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»Wir sind die Herren, das Land ist unser«

SPIEGEL-Serie über Südafrika und die Angst der Buren vor der Zukunft / Von Peter Schille *
Von Peter Schille
aus DER SPIEGEL 7/1986

Die weiten Felder abgeerntet, kahl bis zum Horizont. Der kalte Wind kehrt die Krumen zusammen und treibt sie in roten Staubwolken vor sich her. Im grauen Himmel segeln die Raben und Geier so stumm, als wagten sie nicht, die düstere Stille zu stören.

Sonntags ist das »platteland« mit sich allein. Die Bewohner von Olifantsfontein und Bapsfontein, von Welbekend und Bronkhorstspruit haben sich vor der Stille in Sicherheit gebracht. In die Kneipen, in die Kirchen, in die Schlafzimmer, wer weiß, wohin.

Der Bürgerkrieg findet anderswo statt: in den Gettos um Kapstadt und Port Elizabeth, Durban, Johannesburg und Pretoria, wo weiße Polizisten und Soldaten den rebellierenden Schwarzen seit September 1984 ihre Gewalt und ihre Ordnung aufzwingen. Doch Pretorias größte Schwarzenstadt, Mamelodi, heimgesucht von Tod und Feuer, liegt ganz in der Nähe.

Über die schnurgeraden Landstraßen zwischen Petit und Sesfontein huschen Hunde, Kaninchen, Eidechsen. Ringsum Einsamkeit. Dann und wann ein Baum, ein Gebüsch, eine Hecke; ein Schirm vor dem Wind, ein Schutz vor der leeren, weiten Landschaft. Da und dort kauern schwarze Gestalten im dürren Gras.

Sie blicken neugierig drein und springen hilfsbereit hoch: »Ja, Baas?« Grootfontein? Doch ihre Ortskenntnisse sind dürftig, sie sind gerade erst angekommen von weither, Wanderarbeiter aus Bophuthatswana oder der Transkei. Sie sprechen in Zulu- oder Sothodialekten, nur schüchtern wagen sie sich mit schwarzgefärbtem Afrikaans hervor; Afrikaans, der Sprache der Buren, ihrer Herrschaft.

Doch sie sind fröhlich, sie riechen nach Bier, ist heute nicht Sonntag? Sonntags trinkt jedermann in Südafrika Bier, natürlich an getrennten Orten; die Weißen trinken gelbes Bier aus Gerste, die Schwarzen weißes Bier aus Hirse. »Ja, Baas«, sagen die Männer im Gras und reißen die braunen, blutunterlaufenen Augen weit auf, sie wollen höflich und entgegenkommend

sein. Sie denken nach für den Baas, den sie nie zuvor gesehen haben. Er ist weiß, also ist er ihr Boss.

Erasmus? »Erasmus! Ist uns bekannt.« Schließlich sagt einer, er hat weiße Haare und lebt schon länger hier, »Daniel Erasmus wohnt dort hinten.« Er zeigt in die graue Luft. Ein Wäldchen lugt über den Horizont. Oder ist es bloß eines dieser menschenlosen Dörfer?

Das Highveld inmitten der Provinz Transvaal ist das Land Erasmus. Die ganze Hochebene zwischen Pretoria und Johannesburg hat die Familie Erasmus einmal unter sich aufgeteilt, vor fast einem Jahrhundert war alles ihr Besitz. Erasmus: burischer Uradel; seit zehn Generationen in Südafrika daheim.

Von Farm zu Farm führt der Königsweg, bis endlich Daniel Jacobus Erasmus unter den schwarzen Eichen seines Gutes Grootfontein steht und mit harten braunen Augen in den Sonntag starrt, aus dem »der ausländische Besuch« erscheint. Burenfarmer empfangen, und sie empfangen arg widerwillig, Gäste nur an arbeitsfreien Tagen.

Obwohl D. J. Erasmus den Fremden selber eingeladen hat, traut er ihm nicht über den Weg. Er kennt ihn nicht, das macht ihn verdächtig. Argwohn und Vorbehalte sind in sein Gesicht geschrieben. Der Hund Bob und die drei Söhne stürzen dem Fremden entgegen, doch Erasmus senior, 39, lehnt steinern am Gartenzaun. Als er sich endlich einen Stoß gibt und steif und fast stumm den Fremden begrüßt, ist seine Miene bitter.

Er schaut vorwurfsvoll vor sich hin. Die Bekanntschaft ist kaum fünf Minuten alt, da weiß Erasmus schon, daß er wieder einmal nicht verstanden wird; daß die Distanz zwischen seiner und der fremden Welt unüberwindbar bleiben wird. Woher weiß er das?

