen Vertriebenenbewegung, die sich im Kleinen ausspezialisierte bis etwa zu einer »Vereinigung sudetendeutscher Kinobesitzer« oder dem »Verband früherer Ostmühlen«, mangelte es an der Geschlossenheit ihrer Führungsriege. Zehn Jahre lang konkurrierten der »Zentralverband der vertriebenen Deutschen« (ZvD; ab 1951: »Bund der vertriebenen Deutschen«, BvD) und die »Vereinigten Ostdeutschen Landsmannschaften« (VOL; ab 1952: »Verband der Landsmannschaften«, VdL), ehe sie sich, im Dezember 1958, zum »Bund der Vertriebenen« (BdV) zusammenschlossen.

Zwar einigten sich die beiden ursprünglichen Dachorganisationen auf eine Art kooperative Aufgabenteilung: Der landsmannschaftlich übergreifende ZvD/BvD sollte sich um die sozial- und wirtschaftspolitischen Existenzfragen der Vertriebenen kümmern und sich den Behörden, Parlamenten und Parteien als »Ergänzungsbürokratie« anbieten; die Landsmannschaften wollten derweil den kultur- und heimatpolitischen Part übernehmen und verhindern, daß die Landsleute »den Blick für das große Ziel, die Rückkehr, verlieren« (so Erich Mende

aus Groß-Strehlitz, Mitgründer der LM Oberschlesien, später FDP-Vorsitzender und Minister für Gesamtdeutsche Fragen). Einig waren sie sich vor allem in der zentralen Frage ihrer materiellen Absicherung: Bei der Ausformung des 1952 vom Bundestag verabschiedeten Gesetzes über den Lastenausgleich (LAG), dem eine Unsumme von Novellierungen folgte, fungierten Vertriebenenpolitiker zum erstenmal offen als Lobby und politische Pressure-group.

Die überaus erfolgreiche LAG-Lobby war vermutlich der gewichtigste Beitrag der Vertriebenen zum politischen Geschehen in der Bundesrepublik. Mit einem Gesamtvolumen von fast 150 Milliarden Mark geriet der Lastenausgleich laut Bayerns früherem Sozialminister Fritz Pirkl zur »größten legalen Vermögensumverteilung in der Menschheitsgeschichte«. Die Abwicklung der letzten LAG-Fälle wird, so schätzen Experten, noch bis zum Jahre 2040 dauern.

Versuche einiger Landsmannschaften, den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zu erlangen, schlugen freilich ebenso fehl wie die Forderung nach einer verfassungsrechtlichen Verankerung ihrer ehemaligen Territorien im Grundgesetz oder das Verlangen nach sogenannten stummen Sitzen im Bundesrat als Vertreter von »Volksgruppen zur Zeit ohne Raum«.

In der westdeutschen Vertriebenenszene schien das innige Landsmannschaftentreiben jedenfalls eine konforme Interessenlage der Neubürger zu reflektieren - und das mußte einer Vertriebenenpartei wie dem BHE geradezu wie eine politische Futterkrippe vorkommen, war doch der Block mit den Verbänden vielfach in Personalunion verflochten.

Doch die großen Hoffnungen trogen, das stattliche Wählerpotential der Vertriebenen sicherte dem BHE - Ironie des Geschehens - keineswegs eine Dauerexistenz. Schon bei der Bundestagswahl von 1953 erzielte die Partei nur 5,9 Prozent Stimmenanteil, weit weniger als erwartet; vier Jahre danach scheiterte sie bereits mit 4,6 Prozent an der Sperrklausel und verschwand für immer von der Bonner Bühne.

Der Vertriebenenführer Linus Kather wertete es später in einem verbitterten Rückblick ("Die Entmachtung der Vertriebenen«, 1964) als »eines der merkwürdigsten Phänomene der Geschichte«, daß Millionen von Heimatvertriebenen in der Bundesrepublik »aufgegangen« seien, »ohne einen eigenständigen politischen Willensfaktor von Dauer und Gewicht entwickelt zu haben«.

Doch so seltsam ist der Vorgang auch wieder nicht, seine tieferen Ursachen sind vielmehr offenkundig: Mit der fortschreitenden Integration der Flüchtlinge in das Land des aufkeimenden »Wirtschaftswunders« (zu dem sie selber einen bemerkenswerten Beitrag leisteten) verflüchtigten sich die Sehnsüchte der Neubürger nach ihrer alten Heimat.

