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»Wir sind an einem toten Punkt«

aus DER SPIEGEL 26/1992

Jacek Kuron, 58, gilt als Kandidat für das Amt des polnischen Regierungschefs, falls Ministerpräsident Waldemar Pawlak scheitert. Kuron gehört der linksliberalen Demokratischen Union an und war Mitbegründer der Solidarnosc.

SPIEGEL: Herr Kuron, Polen hat innerhalb von nur drei Jahren schon den vierten Premierminister. Der letzte mußte nach fünf Monaten aufgeben. Ist das Land unregierbar?

KURON: Nein, selbstverständlich nicht. Wir haben zwar viele Schwierigkeiten, und wir werden noch mehr bekommen, doch das ist nicht nur ein polnisches Problem. Andere frühere Ostblockstaaten wie die Tschechoslowakei haben ähnliche Sorgen. Bislang bildet eigentlich nur Ungarn eine positive Ausnahme.

Es ist nicht gesagt, daß die Wiedervereinigung Deutschlands ein glückliches Ende nehmen wird. Man muß unsere Probleme im Zusammenhang sehen: Der Kommunismus ist zusammengebrochen und damit die gesamte Ordnung in der Welt. Zusammengebrochen ist der Konflikt zwischen zwei Gesellschaftssystemen, zwei Ideologien, der das Handeln und Denken der Menschheit bestimmte. Wir befinden uns sozusagen an einem toten Punkt.

SPIEGEL: Aber die Verhältnisse in Polen sind besonders chaotisch.

KURON: Das scheint mir nicht so. Nirgendwo können sich die Politiker in der für sie neuen Rolle so reibungslos zurechtfinden - wie auch übrigens die Bürger, die immer schneller die Marktwirtschaft lernen. Die Politiker bilden bei uns das schwächste Glied in diesem Wandlungsprozeß, weil sie die größte Verantwortung tragen. Brutal gesagt: Wir beginnen, wegen unserer Arbeitsüberlastung zu verdummen. Allerdings bin ich überzeugt, daß eine Verständigung der Parteien noch in diesem Parlament möglich ist. Sie soll erlauben, endlich eine stabile Regierung für zwei Jahre zu bilden.

SPIEGEL: Die Parteien sind aber seit Monaten unfähig zu einer Einigung.

KURON: Besser sie tun es spät als gar nicht.

SPIEGEL: Was halten Sie von Neuwahlen?

KURON: Das ist die schlimmere Variante, aber immerhin ist sie ein Ausweg.

SPIEGEL: Die unklaren Mehrheitsverhältnisse dürften sich kaum ändern, wenn es keine Sperrklausel gibt. Derzeit haben sie 29 Parteien im Parlament.

KURON: Das Parlament wird in Kürze eine neue Wahlordnung mit Sperrklausel verabschieden.

SPIEGEL: Mit Waldemar Pawlak ist zum erstenmal nach der Wende ein Politiker zum Premier ernannt worden, der kein Solidarnosc-Mann ist und dessen Partei am Runden Tisch auf der anderen Seite saß. Ist dies das endgültige Ende der Solidarnosc?

KURON: Es ist zweifellos richtig: Die Politiker der Solidarnosc haben die selbstgestellte Prüfung erst einmal nicht bestanden. Pawlak repräsentiert allerdings nicht die alte Blockpartei, sondern die erneuerte Bauernpartei. Ich erinnere mich an ihn im Sejm als einen sehr jungen Mann, der unzufrieden mit den PSL-Strukturen und der Tatsache war, daß seine Gruppe als KP-Satellit umherschwebte. Es gibt in Polen nun mal keinen Mann der Vorsehung, es kann ihn nicht geben. Wir haben sehr viele fähige Leute, deren Wissen wir ausnutzen können. Darauf müssen wir uns verständigen.

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