Zur Ausgabe
Artikel 41 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Wir sind das Opfer eines neuen Hitler«

Kamal Charrasi, Mitglied des Obersten Verteidigungsrates des Iran, über den Golfkrieg *
aus DER SPIEGEL 34/1987

SPIEGEL: Herr Charrasi, Ajatollah Chomeini hat die Iraner aufgerufen, den Amerikanern die Zähne einzuschlagen. Ihre Revolutionswächter drohen, den Persischen Golf zum »Grab der USA« zu machen, doch die geleiten derweil ungehindert umgeflaggte Tanker durch den Golf. Kneift Ihre Regierung vor der Supermacht?

CHARRASI: Von ungehindert kann keine Rede sein. Schon der erste Geleitzug kam in Schwierigkeiten, und die werden sich auch künftig einstellen.

SPIEGEL: Fuhr denn der US-Tanker »Bridgeton« auf eine iranische Mine?

CHARRASI: Das kann man nicht mit Sicherheit sagen. Manche behaupten, es war eine russische Mine, andere, es war eine iranische Mine. Es könnte auch eine irakische gewesen sein.

SPIEGEL: Ist der Supertanker »Texaco Carribean« im Golf von Oman auf eine iranische Mine gelaufen?

CHARRASI: Warum sollte sie nicht von den Amerikanern gelegt worden sein?

SPIEGEL: Dann müßte Teheran doch eigentlich zurückschlagen, denn der Tanker beförderte iranisches Erdöl. Und die Iraker haben nach 25tägiger Pause wieder schwere Angriffe gegen iranische Öleinrichtungen geflogen.

CHARRASI: Wir werden zurückschlagen, wenn unsere Schiffe und unsere Einrichtungen am Persischen Golf angegriffen werden. Diesmal sind Ziele im Landesinneren getroffen worden. Wir haben mit Gegenangriffen auf El-Subeir und Umm Kasr geantwortet.

SPIEGEL: Im ganzen hat man aber doch den Eindruck, daß Sie die Eskalation im Golf scheuen.

CHARRASI: Wir unterscheiden zwischen dem Krieg am Persischen Golf und dem Krieg an der Grenze zwischen Irak und Iran. Wir sind der Meinung, daß die Angriffe am Persischen Golf beendet werden sollten. Dort muß Sicherheit garantiert werden. Es sind die Iraker und die Amerikaner, welche die Schiffahrt im Persischen Golf verunsichern.

SPIEGEL: Wer hat denn diese fein abgestimmten militärischen Reaktionen Ihrer Seite festgelegt? Ajatollah Chomeini selbst oder der Verteidigungsrat?

CHARRASI: Der Rahmen dieser Politik wird im Obersten Verteidigungsrat abgesteckt, die Ausführung durch das Oberkommando aller Streitkräfte bestimmt. Ich gehöre beiden an. Aber um unsere Führungsstruktur zu verstehen, muß man die Beziehung unseres Volkes zur Führung verstehen.

SPIEGEL: Was hat das Volk denn mit der militärischen Führung zu tun?

CHARRASI: Die Verantwortlichen können keine Entscheidungen treffen, die vom Volk nicht getragen werden. Nur das kann geschehen, was von der Masse des Volkes gewünscht wird.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt der Imam im Obersten Verteidigungsrat? Tritt er persönlich auf, schickt schriftlich Befehle?

CHARRASI: Der Imam ist nach der Verfassung der Oberkommandierende der Streitkräfte. Wenn wir irgendeinen Rat suchen, gehen wir zu ihm und fragen ihn. Seine Anordnungen werden dann ausgeführt.

SPIEGEL: Wie oft benötigen Sie seinen Rat?

CHARRASI: Wir sind ständig in Kontakt mit ihm. Diese Beratungen können wöchentlich, können täglich stattfinden, aber auch mehrere Male am Tag. Es hängt davon ab, was zu beschließen ist.

SPIEGEL: Wann waren Sie zum letzten Mal bei Chomeini?

CHARRASI: Vor drei Monaten.

SPIEGEL: Was für einen Eindruck machte er?

CHARRASI: Er ist gesund. An seiner ganzen Verhaltensweise kann man erkennen, daß er sich gut fühlt und nicht krank ist.

