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»Wir sind eine Ewigkeit zurück«

Der Moskauer Schriftsteller Viktor Jerofejew über Präsident Putin, die Angst vor einer neuen politischen Eiszeit und das falsche Bild, das sich der Westen von Russland macht
aus DER SPIEGEL 12/2004

SPIEGEL: Viktor Wladimirowitsch, hat Russland den Präsidenten, den es verdient?

Jerofejew: Ach, wissen Sie, die Russen haben keine Übung im Wählen. Vor fünf Jahren kannten sie Putin überhaupt nicht, trotzdem haben sie ihn ein Jahr später in den Präsidentensessel gehoben. Wenn ein anderer Putin käme, würde der auch seine überwältigende Mehrheit kriegen. Ich bitte den Westen, sich nicht so über unser Land zu erregen. Auch wenn es manchmal an einen Zirkus erinnert.

SPIEGEL: Da können Sie durchaus mitreden: Sie haben als Schriftsteller und Dissident die Breschnew-Zeit erlebt, als Star-Autor dann die ausgehende Gorbatschow- und die Jelzin-Ära. Nun, unter Putin, sind Sie wieder verfemt - als »Kosmopolit«. Marschiert Russland rückwärts?

Jerofejew: Zu behaupten, Putin mache jetzt einfach kehrt - nein, das wäre zu plump. Ich sehe eher eine erneute Hinwendung zu den ewigen Werten Russlands.

SPIEGEL: Sie meinen die Sucht nach kollektiver Wärme und starker Führung?

Jerofejew: Mein neues Buch heißt nicht von ungefähr »Der gute Stalin"*. Der Russe liebt das Gute an Stalin und ist bereit, alles zu vergessen, was der an Bösem getan hat. Stalin ist bei mir eine Metapher für eine Vaterfigur, und Putin rutscht immer mehr in diese Rolle hinein. Nicht, dass das russische Volk sich neue Repressalien wünscht. Aber einen guten, gestrengen Vater. Und eine starke Macht.

SPIEGEL: 45 Prozent der Russen sind noch immer überzeugt, Stalin habe vorwiegend Gutes getan. Da sei es nicht verwunderlich, dass einer wie Putin gut ankomme, der das Fenster zum Westen mit einer Hand geöffnet und mit der anderen wieder zugeschlagen habe, schreiben Sie. Profitiert Putin davon, dass sich die Russen nicht um eine Aufarbeitung ihrer jüngeren Geschichte bemühen?

Jerofejew: Der »gute Stalin« ist einer, der genau weiß, was seine Untergebenen brauchen. Er öffnet Archivtüren und schließt sie wieder, wenn er es für richtig hält. Er verwandelt das Volk in eine Herde, die er nach Belieben vor sich hertreiben kann.

SPIEGEL: Zum Archetypus des guten Vaters gehört auch, dass er alles weiß, aber nie die Schuld an Misserfolgen trägt. Putin tritt jeden Abend im Fernsehen auf und lässt seine Minister wie Schulbuben zum Rapport antreten. Er persönlich hat breite Zustimmung beim Volk, aber nur 15 Prozent glauben, seine Politik sei die richtige. Eine Form der Bewusstseinsspaltung?

Jerofejew: Ja, das ist Schizophrenie. Aber das ist der normale Zustand der russischen Gesellschaft. Das wundert hier niemanden. Die Figur wird von ihren Handlungen isoliert. Wir sind noch in einem fast mittelalterlichen Bewusstsein gefangen.

SPIEGEL: Sind die Russen eine verspätete Gesellschaft?

Jerofejew: Jelzin meinte, wir seien nach dem Ende der Sowjetunion in ein 5 Meter tiefes Loch gefallen. In Wirklichkeit ist es 50 Meter tief. Man muss mehr tun, um da wieder herauszukommen. Mit Zwang allein, wie unter Stalin, geht das nicht mehr. Sie können keine Computer produzie-

ren mit Leuten, die im Gulag nur Bäumefällen gelernt haben.

SPIEGEL: Angst ist im Putinschen Machtmodell wieder ein probates Mittel, denken wir nur an die Verhaftung des Ölmilliardärs Chodorkowski - die Einschüchterung der Geschäftsleute hat funktioniert.

