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»Wir werden bomben, morden«

aus DER SPIEGEL 17/1976

In Schleichfahrt gleitet die Motorjacht »Edmalou« aus dem zyprischen Hafen Larnaka. Es ist kurz nach Mitternacht. Sechs Mann an Bord und 20 Kanister mit 400 Litern Benzin drücken das Sportboot tief in die unruhige See.

Skipper Edmundo, ein drahtiger Zypriot, will in sechs Stunden Dschunia an der libanesischen Küste erreichen. Die Passagiere, drei Libanesen, ein deutscher Journalist, hocken bleich und frierend in der Kabine.

Die »Edmalou« ist eigentlich zum Hochsee-Angeln gebaut. Jetzt gehört sie zu jener Flottille kleiner Frachter und Jachten, die von Zypern aus noch Verbindung zu den bedrängten Christen des Libanon hält.

Denn während Syriens Staatschef Assad seine Armee und die von ihm gesteuerte Palästinenser-Organisation Saika aufmarschieren ließ, um das libanesische Gemetzel zu stoppen, hat der Bürgerkrieg den Libanon längst zerrissen:

Menschen und Waren wechseln nicht mehr vom christlichen in den moslemischen Teil dieser einstigen Schweiz des Orients. Da Moslems und Linke Beiruts Flughafen kontrollieren und der Hafen in ihrem Schußfeld liegt, wurde die Küstenstadt Dschunia, 20 Kilometer nördlich von Beirut, die Schleuse der Libanon-Christen.

Über Dschunia und den Jachthafen von Kaslik verlassen und betreten die libanesischen Christen ihr Land, gelangen Waffen, Lebensmittel und Benzin in ihre Enklave -- zu Höchstpreisen: Der Liter Benzin, der in Zypern 80 Pfennig kostet, wird im christlichen Libanon für 3,60 Mark gehandelt. Eilige Passagiere zahlen für die Überfahrt, 220 Kilometer, 250 Dollar.

Sicher ist die Reise dennoch nicht. Ein Boot blieb zwischen Zypern und Dschunia verschollen, andere kehrten um, als Kriegsschiffe auftauchten. Syriens Marine kaperte vor der Libanon-Küste einen britischen Frachter, der Waffen an Bord hatte. Die »Edmalou« wird aus Dschunia per Funk aufgefordert, sie solle nur bei Tageslicht aufkreuzen. Nachts könnten übereifrige Vaterlandsverteidiger das Boot versenken.

Die Libanesen in Dschunia, aber auch ihre Landsleute, die Larnakas »Sun Hall Hotel« und »Four Lanterns Hotel« bis auf den letzten Platz füllen, sind mißtrauisch. Wann welches Schiff Richtung Libanon fährt, ist auf Zypern nur per Flüsterpropaganda zu erfahren. Und wer sich als Fremder zu sehr für die Boote interessiert, gerät in Verdacht, ein Spion zu sein, der Syrer, der Palästinenser oder gar der Israelis.

Die »Edmalou« braucht bis Dschunia neun Stunden, denn um nicht nach Beirut abzudriften, hatte Skipper Edmundo zu sehr nördlich gesteuert. lm Jachthafen von Kaslik überwacht die Miliz der christlichen Falange die Ankunft des Bootes. Sie kontrolliert zusammen mit drei verbündeten Organisationen die christlichen Gebiete, seit Armee und Polizei des libanesischen Staates zerfallen sind.

Im zerschossenen, zerrütteten Libanon erscheint Dschunia wie ein Relikt aus den besseren Tagen des Libanon -- tagsüber jedenfalls. Zwar trägt auch hier etwa jeder zweite eine Waffe, aber Schüsse sind nur selten und weit entfernt zu hören. Schicke Boutiquen bieten frische Blumen sowie Schallplatten von James Brown und James Last an. Unweit des Hafens lärmen Kinder und Erwachsene auf bunten Karussells. Im Restaurant »Estadrit« sind ägyptische Freudenmädchen zu haben. Der »Lagon Ski Club« Dschunia mahnt die Jahresbeiträge an.

