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»Wir nehmen den ganzen Laden auseinander«

SPIEGEL-Report über jugendliche Straßenbanden in der Bundesrepublik *
aus DER SPIEGEL 46/1984

Stark und gefährlich wirkt der kleingewachsene Ergün nur durch seinen Aufputz, die Jeansweste über der Lederjacke, behängt und bestickt mit allerhand Kram. Aber er ist drahtig und spurtschnell, knackt Bierflaschen mit den Zähnen.

Der Polizei liegen mehr als vierzig Anzeigen gegen ihn vor, alle wegen Körperverletzung. Bei McDonald''s hat er Hausverbot, in der Spielothek und im Einkaufszentrum auch.

Der 18jährige Türke, genannt »Fantom«, ist der Boß der Essener »Troopers«, der Präsident, der »Präsi«. Territorium der Gruppe, im Kern 20 Jugendliche stark, ist der Stadtteil Altenessen.

Wie ein Hund sein Revier markiert, so hinterlassen die »Troopers« ihr Zeichen mit Filzschreiber und Spraydose: »F« wie »Fantomas«, der Filmheld, der als Superhirn der Unterwelt auf geheimnisvolle Art überall zugegen ist.

In seiner Truppe fühlt sich »Fantom«, seit 1981 in Deutschland und arbeitslos, »so glücklich wie noch nie«. Mit seinen Freunden ist er vorwiegend nachts unterwegs, saufen, Mädchen anmachen, Autokino, Keilereien. »Ohne ''Troopers'' ist das Leben Scheiße«, sagt Shaky, ein deutscher Lackierer-Lehrling: »Du arbeitest, arbeitest, kommst nach Hause, kriegst den Fraß vorgeworfen. Das ist doch kein Leben.«

»500 Kollegen«, behaupten die »Troopers«, könnten sie zusammentrommeln, »wenn jemand von uns angemacht wird«. Wenn sie in ihre Autos steigen ("Bis auf Porsche haben wir schon alles gefahren"), reisen sie deshalb nie ohne Handgepäck: auf dem Rücksitz ein Karton Dosenbier, im Kofferraum Schlagstöcke aus Holz und Eisen. Und Faik, arbeitsloser Jugoslawe, hat in seinem Opel einen richtigen Krückstock: »Der ist immer dabei, außer mein Vater braucht ihn.«

Was die »Troopers« in Essen, das sind die »Destroyers« in Hamburg-Harburg. Wenn die sich bei McDonald''s einfinden, leert sich das Lokal - 25 Jungs in Jeans und Jogginghosen, mit Turnstiefeln und Handschuhen ohne Fingerkuppen, jeder für sich ein Milchgesicht, gemeinsam verkörpern sie Bedrohung.

Die meisten »Destroyers« sind polizeibekannt. Der, den sie »Langer« nennen, weil er 1,96 Meter mißt, stand bisher wegen Schlägereien achtmal vor dem Richter. Der linkische Typ mit dem Akne-Gesicht flachst gern und wirkt dabei wie jemand, der normalerweise selbst veräppelt und nicht ernst genommen wird.

Einmal wollte er eine Lehre als Betonbauer durchziehen, ein andermal als Schlosser. Jetzt ist der 19jährige Deutsche ohne Job, wie sein Vater, ein Lagerarbeiter. Das Geld für die schicke weiße Trainingshose und den Lacoste-Pullover ist trotzdem »einfach da«.

Beim »Wilstorfer Vogelschießen«, einem Schützenfest am Stadtrand, hat sich »Langer« zurückgehalten. »Ich habe mich oft genug für Kollegen geprügelt.« Dafür mischen sich seine Freunde diesmal in eine Rangelei zwischen Schaustellergehilfen. 15 Mann umstellen die beiden Kampfhähne, einige dreschen wahllos dazwischen; sekundenlang stehen sie still, als einer der Kirmeshelfer einen Revolver zieht. Ans Weglaufen denkt keiner.

Mit einem Yoko-Tobi-Geri, einem Karatesprung, wird der Revolver-Mann zu Boden gestreckt. Blitzschnell sind acht oder mehr Jungs über ihm - und auch schon wieder weg. Zurück bleiben zwei schwerverletzte Kirmeshelfer, blutend, mit zerschlagenen Gesichtern;

einem ist der Oberschenkel durchstochen.

