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Artikel 35 / 54

»WIR MÜSSEN DURCHKOMMEN ODER STERBEN«

Randolph und Winston Churchill jr., Sohn und Enkel des verstorbenen Sir Winston, schrieben ein Buch über Israels Blitzkrieg, das in diesem Monat unter dem Titel »Der Sechs-Tage-Krieg« im Verlag Heinemann, London, erscheint. Nach einer Analyse des israelischen Luftsieges (SPIEGEL 31/1961) veröffentlicht der SPIEGEL nachstehend einen Auszug aus dem Kapitel über Israels Sieg im Wüstenkampf.
aus DER SPIEGEL 33/1967

Viele Eroberer haben sich einen Weg durch die Wüsten der Halbinsel Sinai gebahnt -- Alexander der Große, der sie im Jahre 332 vor Christus auf dem Weg nach Ägypten durchquerte, ebenso wie Napoleon, der im späten 18. Jahrhundert seine Armee nach der Schlacht bei den Pyramiden gegen Akkon führte.

Hier wanderten in biblischer Zeit die Kinder Israels 40 Jahre lang umher, ehe sie das Gelobte Land betraten, und hier nahm Moses die Tafeln entgegen, auf die sich die Sittenlehre der jüdischen und der christlichen Religion, also die der westlichen Kultur, gründet.

Die Sinai-Halbinsel, deren Sandmeere und unfruchtbare Gebirgsketten Afrika von Asien und das Mittelmeer vom Indischen Ozean trennen, ist eine trostlose Einöde. Die einzigen Bewohner sind nomadische Beduinen, deren Vorfahren jahrhundertelang die ausgedörrte, feindselige Wüste auf der Suche nach dürftigem Gras für ihre Ziegen durchstreiften.

Doch als Schlachtfeld einer modernen Kriegführung findet die Sinai-Halbinsel kaum ihresgleichen. Sie stellt eine Arena dar, in der sich ganze Armeen bekämpfen können, ohne daß eine Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen wird. In einer einzigen Schlacht können tausend Panzer manövrieren und einander im aufwirbelnden Wüstenstaub »niederknüppeln«.

1956 war diese Wüste Schauplatz der ersten Schlacht zwischen den Ägyptern und den Begründern des neuen Israel. Und 1967 sollte es hier zu einem noch heftigeren Zusammenstoß zwischen den Streitkräften des Zionismus und denen des arabischen Nationalismus kommen.

Auf dieses öde Schlachtfeld entsandte Ägypten in der zweiten Maihälfte immer mehr Truppen. Vor dem 15. Mai hatten auf der Sinai-Halbinsel zwei ägyptische Divisionen gestanden: die 20. Division der Palästinensischen Befreiungsarmee in Gaza und die 2. Division, die entlang der israelischägyptischen Grenze stationiert war.

Zwischen dem 15. Mai und dem Monatsende wurden sie durch fünf weitere ägyptische Divisionen verstärkt. Die Gesamtstärke der Ägypter belief sich nun auf etwa 100 000 Mann mit 900 bis 1000 Panzern.

Nach Ansicht von General Tal, dem Kommandeur des israelischen Panzerkorps, hatten die Ägypter Stellungen bezogen, die für den Angriff ebenso geeignet waren wie für die Verteidigung. Die Ägypter waren einerseits in der Lage, nach Osten über den südlichen Negev vorzustoßen, die Verbindung mit Jordanien herzustellen und dadurch den Hafen Eilat vom übrigen Israel abzuschneiden. Im Falle der Verteidigung dagegen -- so General Tal -- »blockierten sie durch massive Truppenkonzentrationen und stark befestigte Stellungen, von denen manche in den letzten 20 Jahren gebaut worden waren, alle Hauptvorstoßlinien durch die Wüste«.

