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»Wir sind ein Volk unter der Käseglocke«

Tschechoslowakei: Die Angst der Partei vor Reformen machte das Land zur politischen und kulturellen Einöde Die Erinnerungen an den Prager Frühling von 1968 sind gewaltsam verdrängt, das Volk, das einst dem Reformer Alexander Dubcek zugejubelt hatte, flüchtete in ein kleinbürgerliches Privatleben. Die Partei, ängstlich um Moskaus Anerkennung bemüht, wird jetzt vom Kreml-Chef Gorbatschow zur Modernisierung gezwungen. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Vor dem Reiterstandbild des heiligen Wenzel in der Prager Innenstadt, an der Stelle, an der sich im Januar 1969 der Prager Student Jan Palach aus Verzweiflung über das Scheitern des politischen Frühlings mit Benzin übergoß und verbrannte, liegt fast täglich ein frischer Blumenstrauß - auch im Schnee.

Doch die jungen Leute in westlichen Jeans und Lederjacken, die sich jeden Nachmittag auf den Stufen des Denkmals treffen, einige sogar mit grellfarbener Punker-Frisur, wissen nichts von dem Selbstmord des Studenten, kennen nicht einmal seinen Namen.

Auch das im Ostblock bislang einzigartige Experiment eines »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«, für das sich die regierende tschechoslowakische KP an die Spitze systemverändernder Reformen stellte und das die sozialistischen Bruderländer im August 1968 unter Panzerketten begruben, dieser Beitrag Prags zur Weltgeschichte ist in der CSSR kein Thema mehr.

Diejenigen im Volk, die damals, vor 18 Jahren, Parteichef Alexander Dubcek und seinen Reformern zugejubelt haben, schämen sich heute für ihren naiven Glauben, daß sich Sozialismus ungestraft reformieren ließe. Die anderen, die schon damals dagegen waren und heute wieder an der Macht sind, möchten, daß die kurze Episode politischer Freiheiten für immer vergessen wird.

Über den »konterrevolutionären Anschlag«, wie der gescheiterte Reformversuch inzwischen im Parteijargon heißt, ist in der CSSR weder ein Buch noch ein Film erschienen, geschweige denn eine historische oder politische Abhandlung, die den Nachgeborenen verständlich machen könnte, wie es damals zum kommunistischen

Bruderkampf kam. Auch die Leitartikler sparen das Thema lieber aus.

»Es ist noch zu früh«, begründet der slowakische Nationaldichter Ladislav Ballek seine freiwillige Abstinenz und meint zu wissen, daß dieses Thema seine Leser auch wenig interessiere.

Mag sein. In den Bestsellerlisten der Buchverlage stehen Übersetzungen russischer Klassiker und heimische Neuerscheinungen von Gesellschaftsromanen über die Zeit der Jahrhundertwende oder kauzige, völlig unpolitische Science-fiction-Bücher, die auf fernen Planeten spielen: Flucht in die Nostalgie oder in eine erfundene Zukunft.

Anders als in Ungarn nach dem blutigen Volksaufstand von 1956, anders als in Polen nach dem Verbot der Gewerkschaft »Solidarität« hat es in der CSSR weder eine offizielle noch eine heimliche Diskussion über Gründe und Fehler der politischen Eruption gegeben. Die Partei regiert - nicht ohne Erfolg -, als sei das Jahr 1968 aus der Geschichte gestrichen: Der Prager Franz Kafka hätte an diesem Prozeß kollektiver Verdrängung sein Thema gefunden.

Die vom Regen ausgewaschenen Transparente über jedem Fabriktor, die vom »Sieg des Kommunismus« oder der »Unverbrüchlichen Treue zur Sowjet-Union« künden, liest ohnehin keiner mehr, ebensowenig wie die faden Berichte in den Parteizeitungen.

Selbst das Staatsfernsehen hat sich auf die politische Gleichgültigkeit seiner Bürger eingestellt und sendet die Wetterkarte vor den täglichen Nachrichten: damit man, so der Prager Volkswitz, das Gerät nach der einzig wichtigen Meldung des Tages ausschalten kann.