Gescheitert war überdies der Versuch, den Heimat-Block mit einer nationalistischen Rezeptur am Leben zu erhalten. Denn auch die deutschlandpolitischen Positionen schienen den Vertriebenenwählern offenbar noch besser bei der CDU/CSU aufgehoben, in deren Reihen sich eh immer mehr Vertriebenenpolitiker tummelten.

Der BHE erfüllte, wie Wissenschaftler seine historische Rolle beschreiben, eine »Transportfunktion": Er gab die rechtskonservativen Kräfte, nicht nur Vertriebene, die er anfangs auf sich gezogen hatte, wie gebündelt an die Unionsparteien weiter - Wähler wie Scharen von Mitgliedern und Mandatsträgern. Die Vertriebenenfunktionäre wurden, von der vergleichsweise verschwindend geringen Zahl der SPD-Anhänger abgesehen, zu einem »gefundenen Fressen für die CDU« (Kather).

Fast alle Landsmannschafts-Sprecher und namhaften BdV-Funktionäre standen oder stehen seitdem im Lager der Union, wie heute Ober-Schlesier Herbert Hupka und BdV-Präsident Herbert Czaja, beide CDU-Bundestagsabgeordnete, oder der Sudeten-Vormann Franz _(Links: Minister Windelen. )

Neubauer, bayrischer CSU-Staatsminister für Arbeit und Soziales.

Mit einer neuen Parteigliederung »Union der Vertriebenen und Flüchtlinge« (erster Vorsitzender: der ehemalige Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Josef Stingl) ernannte sich die CDU 1969 zur »politischen Heimat für alle Heimatlosen«.

Dabei war durchaus fraglich, ob der erste CDU-Kanzler Konrad Adenauer wirklich ein Herz für die Heimatlosen hatte: »Wir wollen«, beklagte er sich gelegentlich über die Anstellung schlesischer Schulräte in seinem Rheinland, »den ostischen Geist hier nicht haben.« Doch für die Bonner Politik kamen dem CDU-Vorsitzenden die Vertriebenen allemal zupaß, um Mehrheiten zu sichern und die Sozialdemokraten zu isolieren.

Der Mann, der Adenauers CDU die Vertriebenen zuführte und zur Symbolfigur für die Rechtslastigkeit dieser Liaison wurde, war Theodor Oberländer, der Ressortminister von 1953 bis 1960. Der promovierte Land- und Volkswirtschaftler aus Thüringen war einst beim Hitler-Putsch von 1923 mitmarschiert, hatte als Reichsführer des Bundes Deutscher Osten (BDO) und als Ostexperte der Wehrmachts-Sondereinheit »Nachtigall« maßgeblich zur »rücksichtslosen Germanisierung« der östlichen Nachbarn beigetragen. _(Im April 1960 verurteilte das Oberste ) _(Gericht der DDR Oberländer in ) _(Abwesenheit zu lebenslänglicher Haft ) _(wegen »fortgesetzt begangenen Mordes« ) _(und »fortgesetzter Anstiftung zum Mord«, ) _(der im Sommer 1941 in Lemberg durch die ) _("Nachtigall«-Einheit an mindestens 3000 ) _(Personen begangen wurde; Oberländer ) _(ließ, wozu ihm das Bonner »Gesetz über ) _(die innerdeutsche Rechts- und Amtshilfe ) _(in Strafsachen« die Möglichkeit bot, das ) _(DDR-Urteil für wirkungslos erklären. )

Oberländer brachte es sogar fertig, die Schlüsselpositionen seines Ministeriums systematisch mit ehemaligen Nationalsozialisten zu besetzen. Adenauer hielt trotz aller Vorwürfe an dem Minister fest, den er für einen profunden Kenner Osteuropas hielt. Und der durchtriebene Karrierist konnte vor seinen alten BHE-Gefährten protzen: »Seitdem ich Mitglied der CDU bin, kann ich direkt zum Alten gehen, wenn ich etwas will.«

Die Vertriebenenbewegung mauserte sich von einer mehr sozialpolitischen zu einer mehr außenpolitischen Pressuregroup, die freilich auch Druck bei Unionspolitikern machte. Denn Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre stellte das Bonner Auswärtige Amt unter den CDU-Ministern Heinrich von Brentano und Gerhard Schröder die ersten zaghaften Überlegungen für nachbarschaftliche Beziehungen zu Polen und der CSSR an. Vertriebenenprofis, die ahnten, daß sich allmählich eine konstruktive Ostpolitik anbahnen würde, zeterten bereits »Verrat« und »Verzicht«.