Die Cliquen von »Fantom« und »Langer« sind Jugendbanden, wie sie - nicht zu verwechseln mit Punks, Skins oder Rockern - mittlerweile in vielen westdeutschen Großstädten anzutreffen sind: wilde Horden, die besonders dann von sich reden machen, wenn sie Rivalitätskämpfe austragen und mit Messern, Fahrradketten, Schlagstöcken aufeinander losgehen. Mitunter wachsen sich die Keilereien zu einer offenen Feldschlacht aus, die stundenlang eine Großstadtpolizei beschäftigt, wie Anfang April in Frankfurt:

Nur mit einem Riesenaufgebot von 31 Einsatzwagen, Hunden und einem Helikopter ließ sich die Massenschlägerei im Stadtteil Hausen beenden, die sich an die 200 junge Burschen geliefert hatten - die »Apfelweinfront« gegen die »Gruppe Hausen«, die »Bornheimer Boys«, die »Griesheim Tigers« und die »Dornbusch Rebels«. Die Aufforderung zur Schlacht erging ganz förmlich, durch einen Aushang in der Schule.

Die amerikanisierten Gruppennamen, aber auch die mit Vorliebe im Kampf geschwungenen Baseballschläger (Marke »Louisville Slugger") weisen auf die Herkunft dieses Typs jugendlicher Zusammenrottung hin. »Streetgangs«, Straßenbanden, sind ein Produkt amerikanischer Slums.

Zuerst tauchten sie in New York auf, in den fünfziger Jahren. Die jugendlichen Gang-ster, die farbenfrohe Jacken als Gruppenkennzeichen trugen, steckten triste Häuserblocks wie Hoheitsgebiete ab, die es gegen rivalisierende Gangs zu verteidigen galt. »Rumbles« nannten sie ihre Kämpfe um Führungsansprüche und Mädchen - blutige Auseinandersetzungen, die sich nur in der »West Side Story«, im Musical, unterhaltsam ausnehmen.

Auch den westdeutschen Nachahmern ist die Kluft wichtig, die sie »colors« nennen wie die Boys in den USA. Eine geklaute Weste war der einzige Grund für die Schlägerei von Frankfurt. Ob Jeanswesten, grüne Bomberjacken oder bunte Blousons - Kleider machen auch bei Straßenbanden Leute, erst recht, wenn Spitznamen, Initialen, Wohnorte und Gruppenbezeichnung aufgestickt sind, letztere nicht mehr ganz so groß, seit die Polizei ein Auge darauf hat: »Champs«, »Virus-Bomber«, »Black Rebels« oder »Atomic Dukes«.

Gleich den amerikanischen Gangs sind auch die westdeutschen Gruppen bodenständig, wovon gelegentlich, so bei den »Dornbusch Rebels«, der Name zeugt. Die Straße im Kiez, der Wohnblock hinterm Güterbahnhof, die Sozialsilos in der Vorstadt haben sie geprägt - nun reklamieren sie ihr Revier, das mitunter einen ganzen Stadtteil umfaßt. Die Hamburger »Champs« beanspruchen Wilhelmsburg und Bergedorf, die »United Brothers« Altona. Um die Vorherrschaft in Hamburg-Barmbek schlugen sich bei einer verabredeten Keilerei »Mods«, »Bomber« und »Warriors«, insgesamt mehr als hundert Bolzer. Sechzig kassierte die Polizei ein.

Und wie es in New York einst die Gettos der Schwarzen und Puertoricaner waren, die den Nährboden für die Bandenbildung abgaben, so sind es in der Bundesrepublik von heute die Großstadtviertel, wo sich Arbeitslose und Gastarbeiter ballen. Fast alle Straßenbanden haben junge Türken und/oder Griechen, Jugoslawen, Portugiesen als Mitglieder; viele Gangs werden von Ausländern dominiert.

Die Gang-Mitglieder kennen sich in der Regel von klein auf, stammen beispielsweise nahezu allesamt aus dem Frankfurter Gallusviertel, wo, wie der Sozialarbeiter Hansi Herzog zu berichten weiß, in der 7. Klasse der Hauptschule von 21 Schülern nur noch zwei Deutsche sind, im letzten Jahr von 23 Schulabgängern nur vier eine Lehrstelle bekamen. Exakt dieses Viertel ist heute Territorium der »Atomic Dukes«.

