Zur Ausgabe
Artikel 54 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Wir sollten uns korrigieren«

Der Historiker Wang Hui über Pekings Modernisierung und die soziale Krise im Land
aus DER SPIEGEL 18/2004

Wang Hui, 51, ist Professor an der Pekinger Qinghua-Universität und Redakteur der politischen Zeitschrift »Dushu«. Er gilt als einer der einflussreichsten Intellektuellen und Vertreter der »Neuen Linken«. In den USA veröffentlichte Wang jüngst sein Buch »China's New Order«. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Chinas Wirtschaft boomt, doch Millionen Bürger werden abgehängt. Wie lange kann das gut gehen?

Wang: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. In vielen Gegenden wurde den Bauern Land für neue Fabriken, Villenviertel und Golfplätze weggenommen. Mehr als 150 Millionen Menschen wandern durch China, um Arbeit zu suchen. Wenn nichts geschieht, könnte es eine Krise geben. Gesellschaft und Regierung haben jedoch den Ernst der Lage erkannt.

SPIEGEL: Die Regierung will den Bauern jetzt unter die Arme greifen.

Wang: Sie versucht, das Problem der Landarbeiter zu lösen, indem sie deren Löhne erhöht. Zudem sollen den Bauern bis 2006 viele Steuern erlassen werden. Das kann aber nur der Anfang sein.

SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

Wang: Wir sollten aufhören, die Bauern als Bürger zweiter Klasse zu behandeln. Und wir sollten unsere Vorstellung von Entwicklung korrigieren ...

SPIEGEL: ... also Abschied vom Wachstum um jeden Preis?

Wang: Wir müssen Umweltpolitik und Wirtschaftsentwicklung miteinander verbinden. Chinas ökologische Ressourcen sind ausgelaugt. Es herrscht krasser Wassermangel, vor allem im Norden des Landes. Wälder verschwinden, die Wüste breitet sich aus. Es darf nicht nur um das Bruttoinlandsprodukt gehen, wir müssen auch an die soziale Entwicklung denken.

SPIEGEL: Was ist noch übrig vom Anspruch der KP als Partei der Arbeiter und Bauern?

Wang: Im Nationalen Volkskongress sitzen immer weniger Bauern, und an den Universitäten nimmt die Zahl der Bauernkinder ab. Intellektuelle haben auf diese Missstände aufmerksam gemacht, aber dennoch haben die Bauern in unserem System keine wirkliche Stimme.

SPIEGEL: Den Arbeitern geht es oft nicht viel besser.

Wang: Viele Unternehmen, darunter ausländische und taiwanische, beuten sie extrem stark aus. Sie müssen oft länger arbeiten, als das Gesetz erlaubt, und werden sehr schlecht bezahlt. Dies ist möglich, weil das Angebot an Arbeit in China zu groß ist.

SPIEGEL: Wer vertritt ihre Interessen?

Wang: Wir haben derzeit weder echte Gewerkschaften noch Bauernverbände. Die Bevölkerungsmehrheit ist damit vom politischen Leben ausgeschlossen.

SPIEGEL: Wird sich die Demokratiebewegung von 1989 wiederholen, wenn sich die sozialen Probleme weiter verschärfen?

Wang: Geschichte wiederholt sich nicht so einfach. Die soziale Krise heute ist viel stärker zugespitzt als vor 15 Jahren. Es gibt mehr Wanderarbeiter, mehr Arbeitslose, an vielen Orten kommt es bereits zu Demonstrationen. Aber die Lage eskaliert noch nicht.

SPIEGEL: Warum nicht?

Wang: Chinas Wirtschaft wächst schnell, vor allem in den Städten überdeckt das die Gegensätze. Zudem sind viele Illusionen verflogen. 1989 schauten die Chinesen nach Amerika als Symbol der Freiheit. Das ist nun vorbei. Eine Mobilisierung wie damals ist heute nicht mehr möglich. INTERVIEW: ANDREAS LORENZ

Zur Ausgabe
Artikel 54 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.