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Kolumbien Wir stellen die Toten

Kolumbiens Bürger fragen sich, warum sie einen »fremden Krieg« führen sollen.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Elegante Ledersessel umringen einen Tisch aus glänzendem Edelholz, diskrete Vorhänge dämpfen die tropische Sonne, Notizblöcke und spitze Bleistifte liegen bereit - alles sieht aus wie Routine. Auch die Akteure, entscheidungsfreudige Männer, die sich als Vorhut der Gesellschaft empfinden, fühlen sich ganz wie zu Hause - und unter sich.

Und doch ist das Treffen ungewöhnlich. So ungewöhnlich, daß es nicht zu Protokoll gegeben wird: Die feinen Herren debattieren über Mord und Totschlag und darüber, wie sie ihre Stadt davor retten können - Cali darf nicht zu einem zweiten MedellIn werden.

Das geschah vor anderthalb Jahren, und die damals beschlossene Politik war erfolgreich: Während Kolumbiens Drogenmetropole MedellIn immer schneller in Gewalt und Chaos abdriftete, wurde es in Cali geradezu ruhig, obwohl die Stadt ebenfalls Sitz einer mächtigen Kokainmafia ist. Den seit nunmehr drei Wochen wütenden Krieg zwischen Regierung und Drogenbossen verfolgen die Bürger Calis bislang bloß im Fernsehen.

Gewiß haben Soldaten das Stadion und die Büros des Fußballklubs America besetzt - er gehört Drogenhändlern. In Ciudad JardIn, einem Viertel mit extravaganten Villen, deren Gärten in weitläufige Weiden für die hier so geschätzten Reitpferde übergehen, wurden 15 Häuser voll »orientalischem Luxus« (so ein Offizier) von Kampftruppen gestürmt - die Bewohner waren längst weg, nicht einmal Anzeichen überstürzter Flucht waren zu sehen.

Doch eine Antwort der Drogenbosse blieb aus. In MedellIn und in der Hauptstadt Bogota lassen rachsüchtige »narcos« (Drogenhändler) täglich Bomben und Brandkörper hochgehen - etwa gegen die Tageszeitung El Espectador oder in eleganten Restaurants. In selbstmörderischem Alleingang stürmte ein Narco-Terrorist gar in den Flughafen von MedellIn.

Cali dagegen bleibt die liebliche Provinzhauptstadt der Reiseprospekte. Fast könnte es scheinen, als sei das berüchtigte »Kartell von Cali« eine pure Fiktion und der Kokainexport in die USA ein hier unbekannter Geschäftszweig.

»Die Narcos denken hier anders, es ist eine kulturelle Frage.« Ricardo MejIa* muß es wissen - er ist Vertrauensmann des Kartells und dessen Verbindung zur Außenwelt. »Das Kartell von MedellIn ist kriminell«, sagt MejIa, »mit brutaler Gewalt sucht es sich gegen den Staat durchzusetzen und ermordet Richter und Politiker. In Cali wird nur bei internen Auseinandersetzungen getötet.«

Die Bosse von Cali sind Aufsteiger, die mehr wollen als nur Reichtum, Prunk und Macht. Sie wollen integriert sein in die Gesellschaft, Unternehmer wie die Zuckerrohrpflanzer oder die Kaffee-Exporteure. Und sie sind auf dem besten Weg, dieses Ziel zu erreichen.

Einen Startvorteil gegenüber Pablo Escobar oder Gonzalo RodrIguez Gacha, den mörderischen Bossen des MedellIn-Kartells, hatten die Narcos von Cali nicht. Auch Gilberto RodrIguez Orejuela, »der Schachspieler«, und sein Bruder Miguel oder Jose Santacruz Londono, »der Student«, gehörten zunächst alle zum kleinkriminellen Milieu. Der Schmuggel kleiner Mengen undestillierter Kokainpaste aus Peru und Bolivien stand am Anfang ihrer Karriere.

Santacruz brach ein Ingenieurstudium an der Universität von Cali ab, als das große Geld zu fließen anfing. Miguel RodrIguez dagegen investierte in seine Bildung und wurde Anwalt. Anfang der siebziger Jahre reichte der Drogengewinn schon für das erste Flugzeug.

»Los magicos« (die Zauberer) nannte man bald die neuen Nachbarn, die ihre Anwesen neben die Villen der alten Elite setzten. Ihr Reichtum wuchs so rasch, daß er wie hergezaubert schien.

Gewiß, in den feinen »Club Colombia« nahm man die Neureichen nicht auf - da baute sich Santacruz eben eine genaue Nachbildung, nur für sich und seine Freunde. Die Kinder der Narcos aber vermischen sich reibungslos mit denen der alten Oligarchen an den besten Schulen der Stadt.