SPIEGEL: Ist seine Kriegslust nach wie vor ungebrochen? _(Mit Redakteuren Siegesmund von Ilsemann ) _(und Bernd Dörler in der iranischen ) _(Botschaft in Bonn. )

CHARRASI: Keiner im Iran will den Krieg. Wir brauchen möglichst schnell einen dauerhaften Frieden. Um ihn zu bekommen, müssen wir den Urheber dieses Krieges bekämpfen und bestrafen.

SPIEGEL: Den irakischen Präsidenten Saddam Hussein?

CHARRASI: Ja. Auch Ihr Außenminister Genscher hat jetzt ja festgestellt: Saddam Hussein hat diesen Krieg begonnen. Nur wenn er und die Anhänger seiner Baath-Partei bestraft werden, kann ein dauerhafter Friede zustande kommen.

SPIEGEL: Wer soll Saddam Hussein denn bestrafen?

CHARRASI: Da er von den internationalen Gremien nicht verurteilt wird, müssen wir weiterkämpfen und ihn selber bestrafen.

SPIEGEL: Soll er am Galgen hängen?

CHARRASI: Wir wollen nicht diktieren, wie er bestraft wird. Wenn die Uno etwas unternehmen möchte, müßte sie ihn erst mal als Aggressor anprangern und dann ein Gericht darüber entscheiden lassen.

SPIEGEL: Ihr Strafanspruch soll doch vor allem die Rachegelüste Chomeinis befriedigen. Rechtfertigt das aber den Tod einer ganzen Generation, die auf den Schlachtfeldern verheizt wird?

CHARRASI: Die Freiheit ist es wert. Der Frieden und der Aufbau der Zukunft sind es wert, daß ein Volk Widerstand leistet, sich verteidigt.

SPIEGEL: Ihre Freiheit ist doch überhaupt nicht gefährdet. Der Irak ist seit langem zum sofortigen Waffenstillstand bereit.

CHARRASI: Saddam Hussein können wir nicht trauen. Der hat auch den Vertrag, den er 1975 mit uns abgeschlossen hatte, nicht eingehalten. Der Iraker wird bei der ersten Gelegenheit wieder versuchen, uns anzugreifen.

SPIEGEL: Also bleibt nur seine physische Vernichtung?

CHARRASI: Dieses Regime muß physisch beseitigt werden, entweder von internationalen Gremien oder von uns - so wie man es mit dem Nazismus gemacht hat.

SPIEGEL: Sie wollen also einen Nürnberger Prozeß gegen Bagdads Baathisten?

CHARRASI: Ja.

SPIEGEL: Ist Saddam Hussein für Sie wie Hitler?

CHARRASI: Genau. Wir sind das Opfer eines neuen Hitler.

SPIEGEL: Aber das Opfer ist längst aktiver als der Täter - mittlerweile verfolgt doch Teheran expansionistische Ziele.

CHARRASI: Unsere Politik ist nicht expansionistisch. Wir haben von Anfang an erklärt, daß wir keinen einzigen Kilometer arabischen Boden beanspruchen. Wir haben keine territorialen Ansprüche an den Irak. Der Irak gehört den Irakern.

SPIEGEL: Wozu dann der Tod von Hunderttausenden?

CHARRASI: Wozu starben im Zweiten Weltkrieg Millionen Menschen? Lohnen denn der Frieden und die Freiheit nicht, die damals erkämpft wurden?

SPIEGEL: Ihr Krieg dauert bereits länger als der Zweite Weltkrieg. Was haben Sie in sieben Jahren erreicht?

CHARRASI: Wir haben unsere Stärke bewiesen, für unsere Grundsätze und Ideale so lange durchhalten zu können.

SPIEGEL: Sie können durchhalten bis Sie sich totgesiegt haben. Die Kriegsmüdigkeit beim Volk steigt. Glauben Sie denn wirklich noch an die Zustimmung der breiten Massen zu den Entscheidungen ihrer kriegerischen Führung?

CHARRASI: Was wir tun, ist der Wunsch unseres Volkes. Dem können wir nichts aufzwingen. Es erträgt tapfer die Schwierigkeiten und das Leid, um sein Land zu verteidigen.

