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Zypern »Wir waren einfach unzertrennlich«

aus DER SPIEGEL 29/1994

Hinter der sorgsam verriegelten Tahtakala-Moschee mit dem geschmiedeten Halbmond im Eisengitter geht es nordwärts, durch schlauchdünne Gassen. Spärlicher Palmenschatten am Straßenrand. Vor bunten Mauern spielen griechische Kinder. Die Häuser des Türkenviertels stehen nicht mehr.

Nikosia ist geteilt. Griechen im Süden gegen Türken im Norden. Die Invasion von Ankara-Generälen hat das Testgelände für ein friedliches Miteinander der Erzfeinde verseucht.

Zeugen des Zusammenlebens innerhalb der venezianischen Steinwälle müßten noch leben. Und mit ihnen alte Geschichten aus dem Planquadrat zwischen dem Nuttenrevier in der Baki-Efendi-Gasse und dem Palais des Erzbischofs - zwischen türkischem Dampfbad und griechischem Marktplatz, moslemischem Nordteil und christlichem Süden.

Entlang der Waffenstillstandslinien von 1974 gestapelte Sandsäcke und Wände aus Wellblech. Am Nordrand des Tahtakala-Viertels versperren griechische Posten den Weg in den türkisch besetzten Teil der Altstadt. Die Hermesstraße, Basarmeile und West-Ost-Magistrale zur Zeit britischer Kolonialherrschaft, führt ins Niemandsland.

Für Yiangos und Michael ist das von Vorteil. Der kleine griechische Friseur und sein zaunlattendürrer Gefährte können so ungestört auf ihren schmalen Stühlen mit Sitzen aus Weidengeflecht die Stellung halten. Kein Durchgangsverkehr, wenig Touristengetrappel. Meist sind die beiden früh auf Posten. Ist man einmal 81, gibt es wenig Gründe, Vormittage zu verschlafen.

Yiangos' Laden, Hermesstraße 307, liegt 100 Meter vor der Grenze. Seit 1932 pflegt er hier Haar und Bart seiner Kunden. Mit zunehmendem Alter zieht er es allerdings vor, seine Nachmittage im Schatten der Hauswand zu verbringen. Ölbaum rechts, Feige links. Fix das Rasiermesser zugeklappt und vom Zivania genommen, dem rassereinen Tresterschnaps.

Wenn Kotschinos, der Rote, noch hinzukommt, 1952 erster ambulanter Hersteller von Schinken-Käse-Sandwiches in der britischen Kronkolonie Zypern, verspricht die zweite Tageshälfte vergnüglich zu werden. »An Arbeit fehlt es mir nicht«, sagt dann Yiangos, »aber an der Lust.«

Was er vom Staat bekommt, reicht fürs Brot, nicht aber für Dinge, die das Leben schöner machen. Sein Kumpan Michael berichtet vom Bäckerleben im Haus des Türken Osman Bey und von den zehn Kindern, die er großgezogen hat. »Mir hilft mein Sohn«, sagt Kotschinos, der alte Sandwich-Mann, der zu spät begann, Beiträge zu zahlen.

Zudem saß er zwei Jahre im Gefängnis, weil er als Soldat während des Zweiten Weltkriegs nicht nur eine königlich-britische Nähnadel im Feld verlor, sondern auch seine Beherrschung. Dem Offizier, der ihm vorhielt, das Vermögen des Herrscherhauses zu verschleudern, entgegnete der Rote sinngemäß, er solle Liebe mit seiner Königin machen. Das fällige Todesurteil wegen verbaler Entgleisung kassierte die Blaublütige aus dem Buckingham-Palast persönlich. Gegen 24 Monate scharfen Arbeitslagers in Nikosia wurde die Sache beigelegt.

Seiner Militärzeit verdankt der Rote, ein Albino mit tränentreibender Mimik, passables Englisch. »No change forever«, kräht er, verdreht die Augäpfel und weist auf die Trennlinie, die quer durch die Hermesstraße läuft. Soll ja keiner versuchen, ihm etwas anderes weiszumachen - ihm, dem kleinasiatischen Flüchtlingskind, geboren auf der Schiffspassage vom türkischen Festland, Großvater am türkischen Olivenbaum aufgeknüpft: »Wo Türken einmal stehen, kriegt sie keiner so leicht wieder weg.«

Reines Rind habe er ihnen früher ins Sandwich gepackt, sagt der Rote. Gute Geschäfte damals in der Hermesstraße, vor allem freitags, wenn das Landvolk in Fes und Schleier zum Markttag kam. Bis die britischen Herrscher ihre Hand über die türkische Minderheit hielten, um den Wunsch der Zypern-Griechen nach Einheit mit dem Mutterland zu torpedieren.

