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Briefe

»Wir waren keine Attentats-Experten«
aus DER SPIEGEL 17/1976

»Wir waren keine Attentats-Experten«

Das von mir im Jahr 1942 ausgewählte britische Spreng- und Zündmaterial war nach dem Urteil aller Beteiligten und Experten das optimale Gerät, das damals für einen Attentatsversuch gegen Hitler zur Verfügung stand. Der Zünder konnte unauffällig -- etwa in der Manteltasche -- in Tätigkeit gesetzt werden. Jeder Obergefreite wußte, daß ein deutscher Handgranaten-Abreißzünder an britischen Clam-Haftminen nicht zu verwenden war. Da Hitler und seine engere Umgebung unter scharfer Beobachtung standen, kam es entscheidend darauf an, ein Gerät zu benutzen, das unauffällig und geräuschlos eingesetzt werden konnte. Die Behauptung, daß »das Protokoll für den Gang durch die Ausstellung im Berliner Zeughaus zehn Minuten vorgesehen hatte«, ist falsch. Am Tag vor meinem Attentatsversuch (21. März 1943) hatte mir der Chefadjutant Hitlers, General Rudolf Schmundt, im

Beisein des Feldmarschalls Model versichert, daß Hitler und seine Begleitung -- Göring, Himmler, Keitel, Dönitz -- mindestens dreißig Minuten bleiben müßten. Ich hatte keinen Anlaß, an dieser Angabe zu zweifeln, zumal Schmundt Model und mir auch die richtige Uhrzeit für den Beginn der Veranstaltung mitgeteilt hatte, was ihm -- wie er sagte -- bei Todesstrafe (!) verboten war. Ich konnte also mit Recht annehmen, bei Einsatz eines Zehnminutenzünders ausreichend Zeit für das Attentat zu haben. Tatsächlich verließ Hitler bereits nach etwa zwei bis drei Minuten das Zeugbaus. Die Annahme, daß Hitler eine kugelsichere Weste trug, beruhte nicht »auf der Schlußfolgerung, ein derartiger Schutz für einon so exponierten Mann sei nur logisch«. Vielmehr hatte Schmundt seinem ehemaligen Regimentskameraden Henning von Tresckow in einem vertraulichen Gespräch mitgeteilt, daß Hitler an allen lebenswichtigen Stellen seines Körpers gegen Pistolenmunition geschützt sei. Von der Tatsache, daß Hitlers Mütze Stahleinlagen hatte, konnte ich mich anläßlich eines Besuches Hitlers bei der Heeresgruppe Mitte persönlich überzeugen. Da unsere besten Pistolenschützen, wie z. B. der Fünfkämpfer Georg Frhr. v. Boeselager, keine Garantie abgeben konnten, das übrigbleibende kleine mittlere Gesichtsfeld mit absoluter Sicherheit so zu treffen, daß Hitler getötet wurde, entschloß sich Henning v. Tresckow zum Sprengstoff-Anschlag, der überdies die Möglichkeit bot, gleichzeitig andere Verbrecher, wie Goebbels, Göring oder Himmler, aus der Welt zu schaffen. Wir waren weder »Militärs« noch Agenten oder Attentats-Experten. Wir waren lediglich deutsche Soldaten, die sich ihrem Gewissen verantwortlich fühlten. Winston Churchill erklärte 1946 vor dem Unterhaus, »die deutsche Opposition hat zu dem Edelsten und Größten gehört, das in der politischen Geschichte aller Völker jemals hervorgebracht wurde«. Dieses Urteil erscheint mir bedeutender als Ihre abwertenden Bemerkungen.

München RUDOLF-CHRISTOPH

FREIHERR VON GERSDORFF

* Frhr. v. Gersdorff. 71, Generalmajor. Verwendung im II. Weltkrieg: 3. Ordonnanzoffizier 14. Armee (1939); Ic und Abwehroffizier XII. Armeekorps (1939); Ia 86. Infanteriedivision (1940); Ic und Abwehroffizier Heeresgruppe Mitte (1941); Generalstabschef 7. Armee (1944). Ritterkreuzträger.

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