Es ist sein Schicksal: Seine Lebensformel bilden Trotz, Resignation und Enttäuschung. Sein Lebensprogramm ist Abwehr; fremde Vorurteile stoßen auf burische Vorurteile, Vorurteile über sich selber und den fremden Blick. Mißtrauen belauert jedes Wort, plötzlich klingt jeder Satz so falsch, so schrecklich darum bemüht, das mit jedem neuen Wort neu ausgelöste Unbehagen zu verbergen.

Ohne angegriffen zu werden, verteidigt D. J. E. seine burische Selbstbehauptung. Ahnt er, daß seine steinerne Haltung Entgegenkommen und Sympathie abstößt? In Wahrheit will er anerkannt werden - wie heftig ist das zu spüren - als Landwirt, als gerechter Gutsherr, als Bure und Bürger. Aber er glaubt nicht mehr, daß er es je schafft, außerhalb des burischen Einverständnisses mit sich selber.

In seinem Salon mit der tiefen neuen Plüschgarnitur vor dem schönen, aus Feldsteinen gemauerten Kamin sagt er dennoch willkommen; so herzlich er es

vermag. Und dann fügt er hastig sein Glaubensbekenntnis hinzu, und Catharina, seine Frau, nickt leidenschaftlich mit dem Kopf: »Wir sind sehr konservativ!«

Am liebsten hält sich Daniel Jacobus Erasmus in der Geschichte auf; und in Geschichten aus der heroischen Vergangenheit der Buren. Weil sie, anders als die Gegenwart, über alle Zweifel erhaben ist?

Wenn er sich in die Heldensagen seiner Familie begibt, sucht »Danie«, wie ihn seine Frau ruft, eilends die Nähe des »Generals«. Seinem Urgroßvater Daniel Jacobus Elardus Erasmus verdankt er die Farm. Er ist die Leitfigur in seinen Erinnerungen, sein Mythos, der gute Geist von Grootfontein.

Im Jahre 1895 verteilte die junge Burenrepublik Transvaal Ackerland an die zwölf Brüder Erasmus; die Schwester, Kind Nummer 13, wurde mit dem General Jan Christiaan Smuts abgefunden. Daniel berichtet davon, als sei er dabeigewesen, als sei es erst gestern geschehen: die Erasmus-Saga.

Von zwölf festgesetzten, weit auseinanderliegenden Punkten aus durften alle zwölf eine Stunde in die vier Himmelsrichtungen reiten. Der vom Pferd abgemessene Grund war ihr Besitz, gewöhnlich 4000 Morgen. Der General jedoch, ein großgewachsener Mensch, ritt ein kräftigeres Pferd als seine Brüder, den Wallach Blondon mit den Riesenschritten. »Er erschritt dem General 6000 Morgen«, erzählt Daniel dankbar.

Die anderen Farmen sind inzwischen von den Suburbs der Hauptstadt Pretoria verschlungen worden. Grootfontein lebt bis heute, abgemagert auf 4000 Morgen; seit 1966 ist es Danies eigenes Land.

Erasmus der Große - erst fünf Jahre später, im Burenkrieg gegen die Briten, sollte er zum General befördert werden -, D. J. E. Erasmus lebte wie ein burischer Aristokrat, als Grundbesitzer, Viehzüchter und Patriarch. Er baute, schon 50 Jahre alt, das niedrige, weißgekalkte Gutshaus mit den geschweiften Giebeln, 17 hohe Räume, Akazienbohlen zu Häupten und Füßen. Mit einem Speicher für Tabak und Mais unter dem Dach.

Er pflanzte, in bedachtem Abstand vom säulengeschmückten Portal, die dicke schwarze Eiche: aus einer Eichel, die seine zweite Frau aus Durban am Indischen Ozean als Andenken in den Norden mitgenommen hatte. Unter dem Blätterdach wird Sonntag abends gegrillt.

Urenkel Danie bewundert Leben und Lebensstil seines Altvorderen so heftig, daß sein gebrochenes Englisch vollends unverständlich klingt, er fällt, gedankenverloren, immer wieder ins Afrikaans zurück. Im Afrikaans fühlt er sich dem General noch inniger verbunden.

Welch Rinderbaron! Was für ein Jäger! Mit seinen Freunden, der berühmteste war sein Schwager, der General Jan C. Smuts, ritt er zu ausschweifenden Safaris in das Hochland zwischen Victoria- und Tanganjikasee. »Er jagte Elefanten und verkaufte das Elfenbein nach Europa und wurde immer reicher«, berichtet der Urenkel glücklich.