Mord und Totschlag zwischen Griechen und Türken von den fünfziger Jahren an waren die Folge. Die Türken flohen über die Hermesstraße nach Norden. »Ich hatte Freunde«, sagt der Rote getragen, »ich habe sie verloren.«

Rechts vom Stuhl, auf dem der alte Yiangos in der Abendsonne sitzt, ist eine Werkstatt mit eisernem Rolladen geschlossen. Hermesstraße 309. »Das Fahrradgeschäft von Fikri Macila«, sagt der Friseur. »Wir waren einfach unzertrennlich.«

Der Grieche und sein 18 Jahre jüngerer türkischer Freund fuhren im Sommer gemeinsam nach Kyrenia ans Meer. Yiangos war zu Gast in Fikris Haus. Nach Ende des Fastenmonats wurde ein Lamm geschlachtet und zur Zurna getanzt, einer türkischen Flöte. Irgendwann, bald 40 Jahre ist das her, ging Fikri über die Stacheldrahtsperren auf der Hermesstraße nach Norden. Die Drohgebärden großgriechischer Einpeitscher hatten ihre Wirkung getan. Türkische Händler waren umgebracht worden. Der Rote kennt die Namen der Mörder. 1964, vier Jahre nach der Unabhängigkeit und zehn Jahre vor der türkischen Invasion, war Zypern de facto schon eine geteilte Insel und der Süden von Nikosia in griechischer Hand. »Wer weiß, was aus Fikri geworden ist«, sagt Yiangos.

Er jedenfalls weiß es nicht. Er darf die Trennlinie im eigenen Land nicht überschreiten. Wollte er einen Freund von der anderen Seite sehen, er müßte ihn im Ausland treffen. Die Grenze in Zyperns Hauptstadt ist undurchdringlicher, als es die deutsch-deutsche Mauer je war - auch wenn die Entfernung zwischen den Häusern mancherorts nur wenige Meter beträgt.

Im schmalen Streifen, der den griechischen vom türkischen Teil der Altstadt trennt, patrouillieren seit 20 Jahren schwergestiefelt die Blauhelme. Zur Zeit genießen Männer vom 7. britischen Fallschirmjäger-Regiment der berittenen Artillerie das königliche Privileg, durchs Freilichtmuseum zyprischer Geschichte spazieren zu dürfen. Auf staubigen Pfaden stapfen die Fallschirmjäger von der Ruine der Oberschule des Heiligen Kassian bis zum Quartier der Blauhelme im ehemaligen Fünf-Sterne-Hotel Ledra Palace. Im Zickzack verläuft die Pufferzone durchs Herz der Hauptstadt. An der engsten Stelle, in der Straße Konstantins des Großen, beträgt der Abstand zwischen dem christlichen Abendland und der nur von Ankara anerkannten Türkischen Republik Nordzypern gut zwei Meter.

Die alte Hermesstraße, wie Yiangos und der Rote sie beschreiben, hier ist sie erhalten. Maggi- und Coca-Cola-Schilder aus den siebziger Jahren. Der Laden von Spyros Christodoulou, zweisprachig um Kunden werbend. Das Cafe, in dem noch Bier unterm himmelblauen Ventilator steht. Läden, deren Türschwellen das Unkraut überwuchert. Und die Tiefgarage, in der Dutzende einst nagelneuer Toyotas aus dem Hafen Famagusta mit frischen Zollmarken und aufgeschnappten Motorhauben verrotten.

Geisterkulisse im Schmalspurformat, wenige Meter breit, wenige Kilometer lang. Unberührt von der Weltgeschichte.

Außer Wasser, das gut gemischt hin und her durch die Pufferzone geschickt wird, quert kaum etwas den toten Bereich. »Strom, Scheiße, Tauben«, bilanziert drastisch der österreichische Oberstleutnant, der mit humanitärer Hilfe befaßt ist. Auch Echinokokkose vergißt er nicht zu erwähnen, schwere Leberkrankheit, von streunenden Hunden im Niemandsland übertragen.

Südlich und nördlich der Pufferzone fehlt es an Indizien für einen bevorstehenden diplomatischen Quantensprung. In Nikosia, wo noch vor wenigen Jahrzehnten außer zehntausend kolonialen Kämpfern aus Manchester, Liverpool und Greater London jedem Waffentragenden die Todesstrafe drohte, stehen sich die Scharfschützen seit 20 Jahren auf Rufweite gegenüber.

