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»Wir werden erst viel später weinen«

SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über die Bergungsaktion in Zeebrugge *
Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 16/1987

Wieviel Elend muß der Mensch erleben, bis er weint?

Commander Jack Birkett, 47, aus Portsmouth hat im Falkland-Krieg geweint, als er die verkohlten und zerfetzten Wasserleichen seiner Kameraden aus dem zerschossenen Wrack des Zerstörers »Sheffield« herausgeholt hatte. Beim Einsatz in Zeebrugge hat er nicht geweint. Er sagt, es gebe Elend, das sei zu unwirklich, um die menschliche Gefühlswelt unmittelbar zu beeinflussen. »Über das, was wir da unten gesehen haben, werden wir erst viel später weinen.«

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch vergangener Woche bargen Einsatzleiter Birkett und Kampftaucher Paddy Doonen, 32, aus Nordirland die Leiche eines elfjährigen Mädchens, das am 6. März beim Untergang der »Herald of Free Enterprise« ertrunken war. Das Kind hielt eine Puppe fest umschlungen, so, als wolle es sie schützen.

Die zwei Taucher befreiten das kleine Mädchen behutsam aus dem schwarzen Schlick. Dann trug Commander Birkett sie nach oben und legte sie zu den anderen Leichen. Was er dabei empfand? »Herrgott, ich habe selbst vier Kinder«, sagt Birkett.

Um Mitternacht holten sie die Leichen eines jungen Paares aus dem Wrack. Der Mann und die Frau hatten sich fest umarmt, als das Schiff unterging, und sich im Todeskampf ineinander verkrallt. Sie waren nur schwer zu trennen.

Die sieben Marinesoldaten von der »Fleet Clearance Diving Group« in Portsmouth und ihre zwölf belgischen Kollegen waren vor ihrem Einsatz von Psychologen ins Rigorosum genommen worden. Doch das erwies sich als überflüssig. »Es gibt Eindrücke«, sagt Jack Birkett, »mit denen muß man ganz allein fertig werden.«

Die meisten Taucher fielen frühmorgens in ihren dreckverkrusteten Kleidern todmüde in ihre Kojen auf der »MS Godetia«. Ein paar, so sagt Birkett hätten sich »physisch krank« gefühlt. Einer zog sich eine ganze Flasche Whisky rein, weil er nicht einschlafen konnte. Er lag trotzdem den ganzen Vormittag wach.

Von Dienstag bis Freitag wurden die Überreste von 112 Menschen aus der »Herald of Free Enterprise« geborgen, die meisten aus der Cafeteria und aus dem Duty Free Shop. Mindestens 20 weitere Leichen werden im Laderaum und in den Mannschaftsräumen vermutet, die noch unter der Wasserlinie liegen.

Die Katastrophe von Zeebrugge ist tragischer, als bisher angenommen wurde. Statt mit 134 müsse man nun mit rund 200 Opfern rechnen, sagt Dick Martin, der General Manager der britischen Reederei Townsend Thoresen, der das Schiff gehört.

In der Unglücksnacht wurden 409 Überlebende gezählt. 543 waren an Bord gewesen. In den ersten Stunden wurden

58 Tote geborgen, drei weitere wurden zwei Wochen später an der Küste bei Rotterdam angeschwemmt. Also hätten noch 73 Leichen im Schiffsrumpf sein müssen. Wie sich jetzt herausstellt, waren es fast zweimal so viele.

Die Bergungsarbeiten konnten wegen der heftigen Frühjahrsstürme erst mit Verspätung beginnen. Der 132 Meter lange Schiffsrumpf versank in dieser Zeit an Backbord bis zu drei Meter tief im sandigen Meeresboden.

Kapitän Hans Walenkamp, 49, von der Rotterdamer Bergungsfirma Smit Tak, hat schweres Gerät in Stellung gebracht: »Taklift 4« und »Taklift 6«, zwei Schwimmkräne mit armdicken Stahltrossen und einer geballten Zugkraft von je 1600 Tonnen, flankierend dazu die belgische »Norma« mit 300 Tonnen.

Smit Tak ist weltweit die Nummer eins im Bergungsgeschäft. Walenkamp hat in seiner Karriere über hundert abgesoffene Pötte gehoben. Die »Herald« ist für ihn Routinesache. Die Rahmenbedingungen sind ähnlich wie bei der Bergung des Luxusliners »Leonardo da Vinci«, der im Juli 1980 vor La Spezia sank.

Smit Tak kassiert dafür vier Millionen Pfund (rund zwölf Millionen Mark). Die Firmenspitze dementiert aber ganz entschieden die Behauptung, es sei darüber hinaus mit dem Schiffseigner eine Prämie in Höhe von 150000 belgischen Francs (7200 Mark) pro geborgene Leiche vereinbart worden.