Danie versinkt in Vergangenheitsträumen. Das Glück seiner Familie ist im 19. Jahrhundert aufbewahrt - und in seinem Gedächtnis.

Auch wenn die Arbeit auf der Farm früher härter war: Im Winter trieben die Buren das Vieh vom froststarren Highveld nach Nordwesten, auf einem 200 Kilometer langen Treck, hinunter in die Täler des Lowveld, wo es warm blieb, auch im Januar, wo das »sweet grass« wuchs, das süße Gras, das den Rindern besser schmeckte als das armselige Winterkraut von Grootfontein. Mitten durch Pretoria zogen die Herden. Danie stellt sich lächelnd die Verwirrung auf den schlammigen Straßen vor. 4000 Tiere, rotbraune Afrikaner-Rinder mit Hörnern wie Posaunen, dazu ein paar Dutzend gefleckte holländische Milchkühe.

In Daniels Familiengeschichte fällt der Regen regelmäßig und pünktlich, selbst im heißesten Sommer regierten Überfluß, Wohlstand und Zufriedenheit.

Während D. J. E. aus dem Leben des Generals Erasmus erzählt, glänzen seine Augen heiter. Einwände erwidert er höflich, ohne Bedenken und Feindseligkeit. Der General war kein Gelehrter, er war ein Mann der Tat. Nur das Alphabet war stärker als er.

Bedächtig las er seine Bibel, weil er sie auswendig kannte. Wort für Wort. Seine Liebesbriefe, Kleinodien des Familienschatzes, sind in halsbrecherischem Afrikaans verfaßt; die Braut verstand sie.

Mit Homburg und Seidenkrawatte zog er 1899 in den Krieg gegen die Briten, die Uniformen der Buren waren ihm nicht elegant genug, er kämpfte in Zivil. Drei Monate vor Kriegsende wurde er nach St. Helena deportiert, wurde

Grootfontein niedergebrannt, fast alles Vieh gestohlen.

Doch der General setzte sich selber, seinen Ruf und seine Farm wieder instand, eleganter als zuvor. Er wurde Abgeordneter und Minister, und seine Reden funkelten vor Vaterlandsliebe und anderen edlen Überzeugungen. Die offizielle Geschichtsschreibung gedenkt seiner Rolle im südafrikanischen Politik- und Kriegstheater allerdings ohne Enthusiasmus. Im Standardfolianten »500 Years« wird er auf Seite 333 beleidigend knapp erwähnt: Weil seine Soldaten sie nicht rechtzeitig unterstützt hätten, mußten sich die burischen Truppen vor den Briten über den Buffalo-Fluß zurückziehen.

Danies Erbtante Sarie würzt den nostalgischen Geschichtsunterricht mit Anekdoten aus dem Erbe ihrer Mutter. Immer wenn Staatspräsident Paul »Ohm« Krüger zu Gast in Grootfontein war, fürchteten die Kinder um das Heil ihres Vaters. Krügers tabakgebeizter Baß donnerte so fürchterlich durchs Haus, daß sie aus Angst nicht schlafen mochten: »Warum streiten sie nur? Warum prügeln sie sich? Ruhig, Kinder: Nur ein Gespräch unter Männern.«

Der General starb 1912, mit 77 Jahren. Sein Grab liegt unter den Eichen beim Viehkraal.

Post Box 142, Pretoria. Anwesen samt Anschrift sind auf den Urenkel übergegangen, der Stolz auf die Herkunft als Bure, als »boer«, als Bauer mit niederländischen und deutschen Vorfahren, ist sein Erbe. Doch je grimmiger sich dieses Erbe bedroht sieht, in Frage gestellt von schwarzen und weißen Landsleuten und von ausländischem Besuch, desto wütender verteidigt D. J. E. sein Vermächtnis.

Kaum berichtet er von dem mühseligen Farmerleben, das er mit Catharina und den drei Söhnen führt, da verwandelt er sich wieder zurück: vom glückseligen Chronisten in den hartäugigen Parteigänger jener Konservativen, die auf der Gewißheit bestehen, daß alle Zivilisation in Südafrika weiß ist. Und weiß bleibt; nicht gelb, nicht braun und niemals schwarz.

D. J. E., ausgebildet auf der Landwirtschaftsschule in Potchefstroom, übernahm 1966 voller Hoffnung das Gut. 1969 heiratete er Catharina van der Westhuizen, sie stammt aus Rhodesien; ihre Söhne heißen Petrus, Ernestus und Daniel, drei klingende Erasmus-Namen. Petrus, der Älteste, ist 15 und hat die »grüne Hand« seines Vaters geerbt: Er will Farmer werden.