Freilich: Die politische Apathie im Land, die sogar Staats- und Parteichef Gustav Husak als »Friedhofsruhe« rügte, hat die Partei mit ausreichender Güterversorgung und einem bescheidenen Wohlstand der Bevölkerung erkauft; in der CSSR gibt es keine Käuferschlangen wie in Polen, keine leeren Regale wie in Rumänien - aber auch nicht das exquisite Warenangebot Ungarns.

Ähnlich wie in der DDR sind Grundnahrungsmittel und ein nicht allzu anspruchsvolles Sortiment von Konsumwaren zu erträglichen Preisen überall zu kaufen, selbst in den Dörfern.

Die Löhne sind, gemessen an den Preisen, nicht schlecht: Mit einem Durchschnittsverdienst von monatlich 2800 Kronen (etwa 1000 Mark) stehen die Industriearbeiter nach den Kollegen in der DDR an der Spitze der realsozialistischen Lohntabelle.

Die Lohndifferenzen zwischen Stadt und Land sind minimal - mit ein Grund, warum sich der Drang von den Dörfern in die Großstädte nahezu umgekehrt hat: Vor allem die jungen Familien leben heute lieber auf dem Lande. Spürbar wird das soziale Gefälle erst für Rentner, die mit einer Altersversorgung von durchschnittlich 340 Mark nicht mehr auskommen. Für sie hält der Staat, der ständig nach zusätzlichen Arbeitskräften sucht, Teilzeitjobs bereit.

Die Flucht ins Private hat in den vergangenen zehn Jahren sehr konkrete Formen angenommen: Fast jeder dritte Prager und jeder fünfte Bewohner von Bratislava oder Brno (Brünn) hat sich inzwischen im Grünen ein Ferien- und Wochenendhaus angeschafft - die »Chata« (Datscha), Traum aller tschechoslowakischen Bürger. Nach Schätzungen sind es inzwischen fast eine halbe Million, von selbstgezimmerten Bretterbuden bis zum komfortablen Bungalow oder restaurierten Bauernhaus, die Wälder, Seen und Flußufer säumen.

Für diese Datscha-Tschechen ist selbstverständlich geworden, am Arbeitsplatz _(Ende November 1985 nach dem Genfer ) _(Gipfel auf dem Prager Flughafen. )

alles mitgehen zu lassen, was für den Bau nützlich ist oder sich gegen Nützliches eintauschen läßt - vom Sack Zement bis zu den Küchenfliesen. Diebstähle dieser Art gelten in den volkseigenen Betrieben als Volkssport.

Die Partei, die den Schrebergartenkult als kleinbürgerliches Relikt verdammt, hat bislang kein Mittel gefunden, ihn zu unterbinden. Andererseits sind die Parteiideologen froh, ihre Bürger in der Freizeit nicht auf konspirativen Treffs, sondern beim Tapezieren oder Rasenmähen zu wissen.

Denn den wenigen, denen die grüne Wochenend-Idylle als Lebensinhalt nicht genügt, geht es schlecht. Andersdenkende, politische Oppositionelle werden von der Geheimpolizei verfolgt, schlimmer als Kriminelle. Für Bagatellen wie einen Briefwechsel mit Exil-Tschechen in der Bundesrepublik oder den Besitz angeblich »konterrevolutionärer« Lektüre können Bürger der CSSR mit mehrjähriger Haft bestraft werden, wenn sie nach den Erkenntnissen der Polizei zu den »antisozialistischen Kräften« gehören.

