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»Wir sind Bin Ladens Alptraum«

Der amerikanische Erfolgsautor Kurt Andersen über Anthrax-Angst, arabische Taxifahrer und das Ende der Ironie
aus DER SPIEGEL 43/2001

In den USA wurde Kurt Andersens 1999 erschienener Roman »Turn of the Century« ("Tollhaus der Möglichkeiten") zum Couchtisch-Wälzer der Info-Elite: eine Story über die Helden der Medien- und Computerbranche an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Zuvor hatte Andersen, 47, die New Yorker Satire-Zeitschrift »Spy« mitbegründet, anschließend war er Herausgeber des Wochenmagazins »New York« und beteiligte sich am Aufbau einer großen Medien-Website namens »Inside. com« - spezialisiert auf Medienklatsch. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Mr. Andersen, Sie sind einer der bekanntesten Autoren in den USA. Öffnen Sie Ihre Post noch?

Andersen: Ich sehe sie mir sehr genau an. Und alles, was ich nicht identifizieren könnte, würde ich weglegen. Allerdings glaube ich nicht, dass ein paar Gummihandschuhe und eine Plastikbrille mich vor Anthrax schützen würden. Eine Bekannte sieht sich nach einem Landhaus in Upstate New York um. Die Makler dort oben werden förmlich belagert.

SPIEGEL: Die Anthrax-Briefe sind vor allem ein Angriff auf die kollektive Psyche. Unsichtbar, geruchlos - das Gift könnte überall sein.

Andersen: Und solche Attacken machen die Leute verrückt, verunsichern sie mehr als ein Flugzeug, das in ein Gebäude fliegt. Jetzt leben wir eine Woche lang mit der Anthrax-Furcht. Unsere Erfahrungen beruhen auf dieser einen Woche. Was aber, wenn diese Typen einen Weg finden, das Zeug besser zu verteilen, und auf einmal Tausende von Menschen erkranken? Wo bekomme ich mein Cipro her?

SPIEGEL: Was ist mit Pocken? Die »New York Times« schrieb vor zwei Wochen, es sei zwar sehr schwierig für Terroristen, das Pocken-Virus zu bekommen. Aber eine Infektion sei verheerend und für Ungeimpfte oft tödlich.

Andersen: Ich vertraue da noch auf eine uralte Impfung. Aber meine Kinder haben die schon nicht mehr! Furchtbar, wie man in diesen Zeiten darüber nachdenkt, wie das Leben nach so einer Katastrophe aussehen würde.

SPIEGEL: Und Atomwaffen?

Andersen: Ein Freund aus dem Pentagon rief mich vor ein paar Tagen an und sagte mir, dass vier russische Raketensprengköpfe abhanden gekommen seien. Er versuchte mich damit zu beruhigen, dass diese Sprengköpfe nur aus taktischen Atomwaffen stammten und in Iran vermutet würden, nicht im Irak. Darüber muss man sich schon freuen.

SPIEGEL: Liegt die Angst, die die New Yorker ergreift, auch daran, dass viele Katastrophenfilme uns die mögliche Zukunft schon haben sehen lassen? Zum Beispiel, dass bei Ausbruch einer Seuche die Stadt vom Militär abgesperrt wird?

Andersen: Natürlich, und die Terroristen haben diese Filme auch gesehen. Warum spielen diese Filme fast alle in New York? Weil diese Umgebung das Spektakel aufregender und Angst einflößender macht. SPIEGEL: Fürchten Sie, dass New York noch einmal Ziel einer großen Attacke sein könnte?

Andersen: Man hofft natürlich, dass der Blitz nicht zweimal an derselben Stelle einschlägt. Es ist schrecklich, dies zu sagen, aber wenn diese Leute möglichst viel Angst in Amerika verbreiten wollten, dann müssten sie jetzt Chicago oder Omaha angreifen. Wenn sie es noch einmal in New York versuchen, sagen doch die anderen nur: »Aha, die sind ja nur hinter New York her.« Das hat schon mein 14-jähriger Neffe erkannt, er wohnt in einer kleinen Stadt in Upstate New York. Er sagte: »Mommie, weißt du was? Als nächstes sollten sie unsere Stadt kaputtmachen. Dann würde sich in ganz Amerika niemand mehr sicher fühlen.«

SPIEGEL: Warum dieser Hass der Terroristen auf New York?