Jerofejew: Diese Attacke ist verlogen, weil man für ähnliche Vergehen 15 Millionen Russen ins Gefängnis bringen könnte. In Russland wurde noch nie so viel gelogen wie jetzt. Was die Angst betrifft: Sie ist der Zement der russischen Gesellschaft. Aber es ist der Zement der Vergangenheit. Unter ihrem Regiment haben die Russen die Wasserstoffbombe hergestellt; attraktiver gemacht haben sie ihr Land dadurch nicht.

SPIEGEL: Auch Putin träumt den ewigen Traum vom starken russischen Staat?

Jerofejew: Die Furcht, dass das riesige Land bei einer zu schwachen Macht zerbricht, war immer da. Putin orientiert sich wohl an Zar Alexander III., der nach einer stürmischen Reformphase seines Vorgängers auf mehr Verwaltung und Kontrolle setzte.

SPIEGEL: Ex-Premier Jegor Gaidar sagt, Russland sei schon immer 50 Jahre hinter dem Westen zurück gewesen. Man solle sich deswegen nicht aufregen ...

Jerofejew: Wir sind eine Ewigkeit hinter der Wirklichkeit zurück. Und wir müssen endlich beginnen, offen darüber zu reden. Auch der Westen, der das im Gegensatz zu uns ja durchaus sieht, spricht es nicht an.

SPIEGEL: In »Der gute Stalin« schreiben Sie, die Russen hätten stets an alles und jeden geglaubt, nur nicht an sich selbst. Ist das fehlende Bekenntnis zur Eigenverantwortung ein Teil des Problems?

Jerofejew: Ja, und das Böse kommt immer von außen. Unser größtes soziales Problem ist die Unproduktivität. Das größte mentale aber ist, dass der Russe Gründe für Misserfolg nie bei sich selbst sucht. Wir leben an der Schnittstelle zweier Zivilisationen, Asien und Europa. Und wir können uns nicht entscheiden zwischen der aufgeklärten Kultur europäischen Zuschnitts und der russischen Bauernkultur, die während des Kommunismus dominierte. Es war eine Kultur des Fatalismus und der Brutalität. Weil sie nach fast 80 Jahren an ihre Grenzen stieß, brach das System zusammen.

SPIEGEL: Und was kommt nun?

Jerofejew: Putin will jetzt beide Kulturen verbinden. Das kann nicht klappen.

SPIEGEL: Für den Westen ist frappierend, wie schnell die Stimmung der Aufbruchzeit vor gut zehn Jahren verflogen ist. Die Mehrheit der Bevölkerung begrüßt, dass die Liberalen, die 1990 die Hoffnungsträger Russlands waren, nach der Parlamentswahl im Dezember aus der Duma verschwunden sind. Auch die persönliche Freiheit steht Umfragen zufolge nicht mehr hoch im Kurs.

Jerofejew: Liberale Ideen hatten in Russland noch nie viele Anhänger. Was bei der Duma-Wahl passiert ist, sei sie nun manipuliert gewesen oder nicht, zeigt nur, was das Volk wirklich denkt. Die Liberalen sind bei uns unglaublich schwach.

SPIEGEL: Aber sie waren 1989 die Pioniere.

Jerofejew: Was wir damals erlebten, war der natürliche Drang nach Freiheit. Es war keine Aufwallung des russischen Liberalismus. Man wollte den Wahnsinn des Kommunismus loswerden, der das Volk sonnabends in die Gemüselager zum Kartoffelsortieren trieb. Die Intelligenzija hat damals ihre historische Gelegenheit verpasst.

SPIEGEL: Weil sie dem Kommunismus keine klare Alternative entgegensetzte?

Jerofejew: Die Intelligenzija ist nicht mehr als eine religiöse Sekte, die das Volk beglücken will. Und die nicht merkt, dass es das russische Volk sowieso nicht mehr gibt. Nur noch eine Bevölkerung, in der jeder ans eigene Überleben denkt und unter »Glück« materielle Werte versteht.

SPIEGEL: ... und die nur schwer aus ihrer politischen Lethargie herauszuholen ist.

Jerofejew: Man muss die Menschen auf ihre brennendsten Probleme ansprechen. Auf die uferlose Korruption etwa - im Gesundheitswesen, wo man den Arzt inzwischen für jede Spritze schmieren muss; bei der Polizei, die mit den Banditen unter einer Decke steckt; bei den Beamten, die sich jede Unterschrift bezahlen lassen. Das betrifft das alltägliche Leben der Russen.

SPIEGEL: Selbst die Putin-Gegner trauen sich kaum noch, das anzuprangern.

