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»Wir müssen den Markt nur erobern«

Vom Rand ins Zentrum: ein Streifzug durch eine deutsch-polnische Grenzregion
aus DER SPIEGEL 18/2004

Elisabeth Spitza hat ihre EU-Osterweiterung im Kleinen schon vor drei Monaten vollzogen. Da nämlich eröffnete die Geschäftsführerin der Möbelwerke Prenzlau die erste Verkaufsausstellung ihrer Büro- und Spezialmöbel im benachbarten Chojna in Polen. Provisorisch zwar, aber immerhin.

In der Büroetage einer stillgelegten Fabrik präsentiert ein eigens dafür engagierter Verkaufsberater Spitzas Möbel polnischen Interessenten. »Vieles erinnert mich schon an die westdeutschen Firmen, die nach der Wende zu uns gekommen sind«, sagt Spitza. »Nur dass wir diesmal die sind, die kommen.«

Dabei ist der Weg nach Polen keine Einbahnstraße. Im Gegenzug bauten die Möbelwerke Prenzlau eine stillgelegte Panzerhalle auf ihrem Betriebsgelände als Verkaufsraum aus, um für einen polnischen Möbelbauer den Markt in Deutschland zu ebnen. Da beide unterschiedliche Möbel herstellen, kommen sie sich nicht in die Quere. Verkauft Spitza eine Schrankwand ihres polnischen Kollegen, bekommt sie Provision. Bringt der polnische Fabrikant einen Rollcontainer aus Prenzlau an den Mann, kassiert er.

Für den mittelständischen Betrieb aus Brandenburg ist die kleine Expansion nach Osten ein großer Schritt. Seit der Wende hat Spitza vor allem Kunden im Westen beliefert. Die Kosten für den Transport dorthin überstiegen manchmal sogar die Erlöse. Prenzlau und der dazugehörige Landkreis Uckermark lagen jahrelang am Rande der Republik, die Wege zu den Märkten waren lang.

Nun rücken die Uckermarker plötzlich ins Zentrum des neuen Europa und hoffen auf den Aufschwung, der ihnen bislang versagt blieb: Mit rund 27 Prozent Arbeitslosigkeit zählt der flächenmäßig größte Landkreis Deutschlands zu den besonders geschundenen Regionen.

Bei großen Betrieben wie dem Petrolchemischen Kombinat Schwedt (PCK) gingen Tausende Arbeitsplätze verloren, andere wurden, wie das Armaturenwerk Prenzlau, ganz abgewickelt. Neue Betriebe siedelten sich kaum an - und wenn, dann nur, solange es Ostförderung gab. Die Folge: Junge Leute wanderten in Scharen ab, wirtschaftlich herrschte weitgehend Stillstand. Heute ist die Region vor allem landwirtschaftlich und touristisch geprägt, vereinzelt gibt es ein paar kleine Mittelständler mit selten mehr als 50 Mitarbeitern. Umätze, die zehn Millionen Euro im Jahr übersteigen, gelten schon als Ausnahme.

Das soll sich nun grundlegend ändern. »Eine der längsten Grenzregionen zwischen der alten und der neuen EU verläuft hier entlang der Uckermark«, sagt Wilfried Wandel. Als örtlicher Vertreter des Mittelstandsverbandes wird Wandel nicht müde, seinen Mitgliedern die Chancen dieser Nähe einzubläuen. »Es liegt doch ein riesiger Markt vor unserer Haustür. Wir müssen ihn nur noch erobern«, sagt er.

Den meisten Mittelständlern in der Uckermark fehlt das Kapital, sich auch mit der Produktion in Polen anzusiedeln, sie beschränken sich bislang auf die Eröffnung von Verkaufsbüros bei ihren Nachbarn.

Selbst die Papierfabrik Leipa in Schwedt - einer der größten Arbeitgeber in der Uckermark - investierte lieber noch am alten Standort. Für rund 330 Millionen Euro baut der Inhaber Hubert Schrödinger derzeit eine neue Papiermaschine auf deutscher Seite auf, nicht zuletzt für den Markt in Osteuropa. Das Wagnis der Produktionsverlagerung erschien ihm zu groß. »Auf polnischer Seite wäre so viel Anfangskapital nötig gewesen, dass ich den Schwedter Standort gefährdet hätte«, sagt Schrödinger.

Stattdessen schafft er nun in Schwedt zu den bestehenden 550 knapp 230 neue Arbeitsplätze. »Die Polen haben ja nur zwei große Papierfabriken, aber sie werden genauso viele Kataloge, Zeitschriften oder Verpackungen haben wollen wie wir«, sagt Schrödinger selbstbewusst. »Die werden unser Papier schon brauchen.«

Erwartungsfroh sieht auch Horst Donth die nahe Zukunft. »Von wegen der Osten wird verlieren. Das ist doch Quatsch«, sagt Donth. Seine Firma Velind Chemie ist ein kleiner, ausgegliederter Teilbereich des ehemaligen PCK. Mit rund 30 Mitarbeitern stellt Donth Autopflegeprodukte und Haushaltssprays her.

In Polen beschäftigt Donth bereits einen Außendienstler, der den Verkauf ankurbeln soll. Seit dessen Einstellung ist der Umsatz dort schon um 20 Prozent gestiegen. Nun hofft Donth auf die großen deutschen Handelsketten, die sich in Polen bereits breit gemacht haben. Bei Rossmann in Deutschland ist Velind mit seinen Sprays schon gelistet. »Was spricht dagegen, dass wir zukünftig auch bei Rossmann in Polen im Regal stehen?«, fragt der Ingenieur. »Die Hafenstadt Szczecin mit ihren 415 000 Einwohnern liegt als Verbrauchermarkt schließlich viel näher als Berlin.«

Überhaupt Szczecin: Das frühere Stettin gilt in Polen neben Warschau als eines der prosperierendsten Wirtschaftsgebiete überhaupt. Nun hoffen die Uckermarker, dass die traditionsreiche Wirtschaftsachse Stettin-Berlin eine Renaissance erfährt und Städte wie Prenzlau, Schwedt oder Angermünde mit nach oben zieht. Schließlich liegen sie in einem Umkreis von nur 50 bis 60 Kilometern. Selbst wenn irgendwann doch das eine oder andere Unternehmen in Polen produzieren lässt, sehen das weder die Deutschen noch die Polen als Gefahr. »Das ist doch ein ganz normaler Prozess«, sagt Dariusz Wiecaszek, Präsident der Stettiner Handelskammer. »Was wäre Deutschland ohne amerikanische, französische oder japanische Unternehmen?«

Auch Wilfried Wandel macht sich um mögliche Abwanderungen seiner Mitglieder keine Sorgen. »Selbst wenn in Zukunft einige Produktionsabschnitte nach Polen verlagert werden, zeigt das nur, wie gesund das Unternehmen ist. Sonst könnte es sich das finanziell gar nicht leisten.«

Und umgekehrt? Was ist mit den billigen Arbeitskräften, die mit der Einführung der vollen Freizügigkeit nach sieben Jahren in Deutschland arbeiten können? Wandel wehrt ab. »Die kommen mit Sicherheit nicht nach Brandenburg. Die gehen doch gleich nach Bayern oder Baden-Württemberg.« JANKO TIETZ

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