Es sind Kinder, die zwischen zwei Kulturen geraten sind und nun doppelt unter Druck stehen. Viele haben Geborgenheit nie erfahren, ewig Zu-kurz-Gekommene, die sich auf ihrer Suche nach Anerkennung und Zuwendung an die Klischees der Aufsteigergesellschaft klammern. »Jedem seine Wünsche«, sagt ein »Duke« auf hessisch, »sind das Geld, schöne Wagen, Wohnung, alles.«

Es ist kein Zufall, daß in Hamburg - neben Frankfurt Trendsetter im Bandenwesen - die mittlerweile in der Szene legendären, zeitweilig weit über 100 Mann starken »Streetboys« den stärksten Zulauf auf St. Pauli hatten: Da konnten die jungen Türken, Griechen _(Mit sichergestellter ) _(Streetgang-Ausrüstung. )

und Jugoslawen sehen, wie man sich im Kiez-Milieu aus der Gosse nach oben boxen und es zum gutbetuchten Luden samt Maserati bringen kann.

Gegenwärtig überblickt das Hamburger Fachkommissariat »Straftaten junger Gewalttäter« etwa 20 Gang-Gruppierungen, die den »Streetboys« nacheifern, darunter zeitweilig auch Mädchen-Prügelgruppen wie die »Karo-Cats«, »Destroyer-Sisters« oder »Play-Girls«, manche bis zu 30 Leute stark.

Den harten Gang-Kern beziffert Kriminalhauptkommissar und Streetgang-Experte Hans Jürgen Wolter, bis vor kurzem Leiter des Fachdezernats, heute mit 300 Jugendlichen. In einer »Kartei junger Gewalttäter« sind Bilder und Daten von 2500 Jugendlichen gesammelt, die zum Umfeld der Straßenbanden gerechnet werden.

In Frankfurt zählt der Leiter der Arbeitsgruppe »Jugendspezifische Gruppenkriminalität«, Kriminaloberkommissar Ulrich Paul Thiele, inzwischen rund 30 Banden: Gruppen wie die »Bornheimer« (20 Mann, grüne Bomberjacken, Treffpunkt Postbriefkasten an der Preungesheimer Straße) oder wie die zwölf- bis sechzehnjährigen »Texaner«, die sich nach ihrem Stammplatz, einer Texaco-Tankstelle, benannten. »Rund 300 Mann«, schätzt Kriminalist Thiele, »haben sich bisher so formiert. Und wenn''s darauf ankommt, bringen die noch jede Menge Mitlaufer auf die Beine.«

Aber auch andernorts regen sich die Gangs. In Monheim-Baumberg sorgten die »Bomber« aus dem benachbarten Düsseldorf-Garath für Zoff. 50 Mann, aber auch einige Mädchen, die sich von ihrem Treffpunkt an einer Pommesbude kannten, stürmten das Jugendzentrum mit dem Schlachtruf: »Wir nehmen den ganzen Laden auseinander.« Daß es nicht ganz so weit kam, konnte nur ein Großeinsatz der Polizei mit Hunden verhindern.

In München sind 20 Gruppen auf Trab, »Destroyers« aus Milbertshofen, »Warriors« aus München-Nord oder die »Wild Tigers«, Treffpunkt Hohenzollernstraße. Anfang August bekämpften sich die »Haie der Großstadt« und die »Black Demons«. Einem 16jährigen fuhr dabei ein Dolch in die Brust, dicht unters Herz. In Berlin, zwischen Mehringplatz und Kottbusser Tor, schlagen sich »Skorpions« und »Phantoms« mit den türkischen »Simsekler« (Blitze).

Selbst im betulichen Würzburg rotten sich Straßenkids zusammen. Auch sie tragen, wie die »Black Jack''s« vom Hochhausviertel Heuchelhof oder die »Ghouls« aus der als »Glasscherbenviertel« verrufenen Zellerau, einheitliche Jacken aus Satin und Baseballschläger.

Massenschlägereien wie in Hamburg oder Frankfurt hat es in der Bischofsstadt noch nicht gegeben. Aber immerhin hat »Lächler«, 16, von den »Black Jack''s« vor versammelter Mannschaft den Anführer der »Mad Boys« krankenhausreif geschlagen, weil der die Heuchelhofer »Memmen« genannt hatte.