SPIEGEL: Kein Wunder angesichts des perfekt arbeitenden Kontrollapparates. Ihre überfüllten Gefängnisse und die dem Iran nachgewiesenen Menschenrechtsverletzungen sind nicht gerade Zeichen von Demokratie. Woher wissen Sie eigentlich, wie das Volk sich artikulieren würde, wenn es sich artikulieren könnte?

CHARRASI: Wenn Sie die Massendemonstrationen von Millionen auf iranischen Straßen und in iranischen Städten sehen, die verlangen, daß der Krieg weitergeführt werden muß - was verstehen Sie denn da unter Kontrolle?

SPIEGEL: Die Millionen haben doch nur wegen der in Mekka getöteten Pilger aus dem Iran protestiert.

CHARRASI: Mekka war zwar ein Anlaß, aber die Menschen trennen die Ereignisse in Mekka nicht von den Vorgängen im Persischen Golf und vom Krieg gegen den Irak.

SPIEGEL: Ihr Krieg ist offensichtlich so beliebt, daß vor ihm Zehntausende von kriegsdienstfähigen Männern ins Ausland fliehen, daß die wohlhabenden Iraner mit allen Mitteln versuchen und auch erreichen, daß ihre Kinder vom Kriegsdienst verschont werden.

CHARRASI: Wir bestreiten nicht, daß der Krieg nichts Gutes ist. Wir wissen, daß es im Iran auch Leute gibt denen ihr gemütliches Leben lieber ist, die sich nicht für die Freiheit einsetzen möchten. Die nutzen dann jede Möglichkeit, ins Ausland zu kommen - eine Folge unserer Freizügigkeit. Aber das gilt nicht für die Masse des Volkes.

SPIEGEL: Der mangelt es an Beziehungen und an Geld.

CHARRASI: Nicht deswegen, sondern weil die Masse, die zu Millionen demonstriert, über unsere Politik entscheidet. Nach sieben Jahren Krieg ist das Volk immer noch bereit, an die Front zu gehen.

SPIEGEL: Haben Sie Kinder?

CHARRASI: Ja, zwei Söhne.

SPIEGEL: Beide fronttauglich?

CHARRASI: Nein, sie sind erst vier und neun Jahre alt. Hoffentlich ist der Krieg zu Ende, bis sie im wehrfähigen Alter sind.

SPIEGEL: Wie viele Kriegstote hat der Iran bislang zu beklagen?

CHARRASI: Es gibt keine offizielle Statistik darüber.

SPIEGEL: Sie zählen Ihre Gefallenen nicht mal?

CHARRASI: Es gibt keine veröffentlichten Statistiken. Das sind Kriegsgeheimnisse.

SPIEGEL: Fürchten Sie die Reaktion Ihres Volkes, wenn diese Zahlen bekannt würden?

CHARRASI: Nein, wir wollen nur der anderen Seite keine zusätzlichen Informationen liefern. Das ist im Krieg nicht üblich. Auch andere Länder tun das nicht.

SPIEGEL: Sie kennen die genaue Zahl ja sicherlich. Können Sie dennoch gut schlafen?

CHARRASI: Wer an seine Sache glaubt, kann auch gut schlafen.

SPIEGEL: Ihre Revolutionswächter bekriegen nicht nur den Erzfeind Saddam Hussein. Im libanesischen Bekaa-Tal trainieren Pasdaran Hisb-Allah-Milizionäre und kämpfen an deren Seite im Südlibanon gegen die von Israel unterstützte SLA-Miliz. Das ist doch genau der Revolutionsexport, vor dem sich viele Araber fürchten.

CHARRASI: Dort kämpfen Libanesen. Unsere Leute bilden sie aus, außerdem leisten wir kulturelle Hilfe.

SPIEGEL: Ist die Ausbildung an der Kalaschnikow für Sie ein Beitrag zur Kultur?

CHARRASI: Ich spreche ja nicht nur von der kulturellen Ausbildung, sondern auch von der militärischen. Die Pasdaran geben ihre Kriegserfahrungen an diejenigen weiter, die es wünschen.

SPIEGEL: Mutet sich der Iran da nicht ein bißchen viel zu? Krieg an der eigenen Grenze, Krieg im Golf, Konfrontation mit einer Supermacht, Nebenschauplatz Libanon, neuerdings Mekka - wenn Ihnen das alles politisch keine Sorgen bereitet, wirtschaftlich können Sie es doch kaum durchstehen.