Und wer auch nur ein paar Tropfen Sprit hat, scheint nachmittags mit seinem Auto ins Stadtzentrum zu kutschieren, wo sich der Verkehr staut wie in Beiruts Friedenszeiten. Dabei knattern die Fehl- und Nachzündungen. Denn die findigen Libanesen verlängern ihr Benzin mit Heizöl und Flugzeugtreibstoff, der irgendwie in ihre Enklave kam.

Dschunia profitiert von Beiruts Niedergang: Die Zentralbank erwarb Bauland, dessen Preis im Zentrum um das Zehnfache stieg. Air France, in Beirut nur noch auf dem Flughafen vertreten, betreibt seit voriger Woche eine Niederlassung in Dschunia, Dutzende Beiruter Geschäftsleute eröffneten Läden. An den Hafenkais stauen sich die 500-Tonnen-Schiffe, größere Frachter werden draußen abgefertigt. Ein Flugplatz soll gebaut werden.

Entsteht hier schon die Hauptstadt eines christlichen Teil-Libanon? Hanna Bustani, 54, seit 24 Jahren Bürgermeister von Dschunia, bestreitet es. Aber die Zahlen sprechen für sich: Zwischen Mai 1975 und März 1976 suchten Zehntausende Christen in Dschunia und Umgebung Zuflucht, die Einwohnerschaft verdreifachte sich.

Manche machten sogar, mitten im Bürgerkrieg, ihr Glück in der Stadt. Jean Hawa etwa, 29, war vergangenen September nach sechs Jahren Kanada in den Libanon zurückgekehrt, um als Manager das nun schon legendäre, inzwischen von den Moslems eroberte Holiday-Inn-Hotel zu leiten. Weil damals die Schlacht um das Hotelviertel begann, konnte er seinen Posten nicht antreten. Er eröffnete statt dessen in Dschunia das Reisebüro »Eagle Travel Tourism«.

Was damals als verrückte Idee erschien, ist heute der größte Renner. In Dschunia bieten schon eine Handvoll Reisebüros ihre Dienste an, werden sogar beim Friseur Schiffs- und Flugtickets verkauft.

Hawa organisierte -- über Zypern -- einen Postdienst ins Ausland, denn aus der Enklave gehen weder Briefe noch Telephongespräche in die Welt. Pro Brief kassiert sein Reisebüro zwei libanesische Pfund, etwa 2,10 Mark. Auf Drängen der Falange, aber auch aus eigener Überzeugung, möchte er durchsetzen, daß die Zyprioten Libanon-Marken und den Stempel »Dschunia« akzeptieren.

Hawa ist der Typ jenes geschäftstüchtigen Libanesen, der Kaufmannsgeist und Patriotismus miteinander verbindet, für den jede Situation ihre profitable Seite hat -- und natürlich auch die derzeitige Not seiner Mitbürger.

Das scheinbar ungetrübte Leben in Dschunia wirkt dennoch wie ein Tanz auf dem Vulkan. Aus Angst, sie könnten bei einer erneuten Offensive der nunmehr übermächtigen Moslems getötet werden, sind viele Libanesen gern bereit, für einen Stehplatz auf einem Frachter nach Zypern 230 Mark zu bezahlen, genausoviel wie das Flugticket Beirut-Zypern und zurück kostet.

Für Jugendliche und Männer bis 50 ohne Familie kommen oft noch 100 Pfund Abzugssteuer an die Falange hinzu. Denn jeder Wehrdiensttaugliche braucht eine Genehmigung, wenn er das Land verlassen will. Vor den Reisebüros sitzen bewaffnete Falangisten. die Bescheinigungen ausstellen. Im Hafen kontrollieren sie noch einmal jeden. der ausreisen will.

An Aufgabe und Flucht denken vor allem jene, die im vergangenen Jahr aus Beirut in die als sicher geltenden Bergorte um Brummana und Bikfaja geflohen waren, im März aber noch weiterziehen mußten, um sich vor den Drusenkriegern des Linkspolitikers Dschumblat nach Dschunia zu retten.

Hier und da wird auch Panik spürbar. Denn für viele Libanesen ist heute gegenwärtig, was die Christen des Ostens dem Abendland seit der arabischen und dann der osmanischen Eroberung vorwerfen: daß der Westen sie verkaufe.

