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»Wir sind auf alles gefaßt«

aus DER SPIEGEL 43/1977

Hoch im Norden, in der PolarRegion Kanadas, treibt eine gewaltige Eisscholle, sechs mal drei Kilometer groß. Normalerweise nichts, worüber sich ein Kanadier aufregen würde. Aber dies ist eine besondere Scholle.

Kanadische Experten verfolgen genau ihre Drift, messen die Geschwindigkeit und haben errechnet, daß das Schollenungetüm maximal fünf bis sechs Kilometer pro Stunde zurücklegt und sich in etwa einem halben Jahr in die Westflanke der kanadischen St.-Patrick-lnsel bohren wird. Dann ergibt sich eine brenzlige Situation, denn die schwimmende, 30 Meter dicke Eisscholle ist bewohnt, bevölkert geradezu -- von Russen.

Ein kanadischer Pilot brachte den photographischen Beweis mit: Auf der Scholle stehen 30 Hütten und 60 Zelte, die rund 100 Sowjets als Unterkunft dienen. Ein 35 Meter hoher Sendeturm ist aufgebaut und ein mächtiges Elektrokabelwerk verlegt worden.

Das scholleneigene Flugfeld ist 1700 Meter lang, ausreichend für die sieben AN-2-Propellermaschinen, die außer drei NY-8-Hubschraubern auf der Insel stationiert sind.

Was die Russen auf der Scholle machen, weiß niemand so recht. Auch im kanadischen Verteidigungsministerium in Ottawa gehen die Meinungen auseinander. Major Haswell meint: »Die Russen führen wissenschaftliche Arbeiten aus. Spionieren wollen die nicht.«

Sein Verteidigungsminister Barnett Danson sieht die Lage schon weit kritischer: »Wir wissen zwar nicht, was sie machen, aber es ist höchstwahrscheinlich, daß die Scholle als Versorgungsbasis für U-Boote dient, die in der Arktis operieren.«

Tiefe Löcher, die von den Russen ins Scholleneis gebohrt wurden, hatten viele Kanadier für Raketen-Silos. Die Sowjetmenschen hingegen ließen erklären, es seien Nahrungsmittel-Depots.

Wie auch immer, die Scholle hat inzwischen ihren Namen, sie heißt in den kanadischen Akten NP 22 und war vergangene Woche genau auf 80 Grad und sechs Minuten nördlicher Breite und 128 Grad westlicher Länge zu finden. Verteidigungsminister Danson: »Wir bleiben auf äußerster Hut und sind auf alles gefaßt.«

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