Der Boden von Grootfontein »ist anständig, vielleicht ein bißchen zu lehmig. Aber er ernährt 5000 Stück Vieh, rotbraune Afrikaner, gekreuzt mit gelbweißen Simmentalern: »Die werden dann schneller fett, und sie werden fetter.« D. J. E. bringt die Herde samt ihren zehn Bullen mit Heu und Mais-Silage durch die Winter des Highveld.

Sie ernährt ihn auch: In Grootfontein ernähren sich Vater, Mutter und Söhne mit Fleisch, vom Frühstück bis zum Abendessen. Frau Catharina steht ab 5.30 Uhr am Herd, fünfmal am Tag bekocht sie die Familie. Erst den Mann, dann sich, dann die Söhne. Allein das Frühstück wird von pflanzlicher Kost begleitet: Mielie-Pap, Maismehl, in heißem Salzwasser verrührt. Ein Rezept aus der Notküche der Schwarzen.

Auf über 2000 Morgen - die Hälfte wird wegen der unzuverlässigen Regenzeit aus Tiefbrunnen bewässert - baut er Mais an; unterstützt von »drei Traktoren und 15 Farmhands«, schwarzen Landarbeitern. Sein Vieh verkauft er an weiße und schwarze Metzger, seinen Mais ausschließlich an Schwarze.

Im afrikanischen Frühherbst, noch ehe der Mais reif ist, blüht auf seinen Feldern das Geschäft. Vor Sonnenaufgang treffen die ersten Lastwagen aus den schwarzen Gettos in Grootfontein ein. Karawanen aus Mamelodi, Tembisa und Soweto. Die schwarzen Händler pflücken sich die grünen Maiskolben selber: Luxus-Leckerbissen für ihresgleichen. D. J. E. verkauft ihnen das Dutzend für zwei Rand, »und die Schwarzen«, sagt er mürrisch, »verlangen pro Stück 40 Cent.

»Die verdienen gut daran«, fügt er hinzu; auf seine Kosten?

Das geht so von Januar bis März, jeden Morgen von 4.30 Uhr an. Gute Jahre, das letzte war 1981, bescheren ihm zwei Tonnen Mais pro Morgen. Sohn Petrus hat ausgerechnet, wie viele Dutzend Maiskolben zu zwei Rand eine Tonne ergeben, doch das Ergebnis - den Löwenanteil des Familienverdienstes - hält er geheim.

Abhängigkeit, immerwährende Abhängigkeit von den Schwarzen: von schwarzen Arbeitern und schwarzen Kunden - ist das der Fluch, der den Geist von D. J. Erasmus so verdüstert, daß er oft leblos wie ein Stein im Plüschsessel hockt?

Natürlich leugnet er diese Abhängigkeit. Natürlich verachtet er die Schwarzen keineswegs. Sie sind viel zu minderwertig, als daß sie Verachtung, gar Haß oder Furcht in ihm wecken könnten. Sie gehören zu seinem Leben wie sein Schatten, sie sind Bestandteil der Natur, die ihn umgibt; seit jeher in seiner Nähe, weder Tier noch Pflanze, doch aus einem anderen Stoff gemacht als er selber. Wenn Daniel und Catharina Erasmus ihre Schwarzen vorführen, in Bildern und Geschichten, schlägt verständnislose Wut durch ihre Beschreibung. Wie können die »Blacks« es wagen, nicht zufrieden zu sein?

Vor ihre Verstörung legt sich Beteuerungszwang: Daniel berichtet, wie gut er seine Schwarzen behandelt, wie gut sie es mit ihm getroffen haben.

15 Familien leben im Kraal am Rande von Grootfontein. Er hat ihnen Gärten _(Als General 1899. )

angelegt, er hat sie mit Kühen und Schafen versorgt. Sie dürfen ihren eigenen Mais anpflanzen, und wenn sie ihn bitten, pflügt er ihre Äcker um und bestreut sie mit Dünger. 1982 baute er ihnen sogar - um sie an sich zu fesseln? - Backsteinhäuser mit fließendem Wasser, Toiletten und Bädern. Er mußte sie erst »mit Mais und Rands« bestechen, damit sie ihre alten Lehmhütten verließen, wo sie auf dem Fußboden schliefen, »wie Tiere«.

