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»Wir sollten sie demütigen«

US-Oberfeldwebel Ivan Frederick, 37, über die Folter im Bagdader Gefängnis Abu Ghureib
Von Carolin Emcke
aus DER SPIEGEL 36/2004

SPIEGEL: Seit die Folterbilder aus Abu Ghureib öffentlich geworden sind, haben Sie im Lager in Bagdad viel Zeit gehabt, über Ihre Handlungen nachzudenken. Wie sehen Sie heute das, was Sie getan haben - als Schande für Amerika?

Frederick: Ich bin verzweifelt und deprimiert über das, was geschehen ist. Ich bin kein Sadist - meine Familie und meine Freunde werden das bezeugen können. Ich war immer stolz darauf, Amerika zu beschützen. Ich habe dafür auf vieles verzichtet in den vergangenen 20 Jahren, vor allem seit den Anschlägen vom 11. September. Ich habe meinem Land immer gut gedient. Auch im Irak - bis wir nach Abu Ghureib versetzt wurden und die Dinge außer Kontrolle gerieten.

SPIEGEL: Wie fanden Sie das Gefängnis vor, als Sie im Oktober 2003 dort eintrafen?

Frederick: Gleich als ich diesen Ort das erste Mal betrat, wusste ich: Er ist ein Alptraum. Überall war Dreck, die Toiletten funktionierten nicht, es stank. Das Essen war grauenhaft, das Hühnchen nicht mal gar, sondern noch roh. Wir haben zwölf Stunden pro Tag gearbeitet, sieben Tage die Woche. Und wir hatten nur fünf Soldaten für 1000 Gefangene. Wir konnten nirgendwo Stress abladen. Die allgemeine Moral war miserabel.

SPIEGEL: Was für Richtlinien galten für Ihren Job während der Nachtschicht? Durch wen erhielten Sie Befehle und Anweisungen?

Frederick: Ich wusste überhaupt nicht, wer eigentlich zuständig ist. Ich wusste, dass in der Theorie Hauptmann Donald Reese der Kompaniechef war und Brigadegeneral Janis Karpinski die oberste Befehlshaberin für Abu Ghureib. Aber in der Realität wollte das Bataillon eine Sache von dir, die Kompanie eine ganz andere, und die Geheimdienste wiederum hatten ihre eigenen Vorstellungen. Es war ein einziges Chaos.

SPIEGEL: Das ist keine Entschuldigung dafür, Gefangene zu misshandeln.

Frederick: Sie haben Recht, aber auf meiner allerersten Tour, auf der mir der Zellentrakt 1-A gezeigt wurde, sah ich einen nackten Gefangenen, der mit den Händen an die Tür gefesselt war. Schlafentzug, Nahrungsentzug, Demütigung von Gefangenen - das war bereits Alltagsroutine in Abu Ghureib, bevor ich dorthin versetzt wurde.

SPIEGEL: Sie sind auch im zivilen Leben Gefängniswärter, ein Mann also, der über den korrekten Umgang mit Gefangenen Bescheid wissen müsste. Warum haben Sie Ihre Vorgesetzten nicht nach diesen Praktiken befragt?

Frederick: Gleich am ersten Tag habe ich einen Feldwebel der Militärpolizei-Kompanie 372 gefragt, warum der Gefangene so behandelt würde. Die Antwort lautete: Das sind die Praktiken des Geheimdienstes. Ich habe mehrere Leute sagen hören: »Wir geben uns hier doch nicht lange mit denen ab. Wenn sie nicht kooperieren, machen wir sie fertig.«

SPIEGEL: Sie reden immer über die anderen, aber Sie haben dann doch auch mitgemacht. Wer hat mit der Quälerei begonnen? Folgten Sie einem Befehl, oder eskalierte die Situation einfach?

Frederick: Beides. Sie sagten: »Lass die Hunde auf diesen Gefangenen los! Versuch mehr Informationen aus ihm rauszukriegen. Nimm ihm das Essen weg, seine Kleidung. Demütige sie!«

SPIEGEL: Sie haben nackte Gefangene zu einer Pyramide gestapelt und sie misshandelt - war das Ihre eigene Idee, oder war das auch eine Anweisung?

Frederick: Es gab einen Aufstand in Abu Ghureib, ein Gefangener hatte mit einem

Stein eine amerikanische Soldatin im Gesicht verletzt. Ihn und die anderen Beteiligten haben sie zu uns in den »harten Trakt« gebracht, als Strafe. Wir haben sie zuerst durchsucht, sie sich nackt ausziehen lassen und zu dieser Pyramide gezwungen - und dann ist alles außer Kontrolle geraten. Eine der Methoden war es, sie zu demütigen, damit sie zusammenbrechen und reden, und ich ... ich wollte doch nur (beginnt zu weinen) demütigen. Und so habe ich sie masturbieren lassen. Ich wollte kein Verbrechen begehen, ich wollte sie nur demütigen. Aber ich trage dafür die Schuld.

SPIEGEL: Ist Ihnen denn in dem Moment nicht in den Sinn gekommen, dass es Unrecht ist, was Sie da tun?

Frederick: Ich hatte damals gemischte Gefühle. Heute weiß ich, dass ich Unrecht hatte. Ich war einerseits voller Wut auf diesen Gefangenen, der eine Soldatin verletzt hatte. Und sie hatten mir gesagt: »Demütige sie!« Andererseits hatte uns niemand im Detail erklärt, wie wir das tun sollten.

SPIEGEL: Warum haben Sie sich nicht widersetzt? Hatten Sie keine klaren Richtlinien?

Frederick: In dem Gefängnis in Buckingham, Virginia, wo ich als Zivilist gearbeitet habe, hatte ich sie. Aber in Abu Ghureib gab es keine. Niemand hat mich belehrt über die militärischen Grundsätze für die Behandlung von Gefangenen.

SPIEGEL: Sie hätten sich auf die Genfer Konventionen berufen können.

Frederick: Ich wusste gar nichts von den Genfer Konventionen. Niemand hat mir im Training davon etwas vermittelt. Ich habe erst kürzlich im Internet herauszufinden versucht, was es mit den Konventionen auf sich hat. Außerdem lobten uns die Leute vom Geheimdienst stets. Sie sagten: »Macht weiter so. Ihr leistet gute Arbeit.«

SPIEGEL: Das bezog sich auf die Misshandlungen?

Frederick: Der Geheimdienst hat einfach keine Grenzen gesetzt. Es ging um konkrete Ergebnisse, und es interessierte nicht, wie sie erzielt werden.

SPIEGEL: Was erwarten Sie von Ihrem Prozess?

Frederick: Ich möchte mich erst einmal bei den Opfern und ihren Familien entschuldigen. Und im Prozess werde ich die Verantwortung für meine Taten übernehmen. Aber ich hoffe auch, dass andere meinem Beispiel folgen und auch ihren Teil der Schuld übernehmen. Es sind eben eindeutig mehr Leute verantwortlich für das, was in Abu Ghureib vorgefallen ist - und viele von ihnen sind bisher nicht angeklagt. INTERVIEW: CAROLIN EMCKE

* Vergangene Woche bei Mannheim.

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