CHARRASI: Die anderen zwingen uns all diese Lasten auf. Der Krieg wurde uns aufgezwungen, und die Amerikaner haben die Spannungen am Golf erhöht. In Mekka verschworen sich unsere Feinde gegen uns. Wir können uns nur ergeben oder Widerstand leisten. Wir haben uns zum Widerstand entschlossen.

SPIEGEL: Und dabei ist Ihnen offensichtlich jedes Mittel recht. Wie sonst ist es zu erklären, daß Sie selbst mit Ihren größten Feinden, den USA und dem zionistischen Israel, Waffengeschäfte machen?

CHARRASI: Wir haben keine direkten Waffengeschäfte mit den Israelis gemacht. Die Amerikaner haben uns beliefert, die Waffen sind amerikanischer Bauart. Wir wußten nicht, daß Israel die Finger drin hatte. Als wir einmal merkten, daß 18 Raketen israelische Aufschriften trugen, haben wir sie zurückgeschickt.

SPIEGEL: Weil die Israelis Sie mit veralteten Waffen bedenken wollten.

CHARRASI: Wir haben sie zurückgeschickt, weil sie aus Israel stammten.

Unserer Meinung nach war das eine Verschwörung. Washington wollte die Beteiligung Israels eines Tages gegen uns ausspielen.

SPIEGEL: Das klingt wie eine Entschuldigung für fehlende eigene Skrupel.

CHARRASI: Wenn die Amerikaner wirklich vorhatten, uns Waffen zu liefern, warum machen sie das dann über Israel?

SPIEGEL: Aber allen Beteiligten war doch bekannt, daß Israelis mit im Spiel waren.

CHARRASI: Wer wußte das? Wir sind eine der Parteien, und wir wußten nichts davon. Es gab darüber Gerüchte in der Presse, aber bewiesen war es nicht. Erst nachdem die Geschichte von McFarlane rauskam, haben wir erfahren, daß die Israelis mit von der Partie waren.

SPIEGEL: Heißt das, Ihre Regierung hätte von dem Waffenhandel erst erfahren, als die Presse darüber berichtet hat?

CHARRASI: Wir hatten mit Waffenhändlern zu tun. Die haben uns doch nicht auf die Nase gebunden, woher sie die Waffen wirklich bekommen. Die haben immer von den USA geredet. Deswegen haben die doch auch McFarlane nach Teheran gebracht. Für uns bestand kein Grund zum Mißtrauen.

SPIEGEL: Und vertrauensvoll wollten Sie die Geiseln diesen Waffenhändlern anvertrauen?

CHARRASI: Die Frage der Geiseln ist eine andere Sache.

SPIEGEL: Heißt das, die Geiseln standen für Sie gar nicht zur Disposition?

CHARRASI: Die Waffenhändler sagten uns: Die Amerikaner wollen die Beziehungen mit euch verbessern und Waffen liefern, wenn ihr euren Einfluß geltend machen könnt, die Geiseln zu befreien.

SPIEGEL: Einfluß haben Sie ja immer noch im Libanon. Ihr Parlamentssprecher Rafsandschani hat gerade erst wieder bestätigt, daß Sie Kontakt zur Hisb-Allah-Miliz haben, die zwei Deutsche gefangenhält.

CHARRASI: Wir haben Kontakte zur Hisb Allah; aber das bedeutet nicht, daß die Geiseln in den Händen der Hisb Allah sind. Es gibt sehr verschiedene Gruppierungen im Libanon. Wir haben wohl Einflußmöglichkeiten ...

SPIEGEL: ... über Ihre kulturellen Kontakte?

CHARRASI: Es ist der Einfluß auf die Herzen. Es könnte sein, daß wir heute hier etwas verlangen, worauf die Massen im Libanon reagieren.

SPIEGEL: Diese Herzen reagieren offenbar nicht auf das Schicksal von unschuldigen Geiseln.

CHARRASI: Es gibt andere Herzen, die auf das Schicksal der Massen im Libanon nicht reagieren.

SPIEGEL: Halten Sie es für ausgeschlossen, daß im Libanon entführte

westliche Geiseln in Teheran sind oder waren?