General Tal setzte hinzu: »Nur eine einzige westlich der Südgrenze Israels gelegene Vorstoßlinie war nicht blockiert, die nämlich, auf der General Joffe und seine Panzerbrigade über die Dünen vorstießen. Offensichtlich hatten die Ägypter geglaubt, dort sei nicht durchzukommen.«

Die israelische Luftwaffe und die Flotte verleiteten das ägyptische Oberkommando dazu, einen Teil der Luft- und Seestreitkräfte vom Norden, dem zukünftigen Kriegsschauplatz, abzuziehen und in die Nähe des Roten Meeres zu verlegen. Ebenso griff auch die israelische Armee zu Täuschungsmanövern.

Ein Photo, das ein ägyptisches Aufklärungsflugzeug wenige Tage vor Kriegsausbruch aufnahm, schien darauf hinzudeuten, daß israelische Truppen in Stärke von mindestens zwei oder vielleicht sogar drei Panzerbrigaden nahe der israelisch-ägyptischen Grenze gegenüber El-Kuntilla in Stellung gegangen seien

In Wahrheit lag dort nur eine Brigade -- die Verstärkung bestand aus Attrappen, die mit Netzen absichtlich schlecht getarnt waren, damit die Panzeransammlung noch gewaltiger aussah, als sie tatsächlich war. Zweifellos hatten die Israelis einen allumfassenden Täuschungsplan ausgearbeitet, um dem ägyptischen Oberkommando vorzuspiegeln, daß sie wieder, wie im Jahre 1956, entlang der Küste auf Scharm-el-Scheich vorstoßen wallten. Und offensichtlich ist ihr Plan gelungen.

Die Israelis wußten, daß sie diesmal keine andere Wahl hatten, als die Hauptstreitkräfte der ägyptischen Armee, die an ihrer Südgrenze konzentriert waren, anzugreifen und in die Wüste Sinai durchzustoßen. Wenn das gelang, mußte die Öffnung der Meerenge automatisch folgen. Die Israelis konnten es keinesfalls riskieren, ihr eigenes Land zum Schlachtfeld werden zu lassen -- sie mußten einen Ausfall machen, um den Feind zu stellen.

Der von Israels Stabschef General Rabin und seinen Mitarbeitern ausgearbeitete Plan sah drei Phasen vor:

> Durchbruch durch die ägyptischen Verteidigungslinien an zwei der drei am besten befestigten Punkten;

> Vorpreschen einer Panzerdivision bis zu dem Gebirgszug unmittelbar östlich des Suezkanals, um die Rückzugswege der ägyptischen Truppen abzuriegeln;

> endgültige Vernichtung der ägyptischen Armee (siehe Karte).

Den sieben ägyptischen Divisionen auf der Sinai-Halbinsel standen drei israelische Formationen -- jede gut 15 000 Mann stark -- unter den Generälen Tal, Joffe und Scharon gegenüber.

Die Aufgabe, an zwei festgelegten Punkten durchzubrechen, wurde den Generälen Tal und Scharon übertragen. General Joffes Division, die vom Kommandeur abwärts gänzlich aus Reservisten bestand, sollte, sobald der Durchbruch gelungen war, die Wüste in einem einzigen Vorstoß bis zum Mitla-Paß und den anderen Gebirgs-Pässen östlich des Kanals durchqueren, um anschließend dem Gegner die Fluchtwege nach Ägypten abzuschneiden.

Die Elite des israelischen Panzerkorps -- etwa 250 bis 300 Panzer unter dem Befehl des Generals Tal -- sollte den ersten entscheidenden Durchbruch erzwingen. Als Angriffspunkt wurde die Stadt Rafa bestimmt, die nahe dem Mittelmeer am Südende des Gazastreifens liegt. Ziel des Angriffs war El-Arisch, rund 50 Kilometer westlich von Ram direkt an der Küste gelegen. El-Arisch wird von der Eisenbahnlinie berührt, die von El-Kantara am Suezkanal nach Gaza führt. Es war die Hauptnachschubbasis der Ägypter.

Im Gebiet Rafa-El-Arisch lag die ägyptische 7. Infanteriedivision in stark befestigten Stellungen. Rafa selbst, von Truppen in Stärke einer Brigade besetzt, war von einem breiten, hufförmigen Minenfeld umgeben, das fast bis zur Küste reichte.

