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Artikel 39 / 70

SPIEGEL Gespräch »Wir schwammen im Meer der Revolution«

aus DER SPIEGEL 29/1976

SPIEGEL: Herr Major, vor einem Jahr waren Sie einer der mächtigsten Männer jener portugiesischen Revolution, die mit dem Militärputsch vom 25. April 1974 begann. Heute sind Sie einer von drei geschlagenen Präsidentschaftskandidaten. Ist es mit dem revolutionären Geist in Portugal zu Ende?

CARVALHO: Mit dem revolutionären Geist ist es nicht zu Ende. Was man daraus sieht, daß mir die Politiker alle nicht mehr als fünf Prozent der Stimmen vorhergesagt hatten. Die Tatsache, daß ich mit einem revolutionären politischen Programm in die Wahlen ging und über 17 Prozent der Stimmen erhielt, zeigt, daß es den revolutionären Geist noch gibt. Hunderttausende glauben weiterhin an ihn.

SPIEGEL: Aber wenn der Mann, der noch vor einem Jahr in gewissem Sinn die Revolution symbolisierte, heute mit 17 Prozent Stimmen zufrieden sein muß, so heißt das doch wohl, daß die große Mehrheit der Portugiesen von der Revolution enttäuscht ist.

CARVALHO: Mag sein, daß es eine gewisse Ernüchterung gibt. Aber man muß auch bedenken, daß wir -- das heißt, die Bewegung der Streitkräfte MFA -- noch gar nicht in der Lage waren, eine revolutionäre Politik konkret zu definieren, denn unsere Revolution ist ja erst zwei Jahre alt. Außerdem: Die große Masse der armen Bauern etwa, die nördlich des Tejo lebt, hatte absolut keinen Nutzen von der Revolution, weil die Führer dieser Revolution nicht fähig waren, die Bedürfnisse und Wünsche dieser Massen zu befriedigen. So hatten es die reaktionären Rechten und Konservativen leicht. der großen Masse der Bevölkerung die Idee zu verkaufen, daß die Revolution zu nichts nutze sei.

SPIEGEL: Sie sind mit dem Kampfruf »Alle Macht dem Volk« für eine sozialistische Revolution angetreten, und herausgekommen ist eine bürgerliche Demokratie, in der die Konservativen noch eine wichtige Rolle spielen. Sind die Portugiesen also nicht so links, wie Sie dachten?

CARVALHO: Die konservativen Kräfte hatten eine jahrzehntelange politische Praxis, welche die revolutionären Kräfte sich erst mit dem 25. April 1974 aneignen konnten. So konnten die konservativen Kräfte mit ihrer jahrelangen Übung die Leute des alten Regimes schon bald wieder in jene Positionen bringen, die vorübergehend von den Männern des 25. April eingenommen worden waren.

SPIEGEL: Hat die Linke an dieser Entwicklung nicht selbst schuld, weil sie gleich ein so weitreichendes politisches Experiment wagte?

CARVALHO: Das glauben wir nicht. Denn von dem Augenblick an, da es die MFA als neue politische Kraft gab, waren die Waffen ja sozusagen auf der Seite des Volkes ...

SPIEGEL: ... was das Volk aber offenbar anders sah. Was hat die Linke denn nun eigentlich falsch gemacht?

CARVALHO: Wir glaubten, man könnte die Umwandlung der kapitalistischen Gesellschaft, in der wir lebten, in eine sozialistische in sehr viel kürzerer Zeit bewerkstelligen. Aber in unserer Analyse steckte ein Fehler: Sehr rasch nämlich zogen sich viele MFA-Leute, erschreckt von der revolutionären Kraft des Volkes, zurück, die sich zuerst verbal zur Idee einer sozialistischen Gesellschaft bekannt hatten. Unsere Streitkräfte sind, sowohl im Offiziers- als auch im Unteroffizierskorps, letztlich richtig konservativ.

SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, es sei praktisch unmöglich, eine sozialistische Revolution ausschließlich mit friedlichen Mitteln zu machen; notfalls müsse man eben die Konterrevolutionäre in die Stierkampfarena stecken. Das hat vielleicht viele verschreckt.

CARVALHO: Ich habe nur einen Wunsch geäußert: Daß wir hoffentlich nicht die Konterrevolutionäre in die Stierkampfarena stecken müßten, bevor sie es mit uns täten. Wenn die Linke tatkräftiger, aktiver, stärker, fester in ihren Überzeugungen gewesen wäre. so wäre nicht alles vergeblich gewesen. Aber wir wußten nicht genau, welchen Kurs wir einschlagen sollten, wir schwammen im aufgewühlten Meer der Revolution.

SPIEGEL: Wissen Sie selbst denn jetzt, wohin Sie wollen?

CARVALHO: Ich ja. Ich glaube weiterhin, daß in unserem Land gute Bedingungen für den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft von der Basis her bestehen. Das heißt, daß das Volk, ausgehend von seinen Basisorganisationen, seine besten Vertreter wählt, so daß Ortsversammlungen, Stadtversammlungen, Distriktversammlungen und so weiter gebildet werden und schließlich eine nationale Volksversammlung. Ich glaube, in ganz Europa wird sich bald schon eine solche Bewe-

* Mit Jutta Fischbeck.

gung bilden, die die parlamentarische Demokratie ablehnt.

