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»Wir spielten um unser Leben«

aus DER SPIEGEL 4/1995

Mit den Blicken tastet Esther Bejarano die Schneewehen ab und versucht, Spuren zu sehen. Der Hebel einer verrostenden Weiche ragt schräg hervor, zwei verbeulte Andreaskreuze biegen sich um Holzpfähle. Hinter gestapelten Paletten rumpeln Güterzüge zum Bahnhof der polnischen Stadt Oswiecim.

Das alte Gleis zeichnet sich nur noch schwach unter dem Schnee ab; wo eine Reihe Schuppen verfällt, steigt der Boden neben den Schienen sanft an. »Hier war es«, sagt die kleine Frau mit den grauen Haaren, »hier war die Rampe.«

Im Frühjahr 1943 hieß Esther Bejarano noch Loewy und war 18 Jahre alt - eine Waise, ohne es zu wissen. Die Nazis hatten ihre Eltern längst in einem Wald bei Riga erschossen, ihre Schwester Ruth auf der Flucht an der Schweizer Grenze. Esther hatte schon zwei Jahre Arbeitslager überlebt, als SS-Männer sie in Berlin in einen Viehwaggon trieben.

Drei Tage lang kroch der Elendszug Richtung Osten, die Türen waren von außen verriegelt, in einer Ecke stand ein Kübel als Klo. Die alten Juden starben im Gedränge, die jungen schoben ihre Leichen an die Seiten, um, so Bejarano, »nicht drübersteigen zu müssen«.

Als endlich die Türen der Waggons aufgingen, sagt sie, »wußten wir nicht, wo wir sind«. Neben der Rampe standen Lastwagen auf dem Feldweg, wo jetzt zwei Jungs durch den Schnee toben. Wachen in Zivil schickten alle Kinder, die Behinderten und die Alten, die überlebt hatten, auf die Ladeflächen. Die Jungen und Kräftigen marschierten in Kolonnen auf einen gestreckten Backsteinbau zu, von dessen Turm aus SS-Wachen das Lager überblickten, mit endlosen Reihen von Baracken, mit Stacheldrahtzäunen und schlammigen Wegen.

Hinter dem Tor schlurften Esther Frauen entgegen, »die zu Skeletten abgemagert« waren: »Ganz tot sahen die aus, wie Mumien, die haben kaum noch was wahrgenommen.« Dazwischen zogen Häftlinge Holzkarren, einachsige und zweiachsige, auf denen Berge von Leichen lagen und über deren Seitenwände Arme hingen.

Esther, nur 1,48 Meter groß, zierlich und verschüchtert wie ein Kind, war angekommen in Auschwitz-Birkenau, dem Vernichtungslager, zwei Kilometer vom sogenannten Stammlager Auschwitz entfernt, geplant für 200 000 Häftlinge. »Ab jetzt, das wußte ich«, sagt sie, »kann jeder Tag mein letzter sein.«

Auf der rechten Seite, vom Hauptwachturm aus gesehen, lag das Männerlager, geradeaus standen die Gaskammern und Krematorien, links der Block B I, das Frauenlager, über das Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß schrieb:

Es war alles viel mehr Masse als bei den Männern. Wenn die Frauen einmal einen gewissen Nullpunkt erreicht hatten, ließen sie sich vollkommen gehen. Als vollkommen nwillenlose Gespenster wankten sie durch die Gegend, bis sie dann eines Tages still hinübergingen. Diese wandelnden Leichen waren ein fürchterlicher Anblick.

Ein eisiger Wind aus West beutelt karges Gestrüpp, wirbelt Schnee in feinen Wolken über den gefrorenen Morast und durch zerbrochene Scheiben in die wenigen Baracken, die noch stehen. In fünf Jahrzehnten sind die meisten zerfallen, ihre Grundmauern zeichnen Rechtecke in die Schneedecke, ein Schachbrett des Todes. Trostlos erstreckt sich die Ebene bis zum Horizont, nur die gemauerten Kamine der Holzbaracken ragen noch auf, wie Menhire in einem urzeitlichen Gräberfeld.

Vor der Hauptwache liegt verlassen ein kleiner Parkplatz - die meisten Besucher schauen sich nur das viel kleinere, aber guterhaltene Stammlager an. Ein Kiosk verkauft im Sommer Zigaretten, Lutscher und KZ-Videos.