Dazu gehören nach Ansicht der Partei auch die 242 Erstunterzeichner der »Charta 77«, jener Kreis von Menschen, die sich Anfang des Jahres 1977 in einer Denkschrift für mehr Achtung der Menschen- und Bürgerrechte einsetzten. Die meisten von ihnen waren schon 1968 für Reformen eingetreten, viele, wie der Ex-Außenminister Jiri Hajek, hatten hohe Funktionen in der Reform-KP oder waren zumindest Parteimitglieder. Daß sich die von der Geheimpolizei bespitzelten, verfolgten und von Zeit zu Zeit inhaftierten Mitglieder der Charta nicht als Partei, sondern als Bürgerinitiative begreifen, daß sie in ihren sporadischen Aufrufen und Appellen alles andere als staatsfeindlich, aufrührerisch oder gar antisozialistisch sind, das hilft ihnen wenig.

Kürzlich wurde in Prag der Bürgerrechtler Petr Cibulka, 35, wegen »Beleidigung der kommunistischen Weltanschauung und Störung der öffentlichen Ordnung« zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Cibulka hatte sich in einer Gaststätte darüber beschwert, daß kein Billiggericht, wie vom Gesetz vorgeschrieben, angeboten wurde.

In der Sache hatte er recht, der Restaurant-Direktor entschuldigte sich bei dem Gast sogar schriftlich, aber dessen Kommentar, der Geheimpolizei hinterbracht: »Wenn sich niemand beschwert, sind die Kommunisten noch in hundert Jahren da«, brachte ihn ins Gefängnis.

Der Mut, mit dem die inzwischen rund 1000 Charta-Anhänger der staatlichen Repression widerstehen, findet im eigenen Volk so gut wie keine Beachtung. Dieses geringe Echo macht die hysterische Reaktion der regierenden Partei auf die Bürgerrechtler um so unverständlicher.

Verunsichert ist die Partei auch durch die wachsende Zahl von Gläubigen, die als angebliche Staatsfeinde ins Gefängnis kommen und deren Vergehen hauptsächlich darin besteht, sich von der Ausübung ihrer christlichen Pflichten nicht abbringen zu lassen. So wurde in Usti nad Orlici die Rentnerin Ludmila Polakova zu acht Monaten Haft verurteilt, weil in ihrer Wohnung ohne Genehmigung der Behörden Kinder Religionsunterricht bekamen.

Selbst das Parteipräsidium hat sich im vorigen Herbst mit dem schlichten Problem beschäftigt, daß immer mehr Menschen, vor allem in der Slowakei, an kirchlichen Wallfahrten teilnehmen. Mitglieder der höchsten Partei-Runde nannten die Zahlen - in zwei Fällen waren es rund 100000 Christen - »besorgniserregend«. Den mehrfach geplanten Besuch des Papstes in der Tschechoslowakei hat die Staatsmacht bislang verhindert.

Mit erheblicher Anstrengung hat die Partei seit der Intervention von 1968 versucht, ohne geringste Abweichung auf dem von Moskau vorgegebenen Kurs zu bleiben. Aus Furcht, noch einmal bei der Kreml-Führung aufzufallen, hat die CSSR selbst auf blockinterne Neuerungen verzichtet: Es gibt keine Wirtschaftsreform wie in Ungarn oder Bulgarien, keine eigene Außenpolitik, wie sie Rumänien oder in jüngster Zeit auch die DDR versuchen.

Während der Krise in Polen stand die Prager Führung in der vordersten Front der Kritiker und nannte lange vor den noch zögernden Sowjets den von polnischen Kommunisten mit den streikenden Arbeitern abgeschlossenen Vertrag einen »Verrat am Sozialismus«.

Als Moskaus liebstes Kind nahm die KPC dabei in Kauf, daß ihr Land mit einer der ältesten europäischen Traditionen im Bewußtsein der übrigen Welt zur politischen und kulturellen Einöde verkümmerte.

Das »Biafra des Geistes« hat schon Anfang der 70er Jahre der inzwischen verstorbene französische Schriftsteller und Kommunist Louis Aragon die Tschechoslowakei genannt und den Mangel an politischem und kulturellem Esprit mit der Massenflucht der geistigen Elite erklärt. Rund 150000 Tschechen und Slowaken, viele davon Intellektuelle, sind nach 1968 in den Westen emigriert.

