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»Wir müßten Württemberg zur DDR machen«

SPIEGEL-Reporter Wilhelm Bittorf über die Sicherung der Pershing-Raketen in Mutlangen *
Von Wilhelm Bittorf
aus DER SPIEGEL 37/1985

Pershing-Soldaten sagen über sich, sie hätten das Staunen verlernt; denn auf den Feldern und in den Wäldern der schwäbischen Ostalb haben die amerikanischen Raketenkanoniere wahrhaftig schon die seltsamsten Begegnungen mit einheimischen Feen und Faunen gehabt, von denen man in Disneyland nichts ahnt. Doch dem weißhäutigen Leutnant und dem schwarzen Gefreiten, die in der Nacht zum Weltfriedenstag (1. September) zur Pershing-Basis Mutlangen fuhren, bot sich ein Anblick, wie er noch keinem Angehörigen der Raketenbrigade zuteil geworden ist.

Aus dem rätselhaften deutschen Dunkel vor den beiden Amerikanern tauchen, vom Scheinwerferkegel ihres Fahrzeugs erfaßt, zwei alte Männer auf, die auf der Zufahrtsstraße zum Raketenstützpunkt stehen. Wirres Haar umkränzt ihre Schädel. Dichte, stachlig sich sträubende Brauen beschatten ihre Augen. Trotzig wölben sich ihre Nasen wie die Schnäbel tropischer Vögel.

Die beiden ähneln einander fast wie Brüder. Sie wirken wie lichte Zauberer, wie weise Kobolde aus halbvergessenen Zaubergeschichten. Gebietend recken sie dem langsam näher rollenden Fahrzeug der Amerikaner den Arm entgegen. Dann lassen sie sich mühsam auf der Straße nieder, auf der schon einige junge Leute hocken. Die beiden großen alten Männer der Friedensbewegung, der Berliner Theologe Helmut Gollwitzer, 77 Jahre, und der österreichische Schriftsteller Robert Jungk ("Menschenbeben"), 72 Jahre, blockieren erstmals einen realen US-Militärtransport.

Der Leutnant und der Gefreite in ihrem Fahrzeug stoppen. Sie sehen, wie immer mehr Gestalten aus der Finsternis auf die Straße kommen und sich der Sitzdemonstration anschließen.

Die Amerikaner sind allein mit der nächtlichen Menge, die auf nahezu hundert Frauen und Männer anschwillt. Nirgends ein guter Deutscher (erkennbar an der Polizeiuniform). Aber der Leutnant läßt nicht locker. Über Funk fordert er die baden-württembergischen Ordnungskräfte an, die sich verfrüht in ihre Schlafbaracken zurückgezogen haben.

Eine Stunde lang, bis Mitternacht, müssen der schwarze und der weiße Soldat sich heimatliche Weisen anhören ("We shall overcome"), bis die erste Polizeiabteilung anrückt, die aber zu schwach ist, um die Sitzdemonstranten so gewaltlos abzuräumen, wie das in Anbetracht von Gollwitzer, Jungk und anderen angesehenen Personen politisch notwendig ist.

Anderthalb weitere Stunden vergehen, ehe mehr als sechzig aus dem Bett getrommelte Polizeibeamte den Weg für die beiden Amerikaner frei gemacht haben. Bis in die frühen Morgenstunden dauert es, ehe 43 festgenommene Blockierer (Jungk und Gollwitzer inklusive) aufs Präsidium nach Schwäbisch Gmünd gebracht und dort als mutmaßliche Straftäter registriert worden sind.

Und wozu der Wirbel? Warum mußten der Leutnant und sein Gefreiter unbedingt in die Mutlanger Basis? In welcher militärisch notwendigen, die Abschreckung sichernden, den Frieden erhaltenden Mission waren die beiden Amerikaner unterwegs?

Sie fuhren keinen Raketentransporter, auch keinen Sattelschlepper mit Pershing-Ersatzteilen. Sie fuhren einen schlichten VW-Kastenwagen mit einem Käfig drin. Inhalt: zwei Schäferhunde. Mit rauher Kehle untermalten diese »military working dogs« die Gesänge der Demonstranten.

Warum das starke Polizeiaufgebot für zwei Hunde? Hatte die Sache nicht Zeit, bis sich die Wochenend-Demonstranten verlaufen haben würden? Provoziert die Raketenbrigade nicht immer wieder solche Situationen - als wollte sie ihre Oberhoheit in diesem Land bis hin zur Willkür vor Augen führen?

Die Stuttgarter Polizeiführer sind sich ihrer blinden Gehorsamspflicht gegenüber den Pershing-Offizieren schmerzlich bewußt. »Wir haben die Anordnungen der Amerikaner unbedingt auszuführen«, erklärt Polizeidirektor Willi Burger. Die deutsche politische Führung in Bonn und Stuttgart wolle das so. Burger: »Es steht uns nicht zu, darüber zu urteilen, ob der Transport von zwei Wachhunden zu einem bestimmten Zeitpunkt notwendig ist oder nicht.«

Nur das Häuflein der Unentwegten um Jungk und Gollwitzer hockte auf der Zufahrtstraße, als an einem sonnigen Samstagmorgen die Wochenend-Demonstration begann, die in der folgenden Nacht so dramatisch werden sollte. Zwei Jahre zuvor hatten dort nahezu tausend hervorragende Protestierer, Heinrich Böll unter ihnen, gelagert und den Militärverkehr lahmgelegt. Überdeutlich schien der Vergleich zu beweisen, wie sehr das große Aufbegehren von 1983 wieder zusammengeschrumpft ist auf den kleinen Kern der konsequenten Rüstungsgegner, ohne daß sich, außer der Gefährlichkeit der Waffen, irgend etwas geändert hätte.