»Ich war so dumm«, sagt D. J. E. mit Bitterstimme, »ihnen das Leben verschönern zu wollen. Ich wollte auch einen Beitrag leisten ...«

Er beteuert, wie gut er sie bezahlt: 120 Rand im Monat, Kost und Logis frei, dazu der Mais-Bonus nach der Ernte. Wie gut er sie kleidet: ein fester Drillich-Overall im Jahr. Wie gut er sie erzieht: Ihre Kinder besuchen auf der Nachbarfarm eine Schule, die auch dank seines Geldes gedeiht.

Über die Lage der Schwarzen zu reden heißt vom Krieg reden. Jetzt verdächtigt D. J. E. jeden Einwand und jede Zwischenfrage als subversiv, als arglistig und voreingenommen. Kritik und Zweifel empfindet er als Schuldspruch gegen sich und alle Buren. Die Unterhaltung hat endgültig ihre Unschuld verloren. Er wittert Drohungen, böse Absichten. Fühlt sich verhört. Sein Bekenntniseifer läßt dennoch nicht nach.

Während er am nächsten Morgen seinen Besitz vorführt, dem grauen Sonntag ist ein grauer Montag gefolgt, während er den Gast liebevoll mit jedem Acker, jedem Baum und Brunnen bekannt macht, reißt er unaufhörlich Witze über die Schwarzen. Er nennt sie »Kaffirs«, Kaffern, verlacht sie mit dem alten burischen Schmähwort, er spricht von ihnen wie von Sklaven.

»Die Schwarzen sind unzuverlässig«, sagt er. »Sie benötigen Überwachung. Brauchen den Boss, der ihnen befiehlt, was sie zu tun haben.« Sie sind wie kleine Kinder: Sie wollen streng, aber zärtlich behandelt werden. Weil sie nie Schulden bei ihm machen, nennt er sie auch »anständig«.

»Warum begreift die Welt nicht endlich?« fragt er. Da die Welt nicht begreifen will, verschanzt er sich in seiner eigenen Welt. Religion und Politik sind in ihr zu einem festen Gewebe verflochten. Überzeugungen und Glauben bezieht er aus der reaktionären Konservativen Partei, dem Heiligen Graal der Buren und der armen, zu kurz gekommenen Weißen. Andries P. Treurnicht, ihr Pontifex und Vorsitzender, war Pastor der kalvinistischen niederländisch-reformierten Kirche. Seine Anhänger, dem dubiosen »Eid des weißen Südafrika« verpflichtet, müssen vor Parteiversammlungen schwören: »Der Kampf, den unsere Väter begonnen haben, wird weiter wüten. Bis wir sterben oder siegen.«

Gleich Treurnicht bezichtigen Daniel und Catharina Erasmus den Staatspräsidenten Pieter Willem Botha des Verrats. »Eine Gesellschaft ohne Schranken zwischen Schwarz und Weiß bedeutet das Ende des weißen Volkes«, sagt Treurnicht immer wieder. Das Ehepaar Erasmus wiederholt derlei ohne Scham.

»Ich bin bestimmt kein Rassist«, ruft Catharina - die hübsche, wohlfrisierte Catharina - plötzlich in den Salon, er ist am Montag so still wie am Sonntag. »Ich bin kein Rassist«, schreit sie, »aber ich möchte in meinem eigenen Land meine eigene Kultur entwickeln dürfen.«

Während der Baas in seinem Sessel versteinert, kreischt seine junge Frau ihre wirrsten Gedanken aus sich heraus. »Nicht nur die Schwarzen, auch wir - WIR! - brauchen unser Homeland.«

Sie hat Angst: vor der Integration in eine Gesellschaft aus den zahllosen Völkern Südafrikas. Sie hat Angst vor einem »mixed government« - einer Regierung aus weißen, braunen und schwarzen Ministern.

»Man darf nicht alles vermischen. Die Schwarzen sollen für sich bleiben. Was sie jetzt zerstören und niederbrennen, das haben sie von uns erhalten. Sollen sie es verwüsten - und in den Trümmern leben.«

»Aber Hände weg von uns! Wir leben hier seit langer Zeit. Hier ist unser Homeland, hier wählen wir unsere Volksvertreter. Hier machen wir unsere Gesetze. »

Sie muß sich in Fieber reden, um sich diese Freiheit nehmen zu können. Sie spricht Afrikaans und Englisch durcheinander. Es geht ihr um Leben und Tod, das ist schmerzhaft zu spüren.

»Mußten wir nicht«, fragt sie, stöhnt sie, »Farmland abtreten bei Bronkhorstspruit, keine Stunde von hier, damit das Homeland KwaNdebele geschaffen werden konnte?« Über Nacht sei weißes Land schwarz geworden.