Hinter diesen starken Verteidigungslinien hatte eine Artilleriebrigade Stellung bezogen, die mit 122-Millimeter-Geschützen ausgerüstet war, und außerdem ein Bataillon mit weitreichenden 100-Millimeter-Kanonen. Beide Einheiten konnten zusammen pro Minute etwa fünf Tonnen Granaten abfeuern.

Bei der Planung seines Angriffs hatte Tal zweierlei im Auge: Er wollte der ägyptischen Artillerie ausweichen, und er wollte die Minenfelder umgehen. Deshalb entschloß er sich, auf dem. Umweg über die Nachbarstadt Khan Junis In die Verteidigungslinien von Rafa einzudringen.

Der Angriff auf Rafa sollte die erste Landschlacht des Krieges werden. »Meine Männer wußten«, sagte Tal später, »daß von dieser Schlacht der Ausgang des Krieges abhing -- wahrscheinlich also das Schicksal Israels. Ober zehn Jahre waren vergangen, seit wir das letztemal gegen die Ägypter gekämpft hatten. Wir konnten nicht wissen; wie sich die Ausbildung durch die Russen, die moderne russische Ausrüstung und die neue Moral der ägyptischen Armee auf ihre Kampfkraft auswirken würde.

»Wir wußten, daß wir gegen Truppen zu kämpfen hatten, deren Ausrüstung der unseren in Qualität und Quantität überlegen war. Auf ihre Mannschaftsstärke bezogen, war die ägyptische Armee wahrscheinlich, nach der US-Armee, die bestgerüstete der Welt.«

Vor der Schlacht erklärte Tal seinen Männern: »Wenn wir den Krieg gewinnen wollen, müssen wir die erste Schlacht gewinnen. Die Schlacht muß ohne Rückzug ausgefochten werden, jedes Teilziel muß genommen werden -- ganz gleich, wie hoch die Verluste sind. Wir müssen durchkommen oder sterben.«

Am Montag, dem 5. Juni, morgens um 8.15 Uhr, griffen die israelischen Landstreitkräfte nach Eintreffen des lang erwarteten Befehls vom Hauptquartier der Südfront an. Eine halbe Stunde vorher hatte die erste Welle des israelischen Luftangriffs ihr Ziel erreicht und den größten Teil des ägyptischen Luftwaffenpotentials zerstört.

Unter heftigem Feuer der Artillerie, der Maschinengewehre und der Panzerabwehrgeschütze erreichte Tals nördliche Brigade die Stellungen der Palästinenser vor Khan Junis und ging zum Angriff über. Fast auf einen Schlag wurden sechs israelische Panzer zerstört.

Trotzdem schoben die Israelis mit ihrem raschen und wuchtigen Angriff alles vor sich her, und ihre Panzer brachen nach Khan Junis durch. Dieser schnelle Durchbruch wurde mit schweren Verlusten erkauft -- darunter 35 Panzerführer, einer von ihnen ein Bataillonskommandeur. Die israelische Armee ist stolz darauf, daß ihre Panzerführer selbst bei heftigstem Beschuß mit offenem Turm kämpfen, damit sie klare Sicht über das Schlachtfeld haben.

Inzwischen war Tals zweite Panzerbrigade auf einer etwas südlicheren Strecke vorangerollt, um die ägyptischen Stellungen seitlich zu umgehen und so hinter die feindlichen Linien und die von Rafa nach Süden verlaufenden Minenfelder zu gelangen.

Das Manöver glückte, doch verfehlten die Israelis dabei die südlichste ägyptische Brigade, die sie wegen des Geländes nicht hatten ausmachen können. Die Brigade wurde bald entdeckt, und zwar durch reinen Zufall.

Als dem General Tal gemeldet wurde, daß die südliche Brigade 50 Verwundete hatte, die wenige Meilen südlich auf ihre Evakuierung warteten, schickte er einen Hubschrauber hin, um sie herauszuholen. Als der Hubschrauber jedoch versuchte, neben den israelischen Verwundeten zu landen, wurde er von heftigem Feuer empfangen.