CHARRASI: Es besteht überhaupt keine Notwendigkeit, daß sich die amerikanischen Geiseln in Teheran aufhalten. Die Libanesen haben Geiseln genommen. Es sind ihre Geiseln.

SPIEGEL: Heißt »keine Notwendigkeit«, daß sie auch in Beirut direkten Zugriff auf die Geiseln haben?

CHARRASI: Wenn wir wollen, können wir unseren Einfluß auf unsere Anhänger in Beirut geltend machen. Deswegen besteht überhaupt keine Notwendigkeit, daß wir uns in die Geiselnahmen einmischen.

SPIEGEL: Es sei denn, es geht um

CHARRASI: Wir haben die Amerikaner gebeten, unsere Waffen ...

SPIEGEL: ... die noch der Schah bestellt hatte ...

CHARRASI: ... freizugeben. Geschieht das, werden wir das Podium des Freitagsgebets benutzen, die Libanesen um die Freigabe der amerikanischen Geiseln zu bitten.

SPIEGEL: War dieser seltsame Deal im Obersten Verteidigungsrat geplant worden, oder war das der Alleingang einer gemäßigten iranischen Fraktion, von der Ronald Reagan spricht?

CHARRASI: Keine Entscheidung wurde von irgendwelchen Einzelgängern getroffen, es bestand vielmehr Übereinstimmung bei uns.

SPIEGEL: In Ihrem Obersten Verteidigungsrat?

CHARRASI: Ja. Wir haben immer darüber gesprochen, wie wir Waffen beschaffen. Wir kaufen sie überall, außer in Israel und Südafrika. Da unsere Truppen hauptsächlich mit US-Material ausgerüstet sind, hat es überhaupt keine Bedenken gegeben, von Amerikanern Waffen zu beziehen.

SPIEGEL: Amerikanische Waffen gibt es doch überall auf dem Weltmarkt. Warum muß Teheran die ausgerechnet beim »großen Satan« kaufen?

CHARRASI: Es gibt Waffen, an die kommen wir nur mit Hilfe der Amerikaner. Das ist eigentlich die Kunst unserer Politik, daß wir ihre Waffen bekommen und sie trotzdem ideologisch bekämpfen.

SPIEGEL: Also, ohne amerikanische Waffen könnten Sie gar nicht gegen Amerika kämpfen. Da muß Ihnen doch angst und bange werden, wenn die Amerikaner jetzt in der Uno ein Waffenembargo durchdrücken.

CHARRASI: Es könnte Beschränkungen geben; aber angst und bange macht uns das nicht. Es gibt genug Korruption auf der Welt, so daß wir unseren Waffenbedarf auch weiterhin befriedigen können.

SPIEGEL: Stört es Sie nicht in Ihrem islamischen Moralkodex, daß der Sieg der iranischen Islamischen Revolution dann auf Korruption gegründet wäre?

CHARRASI: Das ist eine Korruption in deren Apparat, nicht in unserem. Es gibt Leute, die um ihres privaten Vorteils willen gegen die Interessen ihrer Regierung handeln. Diese Korruption richtet sich nicht gegen uns.

SPIEGEL: Das Völkerrecht verbietet Angriffe wie iranische Vergeltungsaktionen gegen Schiffe dritter Länder. Die irakischen Angriffe gegen Ihre Schiffe und Öleinrichtungen hingegen sind zulässig - sie gelten dem Kriegsgegner.

CHARRASI: Verstehen Sie unter Völkerrecht, daß man nichts dagegen unternehmen darf, wenn eine Kriegspartei von anderen - etwa Kuweit - unterstützt wird?

SPIEGEL: Kuweit ist nicht in den Krieg eingetreten, hat keine Truppen gestellt, keine Kampfhandlungen begangen. Zudem sind auch Schiffe anderer Staaten Opfer iranischer Angriffe geworden.

CHARRASI: Kuweit hat sich praktisch in diesen Krieg eingemischt. Die kuweitischen Häfen werden sogar von Irakern kontrolliert. Über sie läuft der irakische Nachschub. Bagdad erhält Geld aus Kuweit.

SPIEGEL: Gilt das auch für die anderen Golfstaaten?

CHARRASI: Kuweit leistet direkt und offen Hilfe. Das tut teilweise auch Saudi-Arabien, aber nicht so offen. Wir haben bis jetzt Großmut gezeigt und es ertragen.