SPIEGEL: In mehreren europäischen Ländern scheint allerdings eher eine umgekehrte Entwicklung in Gang gekommen zu sein: Ein großer Teil der Linken -- nämlich etwa die kommunistischen Parteien in Italien, Frankreich oder Spanien -- streben nach Teilhabe an der parlamentarischen Demokratie -- und dies offenbar mit guten Erfolgsaussichten. Ist das nicht realistischer?

CARVALHO: Das finde ich nicht. Ich glaube, daß die kommunistischen Parteien, mögen sie sich auch revolutionär nennen, in Wahrheit nicht revolutionär sind. Sie gleichen sich völlig den übrigen bürgerlichen Parteien an. Um ihre Spitze an die Macht zu bringen, benutzen sie, als selbsternannte Volksvertretung, jedes Mittel. Ich kann die Heuchelei dieser großen, in Wahrheit bürgerlichen Parteien nicht ertragen. Und daher empfinde ich jetzt auch eine gewisse Befriedigung: Meine 17 Prozent Wählerstimmen zeigen, daß ein großer Teil des KP-Wahlvolkes lieber einen revolutionären Ausweg aus der Krise unseres Landes will als die dauernde Aussöhnung und die ewigen Kompromisse der KP mit den anderen bürgerlichen Parteien.

SPIEGEL: Aber über die Hälfte der Portugiesen hat eben nicht für den revolutionären Ausweg gestimmt, sondern für das Konzept der westlichen Demokratie, für das Konzept von Ruhe und Ordnung, das der neue Präsident Ramalho Eanes verkörpert.

CARVALHO: Es muß sich erst noch herausstellen, was es mit der Ruhe und Ordnung, die Ramalho Eanes verkörpert, auf sich hat.

SPIEGEL: Geben Sie denn Ihrer sozialistischen Revolution unter einem Präsidenten Eanes jetzt noch eine Chance?

CARVALHO: Ramalho Eanes hat versichert, daß er sich strikt an diese Verfassung halten will. Und die Verfassung zielt auf die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft in Portugal ab. Wenn also Ramalho Eanes wirklich ein so ehrlicher, aufrechter Mann ist, wie er selbst sagt und wie die anderen bekräftigen, so wird er seine politische Tätigkeit im Sinne einer korrekten Auslegung der Verfassung durchführen, und das ist das Mindeste, was wir von ihm erwarten können.

SPIEGEL: Einer Ihrer Kampfgenossen aus den Anfängen des 25. April hat einmal von Ihnen gesagt, wenn wirklich jemals ein Diktator aus den portugiesischen Streitkräften hervorgehen sollte, so würde das sicher nicht Otelo sein. Könnte Ramalho Eanes das sein?

CARVALHO: Ja. Ramalho Eanes könnte ein Diktator werden, die Bedingungen dafür sind gegeben.

SPIEGEL: Sie haben die in den Parlamentswahlen stärkste Partei, die Sozialistische, einmal »den stärksten Feind auf der Linken« genannt. Warum?

CARVALHO: Die Sozialistische Partei und ebenso die Kommunistische Partei war meiner Meinung nach hauptverantwortlich für den Bruch, das Auseinanderfallen der Bewegung der Streitkräfte.

SPIEGEL: Die Parteien wurden von den Militärs schon von Anfang an gescholten: Sie warfen ihnen vor, sich in persönlichem Ehrgeiz zu verzetteln, ständig zu streiten und auf die Führung des Landes nicht vorbereitet zu sein. Dann aber hat sich erwiesen, daß die Militärs auch nicht besser gerüstet waren.

CARVALHO: Ich würde sagen, wir waren sogar noch schlechter vorbereitet. Während die zivilen Politiker doch wenigstens über theoretische Übung in linkem Gedankengut verfügten, hatten die Militärs des 25. April nicht einmal das. Politiker wie Alvaro Cunhal und Mario Soares hatten, anders als jeder portugiesische Militär, zum Teil ja sogar Praxis im politischen Kampf. Aber die persönlichen Kämpfe und Intrigen zwischen den Parteispitzen unterhöhlten schließlich auch die Streitkräfte. Dabei hatten die Militärs zu Anfang vorgehabt, die politische Macht so schnell wie möglich an die Politiker zu übergeben.

SPIEGEL: Und warum haben sie es nicht getan?

CARVALHO: Weil wir angesichts der Kämpfe, die zwischen den sich bildenden Parteien ausbrachen, sahen, daß das unmöglich wurde. Wir merkten. daß die Parteien, wenn wir ihnen sofort die Macht überlassen hätten, prompt gegeneinander in den Kampf gezogen wären.

SPIEGEL: Das sollen Parteien ja auch, und die Militärs taten es dann ebenfalls. Die Linke marschierte dabei so schnell voran, daß der Rest des Landes nicht mehr folgen konnte.