Daniel und Catharina Erasmus pochen auf ihr Recht: ein eigenes Homeland. Wissen sie nicht, daß es nirgendwo in Südafrika einen Landstrich gibt, in dem die Weißen in der Überzahl sind? Doch! Aber sie wollen es nicht wissen. Die feine alte Erbtante Sarie bietet Trost an. »Ich kenne die Schwarzen«, sagt sie fröhlich. Noch gestern habe ihr Bossboy Enoch versichert: »Baas, I never leave you.« Sie habe Tränen in den Augen gehabt.

Vor dem Haus schimmert ihr nachtblauer BMW im grauen Mittagslicht, und an ihrem Hals ein nußgroßer Diamant. Tante Sarie schöpft Rat aus der Lehre der Ahnen, des Generals zumal. »Man muß wieder lernen«, sagt sie, »mit den ouvolk umzugehen«, den alten Leuten, wie die Schwarzen früher genannt wurden: streng, als gehörten sie zur Familie Erasmus. »Strenge ist Christenpflicht.«

»Die Vorfahren lehrten uns«, sagt Tante Sarie, »gut zu unseren Nachbarn zu sein.« Die Nachbarn! Zulus, Xhosa und dergleichen. »Wir haben sie besser behandelt als die Amerikaner und Australier ihre Nachbarn.«

»Wir«, sagt Tante Sarie spitz, »wir haben unsere Nachbarn nicht ausgerottet.« Sie klingt jetzt auch ein wenig schrill.

Unter den 4,8 Millionen weißen Südafrikanern - die meisten würden ihre Nachbarn bedenkenlos nach Australien und Amerika verschicken -, unter diesem Häuflein Weißer sprechen etwa 60 Prozent Afrikaans. Der Rest, hinter der Sprach- und Verständnisbarriere, spricht Englisch. Etwa 1200 Familien - Tante Sarie hat sie gezählet - tragen den Namen Erasmus. Es sind mehr als 4000 Menschen.

Pünktlich zu Neujahr treffen sie sich zum Erasmus-Picknick, irgendwo in Transvaal, auf irgendeiner Erasmus-Farm.

Gut acht Prozent der gesamten südafrikanischen Bevölkerung stammt von den Buren ab. Ihr »geslagsregister«, ihre südafrikanische Ahnengalerie, läßt sich, im Nobelfall, auf das Jahr 1652 zurückführen.

Am 6. April 1652 legten zwei holländische Schiffe am Kap der Guten Hoffnung an, die »Drommedaris« und die »Goede Hoope«. Ihr Kommandant Jan van Riebeeck errichtete, im Auftrag der weltmarktbeherrschenden Niederländisch-Ostindischen Kompanie, einen Stützpunkt für die Handelsflotte auf ihrer Passage in den Indischen Ozean. An jenem linden Herbsttag - »schönes, warmes Wetter« vermerkt das Logbuch - wurde Südafrika geboren, aus dem Geist habgieriger Krämerseelen.

Die Holländer ergriffen das Land und gaben es nicht mehr her. Und das Land bemächtigte sich ihrer, sie nannten sich Afrikaaner und ihre Sprache Afrikaans; ein für den afrikanischen Alltag und seine harthörigen Bewohner zurechtgeschliffener Singsang. Den Niederländern tönt er heute wie Kinderkauderwelsch in den Ohren.

Fünf Jahre später, 1657, siedelten sich die ersten neun »vry burgers« in der Kapkolonie an. Energisch widmeten sie sich Ackerbau und Viehzucht, bis sie entdeckten, daß schwarze Sklaven, eingeführt aus Guinea, Angola und Madagaskar, ihre Arbeit genauso gut verrichten konnten. Nein, besser: ohne daß die Weißen selber sich anstrengen mußten.

Sie versuchten auch, die Schwarzen vom Kap abzurichten. Doch das war schwieriger. Also stahlen die »boeren« den Viehzüchtern vom Volk der Hottentotten die fettesten Rinder von den Weiden und jagten umsichtig die Buschmänner, _(Sohn Ernestus, Ehefrau Catharina, Sohn ) _(Daniel, Vater Daniel, Sohn Petrus vor ) _(ihrer Farm Grootfontein. )

die sie wie »dreckige schwarze Hunde« totschlugen, wo immer sie ihnen über den Weg liefen.