Ein paar tausend Jugendliche mögen es sein, zu zählen sind sie nicht, die sich in der Bundesrepublik zu Gangs zusammengeschlossen haben. Ihr Mitglieder-Bestand fluktuiert stark, Gang-Chefs amtieren mal nur zwei Wochen, mal ein Jahr. Sie sind eine Minderheit wie viele andere Minderheiten in der vielfältig fraktionierten Jugendszene. Nur unterscheiden sie sich auf höchst bemerkenswerte Weise von den anderen: Es zieht sie nicht mit Protest oder Null-Bock aus der Gesellschaft heraus, sie suchen auf aggressive Weise Anschluß.

Sie wollen sich holen, was ihnen die Wohlstandsgesellschaft vorenthält. Anders als Punks, die sich zerrissen kleiden, struppig frisieren und schockieren wollen, sind Straßengangs leistungsorientiert, auf Geld oder auch auf flotte Kleidung aus. Anders als die Anarchos, die sich mitunter »Streetfighter« nennen und dem verhaßten System einheizen wollen, kämpfen Straßengangs gegen ihresgleichen - oder gegen jedermann, der ihnen in die Quere kommt.

Wie die kahlköpfigen Skinheads, die in Knobelbechern für Hitler schwärmen, ziehen Straßengangs zwar gelegentlich auch als Dresch-Flegel durch die Stadt, aber Politik interessiert sie nicht, und Neonazismus ist ihnen schon deshalb zuwider, weil viele von ihnen Ausländer sind und selbst die Attacken der Jungnazis zu spüren bekommen.

Witzige Sprüche, die den Spontis zu literarischem Ruhm verholfen haben, fallen ihnen schon deshalb nicht ein, weil sie es schwer haben, sich zu artikulieren. Statt Ideologie heften sie sich Merkmale gestylter Kultur an wie Freizeitdreß und Sportlichkeit. Sie kritisieren die Konsumgesellschaft ja auch nicht, sie haben sie verinnerlicht. »Destroyer«-Mitglied Django: »Ich leb'' in mein Leben rein. Hauptsache genug Geld, zu essen, gute Kleidung.«

Sozialarbeiter warnen mit Recht davor, jede Gruppe gleich als kriminelle Vereinigung zu stigmatisieren. Daß etliche aber über Zuhälterei und einschlägige kriminelle Praktiken von schräg unten in die Wohlstandsgesellschaft einsteigen werden, ist offenkundig, mancherorts auch schon zu beobachten. »Wenn man sich erst mal ''nen Haufen Kohle verdient«, weiß ein Streetboy, »fragt doch keiner mehr, wo das herkommt.«

In Amerika sind aus den wilden Gangs der fünfziger Jahre, die sich noch zu Selbstschutzorganisationen unterprivilegierter Gruppen verklären ließen, mittlerweile mafiaähnliche Banden geworden, ausgerüstet mit Pistolen, Schrotgewehren und auch schon Handgranaten. Die Gangs, laut »Time«-Magazin inzwischen »besser bewaffnet und unempfindlich gegenüber dem Blut, das sie vergießen«, verfügen zum Teil sogar über Killerkommandos, »gestapo-squads«.

In den Slums von New York allein gibt es heute über 100 dieser Streetgangs. Manche zählen bis zu 1000 in »Bataillone« und »Divisionen« eingeteilte Kinder und Jugendliche, die, wie bei den »Spanish Cobras« in Chicago, als Aufnahmeprüfung schon mal auf offener Straße einen Fremden niederschießen müssen,

oder, wie zwei Mitglieder der »Latin Disciples«, 16 und 17 Jahre alt, mal eben zwei Arbeiter abknallen, weil die ihnen einen Parkplatz streitig gemacht hatten.

Untereinander führen die Terroreinheiten wie »Black Killers«, »Wild Skuls«, »Ghetto Brothers« und die »Muds« ("Die Dreckigen") regelrecht Krieg. Denn jeder neugewonnene Straßenblock bringt mehr Profit aus Drogenhandel, mehr Opfer für Raub und Erpressung. Die Gruppe »Young Assassinators« vom New Yorker Sunset Park organisierte in nur einem Jahr aus benachbarten Geschäften und Firmen Waren im Werte von zwei Millionen Dollar.