Die meisten der Pershing 2 sind stationiert, das ist wahr. Aber die langen Transporter-Kolonnen mit fertig montierten Raketen, die im Sommer und Herbst 1984 unter Polizeischutz und von Hubschraubern eskortiert fast im Triumph durchs Land rollten, sind von den schwäbischen Straßen und aus den Ortschaften verschwunden.

Statt dessen mauert sich die Pershing-Brigade vor allem in den Stützpunkten Mutlangen und Heilbronn-Waldheide unter Millionenkosten mit Sichtblenden und Betonwällen ein. Die Pershings bleiben dahinter verborgen. Der Raketenverkehr, erklärt auch Polizeidirektor Burger, sei gegenwärtig »gleich Null«.

Das ist so, seit am 11. Januar dieses Jahres auf der Waldheide die Antriebsstufe einer Pershing 2 durch Selbstentzündung ausbrannte, drei GIs tötete und sieben schwer versehrte.

Der Unfall, der alle Warnungen vor der technisch unausgereiften neuen Waffe bestätigte, alarmierte auch die Biederen. Sogar die CDU-Stadträte der württembergischen Stationierungsorte stimmten der Forderung zu, die Stützpunkte

Mutlangen und Waldheide aufzulösen.

Ende April gab US-Armeeminister Ambrose in Heilbronn zu verstehen, die Army werde montierte Raketen so lange nicht mehr umherfahren, bis man sie »modifiziert« und so die mutmaßliche Unfallursache ausgeschaltet habe. Daß diese Zurückhaltung andauert, wird offiziell nach wie vor mit technischen Veränderungen erklärt. In Wahrheit aber schreckt die Army inzwischen aus einem ganz anderen Grund davor zurück, sich auch mit bereits modifizierten Pershings wieder ins Freie zu wagen: Sie fürchtet einen Terroristen-Anschlag.

»Es ist kein Geheimnis, daß ein Bazooka-Geschoß, wie es bei dem Attentat auf den US-General Kroesen verwendet wurde, die Treibladung der Pershing 2 unweigerlich entzünden würde«, sagt ein Oberst der deutschen Luftwaffe, der im Verteidigungsministerium mit den Pershing 1a-»Flugkörpern« der Bundeswehr befaßt war. »Ein solcher Anschlag würde die Verwundbarkeit der Pershings so drastisch offenlegen, daß der amerikanische Kongreß auf die Barrikaden gehen und womöglich das Ende der Stationierung verlangen würde. Das will die Army nicht riskieren.«

Eingeweihte aus der Polizeiführung widersprechen dem nicht. Denn um den Raketen ungefährdete Bewegungsfreiheit im deutschen Südwesten zu sichern, so meint einer von ihnen, »müßten wir Württemberg zu einer Art DDR machen«.

Die unbehelligte, unauffällige, unbeobachtete Beweglichkeit der Pershings ist heute weniger denn je zu erreichen. Dabei sollte gerade diese Beweglichkeit ein entscheidendes militärisches Plus dieses Waffensystems sein. Denn hinter Stacheldraht, Beton und »military working dogs« in ihren Stützpunkten verschanzt, sind die Pershings für den Gegner nichts als eine dicke, unverfehlbare Zielscheibe.

Doch die Einsicht in die Absurdität der Lage hindert die Polizeibeamten nicht daran, ihre Pflicht zu tun, wie die Regierung und die Amerikaner es verlangen. Dabei verfolgten sie ihren protestierenden Landsleuten gegenüber bisher eine süddeutsche Abart der Apartheids-Politik: prominente Sitzdemonstranten ("Promis") möglichst ungeschoren zu lassen, junge und/oder unbekannte »Störer« dagegen festzunehmen und wegen »Nötigung mit Gewalt« vor Gericht zu bringen.

Auch am vorletzten Wochenende unternahmen die Ordnungskräfte tagsüber nichts gegen die Promis, die ihre Sitzdemo brav angemeldet hatten («... von 8 bis 18 Uhr ..."). Als die Polizei eine Stunde danach aber einen besonders robusten Rollkommando-Einsatz gegen jugendliche Raketengegner fuhr und dabei einen SPIEGEL-Photographen vorübergehend festnahm, war die Entrüstung der düpierten Promis groß.

Sie eilten zurück auf die Mutlanger Walstatt und wichen nicht, bis die Staatsgewalt lange nach Mitternacht auch nach ihnen griff. Brigitte Gollwitzer freilich, die Frau des Theologen, stand von selber auf, weil sie es es den Polizisten nicht zumuten wollte, »eine alte Frau wegzutragen«. Der junge Beamte darauf: »A alte Frau hat au nachts net auf d'r Straaß ze hocke.«

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