Sofort führte der israelische Brigadekommandeur gemeinsam mit einem Bataillonskommandeur die einzige noch verfügbare Panzerkompanie zum Angriff auf die ägyptischen Stellungen.

Die Ägypter kämpften tapfer, aber vergebens. Als das Feuer eingestellt wurde, waren ihre Stellungen genommen, 1500 Ägypter lagen tot auf dem Schlachtfeld. Als die Reste der israelischen Panzerkompanie sich dem Rest der Brigade anschlossen, brachen der Brigadekommandeur und der Bataillonskommandeur erschöpft zusammen. Die israelische südliche Brigade zählte 70 Tote und ein Mehrfaches an Verwundeten.

Während Tals Truppen den Durchbruch nach Khan Junis erzwangen, stieß General Joffe mit einer seiner beiden Panzerbrigaden 30 Kilometer weiter südlich in Richtung Bir Lahfan vor.

Binnen neun Stunden legte die Brigade über 100 Kilometer zurück und erreichte am Montagabend gegen 18 Uhr das Gebiet von Bir Lahfan. Dort ließ Joffe seine Brigade die Straßen von Dschebel Libni und Abu Ageila nach El-Arisch abriegeln, um zu verhindern, daß ägyptische Verstärkungen El-Arisch erreichten.

Tatsächlich versuchten die Ägypter, ihre Einheiten in El-Arisch -- das bereits unter schwerem Feuer der von General Tal befehligten Truppen lag -- durch eine Panzerbrigade und Teile einer motorisierten Infanteriebrigade zu verstärken, die sie die Straßen von Dschebel Libni hinaufschickten.

Bei Bir Lahfan stießen die Verstärkungen auf Joffes Panzer. Eine Schlacht entbrannte, 14 ägyptische Panzer wurden zerstört.

Montag gegen Mitternacht waren Tals vorgeschobene Panzerbataillone in die ägyptischen Stellungen bei Giradeh eingedrungen. Der Kommandeur der nördlichen Brigade hatte Tal gemeldet, daß ein Panzerbataillon schon bis El-Arisch vorgestoßen sei.

Vor dem Krieg hatte Tal seine Pläne erläutert und dem Stabschef Rabin gesagt, 20 Stunden nach Beginn des Krieges werde er El-Arisch genommen haben. Rabin hatte erwidert: »Geben Sie doch nicht so an.«

In der Morgendämmerung des Dienstags stand Tal tatsächlich mit zwei vollständigen Panzerbrigaden in El-Arisch. Er nannte den Kampf »eine brutale Schlacht«, seine Truppen seien durch die Stärke und Präzision der ägyptischen Panzerabwehrgeschütze stark behindert worden.

Nur die totale Luftüberlegenheit, die sich Israels Luftstreitkräfte in den ersten drei Stunden des Krieges erkämpft hatten, machte den raschen israelischen Vorstoß über Rafa nach El-Arisch möglich.

Währenddessen hatte General Scharon seine Männer und Waffen aus ihrer Verteidigungsstellung rund um Nitsana in Bewegung gesetzt: Noch vor Einbruch der Dunkelheit sollten die Ägypter in Abu Ageila eingekesselt und die Vorbereitungen für einen Nachtangriff beendet sein.

Abu Ageila war der zweite Durchbruchspunkt, den die Israelis ausgewählt hatten. Die befestigte Verteidigungsabteilung bestand aus drei Reihen betonierter Gräben in den Dünen, etwa 25 Kilometer westlich der ägyptischisraelischen Grenze.

In der Stellung lag eine verstärkte Brigade der ägyptischen 2. Infanteriedivision, die sich aus vier Infanteriebataillonen, 80 bis 90 Panzern (T-54 und T-34), sechs Artillerieregimentern mit russischen 122-Millimeter-Geschützen, mehreren Panzerabwehrbataillonen und Abteilungen mit schweren Mörsern zusammensetzte.

