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»Wir reißen uns die Beine aus«

aus DER SPIEGEL 14/1995

SPIEGEL: In den vergangenen Wochen wurden in vielen deutschen Städten türkische Geschäfte und Einrichtungen attackiert, vermutlich von militanten Kurden. Der türkische Botschafter wirft der Bundesrepublik vor, die Polizei schütze seine Landsleute nicht gut genug. Lassen Sie die Türken im Stich?

Saberschinsky: Wir tun für die türkischen Mitbürger genausoviel wie für Angehörige anderer Nationalitäten oder die Deutschen. Wir reißen uns hier die Beine aus, um der Dinge Herr zu werden. In Berlin leben rund 150 000 türkische Staatsangehörige, und in den vergangenen fünf Wochen hatten wir acht Anschläge auf sie. Das ist noch glimpflich abgegangen, verglichen mit dem, was in anderen Bundesländern passierte.

SPIEGEL: Wie schützen Sie die rund 4000 türkischen Geschäfte und Institutionen in Berlin?

Saberschinsky: Wir können nicht jede Bank, jedes Reisebüro und jeden Gemüseladen bewachen. Rund um die Uhr haben wir in ganz Berlin durchschnittlich 1800 Polizeibeamte im Dienst, die besonders auf diese Gefährdung achten. Zusätzlich kümmern sich nachts etwa 500 Mitarbeiter um gefährdete Objekte, mal in Uniform, mal in Zivil.

SPIEGEL: Gleichwohl fordern auch türkische Verbände mehr Polizeipräsenz.

Saberschinsky: Das ist nicht zu leisten, ohne daß anderswo Sicherheitsdefizite entstünden, und würde auch nicht mehr Sicherheit bringen. Absoluten Schutz kann die Polizei ohnehin nicht garantieren. Selbst mir wurde neulich das Auto geklaut; niemand ist vor Straftaten gefeit, aber man kann sich auch selbst schützen. Wir beraten deshalb die türkischen Geschäftsleute schon seit Jahren und sagen ihnen, was sie tun können.

SPIEGEL: Sollen sich alle, die sich bedroht fühlen, eine Waffe zulegen?

Saberschinsky: Keinesfalls! Wenn rivalisierende Gruppen sich bewaffnen, drohen gewalttätige Konfrontationen. Selbstbewaffnung nutzt nur denjenigen, die das Chaos wollen. Wir reden mit den Türken ausschließlich über passiven Selbstschutz. Jeder Geschäftsmann sollte sich beispielsweise überlegen, ob er nicht eine Jalousie oder eine Fensterscheibe anbringen läßt, durch die man keinen Molotowcocktail werfen kann.

SPIEGEL: Warum haben Sie noch keinen der Täter gefaßt?

Saberschinsky: Diesen Herrschaften in einer Millionenstadt beweissicher auf die Schliche zu kommen, ist ziemlich schwierig. Die schlagen meist planmäßig zu und sind dann blitzschnell wieder weg, ohne auswertbare Spuren zu hinterlassen. Aber alle können davon ausgehen, daß wir in Berlin wissen, wo die Glocken hängen, wer die Anschläge organisiert. Wir werden bald Ermittlungserfolge präsentieren können.

SPIEGEL: Rechnen Sie mit weiteren Attentaten?

Saberschinsky: Auf diese Möglichkeit richten wir uns ein. Aus polizeilicher Sicht ist es nicht besonders hilfreich, daß die Türkei 35 000 Soldaten in den Irak geschickt hat, um die Kurden zu bekämpfen. Das verschärft die Situation in Deutschland erheblich. Y

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