SS-Leute trieben Esther und ihre Freundinnen zunächst in die sogenannte Sauna. Mit Scheren und Rasierapparaten schnitten Häftlinge ihnen »die Haare weg, totale Glatze«. Auch Scham- und Achselhaare wurden ihnen hastig ausgerupft: »Wir haben uns nicht wiedererkannt, so entstellt waren wir.«

Ein Aufseher packte Esthers linken Arm und stach mit einer Nadel und blauer Tusche die Nummer 41948 in die Haut. Das war am 20. April 1943.

Etwa 1000 Juden waren mit ihr angekommen. 299 Männer und 158 Frauen davon wurden als arbeitsfähig registriert und durften vorerst leben. Die übrigen, die auf die Lastwagen geklettert waren, wurden sofort vergast.

Auf der Kommandantur war viel Betrieb an jenem Tag. Zwei Direktoren der Fried. Krupp AG kamen und wollten sich erkundigen, wie die Vorarbeiten für eine Verlegung von Werksteilen in die Nähe des Lagers gediehen.

Zudem war Führers Geburtstag. Traditionell gab es zur Feier Orden für SS-Männer. So erhielten Unterscharführer Josef Klehr und Oberscharführer Herbert Scherpe das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern. Die Aufgabe der Sanitäter: Sie töteten Häftlinge mit Spritzen direkt ins Herz.

Esther hauste erst in einer Steinbaracke. Die Frauen schliefen in zwei Meter breiten Kojen aus Brettern, in drei Etagen übereinander - sechs Frauen pro Koje, ohne Decke oder Unterlage: »Wir haben uns gegenseitig gewärmt.«

Tagsüber schleppten sie schwere Steine von einer Seite eines Feldes auf die andere, tags drauf dann wieder zurück. »Lange hätte ich das nicht durchgehalten«, sagt Bejarano, »aus meinem Körper war nichts mehr rauszuholen.«

Meist gab es nur wäßrige Suppe zu essen, in der fauliges Gemüse oder Kartoffelschalen schwammen, dazu 300 Gramm Brot pro Tag, ab und zu etwas Margarine. Die Rationen waren so berechnet, daß Häftlinge bei schwerer Arbeit nach drei bis maximal sechs Monaten fast verhungert waren. Dann wurden sie vergast.

Noch sang Esther manchmal vor sich hin, Schubert-Lieder, die ihr Vater, Oberkantor der jüdischen Gemeinde in Saarbrücken, ihr beigebracht hatte. Die Musik rettete ihr das Leben: Die Blockältesten, polnische Häftlinge, holten Esther in ihre geheizten Kammern, damit sie ihnen etwas vorsinge. Einen Kanten Brot gab es meist als Belohnung: »Ich war immer froh, wenn ich da reingehen durfte.«

Nach vier Wochen kam die ehemalige Musiklehrerin Clara Czajkowska in die Baracke, eine polnische Gefangene. Die SS hatte ihr den Befehl gegeben, ein Lagerorchester aufzubauen, und sie fragte nach musikalischen Mädchen.

Esther konnte Klavier spielen, doch das fehlte im Lager, die Instrumente stammten aus dem Handgepäck vergaster Häftlinge. »Aber wenn du Akkordeon spielen kannst«, sagte Czajkowska ihr, »werde ich dich prüfen.« Natürlich könne sie das, log Esther: »Ich wußte nicht mal, wie man ziehen muß, damit ein Ton rauskommt.«

Einen Schlager wollte Czajkowska hören, und so zerrte das Mädchen an dem wuchtigen Instrument herum. Mit der rechten Hand fand sie sich sofort zurecht, dort liegen die Tasten wie beim Klavier. Mit der linken Hand suchte sie zitternd nach den Bässen. Sie fand C-Dur, dann mußte darüber G-Dur sein. Nach wenigen Minuten stimmten die Akkorde, und sie spielte wie befohlen: »Du hast Glück bei den Frau'n, bel ami.«

»Gut, du kannst mitmachen«, sagte Czajkowska schließlich und holte sie in die Holzbaracke Nummer 12. Die stand nicht weit von den Bahngleisen, die inzwischen bis ins Lager verlängert worden waren.