Abu Ageila, das die Kreuzung der Straßen von El-Arisch, Dschebel Libni und Kusseima beherrscht, blockierte die Hauptvorstoßlinie der israelischen Truppen, die aus dem Raum Nitsana zum Zentrum der Sinai-Halbinsel führte.

Die Aufgabe, Abu Ageila zu nehmen, wurde General Aric Scharon übertragen; er hatte mit seinen Fallschirmjägern 1956 den Mitla-Paß genommen. Scharon ist ein kraftvoller, untersetzter Haudegen. Sein Gesicht unter dem ergrauenden Haarwirrwarr wirkt wie das eines römischen Feldherrn. Unter dem Schulterstück hat er das knallrote Fallschirmjägerkäppi stecken (sein Käppi hat eine leuchtendere Farbe als alle anderen Käppis in der israelischen Armee -- es ist ein Geschenk französischer Fallschirmjäger-Freunde).

Scharon hatte sich kurzfristig für einen Nachtangriff entschlossen, weil, wie er sagte, »die Ägypter weder den Nachtkampf noch den Nahkampf mögen -- wir sind aber auf beides spezialisiert«.

Scharons Plan sah vor: Die israelische Artillerie bezieht Positionen, von denen sie die ägyptischen Stellungen unter heftiges Direktfeuer nehmen kann.

Zweitens: Den Ägyptern wird der Nachschub blockiert, sodann wird eine Panzergruppe die Ägypter von hinten angreifen.

Drittens: Mit Hubschraubern abgesetzte Fallschirmjäger werden Abu Ageila vom Norden her, hinter der ägyptischen Hauptverteidigungslinie, angreifen und die ägyptische Artillerie zum Schweigen bringen.

Viertens: Die linke Flanke der Ägypter wird von Infanterieverbänden gestürmt, daraufhin werden Pioniere eingesetzt, die einen Weg durch die Minenfelder bahnen sollen.

Fünftens: Die Panzer brechen in die Festungszone selbst ein.

Nach ganztägigem Kampf wurden um 21.45 Uhr die ersten drei Phasen abgeschlossen. Die Block-Stellungen im Rücken der Ägypter waren aufgebaut, und das israelische Panzerregiment nordwestlich von Abu Ageila stand zum Angriff in den Rücken der Ägypter bereit.

Die israelische Infanterie hatte sich bis auf einige hundert Meter an die ägyptischen Gräben herangearbeitet. Die Hauptkräfte der Panzerverbände waren in vorgerückte Stellungen gegenüber den ägyptischen Linien gebracht worden. Ein Fallschirmjägerbataillon war mit Hubschraubern dicht an der Nordseite der Stadt gelandet.

Sechs israelische Artillerieregimenter hatten sich bis acht Kilometer an Abu Ageila herangekämpft.

Scharon selbst stand auf den Dünen, kaum tausend Meter von den ägyptischen Gräben entfernt. »Es war wie am hellichten Tag, ais die Granaten ringsum detonierten und das ganze Gebiet grell beleuchteten«, beschrieb er die Szene später.

Um 22.45 Uhr gab Scharon den Befehl zum Angriff. Die sechs Artillerieregimenter eröffneten das Feuer. Scharon erzählte nachher: »Für eine halbe Stunde war das Feuer fürchterlich -- ich habe noch nie in meinem Leben einen solchen Beschuß gesehen. Ich gab den Fallschirmjägern den Befehl, die ägyptische Verteidigung zu durchstoßen und die Artilleriestellungen zu stürmen.

»Zugleich wies ich das nordwestlich der El-Arisch-Straße in Stellung liegende Panzerregiment an, dem Feind in den Rücken zu fallen. Einige Augenblicke später setzte ich die ganze Panzerbrigade mit dem Auftrag in Bewegung, sich den ägyptischen Stellungen zu nähern und sie unter Beschuß zu nehmen. Aber Rauch und Staub waren so dicht, daß sie nicht schießen konnten.