Jerofejew: Unsere Demokraten, von denen ich viele zu meinen Freunden zähle, sind zu arrogant. Das Volk interessiert sie nicht, sie verachten es. Das Volk wiederum spürt das.

SPIEGEL: Auch die Anspruchshaltung des Westens an Russland wird häufig als arrogant empfunden. Sind die letzten Jahre nicht von einem kulturellen Missverständnis geprägt - Europa glaubte, in Russland gehe nun alles nach westlichen Maßstäben, und plötzlich kommt Putin und zieht die Schrauben wieder an?

Jerofejew: Der Westen war der Meinung, Russland sei nur 80 Jahre lang von den Kommunisten besetzt gewesen, ansonsten seien die Russen wie andere Europäer auch. Als Anfang der Neunziger die Mauern fielen, feierten sich alle als Brüder. Erst später merkten die Westler, dass ihr Bild vom anderen nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte, und dass Russen andere Vorstellungen von Arbeit, Glück und Freiheit haben.

SPIEGEL: Auf welchem Weg befindet sich Russland?

Jerofejew: Russland hat keine Zeit mehr für größere nationale Experimente. Mit jedem Monat verlieren wir mehr den Anschluss an die Staaten des Westens. Es fehlt uns eine moderne industrielle Grundlage. Wir leben nur von unseren Rohstoffen.

SPIEGEL: Schon Boris Jelzin hat vor zwölf Jahren Reformen begonnen.

Jerofejew: Sie sind gescheitert. Die Reformer lasten das der Bevölkerung an. In Wahrheit haben sie keine Rücksicht auf den russischen Menschen genommen. Hätte man ihm die Notwendigkeit des Umbruchs erklärt, die nationale Würde und seinen Freiheitssinn angesprochen, er hätte sich mobilisieren lassen. Russland braucht einen weitsichtig denkenden Politiker, der thematisiert, warum dieses Land mit dieser Bevölkerung so unproduktiv ist. Aber den sehe ich in Putin nicht. Unser Fernsehen zeigt von früh bis spät, dass wir die Größten sind - wie zur Sowjetzeit.

SPIEGEL: Europa hat zunehmend Probleme, den Kurs Putins zu verstehen ...

Jerofejew: Es gibt zwei Putins, vielleicht sogar mehr. Er hat sich noch nicht entschieden, was er sein möchte, russisch oder europäisch, demokratisch oder autoritär.

SPIEGEL: Er könne sich bei Bedarf jeder Wandfarbe anpassen, heißt es.

Jerofejew: Das ist nur ein Klischee - der frühere KGB-Mann, der von Berufs wegen finstere Spiele betrieb und dann aus unerforschlichen Gründen Präsident geworden ist. Selbst im KGB gab es Leute, die sich vom Kommunismus bereits abgewandt hatten. Putin zu kritisieren ist leicht. Der Westen müsste ihm helfen.

SPIEGEL: An Kontakten und guten Worten für ihn mangelt es dort wahrhaftig nicht.

Jerofejew: Weder der Amerikaner Bush noch Putins Freund, der Italiener Berlusconi, sprechen die wahren Probleme unseres Landes an. Im Gegenteil: Sie klammern Fragen wie die Gleichschaltung der Medien oder den Tschetschenien-Krieg aus, eigennütziger Interessen wegen - der eine ist selbst Medienzar, der andere braucht Unterstützung für seinen Anti-Terror-Feldzug und seinen Kurs im Irak. Europa hätte durchaus Möglichkeiten, mehr auf Putin einzuwirken. Es führt zu nichts, sich nur über ihn lustig zu machen oder aber Angst vor ihm zu haben.

SPIEGEL: Und die Lobeshymnen von Bundeskanzler Gerhard Schröder beim letzten Gipfeltreffen in Jekaterinburg?

Jerofejew: Das ist genauso Heuchelei. Mit Russland muss man aufrichtig reden - und umgekehrt. Nehmen Sie die Visa-Frage, das freie Reisen in Europa. Die EU will keine Visa-Freiheit für Russen. Also müssen wir auf dem Berliner Flughafen schon auf der Gangway unsere Pässe zeigen. Als ob jede russische Frau eine Prostituierte wäre und jeder russische Mann ein Mafioso. Für russische Banditen ist es schon jetzt kein Problem, sich ein amerikanisches oder ein Schengen-Visum zu kaufen. Die sind alle schon dort, auch die Prostituierten.

SPIEGEL: Hoffentlich irren Sie da.

