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»Wir sind der Motor gewesen«

Die Reorganisation der Autonomen im Protest gegen Weltbank und IWF *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Auf der Autonomen-Vollversammlung in der Kreuzberger Martha-Kirche, die über letzte Vorbereitungen der Aktionstage gegen die Berliner Konferenz des Internationalen Währungsfonds (IWF) beriet, herrschte Platz- und Atemnot. »Verhindern wir den IWF-Kongreß«, hieß die Parole, den »Bonzen, Bossen und Bankern« sollten »ungemachte Betten und stressige Nächte voller Alpträume« bereitet, die »Kapitalärsche« gejagt werden.

Mit glühender Entschlossenheit wollten Autonome und Antiimperialisten, ein neues Symbol allen Übels auf dieser Erde im Visier, den »IWF zerschlagen«. Selbst in der abgehärteten Kämpfer-Szene hatte das Trommelfeuer markiger Ankündigungen hochgespannte Erwartungen erzeugt.

»Werden wir eingemacht?« sorgten sich einige hundert Aktivisten. Und ein Autonomer gab Kampferlebnisse zum besten: Er habe schon aus weit geringerem Anlaß »ganz furchtbar einen in die Fresse bekommen«. Plötzlich waren die Diskutanten auch gar nicht mehr sicher, ob es wirklich so weise gewesen war, sich von anderen alternativen Gruppen schroff abzugrenzen. Brüsk hatten die Autonomen jegliche Kooperation mit »Reformern« abgelehnt, die das Bankertreffen zum Dialog über die Misere der Dritten Welt nutzen wollten. »Eine Mordmaschine«, verkündeten einige Autonome, »läßt sich nur bekämpfen.« Andere faßten sich kürzer: »IWF bum.«

Kurz vor Beginn der Aktionstage zog neuer Realismus in die Szene ein. In feurige Aufrufe wurden Warnungen vor »Einzel-oder Kamikazeaktionen« eingefügt. Im Flugblatt für die »leidenschaftliche, heißblütige, stürmische, unbändige, wilde, turbulente, machtvolle« Schulß-Demo am Donnerstag voriger Woche fand sich, ganz unüblich, eine Art autonomes Vermummungsverbot: »Wir raten davon ab, Motorradmasken zu tragen.«

Das autonome Berliner Wochenblatt »Interim« warnte vor »Kraftmeierei«. In den »Infostellen« für IWF-Gegner herrschte striktes Alkoholverbot. Das Szene-Lokal »Ex«, wo nur alkoholfreies Bier ausgeschenkt wurde, schmückte seinen Tresen mit dem Motto: »IWF verhindern - aber mit klarem Kopf.«

Die Bemühungen, jede unkontrollierte Eskalation zu vermeiden, waren nicht nur Reaktion auf die demonstrativ patrouillierende Ordnungsmacht. Seit über einem Jahr tobt in den Postillen der Autonomen die Debatte um Strategie und Selbstverständnis. Deutlich wird mit »Haudraufs« und »durchgeknallten Militanten« abgerechnet.

Gerade die »IWF-Kampagne«, im Frühjahr letzten Jahres in Angriff genommen, sollte der zersplitterten Szene den Weg aus der Desorientierung weisen, den Protest gegen Atomkraft, Gentechnik und Patriarchat durch einen weltumspannenden »neuen Internationalismus« zusammenführen. Unter dem Kürzel IWF bot sich der Aufhänger für eine »autonome Strategiedebatte«.

Bald jedoch kam Gravierendes dazwischen. Die auf Sachschaden zielenden Aktionisten, die sich nie von Gewalt, stets aber von den Todesschüssen der »Roten Armee Fraktion« abzugrenzen suchten, waren im November vergangenen Jahres mit Schußwaffengebrauch in den eigenen Reihen konfrontiert. Der Tod von zwei Polizisten, erschossen an der Frankfurter Startbahn, wurde dem Autonomen Andreas Eichler zur Last gelegt. Die Bundesanwaltschaft ermittelt quer durch die militante Szene.

Erneute Verheerungen im lockeren Autonomengefüge waren die Folge. Einige distanzierten sich hastig von den Startbahn-Schüssen, andere pflegten ihr

angeschlagenes Selbstbewußtsein mit allerlei Verschwörungstheorien.

Die immer jünger werdende, durch Punks und Proleten angereicherte Szene von etlichen tausend Autonomen kämpft nicht nur mit ihrer ständigen Angst vor Spitzeln und Denunzianten, sondern auch mit Suchtproblemen und gewöhnlicher Kriminalität. Mehrere Vergewaltigungen sorgten in den vergangenen Monaten in den Untergrundblättern für Aufregung. In Bochum jagten autonome Frauen ihre männlichen Genossen aus dem zuvor gemeinsam betriebenen »Info-Laden«. Das Ganze erschien dem Organ »Auf-Ruhr« wie eine »üble Schmutzgeschichte aus dem popeligsten Kleinbürger/innentum«.

Auch Drogen spielen zunehmend eine Rolle. Nachdem etwa im Kreuzberger Revier »Heroin zu Spottpreisen im Überangebot« beobachtet wurde, begannen Autonome, die Drogendealer mit einer Aktion »Faust gegen Spritze« zu vertreiben. Eine »Autonome Alkoholiker/innen Selbsthilfe«, die in Berlin gegen »regelmäßiges Vollsaufen in Wohngemeinschaften oder Gruppen« agitiert, machte Ende August 29 Testfragen für den Kiez publik. »Hast du schon mal Rasierwasser oder Brennspiritus gesoffen?« fragte die Initiative, oder: »Mußt du morgens trocken kotzen?«

Erste Erfolge autonomer Wortführer bei der Reorganisierung im Kreuzberger Kiez zeigten sich vorige Woche. Gezielt ("Auf in die City!") waren alle Aktionen gegen die IWF-Tagung ins Stadtzentrum verlagert worden. Der Brennpunkt Kreuzberg, durch lodernde Barrikaden und Massenplünderungen von Geschäften berüchtigt, blieb still wie ein Vorort. Die Parole »kein Krawall im Kiez«, vorsorglich schon vor Wochen ausgegeben, wurde strikt befolgt.

Um so leichter fiel es den Sprechern des »autonomen und antiimperialistischen Aktionstageplenums«, Ende letzter Woche ihren »vollen Erfolg« zu rühmen. »Wir sind der Motor gewesen«, triumphierten sie mit neuem Kampfesmut, »das war erst der Anfang.« Ihr Slogan »IWF verhindern«, erklärten die Autonomen spitzbübisch, sei ohnehin nur »perspektivisch zukunftsweisend« gemeint gewesen.

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