Dienstag ist »D-Day«. Die meteorologischen Bedingungen sind gut: Südwestwind Stärke drei, aufgelockerte Bewölkung, auflaufende Flut. Ideales Schiffshebewetter. Um 8.28 Uhr gibt der Hebemeister das Zeichen: »Trekk aan.«

Die Holländer haben die Ladeluken mit Netzen verspannt, damit die Fässer mit den giftigen Chemikalien im Innern nicht herausrollen können und die Leichen nicht aus dem Rumpf gespült werden, wenn sich das Schiff bewegt.

Um 8.50 Uhr bewegt sich das Schiff. Vom Ufer aus verfolgen Hunderte von Zuschauern die Operation. Darunter sind auch einige Angehörige von Opfern.

Die britischen Behörden haben den Familien dringend davon abgeraten, nach Zeebrugge zu fahren. Doch die meisten sind trotzdem gekommen. »Für mich war von Anfang an klar, daß Geoff die letzte Reise nicht allein antreten würde«, sagt Carol Hamey aus Manchester, die ihren Bruder Geoffrey vor Zeebrugge verloren hat.

Gegen 11.15 Uhr hebt sich die Brücke der »Herald« aus dem Wasser. Die Seitenwände sind stark eingedrückt, die Fenster sind zerschmettert. Aus einem der Fenster ragt ein Fuß.

13 Uhr, es regnet. Aus dem Wrack rinnt eine breite Dieselspur. Einer der Tankwagen im Laderaum muß leck sein. Hans Walenkamp läßt die Winden anhalten. Eine Barkasse rauscht heran. Die Besatzung rollt einen Schlauch aus und saugt das ausgelaufene Öl ab.

Um 14 Uhr wird die Reling an Backbord sichtbar. Man kann jetzt das Ausmaß der Schäden erkennen.

Kurz nach 16 Uhr liegt die »Herald« wieder auf Kiel. Sie ruht auf der Sandbank wie ein gestrandeter Wal. Sie hat jetzt nur noch fünf Grad Schlagseite. In ein paar hundert Metern Entfernung dampft - den Union Jack auf halbmast - die »Free Enterprise VII«, das Schwesterschiff der »Herald«, auf Kurs Dover vorbei.

Die Bergungsmannschaft braucht jetzt nur noch die Luken und Fenster abzudichten und den Rumpf leerzupumpen. »In 14 Tagen liegt die ,Herald' vertäut im Hafen, das kann ich Ihnen versichern«, sagt Hans Walenkamp.

Um 19 Uhr gehen Commander Birkett und seine Männer an Bord. Die Leichen werden in Aluminiumsärge gelegt, dann zunächst in die Marinebasis und später nach der Identifizierung, in die Leichenhalle des Saint-Jean-Hospitals gebracht. Die Regierung in London hat Beamte von der West Yorkshire Police nach Zeebrugge abkommandiert, die im Mai 1985 die entstellten Opfer der Brandkatastrophe im Fußballstadion von Bradford identifizierten.

Chief Superintendent Mark Rand aus Bradford hat im Polizeipräsidium von Dover den Computer aufgestellt, der seinerzeit nach dem Brand gute Erkennungsdienste leistete. Der Rechner vergleicht im Rasterverfahren Angaben über Haarfarbe, Körpergröße, Zahnlücken, Kleidung und Schuhwerk, die ihm die Beamten aus Zeebrugge übermitteln, mit den vorher eingefütterten Daten der mutmaßlichen Opfer. In Bradford lag die Aufklarungsquote bei 100 Prozent.

Die Identifizierung ist nicht allein ein Gebot der Pietät. Hinterbliebenen Verwandten ersten Grades steht Schadenersatz zu, gegebenenfalls bis zu 150000 Pfund. Aber als hinterblieben dürfen Ehefrauen und Kinder erst gelten, wenn der Tod des Vaters oder Ehegatten zweifelsfrei erwiesen ist.

Die Namen von sechs Opfern, die noch in dem Wrack gefangen waren, galten schon vor Beginn der Bergungsaktion als gesichert. Sie standen auf einem Fetzen Papier, der in einer verkorkten Flasche am Strand von Knokke, acht Kilometer nordöstlich von Zeebrugge gefunden wurde. Text: »Wir sind in dem Schiff gefangen. Wir werden sterben.«

Die Namen werden geheimgehalten. Doch soviel steht fest: Als die Flaschenpost an Land getrieben wurde, müssen die Unterzeichner schon tot gewesen sein. Wie lange sie lebend im Schiffsrumpf aushielten, ließe sich vielleicht am Grad der Verwesung ihrer Leichen feststellen. Aber es gibt niemanden, der das so genau wissen will.

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