Mit dem bösen Schimpf »Verzichtspolitiker«, einer bewußten Anspielung auf die »Erfüllungspolitiker« der Weimarer Republik, belegten radikale Vertriebenenredner von da an fast jeden, der auch nur vage verdächtig schien, deutschen Boden preisgeben zu wollen - den SPD-Staatsrechtler Carlo Schmid wie CDU-Kanzler Adenauer, den SPIEGEL wie den katholischen »Rheinischen Merkur«, Pastor Martin Niemöller wie alle Verfechter der EKD-Denkschrift zur »Lage der Vertriebenen« von 1965.

»Verzichtspolitiker«, das verlangten im Frühjahr 1963 vier Landsmannschaften gleichzeitig, sollten wegen »hochverräterischer Äußerungen« strafrechtlich belangt werden. Allerdings stützten sie sich dabei auf ein abenteuerliches Gutachten des Würzburger Staatsrechtlers Friedrich August von der Heydte, von dem sich nicht nur Fachleute, sondern auch der Bund der Vertriebenen alsbald distanzierte.

Verzichtserklärungen jedweder Art würden, so drohte im Bundestag der CSU-Abgeordnete Georg von Manteuffel-Szoege, die Vertriebenen »in die Illoyalität treiben«. Auch seien sie unnötig, meinte der Deutschbalte, denn »die Polen glauben ohnehin nicht, daß wir ihnen unsere Ostgebiete lassen«.

Was immer aber die Vormänner der Vertriebenen beschworen und beteuerten - es entsprach kaum mehr der Realität an der Vertriebenenbasis. Glaubten 1953 noch drei Viertel der Pommern oder Schlesier an die Rückkehr, so war es, wie Umfragen ergaben, 1964 nur mehr ein Viertel. Acht Jahre später betrachteten bereits 56 Prozent der Vertriebenen die Unverletzlichkeit der Oder-Neiße-Grenze als richtige und wünschenswerte Voraussetzung für normalisierte Beziehungen zu Polen; nur 24 Prozent hielten sie für falsch.

Zu keiner Zeit gehörten den Vertriebenenverbänden mehr als zwei von zehn ihrer Landsleute an. Und Wahlanalysen zeigten alsbald auch: Das Wählerverhalten der Vertriebenen entsprach annähernd dem der übrigen Bevölkerung.

Eine Untersuchung der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik zum Thema »Junge Vertriebene: Abschied vom politischen Erbe« kam, ebenfalls schon 1972, zu dem Ergebnis: Die Politik der Vertriebenenverbände »verliert zunehmend an politischer Legitimation«; auf Verbandstreffen würden die Funktionäre zuweilen Forderungen im Namen aller Mitglieder erheben, die diese jedoch »in der großen Mehrheit nicht teilen«.

Dennoch nahmen selbst die Sozialdemokraten, die in der Großen Koalition (1966 bis 1969) und schließlich in der ersten Phase der sozialliberalen Koalition (1969 bis 1973) die deutsche Ostpolitik wendeten - Ergebnisse: die Gewaltverzichts-/Grenzanerkennungsverträge mit Polen und der Sowjet-Union sowie der deutsch-deutsche Grundlagenvertrag mit der DDR -, lange noch erstaunlich

viel Rücksichten auf die Berufs-Heimatvertriebenen.

Bis 1969 schien die Toleranz einigermaßen verständlich: Die SPD stellte damals mit dem Bundestagsabgeordneten Reinhold Rehs vorübergehend den BdV-Präsidenten und hoffte, der Vertriebenenbund würde zur Entspannungspolitik allmählich eine gemäßigtere Haltung einnehmen. Daß wahltaktisches Finassieren kaum von Belang sein würde, erwies sich jedoch nicht zuletzt wiederum am Fall des BdV-Präsidenten.

Rehs verließ, als der SPD-Vorsitzende und damalige Außenminister Willy Brandt auf dem SPD-Parteitag vom März 1968 in Nürnberg zum erstenmal den Entspannungskurs formulierte ("Anerkennung beziehungsweise Respektierung der Oder-Neiße-Linie bis zur friedensvertraglichen Regelung"), demonstrativ den Saal - und wenig später auch die Partei. Im Handumdrehen wurde der Rechtsanwalt Mitglied bei der CDU, nachdem der Vertriebenenbund die Frage aufgeworfen hatte, ob denn der Wähler »einer Partei seine Stimme geben kann, die gewaltsam geschaffene Unrechtstatbestände anerkennt«.