Rund 200 Meter weiter liegen die Ruinen von Gaskammer und Krematorium II, wie die anderen auch ein wirrer Haufen Beton und Stahl. Nur im Stammlager stehen noch Gaskammer und Krematorium I. Der Bau ist eine Rekonstruktion, und eine schlechte dazu: Den Öfen fehlt der Rauchabzug, der Kamin ist eine Attrappe.

Die Anlage in Auschwitz wurde zum Luftschutzbunker für die SS umfunktioniert, als die weit größeren Vernichtungsmaschinen in Birkenau anliefen.

»Der Schornstein hat hier immer geraucht, Tag und Nacht«, sagt Bejarano. Schwarzer Qualm nebelte auch Baracke 12 ein, »immer roch es nach verbrannten Knochen«. Bis zu 2000 Menschen konnte jede der vier neuen Gaskammern in 20 Minuten töten. Häftlingstrupps, sogenannte Sonderkommandos, brachten die Leichen zu den Brennöfen (siehe Kasten Seite 51). Die Asche wurde auf Feldern verstreut oder in einen Weiher bei Krematorium IV gekippt. Birken umstehen den Teich heute; unter dem Eis liegt besonders feinkörniger Schlamm.

Vier Wochen lang übten die 40 Mädchen des Orchesters, dann mußten sie zum erstenmal am Tor des Frauenblocks antreten. Auf Schemeln hockten sie etwa zehn Meter von den Gleisen entfernt, unter den Augen der SS-Wachen auf einem Turm, der noch steht.

Sie spielten Märsche, wenn die Arbeitskolonnen im Morgengrauen ausrückten und abends wieder zurückwankten. Viele Häftlinge fielen und kamen nicht mehr hoch. Sie wurden erschossen, und die Czajkowska dirigierte muntere Tangos zum Sterben.

Spielen mußten sie auch, wenn die Züge mit Deportierten ins Lager rollten und auf der neuen Rampe sortiert wurden. »Die Tränen liefen uns runter, als die vorbeizogen«, sagt Esther, »wir haben gewußt, daß die direkt ins Gas gingen, ganze Familien mit Kindern, doch die wußten das nicht, und so haben sie uns zugewunken. Aber wir mußten spielen, und wir haben gespielt.«

Wenn das Lager zu voll wurde, kam KZ-Arzt Josef Mengele zur Selektion auch zu den Baracken. Die Frauen standen still, und er ging an ihnen vorbei, schaute jeder ins Gesicht. Drehte er den ausgestreckten Daumen nach rechts, durfte die Frau leben, drehte er ihn nach links, wurde sein Opfer abtransportiert in den Todesblock. »Die Frauen sind da drin halb verrückt geworden«, sagt Bejarano. Tagelang mußten sie warten, ehe sie ins Gas getrieben wurden. Immer wieder rebellierten sie, denn zu verlieren hatten sie nichts mehr.

Manch eine hielt die ständige Angst vor den Selektionen nicht aus und warf sich in den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun, eine Spannung von 8000 Volt lag an den Drähten. »Jede Nacht hing eine im Draht«, sagt Bejarano, »das war die einzige Möglichkeit, sich umzubringen.« Auch ihre Freundin Ariella, jünger als sie und schwächer, starb so in einer Nacht.

Während rundum gestorben wurde, übte das Orchester in einer Baracke. Geigen hatten sie, Trompeten, Flöten und Gitarren. An den Wänden saßen auf Bänken meist SS-Männer und hörten zu. Jede fürchtete, aus dem Orchester geworfen zu werden. »Wir spielten um unser Leben«, erzählt Bejarano.

Ein SS-Offizier kam fast jeden Tag: Arbeitsführer Otto Moll, ein speckiger Mann, untersetzt und mit einem Glasauge. »Er war eine Bestie«, sagt Bejarano, »er war ein Tier.« Mit vier grauen Schäferhunden stolzierte Moll meist über die Lagerstraße, zwei links, zwei rechts. Wenn ihm danach war, hetzte er sie auf Häftlinge: »Die haben die Frau dann zerfleischt, niedergerissen, und dann war sie tot.«

Ausgerechnet Moll rettete Esther das Leben, als sie Typhus bekam. Sie hatte weitergespielt, obwohl das Fieber stieg, die Schmerzen ihr fast den Bauch zerrissen und sie nichts mehr essen konnte. Wer sich krank meldete, war ein Kandidat für die Gaskammer. Schließlich mußte sie aber doch ins Krankenrevier.

