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»Wir waren lange genug machtlos«

SPIEGEL-Interview mit dem Grünen-Bundestagsabgeordneten Heinz Suhr *
aus DER SPIEGEL 19/1985

SPIEGEL: Herr Suhr, Sie wollen einen »Bundesarbeitskreis konstruktive Politik« gründen. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?

SUHR: Wir haben einen Initiativkreis gebildet, um aus dem unproduktiven Streit zwischen Fundamentalisten und Realpolitikern wegzukommen. Wir wollen eine flügelübergreifende Diskussion über grüne Programme, damit wir 1987 alle gemeinsam mit einem machbaren Konzept in den Wahlkampf gehen und sagen können: Das ist unsere Alternative.

SPIEGEL: Die Fundamentalisten wollen aber von Ihrem Vorstoß nichts wissen, sondern streng basisdemokratisch bleiben - Kontrolle der Macht, aber keine Teilhabe.

SUHR: Wir sind doch schon längst ein Machtfaktor geworden. Es ist notwendig, daß wir ohne falsche Scheu auch mal über Koalitionen und grüne Minister reden. Aber natürlich können auch grüne Minister nur marginal etwas verändern. Wichtiger ist, daß Strömungen, Stimmungen und das Bewußtsein in der Bevölkerung verändert werden. Und da sehe ich eine Bewegung, die uns zugute kommt. Ich halte für die Grünen 15 bis 20 Prozent für möglich in den nächsten Jahren, wir sind auf dem Weg zur alternativen Volkspartei.

SPIEGEL: 2,5 Prozent wie im Saarland sind etwas dürftig für eine Volkspartei. Haben die Grünen den Zenit ihrer politischen Karriere nicht schon überschritten?

SUHR: Das haben einige voreilig so abgefeiert. Wir werden, nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen und auch 1987 in Bonn, zeigen, daß grüne Politik machbar ist.

SPIEGEL: Aber da zeigt sich doch die Schwierigkeit für Ihre Partei. Die einen sagen, wie Sie, wir müssen Macht ausüben, die anderen - dazu gehört der Grünen-Bundesvorstand - wollen sich verweigern.

SUHR: Der Bundesvorstand übt auch Macht aus.

SPIEGEL: Aber er lehnt jede Regierungsverantwortung rigoros ab.

SUHR: Über eine Regierungsbeteiligung kann man doch erst entscheiden, wenn inhaltlich klar ist, was geht und was nicht geht. Wenn wir nur kosmetische Änderungen durchsetzen können, dann dürfen wir nicht in ein Kabinett. Dafür haben sich der Aufwand und die ganze Kraftanstrengung, um die Grünen hochzubringen, nicht gelohnt. Aber wir müssen schon deshalb in die Verantwortung gehen, um so viel wie möglich von unseren Inhalten umzusetzen. Wir waren als Ökologie-, Friedens- und Frauenbewegung lange genug machtlos.

SPIEGEL: Parteifreunde werfen Ihnen vor, Sie wollten mit dieser Debatte die Fundamentalisten aus den Grünen ausgrenzen und die Partei spalten.

SUHR: Der Spaltungsvorwurf ist absoluter Quatsch. Wir können doch nicht, wie das unsere Bundessprecherin Jutta Ditfurth macht, zu Wahlen antreten, uns wählen lassen und dann sagen: Wir haben uns in den Parlamentarismus verrannt. Da fühlen sich die Wähler verarscht.

SPIEGEL: Wie sollen sich die Grünen in NRW verhalten, wenn sie nächsten Sonntag in den Landtag kommen?

SUHR: Dann wird Johannes Rau einsehen müssen, daß die Attitüde des Landesvaters kein Ersatz für inhaltliche Politik ist. Dann muß er entweder mit dieser Nicht-Figur Worms Politik machen - eine Große Koalition, die die Grünen sicher stärkt. Oder er muß eine wegweisende ökologische Politik mit den Grünen machen.

SPIEGEL: Oder er behält die absolute Mehrheit.

SUHR: Ohne grün bleibt dann eben alles grau. Aber nach unseren Zahlen liegen wir bei sieben Prozent.

SPIEGEL: Die Grünen haben vier Kernforderungen: Ausstieg aus der Kernenergie, Kontrolle der chemischen Industrie, kein Privatfunk und Anhebung der Sozialhilfe. Das klingt, als hätten die Grünen die absolute Mehrheit.

SUHR: Also, wenn wir ein Gutteil unserer Forderungen in NRW umsetzen, bin ich zufrieden. Stellen Sie sich mal vor, wir setzen im größten Bundesland durch, daß eine konsequente Umweltpolitik betrieben wird, daß auf Kernenergie und Privatfunk verzichtet wird.

SPIEGEL: Hört sich nicht besonders realistisch an für einen Realo.

SUHR: Ich kann natürlich nicht in die SPD reingucken, wie bewegungsfähig sie wirklich ist. Aber unser Angebot steht, Herr Rau kann jederzeit die NRW-Grünen anrufen.

SPIEGEL: Wie sollen das eigentlich die Wähler noch verstehen? Einem Sozialdemokraten vom linken SPD-Flügel wie Oskar Lafontaine aus dem Saarland haben sich die Grünen verweigert. Mit Rau und Börner, die zum rechten Flügel gezählt werden, wollen sie reden.

SUHR: Wir wollen Rau zu einem ähnlichen Lernprozeß zwingen, wie ihn Holger Börner in Hessen durchgemacht hat. Wenn die SPD ihre absolute Mehrheit verliert, wird sie sehr schnell lernfähig sein. Rau wird noch in der Wahlnacht dazulernen. Das hat mit dem Machterhaltungstrieb der Sozialdemokraten zu tun. Und den halte ich für sehr ausgeprägt. Ich bin sicher, da werden Angebote kommen ...

SPIEGEL: ... vielleicht aus Wolkenkuckucksheim, aber nicht aus Wuppertal.

SUHR: Das klang in Hessen anfangs ähnlich, jetzt sind wir dort schon weiter.

SPIEGEL: Die Grünen fordern in Hessen zwei Ministerien, Justiz und Umwelt. Wird das rot-grüne Bündnis nach dem 12. Mai geschlossen?

SUHR: In Hessen macht die SPD die Bündnisfrage davon abhängig, ob sie in NRW die absolute Mehrheit behält. Schafft Rau es nicht und die Grünen wachsen weiter, wird die hessische SPD in der Atomfrage nachgeben. Dann wird es dort wohl die erste rot-grüne Koalition geben.

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