Zur Ausgabe
Artikel 2 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

RUDOLF AUGSTEIN Wir Weltraum-Eroberer

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 6/1986

Nein, es waren keine Helden, die in der Raumfähre Challenger verglühten, sondern couragierte und abenteuerlustige Menschen. Aber vielleicht sollte man künftig aus dem Überangebot der Freiwilligen Leute heraussuchen, die keine minderjährigen Kinder zurücklassen, wenn sie die Rakete besteigen? Der Testpilot trägt immer noch ein größeres Risiko als der Raumfahrer.

Die sieben Opfer dienten auch nicht der »Eroberung des Weltraums« ("FAZ"), die unsere Menschheit, sieht man ihre irdischen Taten, schwerlich erleben wird, wenn derlei denn überhaupt jemals im Bereich des Möglichen liegen sollte. Und nicht »jahrhundertelang« (wieder die »FAZ"), sondern jahrtausendelang träumten »die Menschen"(?) davon, sich von den Fesseln der Erdenschwere zu befreien, es den Vögeln gleichzutun, wie Dädalus und Ikarus, von denen der eine allerdings abstürzte, weil er zu hoch hinaus wollte.

Die Raumfahrt ist etwas Alltägliches geworden, mit nahezu alltäglichen Risiken, wenn auch enormer Einsatzbereitschaft. Seit der spektakulären Mondlandung der Amerikaner hat sich keine verantwortliche Behörde die Kosten-Nutzen-Frage gestellt und ob es am Ende für die Menschheit nicht wichtigere Projekte gäbe. Das Axiom der Seefahrer wurde ohne Nachdenken übernommen: Raumfahrt tut not.

Warum tut sie not? Nicht um der friedlichen Wohlfahrt der Menschheit willen. Es ging und geht um das Prestige und ebensosehr um den militärischen Nutzen, den Ost und West sich davon versprechen.

Darin liegt Logik. Weder können die USA der Sowjet-Union noch kann die Sowjet-Union den USA den Weltraum überlassen. Man wird im Zweifelsfall davon ausgehen dürfen, daß alles, was im menschlichen Bereich denkbar erscheint, auch exekutiert wird, und sei es, um dem Konkurrenten zuvorzukommen.

Logik liegt in dem Satz des Prager Parteiorgans »Rude pravo: _____« Der Tod der Challenger-Besatzung ist der Preis der » _____« Menschheit für den Fort schritt, den der Mensch für sein » _____« Wag nis, die Geheimnisse des Weltraums zu erforschen, » _____« zahlen muß. In diesem Sinne ist die Challenger-Tragödie » _____« mit Recht auf der ganzen Welt mit tiefer Bewegung zur » _____« Kenntnis genommen worden. »

Dieser Meinung applaudiert die »Welt«, und absurd findet sie die Warnung der Warschauer Zeitung »Zolnierz Wolnosci«, die Explosion habe gezeigt, »daß es bei den Vorbereitungen zum Sternen-Krieg Unfälle geben kann, deren Opfer die gesamte Menschheit sein könnte«.

Wieso absurd? Schon jetzt steht fest, daß die Challenger-Katastrophe einige Arbeiten am Forschungsprojekt SDI beeinträchtigen und verlangsamen wird. Die Verantwortlichen wird das nicht schrecken. Sie werden das irre Vorhaben mit einem »Jetzt erst recht!« vorantreiben.

Schließlich, ohne Opfergeist keine Pioniertaten. Wie aber sieht das der jetzige Senator John Glenn, der erste Amerikaner, der die Erde umkreiste? Etwas anders, so nämlich: _____« Diese Tragödie zeigt, daß wir zwar dem Himmel näher » _____« gekommen, aber dennoch verwundbare Menschen ge blieben » _____« sind. »

»Verwundbar«, ein heikles Stichwort. Denn »unverwundbar« sollen ja zumindest die US-Amerikaner während der nächsten 40 Jahre gemacht werden.

Darum kein Nachdenken, auch jetzt nicht, sondern Hurra-Patriotismus im Weltraum. Was Reagan angestoßen hat, kann nur noch gestoppt werden, wenn selbst der stärksten Nation der Erde die Finanzkraft ausgeht, immerhin ein Hoffnungsschimmer, und kein blasser.

Insofern war das unfreiwillige Opfer der sieben amerikanischen Erdenbürger umsonst. Es scheint ganz so, als hätten sich die Verantwortlichen in West (und Ost?) die Meinung des Pariser »Matin« zu eigen gemacht, die in dem Satz gipfelt: _____« Es gäbe keine Menschheit, würde sie sich nicht dazu » _____« berufen fühlen, die letzte Grenze zu beseitigen. »

Nicht sehr christlich, das alles. Klüger wäre, sich das Murphysche Gesetz vor Augen zu halten, wonach alles, was schiefgehen kann, irgendwann auch schiefgehen wird.

Aber bis dahin ist es ja noch lange hin. Die Weichensteller von heute müssen nicht fürchten, daß sie selbst den kosmischen Zusammenprall noch erleben werden. Dafür ist das Star-Wars-Programm zu groß angelegt, zu langwierig, zu hybrid.

Nur: Nicht der Mensch, die ganze Menschheit ist seit 40 Jahren sterblich.

Zur Ausgabe
Artikel 2 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.