»Um 23.15 Uhr stellte die Artillerie das Feuer ein, unsere Panzer begannen zu schießen, die Infanterie setzte zum Sturmangriff an. Jedes Bataillon hatte einen Graben zu säubern. Schon vorher hatte ich 150 Signallampen angefordert. Beim Nachschub hatte ich einen Freund; ich habe ihm gesagt, daß ich 50 rote, 50 grüne und 50 blaue Lampen benötige. Er bestrich die Birnen mit entsprechenden Farben. Jedes Bataillon hatte eine andere Farbe.

»So wußten unsere Panzer genau, wo unsere Männer standen, und konnten sie nicht irrtümlich beschießen. Wir strahlten mit Scheinwerfern das ganze Gebiet an, damit unsere Panzer genau zielen konnten.

»Die Infanterie hatte Order, die Gräben etwa zwei Kilometer weit zu säubern. Sie drang aber ganze fünf Kilometer vor -- immer im Nahkampf.

»Inzwischen fielen die Panzer vom Norden her den Ägyptern

in den Rücken. Um drei Uhr früh konnte ich dem Kommando Süd melden, daß sich Abu Ageila in meiner Hand befand.

»Insgesamt war es der komplizierteste Angriff, den unsere Armee je durchgeführt hat. Unsere Männer waren erfolgreich, weil sie glaubten -- eigentlich wußten sie es -, daß sie es schaffen würden.«

Nach den Durchbrüchen bei Rafa und Abu Ageila befanden sich die Israelis nunmehr hinter der Hauptmasse der ägyptischen Armee, zwei Tore zur Halbinsel Sinai standen ihnen offen.

Mittwoch frühmorgens trafen sich die Generäle Tal und Joffe bei Dschebel Libni, um den Plan für die nächste Phase des Feldzugs festzulegen. In dieser Nacht -- der Nacht zum Mittwoch -- konnte Joffes Truppe einige Stunden schlafen, es war ihr erster Schlaf seit dem Kriegsausbruch.

Bei der Planung achteten Joffe und Tal besonders darauf, das vor ihnen liegende Gebiet gut aufzuteilen, damit die eigenen Verbände nicht zusammenstießen. Auf beiden lastete die furchtbare Erinnerung an das Jahr 1956, als eine ganze israelische Kompanie durch eigene Truppen aufgerieben worden war.

Bei Dschebel Libni wurde beschlossen, daß die Verbände Tals die nördlich liegende Route durch Bir Gifgafa nehmen sollten, um die Straße zu blockieren, die durch die Dünen nach Ismailia führt; die Truppe Joffes sollte hingegen auf einer südlichen Route zum Mitla-Paß vorstoßen.

Dieser Paß war der Schlüssel zum Sieg. Er ist 24 Kilometer lang. Wer den Zugang zum Paß beherrscht, der beherrscht den Zugang zum Kanal. Der Befehl lautete, dorthin vorzustoßen, den Feind einzukesseln und Versuche der Ägypter zu vereiteln, in die Kanalzone zu entkommen.

Zwei Bataillone israelischer Panzer unter Befehl von Oberst Iska erreichten den Mitla-Paß am Mittwochabend um 18 Uhr, weniger als 60 Stunden, nachdem sie israelisches Territorium verlassen hatten.

Viele Versorgungsfahrzeuge, darunter auch Tankwagen, waren unterwegs von den Ägyptern vernichtet worden. Etwa 30 Kilometer vor dem Paß ging der Hälfte von Iskas Panzern der Brennstoff aus.

Um nicht sieben seiner 14 Panzer zurücklassen zu müssen, ließ Iska sie mit Stahlseilen an jene Panzer, die noch Brennstoff hatten, anhängen und sie so zur Paßfront schleppen. Sie kamen unter schwerem ägyptischem Beschuß zwar langsamer voran, erreichten jedoch den Paß vollzählig und bezogen dort Kampfstellungen.

Auch die in Schlepp genommenen Panzer schossen. Ein Panzer, dessen Turm durch einen ägyptischen Direkttreffer verklemmt war, brachte seine Kanone dennoch in Feuerstellung: Er manövrierte mit dem Fahrwerk.