Für Rehs zahlte sich der fixe Wechsel jedoch nicht aus. Die CDU schanzte dem Überläufer zwar für die Bundestagswahl den bis dahin sicheren Unionswahlkreis Verden an der Aller zu, der verlor ihn aber allen Erwartungen zum Trotz an den SPD-Kandidaten und nachmaligen Städtebauminister Karl Ravens.

Für den Endkampf gegen die Ost-Verträge - Begleitmusik zu den hitzigen Bundestagsdebatten von 1970 bis 1972 - brauchten die Vertriebenen andere Redner: Franz Josef Strauß zum Beispiel, der gerade zur »Rettung des Vaterlands« blies. Der CSU-Vorsitzende heizte im Mai 1970 eine Vertriebenenkundgebung mit 30 000 Teilnehmern auf dem Bonner Marktplatz auf: »Diese Regierung ... muß umkehren oder verschwinden.« Das klang nur etwas vornehmer als die radikalen Vertriebenenparolen: »Fegt ihn weg, den roten Dreck.«

Das Bonner Spektakel, ähnliche folgten, machte nun auch geduldige Genossen stutzig. »Es gibt da«, erkannte SPD-Geschäftsführer Jürgen Wischnewski, selbst Vertriebener aus Ostpreußen, »eine völlige Solidarisierung mit der CSU.« Dennoch zog die SPD, obschon immer wieder wütenden Anwürfen ausgesetzt ("Volksverräter Willy Brandt, heraus aus unserem Vaterland"), daraus nicht die Konsequenzen, die möglich gewesen wären - etwa die Spaltung des Bunds der Vertriebenen.

Den Ansatz dazu, 1970 initiiert durch die Bundestagsabgeordneten Günter Slotta und Manfred Wende, beide Schlesier, die bereits Einladungen für eine Gegengründung verschickt hatten, unterdrückte Fraktionschef Herbert Wehner. Der »Onkel« wollte es in der kritischen Situation vor der Ratifizierung der Ost-Verträge durch den Bundestag nicht ganz mit dem BdV verderben.

Die SPD/FDP-Koalition benötigte bei ihrer hauchdünnen Mehrheit von zwei Mandaten auch den Ober-Schlesier Herbert Hupka, der bis Februar 1972 noch die SPD-Bank drückte.

Der Sanftmut der sozialliberalen Koalition im Umgang mit Vertriebenenpolitikern mag durchaus opportun gewesen sein; gewiß durfte man auch darauf spekulieren, daß die Vertriebenen allmählich zur Ruhe kommen würden, wenn erst einmal die Ost-Verträge unter Dach und Fach gebracht wären. Tatsächlich flachte ihre Aktion Widerstand sogar schon vor der Vertragsratifizierung deutlich ab - vorsichtige Vertriebenenführer befürchteten offenbar, ein klägliches Scheitern des Obstruktionskurses könnte ihr Prestige schmälern.

Die Kundgebungen wurden kümmerlicher: Statt der 30 000 Teilnehmer von 1970 kamen zwei Jahre später nur noch knapp 2000 zur Bonner BdV-Demo.

Ernüchternd mußte es auf die BdV-Funktionäre schließlich wirken, daß sich die CDU/CSU-Fraktion bei der Bundestagsabstimmung über die Ost-Verträge im Mai 1972 mehrheitlich der Stimme enthielt.

Für die Vertriebenenverbände begann der Abstieg in die schiere Bedeutungslosigkeit, sie gerieten am Ende zu beinahe Vergessenen und Verdrängten, die nur noch ein »kümmerliches politisches Dasein im stillen Kämmerlein fristeten« ("Die Zeit").

Bis sie von den Bonner Wende-Künstlern, wofür auch immer, aus dem Dornröschenschlaf geweckt wurden und mit Parolen wie »Schlesien bleibt unser« neue »Revanchismus«-Vorwürfe aus dem Osten provozierten.

Links: Minister Windelen.Im April 1960 verurteilte das Oberste Gericht der DDR Oberländer inAbwesenheit zu lebenslänglicher Haft wegen »fortgesetzt begangenenMordes« und »fortgesetzter Anstiftung zum Mord«, der im Sommer 1941in Lemberg durch die »Nachtigall«-Einheit an mindestens 3000Personen begangen wurde; Oberländer ließ, wozu ihm das Bonner"Gesetz über die innerdeutsche Rechts- und Amtshilfe in Strafsachen"die Möglichkeit bot, das DDR-Urteil für wirkungslos erklären.

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