»Wir vergessen nicht«, steht auf griechischen Hausmauern im Grenzgebiet. Gemeint ist die Invasion von 1974. »Wir auch nicht - das Gemetzel«, ist auf gegenüberliegende türkische Wachttürme gepinselt. Die Rede ist von vorangegangenen Übergriffen griechischer Nationalisten.

»Leider haben wir kein schwarzes Öl, nur grünes«, sagen die Griechen mit einem scharf kalkulierten Maß an Wehleidigkeit, mit Bezug auf Kuweit und Zyperns Olivenbäume. »Wir sind stolz, Türken zu sein«, kontert die Gegenseite mit einer überdimensionalen Flagge aus geschredderten Steinen am Hügel über Nikosia.

Die Protagonisten des Stellungskriegs im östlichen Mittelmeer stehen unverrückt. Glafkos Klerides, der Republik-Präsident, und Rauf Denktasch, sein türkisch-zyprischer Widerpart, betreiben ihr politisches Geschäft seit Jahrzehnten mit wenig veränderter Zielsetzung. Sie verhandelten schon in offizieller Mission über die Zukunft Zyperns, als auf dem Festland noch Golda MeIr und Gamal Abd el-Nasser am Ruder waren.

So gesehen könnte auch Fikri Macila noch immer Fahrradschläuche flicken, wer weiß. Er, der vor 40 Jahren mit dem griechischen Barbier Yiangos Lamm aß, beim Bäcker Michael Brot kaufte und das Herkules-Rad des Sandwich-Mannes reparierte.

Wer als Nicht-Zyprer hinüber in den türkischen Teil von Nikosia will, muß zu Fuß über die Grenze marschieren und wieder verschwinden, ehe von der Selimiye-Moschee zum vierten Gebet gerufen wird. Oder er muß über Larnaka, Athen und Istanbul in die verfemte Republik fliegen. Dann darf er bleiben, solange er mag. Das ist teuer und zeitraubend. Also zu Fuß.

Nördlich der Hermesstraße das gleiche Bild wie im Süden. In den Wohnungen Siedler, Fremde. In den Pensionen Kurden. Nahe bei der Grenze auch Schreiner, Spengler und Schmiede in düsteren Verschlägen. Alle zehn Meter biegt eine Gasse ab. Am Ende ein bescheidener Gastwirtsgarten oder ein Handwerksbetrieb. Manchmal, wie im Kebab-Salon Güneydogu, essen sie Grillfleisch mit dem Rücken zum Niemandsland. Nur durch eine Schilfrohrwand von den Griechen getrennt.

Kennt einer Fikri Macila? Der Kiosk-Besitzer mag sein Telefon nicht zur Verfügung stellen, Imbiß und Ortsgespräche nur für Offiziere. Dies ist der »Park der Sicherheitskräfte«. Der verwunschene Spielwarenhändler mit den Barbie-Puppen-Kopien aus China vertröstet auf morgen. Macila sei am Leben, sagt er, berühmt und schwer beschäftigt.

Am nächsten Morgen steht er da. Klein, drahtig, erfolgreich. Vier Autos, Haus und Yacht an der Küste, Haus und Tankstelle hier. Dankt mit gefriergetrocknetem Lächeln für die Grüße von Yiangos und anderen. Legt unaufgefordert die stalinistische Platte auf. »Wissen Sie, daß aus meinem ehemaligen Laden jetzt auf mein Volk geschossen wird? Haben Sie die zerstörte Moschee dort um die Ecke gesehen?«

Fikri Macila steuert, lässig am Lenkrad republikfeindliche Gerüchte dementierend, im silbermetallicfarbenen Jaguar durch die engen Gassen von Nord-Nikosia. Zwischen Rudeln anatolischer Rekruten in olivgrüner Kampfkluft bewahrt er die Ruhe.

Was brauche ich Urlaub, fragt Fikri, wenn ich ein Haus an der Küste habe? Warum weit fliegen, wenn mein Garten groß und grün ist? Alles meines, sagt Fikri stolz, kein griechischer Besitz. Keine Morgengaben für verlorenen Grund jenseits der Grenze.

Wünscht er sich, seine Freunde wiederzusehen? Die albernen Sperren niederzureißen zu beiden Seiten der Hermesstraße? »Die Zeit wird zeigen, was aus der Insel wird«, sagt Fikri Macila lau: »Gibt es Gesetze, die uns zum Zusammenleben zwingen können, obwohl wir es nicht wollen?«

Nein, die gibt es nicht, Fikri Macila. Genausowenig wie es welche gibt, die Karrieren in totalitären Staaten unter Strafe stellen. Natürlich kann einer, der Jaguar fahren und ein wenig segeln will, in diesem nicht sehr entwickelten Landstrich schlecht in Fundamentalopposition zum Vater aller türkischen Zyprer stehen.