Iskas Männer standen seit drei Tagen und zwei Nächten in fast ununterbrochenem Kampfeinsatz. Sie waren der Erschöpfung nahe.

Am Mittwoch um 22 Uhr funkte Iska dem Divisionshauptquartier, daß er fast völlig eingekesselt sei.

Um Mitternacht befahl Joffe seiner zweiten Brigade, am Donnerstag um drei Uhr morgens aufzubrechen und Iska zu entsetzen.

Während der Nacht, als die Brigade auf der Straße zum Paß vorstieß, geriet ein ägyptischer Panzertrupp, der sich in derselben Richtung bewegte, in die israelische Kampfformation. In der Dunkelheit waren Freund und Feind nicht mehr zu unterscheiden. Der israelische Kommandeur befahl seinen Männern, zunächst einfach zusammen mit den Ägyptern weiterzufahren. Dann ordnete er plötzlich an: »Scharf rechts abbiegen, auf alles schießen, was auf der Straße bleibt!«

Die israelischen Panzer bogen in scharfem Winkel von der Straße ab und vernichteten die ägyptischen Panzer, die auf der Straße geblieben waren.

Iskas Männer leisteten die ganze Nacht hindurch tapferen Widerstand. Einer seiner Soldaten erzählte später, am Morgen hätten die Panzer nur noch zwei Schuß pro Kanone und eine halbe Kiste Muniton pro Maschinengewehr gehabt. Aber zu dieser Zeit war der Feind bereits dabei, seine Panzer und Fahrzeuge zu verlassen und zu Fuß in die Berge zu flüchten.

Joffe beschrieb den Kampf um den Mitla-Paß so: »Wir waren einen Tag und eine Nacht und noch einen Tag in der Abwehrstellung; wir versuchten, die ägyptischen Panzerverbände und andere Kolonnen aufzufangen, die verzweifelt in das Tal einströmten und feststellen mußten, daß der Ausgang abgeriegelt war. Die Aktion wurde von derselben Brigade (Iska) durchgeführt, die sich am Montag aus Israel in Marsch gesetzt hatte. Donnerstag früh war sie am Ende ihrer Kräfte. Sie hat 72 Stunden und mehr ohne Unterbrechung im Kampf gestanden.

»So mußte ich mitten in der Schlacht etwas tun, was man üblicherweise nicht tut. Ich setzte eine Brigade an, um eine andere mitten im Feuer abzulösen. Es war ein sehr kompliziertes Unterfangen, aber die Burschen brachten es fertig.«

Unterdessen ließ General Tal zwei Panzerbataillone unmittelbar nördlich von Bir Gifgafa Stellung beziehen; dadurch wurde die Straße von Bir Thamada nach Ismailia blockiert.

Tals Hauptziel war, die noch intakten ägyptischen Panzerverbände zu vernichten. Nachdem alle Fluchtwege des Feindes abgeschnitten waren, setzten die drei israelischen Divisionen zum Todesstoß an. Tal und Joffe hatten die Pässe abgeriegelt, Scharon trieb den Feind in die Falle.

Scharons Verbände erlebten bei ihrem Vordringen von Abu Ageila gegen Nakhl unglaubliche Überraschungen.

Bei Morgengrauen stießen sie plötzlich auf eine ganze Brigade ägyptischer Stalin-Panzer, der schwersten Panzer auf dem Schlachtfeld. Hinter den Panzern lag Artillerie in Stellung. Das Ganze schien ein schwer überwindbarer Riegel. Die israelischen Panzer griffen an -- doch die ägyptischen Kolosse rührten sich nicht: Alle Panzer waren völlig intakt, aber verlassen.