In Deutschland wurden die amerikanischen Verhältnisse, verharmlost und verherrlicht, erst Anfang der 80er Jahre durch gleich eine ganze Reihe von Gang-Filmen bekannt. Den Mythos von der Truppe, die sich durch die Straße schlagen muß, förderten dabei besonders zwei Kinostücke, die in der Szene schnell zu Kultfilmen avancierten: »The Wanderers« und »The Warriors«. Während die »Wanderer« sich, in den 60er Jahren, ihrer Rivalen fast sportlich erwehrten, sind die »Krieger« hartgesottene Slumkinder der 70er, die nichts zu verlieren haben. Acht Jungens mit ärmellosen Lederwesten auf nackter Haut, jeder eine Kampfmaschine, schlagen sich mit Baseballschlägern durch die nächtliche Stadt, gehetzt von allen anderen Gangs.

Das »von Gewalt und Gesetzlosigkeit regierte Szenarium« (Verleihfirma) wirkte über die Kinosäle hinaus. Innerhalb einer Woche nach der US-Uraufführung des Films gab es in den Staaten unmittelbar nach den Vorstellungen drei Tote, etliche Schwerverletzte, Schlägereien en masse und Gewaltakte gegen Passanten. Einige Kinos zogen den Film zurück, den übrigen postierte der Verleih gratis Wachpersonal in den Saal.

»Dieser Film«, erzählt die Sozialarbeiterin Marina Tenge vom Stadtteilzentrum »Motte« in Hamburg-Altona über die Reaktion deutscher Jugendlicher, »war der Tropfen in den vollen Krug, damit hat es angefangen. Die Jungs haben sich gedacht, jetzt können wir auch mal den Stadtteil regieren, und die haben dann hier wirklich Terror ausgeübt.« Fast gleichzeitig gründeten sich in Frankfurt, Hamburg und München Gruppen gleichen Namens: »The Warriors«.

Ganz nach amerikanischem Vorbild ziehen die Cliquen seither durch die Straßen und »terrorisieren andere Jugendliche, zufällig angetroffene Mitbürger und Lokalinhaber« (Hamburger Polizeibericht). »Die Brutalität«, sagt der Hamburger Kripo-Mann Wolter, »die von solchen Gemeinschaften ausgeht, ist angewachsen« - und sie richtet sich seit geraumer Zeit nicht mehr nur gegen die jugendlichen Rivalen. »Weil das Taschengeld ohnehin nicht ausreicht«, so Wolter, »gehen sie auf Raubzug.«

In Köln zogen »Bomberjacken-Banden« in mehreren Stadtteilen »randalierend durch die Straßen, demolierten Geschäfte, schlugen Passanten zusammen und raubten sie aus. Sie stoppten Straßenbahnen, verprügelten Fahrgäste, dann zerstörten sie die Inneneinrichtungen der Bahnen« ("Kölner Stadt-Anzeiger"). In Frankfurt zündeten Mitglieder der »Bornheimer« nur mal so »Bonzen-Autos« an. In Aachen traktierten die »Homicides« ("Totschläger") »Straßenpassanten in übelster Weise« (Polizeibericht).

Im Berliner Jugendzentrum »Villa Kreuzberg« blieben die Stammbesucher aus, nachdem sie bei Gang-Überfällen immer wieder bedroht und geschlagen worden waren. Das Jugendfreizeitheim Mehringplatz wurde aus ähnlichen Gründen gleich dichtgemacht. Auf Hamburgs Reeperbahn machten sich 60 »Streetboys« über eine Boutique her. Sie stahlen Fliegerjacken und raubten im Nachbargeschäft

mehrere Pakete mit langen Küchen- und Schlachtermessern.

In der Hamburger Betonbau-Siedlung Mümmelmannsberg mußte Mitte Mai die Geschäftsführung der Kaffeehandelsfirma Java ihre Filiale aufgeben. »27 Einbrüche in vier Monaten«, teilte sie per Aushang im Schaufenster mit, »kann kein Einzelhandelsunternehmen hinnehmen.« Zugeschlagen hatten Typen wie der 18 Jahre alte Stefan, Mitglied der »Warriors«, der allein viermal bei Einbrüchen in das Kaffeegeschäft geschnappt wurde.