Schon 1984 befand der damalige Chef des Drogendezernats der Nationalpolizei, Oberst Jaime RamIrez Gomez, daß das Cali-Kartell schier unantastbar war: »Die Mafia ist hier nicht angegriffen worden. Elemente, die mit Regierung, Parteien, Polizei, Militär und der besten Gesellschaft der Gegend verbunden sind, haben Teil am Drogengeschäft.«

»Das Geschäft blieb weit weg von der Stadt«, weiß ein ehemaliger Drogenpilot. Die Labors des Cali-Kartells liegen alle im Urwald, in den Provinzen Caqueta oder Putumayo. Nach Cali kam höchstens der Erlös aus dem Drogenhandel. Doch das Geld bleibt nicht nur bei denen ganz oben. »Der Drogenhandel hat die Gesellschaft wirtschaftlich demokratischer gemacht«, meint Alvaro Camacho, Soziologe an der Universidad del Valle in Cali. Auch kleine Drogenhändler, die sich am Rande des Kartells bewegen, investieren in der Stadt, werden Autohändler oder Restaurantbesitzer.

So hat die Gesellschaft von Cali längst ihren Frieden mit dem Kartell gemacht. »Hier haben sich die Narcos auch nie direkt in die Politik eingemischt«, meint ihr Vertrauensmann MejIa, »dafür bekommen alle Abgeordneten Geld zugeschoben, ob sie nun von linken oder rechten Parteien sind.«

Da ist es kaum erstaunlich, daß die Brüder RodrIguez Orejuela und ihre Kartellkumpane zwar »untergetaucht« sind, aber tatsächlich noch immer in ihrer Stadt wohnen. MejIa: »Nirgends sind sie so sicher wie in Cali.« Hier würden nur wenige einen Sinn in der Verhaftung und Auslieferung der lokalen Narcos sehen - eine Haltung, die sich trotz des Kriegsgebrülls der Regierung in Bogota im ganzen Land wieder breitmacht.

»Der Krieg gegen den Drogenhandel ist der Konflikt des Jahres 2000«, sagt ein hoher Militär. »Aber wir stehen allein im Ring, während die Welt uns ringsum nur billigen Applaus spendet. Wir stellen die Toten, wo dies doch gar nicht unser Krieg ist.«

Die Behauptung der DEA (US-Behörde für Drogenbekämpfung), daß die Drogenexport-Länder unweigerlich auch vom Konsum befallen werden, weist der Offizier zurück: »Das möchte die DEA wohl gern, aber die DEA lügt. Der Konsum ist ihr Problem, nicht unseres.« In den USA und in Europa müsse der Kampf ansetzen, nicht in Kolumbien: »Die paar Hubschrauber und Flugzeuge, die sie uns nun schicken, können hier doch nichts ausrichten.«

Gerüchte - und auch wenn sie ohne jeglichen Wahrheitsgehalt sind - dokumentieren einen Sinneswandel im Volk, das den Horror über die Narco-Morde verdrängt: Etwa, die DEA soll den liberalen Politiker Luis Carlos Galan ermordet haben, um Kolumbien in diesen Krieg zu zwingen. Und kühn wird in die Vergangenheit gedichtet: Als sich die Narco-Führer 1984 in Panama mit einem Friedensangebot an den Ex-Präsidenten Lopez Michelsen wandten, soll es tatsächlich zu einem Abkommen gekommen sein. Die Auslieferung des Kartellchefs Carlos Lehder sei der Preis für den Frieden der anderen gewesen.

Jetzt sei die Zeit für eine neue Ratenzahlung gekommen - vielleicht der blutrünstige RodrIguez Gacha. Damit würden sich viele Kolumbianer schon zufrieden geben. Bereits am vorigen Mittwoch wurde ein Geldwäscher des MedellIn-Kartells an die USA ausgeliefert.

»Wir stehen mit dem Rücken zur Wand«, klagt Enrique Forrero von der Handelskammer in Cali. Er formuliert den Verdacht, den so viele Kolumbianer hegen: »Vielleicht geht es den Amerikanern gar nicht so sehr um das moralische Problem des Drogenkonsums. Es schmerzt sie vielmehr, daß ihnen das Geschäft entgeht. Warum war Marihuana nur von Übel, solange es außerhalb der USA angebaut wurde?«

Sogar die moralische Entrüstung über die Narcos schwindet. »Die heute so vornehme Oligarchie ist reich geworden, weil sie den Indianern im letzten Jahrhundert das Land gestohlen hat«, meint ein linker Politiker. »Auch die Kaffeebarone schmuggeln, um Exportsteuern zu entgehen«, weiß ein anderer. Sogar die konservative Handelskammer kann sich kaum noch aufregen: »Die großen Reichtümer der Welt haben doch alle einen illegalen Ursprung«, befindet Enrique Forrero.

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