CARVALHO: Das mag sein. Ich glaube, daß die Linke in der Tat sehr große Fehler gemacht hat. Aber ich möchte da nicht von Schuld sprechen. Denn es gab einen solchen Enthusiasmus auf seiten der Linken. Die Linke wollte alles auf einmal und die Revolution so schnell wie möglich vorantreiben, um eine Rückkehr der Rechten zu vermeiden. Wir lebten in einer gewissen Desorganisation und immer mit einem großen Mangel an politischer Definition.

SPIEGEL: Glauben Sie, daß Sie aus diesen Fehlern gelernt haben?

CARVALHO: Ja, zum Beispiel unter anderem, daß ein ständiges, genaues Studium der Kräfteverhältnisse im Staat nötig gewesen wäre, was wir nie gemacht haben und was zur Folge hatte, daß die Linke letztes Jahr noch triumphierend von gewonnenen Schlachten sprach, obgleich sie schon fast verloren waren.

SPIEGEL: Am 25. November 1975 hat die Linke dann noch einmal versucht, die Schlacht gewaltsam zu gewinnen. Sie selbst sind, wie viele andere Linke im Anschluß an diesen fehlgeschlagenen Putschversuch, verhaftet und später nur provisorisch wieder freigelassen worden. Was genau hat sich am 25. November ereignet?

CARVALHO: Ich glaube nicht, daß irgendeine politische Kraft der Linken irgendeine Schlacht gewaltsam gewinnen wollte. Das war ein Vorwand der Rechten, der benutzt wurde, um deren eigenen Coup zu kaschieren. Man verkündete, daß die Kräfte der Linken dem Land ein totalitäres Regime aufzwingen wollten, was eine reine Erfindung war. Es gab lediglich einen Handstreich der Fallschirmjäger . . .

SPIEGEL: Immerhin.

CARVALHO: ... einen Handstreich, der von der militärischen und folglich auch von der zivilen Rechten dazu benutzt wurde, bereits verlorene Positionen wiederzugewinnen.

SPIEGEL: Rechnen Sie damit, noch einmal verhaftet zu werden, jetzt, wo die Wahlen vorbei sind?

CARVALHO: Ja, die Möglichkeit existiert. Jedenfalls komme ich wieder in den Status der Freiheit unter Auflagen. Als Offizier bin ich meinen militärischen Vorgesetzten untergeben, und wenn sie beschließen, daß ich verhaftet werde, dann werde ich verhaftet.

SPIEGEL: Falls es einen Prozeß gegen Sie und Ihre Mitangeklagten geben sollte, glauben Sie, daß er fair sein wird?

CARVALHO: Bei Militärgerichten -- und ich weiß das, denn ich bin selbst bei mehreren dabeigewesen -- gibt es immer eine größere Neigung zu verurteilen, als freizusprechen. Aber wenn es einen Prozeß gibt, dann werden ich und meine mitangeklagten Kameraden reinen Tisch machen.

SPIEGEL: Das heißt?

CARVALHO: Dies ist die große Möglichkeit, öffentlich die ganze Wahrheit über all diese Vorgänge zu sagen und das riesige Täuschungsmanöver zu enthüllen, mit dem die Linke in Portugal liquidiert und die Rückkehr zum 24. April eingeleitet werden sollte -- wenngleich diesmal unter einem demokratischen Mäntelchen.

SPIEGEL: Und wenn man Sie weiter in Freiheit politisch arbeiten läßt? CARVALHO: Ich bin überzeugt, daß es möglich ist, mit korrekter politischer Arbeit die Einflußzone für eine Demokratie von der Basis weiter zu vergrößern, so daß die 800 000, die jetzt für das von mir vertretene revolutionäre Konzept gestimmt haben, schließlich eine Million, dann anderthalb, dann zwei Millionen werden, und so weiter. Aber ich glaube, daß es große Unruhe auch weiterhin in diesem Land geben wird. Denn hier entwickelt sich ein Klassenkampf, der nicht durch Versöhnung zu beenden ist. Zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern kann es keine Aussöhnung geben. Für mich gibt es nur eine radikale, revolutionäre Lösung.

SPIEGEL: Die Sie notfalls auch mit radikalen Mitteln durchsetzen möchten?

CARVALHO: Die revolutionäre Umwandlung einer Gesellschaft impliziert immer die Anwendung einer gewissen Gewalt. Als ich die Besetzung von Ländereien im Alentejo vorantrieb. wußte ich, daß das Gewalt war. Aber die reaktionäre Rechte, die in den vergangenen zwei Jahren immer über solche Gewalt lamentiert hat, vergißt, daß sie sich über jene Gewalt nicht aufgeregt hat, die die Landbesitzer und Fabrikherren täglich gegen die Arbeiter anwenden: Elendslöhne, schärfste Arbeitsbedingungen, die Weigerungen. Urlaub zu bezahlen, das Exil, die Folter, der Tod ... alles dank eines starken Repressionsapparates des bürgerlichen Staates, der Salazar-Diktatur. Eine ausgebeutete Klasse, die nicht mehr ausgebeutet sein will, reagiert mit Gewalt, um ihre Würde zurückzugewinnen.

SPIEGEL: Herr Major, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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