SPIEGEL: Ist nun Schluß mit der Großmut?

CHARRASI: Das hängt davon ab, wie weit die Kuweiter gehen. Wenn sie die Iraker weiterhin direkt unterstützen, werden wir darauf antworten müssen.

SPIEGEL: Mit einem Angriff?

CHARRASI: Die irakischen Angriffe im Persischen Golf werden durch den kuweitischen Luftraum vorgetragen. Wenn das weitergeht, ist Kuweit Kriegsteilnehmer. Daher haben wir gesagt: Wenn die Iraker diese Angriffe wiederaufnehmen, werden wir die kuweitischen Einrichtungen bombardieren.

SPIEGEL: Haben Sie jemals mit Amerikanern über den Krieg und die Verbesserung des amerikanisch-iranischen Verhältnisses gesprochen?

CHARRASI: Nicht nur ich habe es nicht getan, sondern kein Verantwortlicher des Iran hat direkte Verhandlungen mit den Amerikanern geführt.

SPIEGEL: Die revolutionäre Einigkeit zeigt Sprünge. Äußerungen vom designierten Chomeini Nachfolger Ajatollah Montaseri und Parlamentssprecher Rafsandschani lassen auf Kriegsmüdigkeit selbst unter den geistlichen Führern schließen.

CHARRASI: Was Sie über die verschiedenen Ansichten im Iran sagen, beruht auf einer falschen Analyse der iranischen Verhältnisse. Da werden einzelne Fakten isoliert bewertet, ohne die Beziehung der Verantwortlichen zum Volk zu berücksichtigen. Was unsere

Führer sagen, spiegelt meistens auch die Wünsche unseres Volkes wider, ich sagte es. Deswegen müssen die Ansichten über die iranischen Verhältnisse hier im Westen korrigiert werden. So etwa ist im Westen der Eindruck entstanden, daß unser Volk im Krieg leben möchte, daß es sich das Leben schwermachen will und keinen Frieden wünscht. Glauben Sie: Unser Volk möchte lieber in Frieden leben als im Krieg sterben.

SPIEGEL: Diesen Eindruck erwecken die fanatischen Selbstmordkommandos der Revolutionswächter nicht gerade. Für die scheint es nichts Schöneres zu geben, als für Chomeini zu sterben.

CHARRASI: Selbstmörder sind das natürlich nicht, wir nennen sie Märtyrer.

SPIEGEL: Das Ergebnis ist dasselbe. Haben Sie diese Kamikaze-Kämpfer unter Kontrolle? Ist es ausgeschlossen, daß plötzlich so ein Kommando eigenmächtig mit einem Rennboot und ein paar Kisten Dynamit eine amerikanische Fregatte im Golf angreift?

CHARRASI: Alles ist unter Kontrolle. Wir haben den Apparat, in dem alles ordnungsgemäß abläuft. Machen Sie sich deswegen keine Sorgen.

SPIEGEL: Das klingt ja richtig preußisch. Bedeutet die Tatsache, daß ein prominentes Mitglied des Obersten Verteidigungsrats sich auf Propagandatour ins westliche Ausland begibt, daß Teheran vorerst keine militärischen Aktionen plant? Oder soll Ihr Bonn-Besuch die USA in Sicherheit wiegen?

CHARRASI: Alles ist möglich.

SPIEGEL: Herr Charrasi, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Kamal Charrasi *

ist seit Kriegsbeginn 1980 Mitglied des elfköpfigen Obersten Verteidigungsrates des Iran. Dieses Gremium (drei persönliche Vertreter Chomeinis, außerdem der Staatspräsident, der Regierungschef, mehrere Minister sowie die Stabschefs der Streitkräfte) entscheidet über alle sicherheits- und militärpolitischen Fragen des Landes. Charrasi, 42, promovierter Pädagoge, studierte während der Schah-Zeit vier Jahre an der University of Houston (Texas). Er war Leiter der politischen Abteilung des Teheraner Außenministeriums und gilt als Vertrauter Chomeinis.

Mit Redakteuren Siegesmund von Ilsemann und Bernd Dörler in deriranischen Botschaft in Bonn.

S. v. Ilseman, B. Dörler
Zur Ausgabe
Artikel 41 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.