Aus Jux und Tollerei stürmten in München nachts um drei 40 »Riffs« aus Neuperlach, »Thunderbirds« und »Wolpertinger« aus Garching das Isar-Grillfest eines Bowling-Klubs. Mit Vierkanthölzern, Baseballschlägern und Gaspistolen malträtierten sie die überraschten Picknicker, trieben sie, lebensgefährlich, in die reißende Hochwasser-Isar und demolierten ihre Autos. Der zwanzigköpfigen »Strommast-Gang« in Hamburg-Billstedt, so benannt nach ihrem Treffpunkt, rechnet die Polizei mindestens 547 Straftaten zu. Mitglieder raubten und stahlen Bargeld, Radiogeräte, Photoapparate, Alkoholika, Zigaretten und Lebensmittel. Ein Polizeibeamter: »Die sind für alles gut.«

Solche Kriminalstücke verlieren sich normalerweise in den örtlichen Polizeiberichten. Aufgelistet aus diversen Städten über einen Zeitraum von mehreren Monaten, lassen sie das Gewaltprofil der Gangs markanter erscheinen, als es sich kriminalstatistisch konturiert. Aber der Trend ist eindeutig: Die typische Bandenaktivität schlägt immer häufiger um in gewöhnliche Straftaten - wiederum der Nachvollzug der amerikanischen Entwicklung.

»Früher«, so der Münchner Knut Nielsen, Leiter des Referats Straßen-Sozialarbeit, »gab es noch einen ganz klaren Ehrenkodex, wie man miteinander umgeht, auch bei den Rockern. Heute haben viele Jugendliche überhaupt kein Verhältnis mehr zu dem, was sie tun und was sie damit bewirken.«

Warum das so ist, ist auch im Mutterland der Gangs nicht hinreichend geklärt. Erhellende aktuelle amerikanische Studien existieren nicht, generelle Einschätzungen haben Sowohl-als-auch-Charakter. »Für Liberale«, so konstatiert der Harvard-Forscher Walter B. Miller, »werden die Verbrechen durch orientierungslose Jugendliche begangen, die sich konfrontiert sehen mit Arbeitslosigkeit, Diskriminierung und Armut.« Konservative Politiker und Wissenschaftler wiederum machten einen »Verfall der moralischen Werte« ebenso wie die »ansteigende Vernachlässigung durch Eltern und Schule« für die vermehrten Gang-Gründungen verantwortlich.

In der Bundesrepublik haben sich Wissenschaftler mit dem Phänomen »so gut wie gar nicht beschäftigt«, wie der Kriminologe Günther Kaiser, Direktor des Freiburger Max-Planck-Instituts für Ausländisches und Internationales Strafrecht, einräumt. »Wir waren bis vor kurzem definitiv der Meinung«, so Hans-Jürgen Kerner, Direktor des Instituts für Kriminologie der Universität Heidelberg, »daß es bei uns keine Streetgangs gibt, weil die Gettoisierung und Proletarisierung in der Bundesrepublik noch nicht so weit ausgeufert ist wie in Amerika.«

Die aggressiven Gruppen haben bisher denn auch nur die Aufmerksamkeit derer erregt, die tagtäglich handgreiflich mit ihnen zu tun bekommen - Sozialarbeiter, wie der Frankfurter Hansi Herzog, der im Gallusviertel die »Atomic Dukes« betreut, Polizeibeamte, wie der Kriminale vom Hamburger Fachkommissariat »Straftaten junger Gewalttäter«, denen die »Destroyers« jede Menge Arbeit machen, oder Pfarrer, wie der Essener Jugendheimleiter Pater Franz-Ulrich Otto, der versucht, »''Fantom'' vor dem totalen Versacken zu bewahren«.

Daß sich, wie die Hamburger Polizei ermittelte, Straßenbanden »überwiegend aus ''milieugeschädigten'' Mitgliedern zusammensetzen, die unter zahlreichen persönlichen und sozialen Nachteilen zu leiden hatten«, ist gewiß. Und wie alle Jugendbewegungen - Halbstarke, Beatniks, Hippies, Provos, Gammler, Rocker, Punks - ein Abstrich gesellschaftlicher Prozesse sind, so sind auch die Gangs mit ihrer Brutalität und Kriminalität ein Abbild der Verhältnisse.

Lehrstellenmangel, Arbeitslosigkeit, Ausländer-Dilemma und familiäres Elend bündeln sich zu einem mächtigen

Haufen von Problemen. Auf ihn einzudreschen, am liebsten mit dem Baseballschläger, schafft wenigstens vorübergehend Luft.

Jugendliche, heißt es in einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Urbanistik in Berlin über Vandalismus in den Städten, »drücken durch aggressives, beschädigendes Verhalten ihre Identitätskrise, ihre Ängste, ihre Orientierungslosigkeit aus. Das Kaputtmachen entlastet, das starke Auftreten in Gruppen verschafft Befriedigung« - »trügerisch und für kurze Dauer«.