Jerofejew: Die neue Mauer, die jetzt errichtet wird, ist ein Hindernis für alle, die im Westen studieren wollen, für Leute, die dort Kontakte suchen. Wenn Europa sich abkapselt, nutzen Russlands Kommunisten und Faschisten das aus. Sie sagen: Ihr schmeißt euch Europa an den Hals - und werdet doch nur verachtet.

SPIEGEL: Wenn Sie sagen, dass an der Ostgrenze der EU ab Mai ein neuer Eiserner Vorhang entstehe, dann übernehmen Sie nun wirklich die Argumentation des Kreml. Der besitzt angesichts der Osterweiterung keine Strategie und reagiert deshalb wie früher - mit Druck.

Jerofejew: Das offizielle Russland neigt dazu, mitunter unverständliche, ja, manchmal abscheuliche Schritte zu tun. Diese Mentalität mag für Europa abstoßend sein, aber man muss das als gegeben nehmen.

SPIEGEL: »Der ,real existierende Russe'' ist ein Mensch, der sich duckt, wo es nötig ist, und zuschlägt, wo es möglich ist« - ein Zitat von Viktor Jerofejew ...

Jerofejew: Herr Jerofejew schreibt schreckliche Sachen über Russland. Ich versuche die Dinge, die Klischees beider Seiten, auf die Spitze zu treiben. Damit wir uns nicht in endlosen Debatten verlieren. Nur so kann man die eigenen Probleme sichtbar machen und irgendwann lösen.

SPIEGEL: Dafür gelten Sie jetzt in Ihrer Heimat als Russe, der Russland nicht liebt.

Jerofejew: Dummköpfe mögen das so sehen. Und von denen haben wir hier viele.

SPIEGEL: Ihr Schriftsteller-Kollege Wladimir Sorokin, dessen Bücher wie die Ihren von Putin-treuen Eiferern verbrannt oder in Toiletten-Attrappen heruntergespült worden sind, spricht von einem neuerlichen »politischen Winter«.

Jerofejew: Es muss schon sehr kalt kommen, damit der Russe es als Winter empfindet. Noch ist nur mieses Wetter; ich glaube nicht, dass richtiger Frost kommt. Es kann zwar sein, dass Liberale und »Kosmopoliten« wieder in Gefahr geraten. Die Putin-Jugend hat auch mich schon zur Emigration aufgefordert. Aber für eine neue Eiszeit fehlt noch eine der verrückten Ideen, wie sie Russland immer wieder erstarren ließen. Erst wenn die Grenzen wieder geschlossen oder der Dollar als Zweitwährung verboten würden, dann käme das Land zum Stillstand. Ich hoffe, Putin versteht, wie zerbrechlich bei uns alles ist.

SPIEGEL: Sie haben gefordert, was Stalin über seine Schriftsteller sagte, müsse auch für Russland und Präsident Putin gelten: »Wir haben derzeit nichts Besseres.«

Jerofejew: Nochmals - Sie müssen Russland so nehmen, wie es ist. Fährt ein Westler in ein afrikanisches Dorf, respektiert er doch auch die Bräuche dieses Dorfes. Uns aber messt ihr mit eurer Elle - vielleicht, weil wir weiß aussehen und euch damit ähnlich. Äußerlich sind wir Weiße, sicher, aber im Inneren auch ein wenig schwarz oder von eher undefinierbarer Farbe. Ihr solltet aufhören, euch darüber zu wundern.

SPIEGEL: Viktor Wladimirowitsch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Viktor Jerofejew

wurde 1947 in Moskau als Sohn eines Diplomaten geboren, der zeitweilig Stalins Übersetzer war. Jerofejew studierte Literaturwissenschaften und stellte 1979 den unabhängigen Almanach »Metropol« zusammen. Das kostete ihn die Mitgliedschaft im Schriftstellerverband und seinen Vater den Botschafterposten in Wien. 1990 brachte er seinen Debütroman »Die Moskauer Schönheit« heraus. Mit dem neuesten Werk »Der gute Stalin«, das vorige Woche erschien, liefert Jerofejew ein Porträt der stalinistischen Ära und beschreibt das Drama der eigenen Familie.

* Viktor Jerofejew: »Der gute Stalin«. Aus dem Russischen vonBeate Rausch. Berlin Verlag; 364 Seiten; 19,90 Euro.* Einem alten Stalin-Plakat nachempfunden. Text: »Über jedenvon uns wacht Putin im Kreml«.* Mit den Redakteuren Walter Mayr und Christian Neef inJerofejews Moskauer Wohnung.

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