Noch ehe der erste Erasmus Südafrika betrat, es war im Mai 1692, Tante Sarie schwört, es sei ein »heiterer Sonntag« gewesen, noch vor Beginn der Erasmus-Saga war der Code formuliert: »Wir sind die Herren. Das Land ist unser. Nur ein Schwarzer, der für uns arbeitet, ist ein guter Schwarzer. Widerstand wird bestraft. Das Land ist unser. Wir sind die Herren.« Das Schwarz-Weiß-System war zementiert, doch ohne daß sie es begriffen, hatten sich die weißen Herren von schwarzer Arbeit abhängig gemacht.

Pieter Erasmus, 1672 geboren, seit 1691 Bürger von Rotterdam: Tante Sarie wäre es herzlich lieb, wenn sich einmal bestätigen würde, daß Pieter mit dem großen Theologen und Schriftsteller Erasmus von Rotterdam verwandt war, der, 200 Jahre vor ihm, sein Licht leuchten ließ. Sie wirft einen Blick auf ihren Neffen D. J. E., und ihre Zweifel nehmen wieder zu. Das antiautoritäre, menschenfreundliche Erbe des großen Humanisten wäre bei der Überfahrt wohl über Bord des Dreimasters »Goede Hoope« gegangen.

1692 gründete Pieter Erasmus I. die Farm Groenkloof im afrikanischen Drakenstein, 180 Morgen guten Bodens: Pieter heiratete Marie E. Jooste und zeugte mit ihr sechs Kinder. Sie wuchsen auf wie die Kinder von Eroberern, herrschsüchtig, engstirnig, gottesfürchtig. Denn ihr Gott, der strenge Gott Calvins, so lehrte man sie, billigte die Herrschaft der Starken über die Schwachen, der Weißen über die Schwarzen. Gottes Stellvertreter in Südafrika war ihr Vater.

Laurens Erasmus, einer der Söhne Pieters, heiratete Martha Pienaar, eine Hugenottin aus Nantes. Die fromme Ehe produzierte 15 Kinder. Und Pieter Erasmus III., getauft am 14. April 1732 in Stellenbosch, heiratete Johanna Bockelenberg und zeugte mit ihr acht Kinder.

Das Leben der Erasmus verlief nach dem Gesetz der Genesis: regelmäßige Geburten, gewaltsame Tode. Mit 16 wurden die Söhne der Buren heiratsfähig, die Kompanie übereignete ihnen 160-Morgen-Farmen, doch ohne ihre Ochsen und Sklaven wären sie verloren gewesen.

Die Begegnungen mit Hottentotten und Buschmännern wurden seltener, denn Hottentotten und Buschmänner, Opfer burischen Eroberungsfleißes, waren seltener geworden. Die Begegnungen mit den Völkern der Xhosa, Sotho und Zulu verliefen weniger siegreich. Die Auseinandersetzungen sind heute noch nicht abgeschlossen.

Die Familie Erasmus paßte ihr Leben den allgemeinen Bewegungen an, trieb ihre Ochsen durch die Täler und ließ ihre Sklaven für sich schuften. Die Französische Revolution von 1789 predigte auch ihnen unbegreifliche Ideale: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Waren das Torheiten! Sie sollten der »swart gevaar« mit offenen Armen entgegenkommen?

Bedeutsamer war der Bankrott der Weltenbeherrscherin. Mit 112 Millionen Gulden Schulden, erwirtschaftet größtenteils am Kap, machte die Niederländisch-Ostindische

Kompanie Pleite. Georg III. von England, des Transithafens für die Indienpassage ebenso bedürftig, übernahm die Macht. Im Jahre 1806 war Südafrika britisch geworden. Amtssprache wurde Englisch. Der Sklavenhandel wurde verboten. Es begann, nach Aufklärung und Zivilisation zu riechen. Die Buren, bedrängt von solchen Einflüssen, flohen. Sie wanderten aus: nach Afrika, ins Innere des unbekannten Kontinents, um endlich unter sich zu sein.

Der erste Große Treck, eine wohlorganisierte Völkerwanderung, brach 1836 auf, in Marsch gesetzt vom Feldkommandanten Piet Retief. Die Familie von Erasmus III. schloß sich, so erinnert sich Tante Sarie, die Ahnenforscherin, dem dritten Zug der Voortrekker an, Andries Hendrik Potgieter führte ihn an. Mit ihren Herden und Sklaven fielen sie über die schwarzen Völker her und setzten sich auf deren Land fest.