Jede Wunde, die vernarbt, jede Straßenschlacht und jeder Raubzug, jede Strafe, die von der Justiz aufgebrummt wird, erhöhen erst einmal den Zusammenhalt der Gang wie, in der Folge, das Selbstbewußtsein der einzelnen Bandenmitglieder.

Am Anfang sind die meisten Gangs so etwas wie Solidargemeinschaften, eine Art selbstgefertigtes Auffangbecken für ausländische und einheimische Jugendliche, die ihre Gruppe als ihre Familie ansehen - mit entsprechender Rollenverteilung.

Da gibt es den »Kopf«, der als Präsident demokratisch legitimiert ist. Er muß nicht der Stärkste sein, aber tapfer und raffiniert. »Tausend Volt im Arm bringen nix«, weiß »Fantom«, »wenn im Kopf keine Birne angeht.«

Die Anführer-Befehle sind verbindlich, dafür stehen Chefs wie »Fantom« auch immer für die Gruppe ein: »Wenn einer Ärger hat, ich bin da.« Als Boß, sagt Türgay von den »Champs«, müsse man den Jungs was bieten, »die fühlen sich doch alle beschissen«. Und jede Gruppe hat auch ihre Schläger, die bei allen Auseinandersetzungen nach vorne geschickt werden, und »Vermittler«, die Streit innerhalb der Gang schlichten.

Die Tracht eines Klubs kann mehr auf sportlich oder auf hart männlich ausgerichtet sein. Zur Begrüßung krallen »Champs« beim Handschlag die Finger ineinander, »Troopers« umarmen sich. Beim Gang auf den Straßen gibt man sich tänzelnd und akrobatisch. »So richtig lässig und cool muß das aussehen«, schwärmt »Golo« von den Würzburger »Shadows«, das sei dann ein »echt gutes Gefühl«.

Ihr Minderwertigkeitsgefühl verlieren die Jugendlichen in demselben Maße, wie sie Stärke verspüren. »In U-Bahnhöfen und Einkaufszentren haben sie sich zusammengehockt«, berichtet der Hamburger Jugendheimleiter Edgar Lamotte, »und da kam das ''Aha''-Erlebnis: Sie spürten, daß die Leute Angst bekamen und angstbedingten Respekt, wenn sie sich auf der Straße zeigten.«

Wie der 18jährige Adnan, der jeden Tag bei der Bahn die »Dreckarbeit« machen muß, leben die Jugendlichen in den Gruppen auf: »Wenn wir mit unseren Jacken durch die Straßen ziehen und die anderen haben Schiß vor uns, das ist toll, da sind wir stolz drauf!«

Mit Mutproben, daß man ein Fahrrad klaut, Passanten anmacht und »Bullen ärgert«, beginnt die Gruppenkarriere. Ihren Höhepunkt erreicht sie, wenn einer solche Sprüche macht - und sie ernst meint: »Man muß die Leute richtig kaputtmachen, ihnen die Knie zerprügeln oder ein Messer irgendwo reinjagen. Man muß ja einen Namen kriegen.«

Den Konformitätsdruck bekommen die Jüngsten besonders zu spüren. Der elfjährige Björn, der mit seinen drei älteren Geschwistern bei der berufstätigen Mutter lebt, hat denn auch bei den »Dragons« »die größte Schnauze«. Anführer Adnan: »Auf der Straße macht der jeden an.« Daß er schon dreimal bei der Polizei vorgeladen war und seine Mutter ihm den Kontakt zur Gruppe verboten hat, stört Björn »echt nicht«.

Den Türken Mucki, seit neun Jahren in der Bundesrepublik, früher ein »Silver Boy« und heute ein »United Brother«, auch nicht. Der Vater ist arbeitslos, die Mutter Putzfrau, und von seinen sieben Geschwistern wohnen vier noch zu Hause, alle in einem Zimmer. Muckis kriminelle Laufbahn begann mit kleinen Diebstählen. »Als meine Mutter das erfuhr, hat sie mich nackt auf die Straße getrieben. Beim nächstenmal hat mich mein Vater drei Tage in den Keller gesperrt, hochgehoben und gegen die Wand geschmissen.«

Heute ist Mucki stolz, einer der erfolgreichsten jugendlichen Mehrfachtäter Hamburgs zu sein, prahlt mit einer Cartier-Uhr und einer goldenen Halskette. »In der Gang sind wir überall in Deutschland spaziert und haben Geld geklaut; über mich gibt es so viele Akten, daß sie gar nicht mehr in einen Raum passen.«