Andersen: Wir sind Bin Ladens schlimmster Alptraum. Wir sind reich. Wir zeigen unsere Kraft. Wir sind vergnügt. Wir sind säkularisiert, westlich, antitheokratisch. Wir feiern Exzesse, den freien Markt, die Emanzipation der Frauen, wir feiern das Jüdischsein. Wenn Sie eine Liste der Top Ten machen würden von den Dingen, die die Taliban und Bin Laden am meisten hassen, dann finden Sie die in ihrer Anhäufung am ehesten in New York.

SPIEGEL: Viele Altlinke in Europa begründen den Hass der Terroristen ökonomisch, und manche freuen sich klammheimlich, dass die »Phalli des Kapitalismus« abgeschnitten wurden. Können Sie da noch folgen?

Andersen: Diese Haltung, mit der viele dieser Vulgärmarxisten seit Jahrzehnten sagen: »Lass sie doch Amerikaner töten - sie verdienen es nicht besser«, macht mich wütend. Für niemanden in New York war das World Trade Center das Herzstück des amerikanischen Kapitalismus. Ja, die Türme standen da. Aber das war auch schon alles.

SPIEGEL: Arabisch aussehende Taxifahrer müssen ihre Autos mit amerikanischen Flaggen schmücken, um überhaupt noch Fahrgäste zu bekommen. Zieht die Gefahr eines neuen Rassismus auf?

Andersen: Ehrlich gesagt frage ich mich zurzeit, wenn ich ein arabisches Taxi ohne amerikanische Flagge sehe, ob der Typ am Steuer ein ernstes Problem hat. Natürlich ist es schrecklich, sollten jetzt arabisch aussehende Menschen beschimpft oder verprügelt werden. Aber die Angst, dass einer von 500 Arab-Americans mit Terroristen in irgendeiner Form in Verbindung steht, entbehrt vielleicht nicht jeglicher Grundlage.

SPIEGEL: Wie wird die Angst die Kultur der Stadt beeinflussen: Ist das Zeitalter der Ironie zu Ende?

Andersen: Man sollte diese Sätze aus den ersten Wochen nach der Katastrophe nicht allzu ernst nehmen. Natürlich, es gibt viel echte Emotion, aber auch jede Menge scheinheiligen Opportunismus. Selbstverständlich wird der 11. September unsere Kultur verändern, aber darf man danach nicht mehr komisch sein? Und wird das Lachen verboten? Ich glaube nicht. Aber die Ironiehölle hat ja schon lange genervt. Ich habe immer gesagt: Wir kommen da nur mit einer Rezession oder einem Krieg raus. Jetzt haben wir beides.

SPIEGEL: Die Schriftstellerin Susan Sontag wurde für einen Text, in dem sie darauf hinwies, dass die Selbstmordattentäter nicht unbedingt Feiglinge gewesen seien, in den Medien geprügelt. Warum ist die amerikanische Öffentlichkeit seit dem 11. September so wenig selbstkritisch?

Andersen: Susan Sontags Text hatte einen kalten Ton, der wenige Tage nach dem Attentat einfach falsch klang. Außerdem war die Sache mit den Feiglingen nicht mehr als eine semantische Spitzfindigkeit. Okay, die Typen sind tapferer als ich, weil sie zu sterben bereit waren. Na und? Sontags Haltung besagt, dass wir dies alles verdient hätten, nur weil wir groß und kräftig sind. Das ist nicht akzeptabel. Inzwischen aber gibt es genügend Berichte, in denen untersucht wird, warum uns in der arabischen Welt so viele hassen. Fein. Nur in der ersten Woche wollten wir nichts davon wissen. Das war so, als würden Sie auf der Beerdigung eines guten Freundes, gestorben an Lungenkrebs, rufen: »Dieser verdammte Idiot. Geschieht ihm gerade recht. Er hätte eben nicht rauchen sollen.«

SPIEGEL: Sind Sie dafür, das World Trade Center wieder aufzubauen?

Andersen: Nein, das ist so, als würden Sie Ihre verstorbene Mutter nach ihrem Tod ausstopfen und sich ins Wohnzimmer setzen. Aber ein neues Gebäude - groß, heroisch und wunderbar -, ich bin dafür. INTERVIEW: THOMAS HÜETLIN

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