Später, in der Gefangenschaft, soll Brigadegeneral Ahmed Abd el-Naby, der Kommandeur der verlassenen Brigade, ausgesagt haben: »Ich hatte Rückzugsbefehl erhalten. Meine Order besagte aber nicht, daß die Panzer zu vernichten seien. Hätte ich die Panzer gesprengt, hätten die Juden das gehört. Die Vernichtung eines Panzers macht ja soviel Lärm.«

Noch am Vormittag bereiteten die Verbände Scharons einen Hinterhalt für eine ägyptische Brigade vor, die sich in westlicher Richtung zurückzog und eine Stunde später passieren sollte.

Scharon führte diese israelischen Verbände persönlich. Er gab folgende Schilderung der Schlacht: »Zwischen 10 und 14.30 Uhr vernichteten wir 50 feindliche Panzer -- T-54 und Centurions -, zwei Artillerieregimenter, Panzerabwehrbatterien, Fliegerabwehrbatterien und mehr als 300 Fahrzeuge. Der Feind verlor über 1000 Mann.

»Es war ein Tal des Todes. Hunderte wurden getötet, überall herum brennende Panzer. Man hatte das Gefühl, daß der Mensch nichts ist. Die Panzer hatten einen Sandsturm aufgepeitscht. Der Lärm war ohrenbetäubend. In das Donnern der Kanonen mischten sich das Getöse der Panzer, das Dröhnen schwerer Flugzeuge, die Wasser und Munition an Fallschirmen abwarfen, und der Hubschrauber, die die Verwundeten evakuierten.

»Entlang der ganzen Linie explodierten Tank- und Munitionsfahrzeuge, überall lagen Tote.«

Unterdessen rollte ein ununterbrochener Strom von ägyptischen Fahrzeugen und Panzern aus Ost- und Zentral-Sinai in Richtung Mitla-Paß. Diese Ägypter wußten nicht, daß der westliche Ausgang schon zwei Tage zuvor durch einen israelischen Luftangriff fast unpassierbar geworden war.

Als die Ägypter sich aus allen Richtungen sammelten, fielen israelische Flugzeuge über sie her, beschossen sie mit Raketen, Napalm- und hochexplosiven Sprengbomben. Joffes Panzerbrigade führte das Gemetzel zu Ende.

Als der größere Teil der sieben ägyptischen Divisionen auf Sinai zerschlagen war und in der Wüste hinter dem Rücken der Israelis lag, befahl Tal einer seiner Panzerbrigaden, durch die Berge auf Ismailia und zum Kanal vorzurücken. Auf diesem Wege mußten die Israelis noch Gefechte mit fast 100 ägyptischen Panzern austragen; es gelang ihnen, sie vollständig zu vernichten, sie selbst verloren dabei nur zehn Panzer.

Am Freitag uni zwei Uhr morgens erreichten Joffes Verbände den Kanal gegenüber Schalufa, während eine andere Gruppe Ras Sudr einnahm.

Der noch intakte Teil der Kampfgruppe Iska, der nach Bir Thamada zurückgezogen wurde, stieß auf der Wadi-Gidy-Straße zum südlichen Ende des Kleinen Bittersees vor, durch den der Kanal verläuft.

Laut General Joffe hatte seine Division »in weniger als vier Tagen etwa 157 Feind-Panzer erledigt und an drei Stellen den Kanal erreicht«.

Joffe: »Wir machten viele Gefangene, Generäle und Oberste, die auch kein Blatt vor den Mund nahmen. Wir halten vielen Gefangenen, indem wir ihnen Wasser gaben und ihnen den Weg zum Kanal wiesen. Mit so vielen Gefangenen konnten wir überhaupt nicht fertig werden, wir nahmen nur einige in Gewahrsam.

»Ich erfuhr zum erstenmal, daß meine Verbände den Kanal erreicht hatten, ais einer meiner Kommandeure um Erlaubnis bat, sich im Kanal die Füße zu waschen. Ich sagte: »Nein!« Und seine Füße blieben ungewaschen.«

Aber ohne Wissen des Generals Joffe plätscherte Oberst Iska im Kanal. Es war eine bescheidene Erfrischung nach all den Anstrengungen. Er wusch sich den Schweiß des vielleicht größten Wüstensieges aller Zeiten ab.

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