Mucki ist klein und erst 14 Jahre alt, und wenn er mit seinem Klappmesser spielt, gibt er gern die wildesten Phantasien von sich: »Erst mal«, erzählt er, »fahr'' ich mit meinem Vater im Urlaub in die Türkei, dort klau'' ich ihm den Wagen, hole meine Freunde zusammen, und wir fahren zurück. In Hamburg rufe ich die Nutten, und wenn das nicht klappt, verkauf'' ich Heroin.«

Einige Hamburger Gangs holen sich mittlerweile ganz gezielt Kinder in die Bande, die als »Ernährer« anschaffen geschickt werden. Als 12- oder 13jährige können sie für ihre Straftaten gerichtlich nicht belangt werden. Ein »Ernährer« der »Champs« erzählt, wie das gemacht wird: »Das war ganz einfach. Da gibt''s bei Karstadt eine Zentralkasse, da holt man eine kleine Pistole raus und sagt: Geld her, oder ich schieße.« Gute »Ernährer« machen 20 000 Mark im Monat.

Mädchen sind gelegentlich auch mit dabei, in vorderster Front. Die meisten waren zuvor Anhang der Jungen und

wanderten, wie Kriminalhauptkommissar Wolter beobachtete, »als Lustobjekt von einem zum andern«. Unzufrieden mit ihrer Groupierolle ("Für die Jungs sind wir sowieso nur ein Stück Dreck") zogen sie dann als »Sisters« los. »Destroyer-Sister« Richy: »Wir haben dummen Weibern auf den Kopf gehauen, so Popper-Weibern, so Skin-Weibern, die alle asozial sind.«

Von den Jungs abgeguckt hatten sie sich auch, wie man richtig kämpft. Richy: »Mit dem Knie ins Gesicht oder in den Magen, wenn''s ein Junge ist, auch in die Eier.« Die 17jährige - zierlicher Typ, nur leicht geschminkt, lange Wimpern, kurzes, blondes Haar - hat schon abgeschürfte und vernarbte Handflächen vom Zuschlagen.

Ihre Biographie könnte aus dem Lehrbuch der Sozialarbeit stammen: Den Vater nie gekannt, die Mutter Alkoholikerin (abends gab es regelmäßig Schläge), geht sie mit 14 freiwillig ins Heim. Eine Lehre als Friseuse ("Da mußte ich nur alte Omas frisieren") bricht sie ab. Nach dem Heim bezahlte das Jugendamt eine eigene Wohnung: »Da habe ich gedacht, ich kann jetzt alles machen und habe alles hingeschmissen. Aber ich brauche jemand, der mir sagt: Du machst das und das.«

Die »Sisters« haben sich mittlerweile aufgelöst, weil ihre »Destroyer«-Freunde Gefallen an der Reeperbahn fanden: »Die sind immer mit Geld heimgekommen, Raubüberfälle, Einbrüche mit Klamotten, und das hat richtig Spaß gemacht« - weil die Typen aber auch »fremdgegangen« sind, zerbrachen viele Beziehungen. Jetzt haben die »Sisters« nur noch eine Rechnung offen. »Es geht um Rache.« Die »Wild Cats« nämlich seien »Schlampen mit Stöckelschuhen, Feiglinge«.

Auch die frühen »Streetboys« haben sich inzwischen überlebt - ihre Mitglieder sind entweder im Kiez-Geschäft oder im Gefängnis; etliche andere Gruppen der ersten Kämpfe wie die »Bornheimer« in Frankfurt haben sich, zumindest offiziell, aufgelöst - mit ihrem Vorstrafenregister aus den Aktionen des letzten Jahres haben sie Angst vor dem Richter.

Aber schon rücken im Umfeld der prominenten Gangs Kindergruppen und Nacheiferer wie die »Streetboys Junior« auf, die auch gerne »ein Ding drehen« wollen. »Die wissen aber noch nicht«, so die Erfahrung des »Chinesen«, 17, »daß nur die erste Zeit die beste ist. Die kleinen ''City-boys'' jetzt, die 10jährigen, ziehen sich genauso an wie wir und machen auf der Straße jeden an. Die denken, Schlägerei ist toll. Aber später bekommt jeder Ärger, und es wird immer schlimmer.«

Mit sichergestellter Streetgang-Ausrüstung.

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