Um das Palästina-Problem zu lösen, sei Amerika bereit, den Fedajin den Libanon zu überlassen, die dafür ihrerseits die Existenz des Staates Israel hinnehmen würden, wird heute im Libanon behauptet -- eine Kombination, die zumindest nicht total aus der Welt zu sein scheint.

»Wenn ihr uns so verratet«, schreit ein in Dschunia zur Untätigkeit verurteilter Regierungsbeamter aus Beirut, »werden wir Libanon-Christen wie die Palästinenser werden. Wir werden bei euch Flugzeuge entführen, Bomben werfen, morden!«

Charles Malik, der die Uno-Charta mit ausarbeitete, Präsident der Uno-Vollversammlung und Außenminister des Libanon war, hält die Ausverkaufstheorie für absurd. Er glaubt im Gegenteil, daß Amerika ein »kalkuliertes Risiko« eingehen und aktiv werden müsse, wenn die pro-westlichen Christen weiter in die Defensive gerieten: »Was tat denn die UdSSR in Ungarn und der Tschechoslowakei?« -- ein in vielfacher Hinsicht anachronistischer Vergleich.

Staatsmann Malik pilgert am gleichen Nachmittag wie Beschir Gemayel, Sohn des Falangeführers Pierre Gemayel und Verantwortlicher für die Milizen, ins Kloster von Kaslik. Beide treffen Pater Charbel Kassis, den robusten Generalsuperior des Maroniten-Ordens, der sich durch die Not zum radikalen Christenführer berufen fühlt. »In Zeiten größter Bedrängnis«, so der Rechtsanwalt Samir Dahdah, »haben bei den Maroniten immer Geistliche die Führung übernommen.«

Das Kloster von Kaslik, zu dem eine Universität gehört, rüstet die Libanon-Christen moralisch auf. Militante Intellektuelle erarbeiten Propaganda-Schriften für das Ausland. »In dem Punkt«, so ein Mitarbeiter des Paters Charbel Kassis, »haben wir von unseren Feinden, den Palästinensern, zu lernen. Die haben jetzt in fast jeder Hauptstadt der Welt ihr Büro.«

Westliche Berichte über die Flucht von Libanon-Christen sieht er als Stimmungsmache an: »Wir und die Welt sollen reif gemacht werden, damit die Libanon-Christen aufgeben.« Er gelobt: »Ich werde notfalls als Guerilla in den Bergen kämpfen und mich gegen die Moslems und Palästinenser verbünden mit -- raten Sie mal -- wem? Mit den Israelis!«

Boulos aus dem christlichen Ost-Beirut ist erst 16, hat aber als Mitglied der Falange schon viele Kämpfe hinter sich. Seine Mutter bringt ihn zum Schiff nach Dschunia: »Er hat praktisch ein Jahr lang keine Schule gesehen, ist fast jede Nacht unterwegs. Freunde sind gefallen. Er hat die schlimmsten Dinge gesehen. Diese Jungs können doch nur Gangster werden.«

Boulos will nicht vor seinen Kameraden als Feigling gelten. Aber wer weiß, wie lange die Schleuse nach Zypern noch offen ist. Er besteigt den 1250-Tonnen-Frachter »Annakyra«, ein über 20 Jahre altes Zypriotenschiff, das mit Stückgut zwischen Port Said, Beirut und Zypern verkehrt, aber jetzt in Dschunia menschliche Fracht an Bord nimmt.

115 Personen suchen sich zwischen Brettern, Säurebehältern und Farbtonnen einen Platz. Die zyprisch-arabische Mannschaft bietet einer belgischen Nonne und drei Priestern, die aus dem nordlibanesischen Tripoli flohen, Kabinen an. Frauen mit Kleinkindern dürfen in den Speiseraum. Auf dem Vordeck gibt es Plätze auf Pappkisten mit Korbplatten aus Portugal. Adressat: American Embassy, Beirut.

Ein Mann singt traurige Lieder der libanesischen Sängerin Feirus. Es ist sehr kalt, aber die See bleibt ruhig. Die Reise nach Limassol auf Zypern dauert 15 Stunden.

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