Daniel Jacobus Erasmus, der 1785 Cornelia Krüger geheiratet hatte, eine junge Frau aus dem Klan des späteren Staatspräsidenten mit dem kindererschreckenden Baß, Erasmus IV., und die liebliche Cornelia zeugten 16 Kinder, »leider starben sechs im Wochenbett«. Mit zehn Söhnen also überquerte das fruchtbare Paar 1842 den Vaal-Fluß und war zur Stelle, als zehn Jahre später die Burenrepublik Transvaal ausgerufen wurde. Seither sind die Erasmus mit Transvaal verwachsen.

Für die Buren, für Daniel Jacobus Erasmus IX. und seinesgleichen, bildet sich in der Passion der Voortrekker ihr Nationalcharakter ab: unbeirrt vorwärts gegen Wilde und Wildnis. Und gegen England. Denn eines Tages wurden in den von den Voortrekkern eroberten Regionen mächtige Diamanten- und Goldvorkommen entdeckt, reicher als König Salomons Schätze. Habgierig rückte die britische Krone den Pionieren erneut auf den Leib, entschlossener als zuvor.

Die Buren unter ihrem Präsidenten Paul Krüger wehrten sich. Sie wollten sich ihre Eroberung nicht nehmen lassen und erklärten 1899 dem Empire keck den Krieg. Das Empire schlug zurück, die Buren waren erbarmungswürdig unterlegen.

Als der Burenkrieg am 31. Mai 1902 zu Ende ging, waren 6000 Buren gefallen. Unter den Toten, Gott sei Dank, kein einziger Erasmus. Über 100000 Frauen und Kinder hungerten in britischen Konzentrationslagern, eine von ihnen war Gertrud, die zweite Frau des Generals samt fünf Töchtern und zwei winzigen Buschmann-Sklaven, Tommy und Fatima: Als wieder Frieden einkehrte, war Grootfontein eine Ruine.

Das Burenreich und die Familie Erasmus erholten sich und 1910 bestimmten, endlich unter sich, die Weißen Südafrikas über das Schicksal Südafrikas, als seien die Schwarzen unterdessen zu Bäumen geworden. Über Südafrika regierte die Minderheit der Buren, daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch seit 1912 kämpft die schwarze Befreiungsbewegung Afrikanischer Nationalkongreß (ANC) für die Veränderung. Inzwischen zittern die Buren, wenn der ANC sich regt.

Daniel Jacobus Erasmus und seiner verängstigten Frau Catharina sind alle Veränderungen ein Greuel. Sie fühlen sich am wohlsten unter den Voortreckern, daheim im Jahr 1836. Damals konnten die Buren ihre Zukunft noch selber bestimmen.

Über einem der raren Hügel bei Pretoria thront das Voortrekker-Denkmal, verwirrend gleicht es einem Radioapparat, einem Volksempfänger der deutschen Vorkriegszeit; Backstein statt Bakelit. Dieses domhohe Bauwerk, aufgeführt vom Architektenteam Wehmut, Lüge und Kitsch, ist das steinerne Herz des Burenstaates. Es stellt ihren Stolz dar, »einer Heldennation anzugehören«, wie der offizielle Führer trompetet.

Das Monument, mit Plastiken und Reliefs reich geschmückt, ist täglich von 9 bis 16.45 Uhr für Weiße geöffnet, Nichtweiße dürfen es dienstags von 8.30 bis 12 Uhr besichtigen; am Dienstag ist das Restaurant geschlossen.

Die Krypta, metertief unter der Erde, wird von einem Sarkophag beherrscht: dem symbolischen Grab des Voortrecker-Führers Piet Retief, der von Zulukriegern in den Drakensbergen getötet wurde. Am 16. Dezember 1839 wurde sein Tod von burischen Kommandos fürchterlich gerächt. Die Buren feiern sein Martyrium wie Allerheiligen. An jedem 16. Dezember fällt um die Mittagszeit durch eine Öffnung im Gewölbe ein Lichtstrahl auf den Marmorsarg. Er beleuchtet das Hohelied der Buren, fünf Wörter in Afrikaans: »Ons vir jou, Suid Afrika« - Wir für dich, Südafrika. Erzengel schweben unsichtbar durch den Raum.

In Pfadfinder-Uniformen des Voortrekker-Verbands verkleidet, halten Daniel und Catharina Erasmus samt ihren drei Söhnen Wacht vor dem Sarg; Fackeln vor den strahlenden Gesichtern.

Im nächsten Heft

Die ersten Buren kamen aus Köln - Die Macht der Herren Siebzehn - Sind Buschmänner Menschen? - Buren-Märtyrer am Galgen

Als General 1899.Sohn Ernestus, Ehefrau Catharina, Sohn Daniel, Vater Daniel, SohnPetrus vor ihrer Farm Grootfontein.

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