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»Wir sind nicht in den Himmel gekommen«

Der Campa-Indianer Michicore über das Leben seines Stammes in Peru Der Indio Michicore, etwa 80, gehört zum Stamm der im peruanischen Amazonas-Quellgebiet lebenden Campa Ashaninka. Über den Zusammenprall zwischen Indianern und der Zivilisation der Weißen, die immer tiefer in den Urwald vordringt, berichtete Michicore einem peruanischen Journalisten. Auszug:
aus DER SPIEGEL 3/1981

Früher haben hier sehr, sehr viele Ashaninka gewohnt, sehr viel mehr als heute. Dort drüben am Berg gab es früher eine Menge Häuser. Doch die Ashaninka sind alle tot. Sie sind an Masern und Grippe gestorben.

Viele wurden auch von den Pajonales getötet, das hat mir mein Vater erzählt.

( Die Pajonales sind Ashaninkas einer ) ( anderen Region, die um die ) ( Jahrhundertwende und in späteren Jahren ) ( von Kautschukhändlern als Sklavenjäger ) ( mißbraucht wurden. )

Die Pajonales sind gekommen und haben die Männer getötet. Die Kinder haben sie dann verkauft. Für ein Kind haben die Siedler eine Flinte gezahlt. Als ich klein war, sind auch oft Pajonales gekommen. Wir sind dann in den Wald geflohen.

Als ich dann so groß war wie der Junge da, sind eine Menge Siedler gekommen und haben uns unser Land weggenommen. Viele von uns haben versucht, sich zu verteidigen, doch sie wurden alle von den Soldaten getötet.

Da haben die Ashaninka gemeint, daß das Ende der Welt gekommen sei. Wir sollten zu einem Pastor gehen und den Gott verehren, dachten sie, dann würden wir in den Himmel kommen. Viele Ashaninka sind von hier und von überall her zum Rio Perene gekommen. Dort war ein Pastor, ein Gringo, der überall viele Haare gehabt hat. An den Armen, den Beinen, dem Bauch -- am ganzen Körper hatte er sehr viele Haare.

Am Samstag durften wir nicht arbeiten und mußten ganz langsam gehen. Ganz langsam mußten wir gehen, damit es dem Gott nicht weh tut, hat der Pastor gesagt.

Wir sind in die Kirche gegangen und haben das Blut von Jesus getrunken, doch es ist nichts geschehen. Wir sind nicht in den Himmel gekommen. Wir haben alle gedacht, daß wir in diesem Augenblick in den Himmel kommen würden. Deshalb sind wir in die Kirche gegangen. Doch es ist nichts geschehen.

Dann habe ich am Rio Chanchamayo für einen Patron gearbeitet. Wir haben Kaffee gepflückt. Der Patron hat gesagt, daß keine einzige Kaffeebohne verlorengehen darf. Keine einzige Bohne, und ein Aufseher hat aufgepaßt. Wir haben ein Tuch sowie eine Machete oder eine Axt bekommen, und der Patron hat in einem Buch alles aufgeschrieben.

Wir mußten viel arbeiten. Den ganzen Tag mußten wir arbeiten, und wenn wir weggehen wollten, hat der Patron gesagt, daß wir noch mehr arbeiten müssen. Noch mehr arbeiten. Ein halbes Jahr für eine Flinte.

In Satipo, wo unsere Hütte war, wollten wir dann unsere eigenen Felder anlegen und auch Kaffee anbauen. Doch der Ingeniero hat gesagt, wir sollen weiter ins Landesinnere gehen. Hier gibt es kein Land für Ashaninka, hat er gesagt, und wir haben Land gesucht, und schließlich sind wir hierher zum Rio Sonomoro gekommen.

Dann, 1966, sind die Guerrilleros gekommen und haben gesagt: Laßt uns nach Mazamari und nach Satipo gehen und alle Siedler davonjagen und töten. Wir holen uns alle Sachen aus den Läden der Siedler. Alles werden wir uns holen. Wir werden alle Millionäre töten, und dann werden wir nach Lima gehen und nach ganz Peru und eine neue Regierung machen.

Danach sind die Soldaten gekommen und wollten alle Ashaninka töten. Alle Ashaninka wollten sie töten, haben sie gesagt, weil wir den Guerrilleros zu essen gegeben haben. Es waren auch Soldaten aus den USA und auch viele Neger aus Afrika dabei. Ich habe sie gesehen. Sie sind im Flugzeug gekommen und haben Bomben abgeworfen, doch wir sind in den Wald gelaufen. Die Soldaten haben die Guerrilleros und auch einige Ashaninka getötet. Sie haben sie lebend aus dem Hubschrauber geworfen. Dann war nichts mehr.

In den letzten Jahren kamen immer mehr Siedler hierher. Sie sagen, daß sie die große Straße bauen wollen, und dann werden wir kein Wild mehr zum Jagen haben. In den Wäldern wird es keine Schnecken mehr geben, und sie werden mit Dynamit auch alle Fische töten.

Die Siedler holzen alle Wälder ab, und am Rio Perene gibt es heute schon kein Holz und keine Palmen mehr für unsere Häuser. Wo werden unsere Kinder leben, wenn alle Wälder abgeschlagen sind?

S.120Die Pajonales sind Ashaninkas einer anderen Region, die um dieJahrhundertwende und in späteren Jahren von Kautschukhändlern alsSklavenjäger mißbraucht wurden.*

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