Im Exil leben auch die Tschechen und Slowaken, die von sich reden machen: Der Schriftsteller Milan Kundera, Autor des vielgelobten Romans »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins«, publiziert in Paris; Milos Forman, Regisseur des gefeierten Films »Amadeus«, arbeitet in den USA, und Eduard Goldstücker, Literaturhistoriker

von Weltruf, lehrt inzwischen in England.

Nur der Anfang Januar verstorbene Jaroslav Seifert, Altmeister der tschechischen Poesie, der vor zwei Jahren überraschend den Nobelpreis für Literatur bekam, war in Prag geblieben - aber auch er gehörte zu den isolierten Oppositionellen. Als ein Filmteam der ARD auf der Beerdigung von Seifert seine Freunde um eine Würdigung des verstorbenen Dichters bat, wurden die Aufnahmen von der Miliz verboten.

Für die Daheimgebliebenen gilt, was der slowakische Soziologe Karel Cuban vorsichtig so umschreibt: Unser gesellschaftliches Leben ist das »Resultat der Beziehungen von Idealem und Möglichem«.

Ein Prager Wissenschaftler, kein Dissident und kein Oppositioneller, nach eigener Einschätzung ein »optimistischer Pessimist«, sagt es viel drastischer: »Wir sind ein Volk unter der Käseglocke, luftdicht abgeschirmt vom wirklichen Leben. Aber wenn man den Deckel hebt, merkt man, daß es stinkt.«

Daß dieser Deckel in nächster Zeit behutsam angehoben wird, dafür gibt es Hinweise: freilich nur im wirtschaftlichen Bereich. Denn der neue Fünfjahresplan, der ab Januar 1986 Gültigkeit hat, aber erst im März auf dem Parteitag verabschiedet werden soll, zwingt die Prager Planstrategen zur Wende.

Die sklavische Nachahmung sowjetischer Wirtschaftsmethoden, die politischen Träume von einer »sozialistischen Autarkie« haben die Orthodoxen in der Partei in Bedrängnis gebracht, in eine Sackgasse, aus der sie ohne Umkehr weder politisch noch wirtschaftlich einen Ausweg finden.

Die staatliche Planungskommission am Prager Moldau-Ufer und zwei Dutzend Branchenministerien bestimmen, was im Land produziert und verkauft werden darf, was exportiert oder dem Binnenmarkt vorbehalten werden soll, wieviel investiert wird. Das Zentrale Preisamt legt den Wert des Produktes fest, ohne Rücksicht auf Produktionskosten und Marktlage.

Fast alle sozialistischen Staaten haben im Laufe der letzten 20 Jahre ihre Wirtschaft von den Fesseln eines starren Lenkungszentralismus befreit, ohne - wie die Prager Orthodoxen stets fürchten - damit den sozialistischen Tugendpfad zu verlassen.

Selbst so weitgehende Reformen wie in Ungarn, wo die Dezentralisierung der Verantwortung, die Freigabe der Preise, materielle Anreize für Tüchtige und eine vorsichtige Privatisierung schon seit Jahren zum Parteiprogramm gehören, fanden nach anfänglichem Mißtrauen die Zustimmung der Moskauer Führungsmacht.

Nicht so in der CSSR. Aus Angst vor Moskaus Zorn, wohl aber auch aus Furcht, die im Prager Frühling von den Dubcek-Anhängern geforderten Wirtschaftsreformen nachträglich doch noch verwirklichen zu müssen, blieb die Parteiführung unbeweglich - gegen die Interessen der eigenen Produzenten.

Denn die CSSR verfügte, im Gegensatz zu rückständigen Ländern wie Rumänien

und Bulgarien, schon in den Jahren vor dem Krieg über eine industrielle Tradition. Die Kommunisten konnten nach der Machtübernahme auf eine fleißige, geschulte Arbeiterschaft zurückgreifen. Moderne Produktionsmethoden, etwa der Aufbau einer elektronischen Industrie, hätten sich angeboten.