»Ich wußte, daß ich jetzt sterben würde«, sagt sie, denn Medikamente bekam sie nicht. Koje für Koje rückte Esther auf den Todesraum zu, wo die Schwerkranken auf die Gaskammer warteten.

Als sie schon nahe an der Trennwand lag, fiel Moll auf, daß dem Orchester das Akkordeon fehlte. Eine Krankenschwester erzählte Esther später, er habe der Ärztin, einer Gefangenen, befohlen, ihr Medizin zu geben. »Wenn die Akkordeonspielerin stirbt«, drohte er ihr, »werde ich dich erschießen.«

Esthers Platz im Orchester aber war besetzt, als sie nach Wochen zurückkam. Mit einem Transport aus Griechenland war die dunkeläugige Lilli gekommen, eine professionelle Akkordeonspielerin. Doch Dirigentin Czajkowska mochte Esther und wollte sie halten. Sie durfte Blockflöte spielen, obwohl es schon genug Flöten gab. Später, als sie Keuchhusten bekam, lernte sie auch noch, Gitarre zu spielen.

Sieben Monate Birkenau überlebte sie so, bis die SS beschloß, alle Mischlinge zu verlegen. Nach der Rassenarithmetik der Nazis war Esther Viertel-Arierin, da sie eine christliche Großmutter hatte. Sie kam ins KZ Ravensbrück und konnte bei einem Transport fliehen, als die Alliierten näher rückten.

Jahrzehntelang versuchte Bejarano, Auschwitz zu vergessen. Sie ließ sich sogar ihre Nummer aus dem Arm tätowieren, in Israel, weil es kein Deutscher machen sollte. Nur eine gezackte Narbe mit blauen Schatten blieb.

Doch als Ende der siebziger Jahre Neonazis Info-Tische in Hamburg aufbauten, als Drohanrufe kamen, fing sie an zu träumen »von SS-Stiefeln, die auf mich treten«.

Seither singt sie wieder auf Konzerten; im April wird die neue CD ihrer Band auf den Markt kommen mit kämpferischen Widerstandsliedern und jiddischen Volksweisen.

»Sie ist eine sehr emotionale Frau«, sagt Tadeusz Szymanski, 78, »aber was sie macht, ist gut, um die Erinnerung wachzuhalten.« Er hat Auschwitz überlebt, weil er ankommende Transporte erfassen durfte. Nach dem Krieg kam er zurück, baute das Museum mit auf und wohnt jetzt im Verwaltungsbau des ehemaligen Stammlagers, mit Blick auf den Galgen, an dem 1947 Lager-Kommandant Höß starb.

Szymanski ist Pole, Bejarano Jüdin. Doch gemeinsam schimpfen die Überlebenden nun über den Streit zwischen Juden und Polen um die Gedenkfeiern Ende dieser Woche, zu denen 26 Staatsoberhäupter und 7 Friedensnobelpreisträger eingeladen sind.

Die Regierung in Warschau wolle die Feiern dominieren und die polnischen Opfer in den Vordergrund spielen, hatten jüdische Organisationen geklagt.

»Auschwitz gehört allen«, sagt Szymanski. »Politik hat hier nichts verloren«, pflichtet Bejarano bei, als sie gemeinsam durch Block 6 im Stammlager gehen. Fotos von Häftlingen hängen im Flur, die SS-Männer anfangs machten, bevor die ersten Massentransporte das Lager-Labor überforderten.

Manche der Kahlgeschorenen hat Szymanski gekannt. Irgendwo im Flur muß auch das Bild von einem Häftling hängen, an den er sich besonders gut erinnert, weil er so furchtbar geschrien hat, als ihn die Wachen abholten: »Vergeßt nie, was die mit mir machen«, rief er auf dem Weg zur Hinrichtung.

Sehen und zeigen kann Szymanski das Bild des Häftlings nicht, weil seine Augen kaum noch etwas erkennen. »Aber diese Stimme«, sagt er, »werde ich immer hören, solange ich noch lebe.«

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