Und hat der, Rauf Denktasch, nicht eben die Uno-Initiative für vertrauensbildende Maßnahmen scheitern lassen? Hat er nicht davon gesprochen, das von ihm kontrollierte Drittel der Insel mit der Türkei zu verschmelzen? Und den Grenzübergang in Nikosia schließen lassen, weil der Europäische Gerichtshof die Exportlizenzen der türkisch-zyprischen Regierung für ungültig erklärt hat?

»Das Staatsziel heißt Föderation, obwohl das keiner von uns will«, sagt mit entwaffnender Offenheit Serdar Denktasch, der Präsidentensohn. Er war lange Zeit nichts als ein beliebter Saz-Spieler im Norden Nikosias. Jetzt ist er Minister für Jugend, Sport und Umwelt, was in Ländern mit vergleichbarer Politikkultur meist eine goldene Zukunft nach sich zog.

Rückweg in der hochsommerlichen Hitze zu Yiangos, Michael und dem Roten. Rechts liegt das prunkvolle Ledra-Palace-Hotel im Niemandsland, Sinnbild vergangenen Glanzes und zaghafter Annäherung zwischen den Unversöhnlichen. Im Südflügel des Gebäudes treffen sich mittwochs Architekten, Stadtplaner und Versorgungsfachleute beider Seiten. Sie knüpfen am seidenen Faden, der die Stadt noch zusammenhält.

Im Ledra Hotel werden Briefe und Medizin deponiert und abgeholt. Im Familienraum treffen sich für eine Stunde oder mehr Verwandte von beiderseits des Eisernen Vorhangs. Die Jugend tritt zum Dart-Wettbewerb an, was den Vorteil hat, daß ihre Sprachlosigkeit weniger ins Gewicht fällt. Mit der türkisch-griechischen Zweisprachigkeit von einst ist es vorbei.

Am einfachsten sei es »mit Oide, Kranke und depperte Kinder, auch mit de leicht Verkoikten - alle politisch unverdächtig«, sagt der österreichische Offizier, der hier die Kontakte herstellt. Er will damit nichts gegen Rentner und geistig Behinderte gesagt haben. Aber für Lehrer, Dichter oder Oppositionelle ist es eben schwerer, Besuchsgenehmigungen zu bekommen.

Zwischen Öl- und Feigenbaum in der Hermesstraße sitzen die Alten und lauschen den Nachrichten aus der anderen Welt, die ein paar Meter weiter beginnt, von Fikri und seiner Frau. Er lebt also, sagt Yiangos, und reich ist er geworden? »Er war immer schon ein schlauer Bastard.«

Gibt es die Bars noch am Atatürk-Platz, wo wir Pasta gegessen haben, türkische Suppe, unübertroffen nach schweren Nächten, fragt der Rote. Es gibt sie nicht mehr. Und die schönen, die teureren Huren aus der Baki-Efendi-Straße? Ihr Revier liegt jetzt im Niemandsland.

»Erinnert ihr euch noch an Suraya?« fragt Yiangos, »sie war die Schönste.« Der Rote hält ihm sein halbtaubes Ohr hin und nickt dann. Ohne Zweifel, keine war wie Suraya. »Nicht ganz billig«, sagt Yiangos, »drei Schilling - das waren drei Tage Arbeit.«

»Was meint ihr«, fragt leise der alte Michael und hält seinen zerbrechlichen Körper aufrecht im Korbstuhl, »wollen wir noch ein wenig weiterleben?« Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Die Attila-Linie *

spaltet Zypern seit 20 Jahren in zwei Teile. Im nördlichen Drittel haben die ethnischen Türken eine international geächtete Republik installiert, deren Grundstein durch die Invasion türkischer Truppen am 20. Juli 1974 gelegt wurde. Vorausgegangen war ein Putsch griechischer Offiziere, die den Anschluß an Athen erzwingen wollten. Zwar haben die Vereinten Nationen die Zahl ihrer auf Zypern stationierten Blauhelm-Soldaten verringert, doch die Verhandlungen über einen möglichen gemeinsamen Staat kommen nicht voran. Durch den jüngsten Schritt der EU, Importe aus dem türkischen Teil unmöglich zu machen, hat sich der Konflikt zwischen den Nato-Partnern Griechenland und Türkei verschärft.

[Grafiktext]

_116_ Zypern: Karte u. Daten (Vergleich Norden u. Süden)

[GrafiktextEnde]

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