Der sture Kurs bewirkte, daß die Tschechoslowakei, anders als ihre sozialistischen Nachbarn Ungarn und die DDR, seit 1968 im wirtschaftlichen Wettbewerb immer weiter zurückfiel. Der Maschinenpark ist veraltet, die Industrie verbraucht zuviel Energie, die Produktivität sinkt, und das produzierte Nationaleinkommen stagniert.

Die CSSR produziert mit ihren 15 Millionen Einwohnern jährlich 16 Millionen Tonnen Stahl und ist damit in der Pro-Kopf-Produktion unangefochten Weltmeister. Aber zu verkaufen ist diese Ware nur mühsam, seit selbst afrikanische und asiatische Entwicklungsländer eigenen Stahl herstellen.

Sogar Parteiideologe Bilak rügte: »Nur zwei Prozent unserer Exportartikel halten einen Vergleich mit dem Weltmaßstab aus.« Politische Konsequenzen, etwa die Betriebe von den Planauflagen zu befreien und Erfindungsgeist und tüchtiges Management zu honorieren, wurden nicht gezogen.

Die von der UdSSR übernommene »Tonnen-Ideologie« sorgt zudem dafür, daß die Waren altmodisch bleiben: Für die Planerfüllung sind Gewicht und Umfang eines Produktes wichtiger als Präzision und leichte Handhabung.

Beispiel: Eine Traktorenfabrik in Brno. Dort werden seit über dreißig Jahren Landmaschinen hergestellt, die ihre Stabilität durch das hohe Gewicht der Fahrzeuge bekommen. Ständig klagten Kunden darüber, daß sich diese Traktoren bei nassem Wetter auf schwerem Boden nicht einsetzen lassen.

Werksingenieure entwickelten daraufhin ein Modell, das genauso stabil, aber wesentlich leichter ist und weniger Benzin verbraucht. Doch das Modell ging nie in Serie, denn die Neuerung hätte einer Veränderung des Produktionsablaufs bedurft. Das war sowohl der Werksleitung wie den Arbeitern zu riskant - die Fabrik hat ohnehin ein Marktmonopol, der Plan ließ sich auch mit dem Schwergewicht erfüllen.

Resultat: Die CSSR hält den Ostblockrekord an unverkäuflichen Lagerbeständen. Nach einem Bericht der slowakischen Parteizeitung »Pravda« betragen die jährlichen Verluste durch produzierte Ladenhüter zwischen sieben und acht Millionen Kronen: »Außerdem bindet die Lagerung fast 400000 Arbeitskräfte. Wenn die Lieferzeiten nur um einen einzigen Tag abzubauen wären«, so kalkulierte das Blatt, »könnte der Staat damit eine halbe Million Kronen einsparen.«

Betrug der Warenaustausch mit dem Westen in den siebziger Jahren noch 33 Prozent des gesamten Außenhandels, so ist er im vorigen Jahr auf 23 Prozent geschrumpft; die westlichen Industrienationen sind am Außenhandel sogar nur mit 16,5 Prozent beteiligt.

Entsprechend ist der Handel mit den Oststaaten, wo das Warenangebot wenigstens zum Teil noch absetzbar ist, auf 78,3 Prozent gestiegen - kein anderes Ostblockland liefert soviel auf den sozialistischen Markt. Hauptabnehmer bleibt die Sowjet-Union. Die Prager Parteiführung feiert das als politische Tugend.

Nur: Moderne Anlagen und Maschinen zur Renovierung ihrer überalterten Industrie kann die CSSR im Osten nicht bekommen. Um sie im Westen zu kaufen, fehlen die Devisen; Schulden im größeren Ausmaß läßt die Parteiführung aus Prinzip nicht zu: Für den Chefideologen Bilak sind Geldgeschäfte mit den Kapitalisten »ein Pakt mit dem Teufel«.

Druck von der unzufriedenen Basis wie in Polen ist nicht zu erwarten. Die unproduktiven Betriebe arbeiten mit zuviel Personal. In der ganzen CSSR gibt es keine Arbeitslosen. Im Gegenteil: Um den Arbeitskräftemangel zu mildern, hat die Prager Staats- und Parteiführung 25000 Gastarbeiter aus Kuba und 30000 aus Vietnam ins Land geholt, angeblich damit sich die Genossen aus der Dritten Welt an industrielle Arbeit gewöhnen. In Wahrheit bezahlen die Bruderländer aus Übersee damit einen Teil ihrer Importe aus der CSSR.

Beliebt sind die exotischen Gäste gerade nicht, und eine Vereinbarung schreibt auch vor, daß sie spätestens nach fünf Jahren in ihre Heimat zurückkehren müssen. Bei den heimischen Kollegen gelten die Kubaner als faul, die Vietnamesen zwar als fleißig, wegen ihrer geringen Körpergröße aber unfähig zu schwerer Arbeit. Volkseigene Betriebe mußten für die Vietnamesen jetzt Schaufeln und Schneeschieber mit kürzeren Stielen herstellen.

Da es ohnehin fast überall den gleichen Lohn gibt, mit dem sich auskommen _(Nach seiner Absetzung als Parteichef im ) _(April 1969. )

läßt, ist für die Werktätigen der Anreiz nicht groß, ihren sicheren Arbeitsplatz zu wechseln.

Selbst die Wirtschaftsexperten der Opposition geben zu, daß eine dringend notwendige technisch-wissenschaftliche Revolution in der Tschechoslowakei auch am Desinteresse der Werktätigen scheitern könnte: »Die Gruppe der Arbeiter, die bei bescheidenem Lohn wenig arbeiten, aber bequem leben wollen, wird immer größer.«

Für Neuerungen im tschechoslowakischen Wirtschaftsprogramm will jetzt der sowjetische Parteichef Gorbatschow sorgen. Bei Treffen der Ostblockführer hat der Kreml-Herr dem greisen Genossen Gustav Husak deutlich gemacht, daß künftig auch die Sowjet-Union als Hauptabnehmer der Waren aus der CSSR eine entscheidende Verbesserung der Qualität und des Sortiments verlangt.

Seit Herbst macht in den Ministerien der Ruf nach einem »dynamischen Fünfjahresplan« die Runde. Plötzlich ist vom »außenwirtschaftlichen Gleichgewicht« keine Rede mehr, die Investitionssumme für die nächsten fünf Jahre wurde von 700 Milliarden Kronen auf 839 Milliarden erhöht; um ihre Betriebe zu modernisieren, dürfen die Direktoren sogar Westkredite aufnehmen und Schulden machen.

Vor allem Joint-venture-Verträge, Abkommen mit westlichen Firmen über gemeinsame Produktion, sind in Prag gefragt. In den meisten Fällen soll der Westpartner das Know-how, modernste Technik oder das Kapital, der CSSR-Staatsbetrieb die Fabrikanlagen und die Arbeitskräfte stellen.

Selbst für die Landwirtschaft, bislang von der Zentrale am straffen Zügel geführt, lockert sich die Staatskontrolle. Die Staatsgüter und landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften sollen über Anbau, Saat und Ernte in Zukunft selbst entscheiden. Erträge, die über dem Plansoll liegen, dürfen die Bauern zu einem selbst ausgehandelten Preis verkaufen. Dafür will Prag seine Subventionen für den Agrarsektor von jährlich rund 13 Milliarden Mark drastisch kürzen.

In den entscheidenden Fragen soll allerdings alles beim alten bleiben: keine Dezentralisierung, keine Änderung im Lohn- und Gehaltssystem, schon gar keine politische Demokratisierung.

Mitglieder der »Charta« haben für die von Husak und Bilak angesteuerte Reform schon ihren Slogan gefunden: »Die Partei möchte gern ein Kind, möglichst sogar Zwillinge, aber schwanger darf keiner werden.«

Ende November 1985 nach dem Genfer Gipfel auf dem Prager Flughafen.Nach seiner Absetzung als Parteichef im April 1969.

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