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»Wir werden mit Gewalt antworten«

aus DER SPIEGEL 8/1994

SPIEGEL: Sind nach dem Einlenken der bosnischen Serben Nato-Angriffe überflüssig?

Rose: Ich bin optimistisch, daß es keinen Anlaß für Luftangriffe geben wird. Der Waffenstillstand wird weitgehend eingehalten; den Uno-Truppen wurde erlaubt, Stellung zwischen den Frontlinien zu beziehen. Wir glauben, daß auch alle Waffen bis zum Ablauf des Ultimatums unter unserer Kontrolle stehen werden. Danach soll eine Kommission Details regeln, damit ein normales Leben nach Sarajevo zurückkehrt.

SPIEGEL: Ist das Nato-Ultimatum somit hinfällig?

Rose: Wenn Sie einen Kreis um Sarajevo ziehen, dann gibt es drei kriegführende Parteien. Unterbricht eine davon, aus welchen Gründen auch immer, den Friedensprozeß, riskiert sie einen Luftangriff. Aber unsere Hauptaufgabe in Bosnien ist es doch, die Zivilbevölkerung mit Nahrung zu versorgen. Das wird sehr schwierig sein, wenn wir Bomben werfen.

SPIEGEL: Meinen Sie das wirklich? Ihre Hauptaufgabe ist doch wohl, endlich die Drangsalierung Sarajevos zu beenden und die Stadt vor den serbischen Belagerern zu schützen.

Rose: Ohne die Blauhelme wären bereits viele Menschen den Hungertod gestorben. Dies bleibt unsere wichtigste Aufgabe. Außerdem müssen wir bei der Gestaltung von Sicherheitszonen mitwirken. Dabei ist Sarajevo der Schwerpunkt. Und dafür haben wir die Rückendeckung der Nato. In Sarajevo muß künftig ein Leben wie in Bonn oder Berlin möglich sein, die Menschen müssen die Freiheit haben, die Stadt jederzeit verlassen zu können. Das verstehe ich unter normalem Leben.

SPIEGEL: Ist die Befriedung Sarajevos der Auftakt zu einer politischen Lösung für die anderen Moslem-Enklaven? Was passiert mit Mostar, das die Kroaten eingekesselt haben?

Rose: Wenn der Friedensprozeß in Sarajevo erfolgreich ist, wird er auch in anderen Gebieten zum Zuge kommen. Dabei steht der moslemische Ostteil der Stadt ganz oben auf der Prioritätenliste.

SPIEGEL: Die serbische Armee zieht den größten Teil ihrer Artillerie zurück. Der Rest bleibt unter Uno-Kontrolle innerhalb des 20-Kilometer-Radius um Sarajevo. Warum?

Rose: Keine Ahnung, was sie damit beabsichtigen. Sie halten es für wichtig, einige Waffen an Ort und Stelle zu belassen.

SPIEGEL: Um diese dann bei einer Offensive der bosnischen Armee schnell wieder einsetzen zu können.

Rose: Dies mag der Grund sein. Aber unter den Kontrollmechanismen der Uno verstehe ich: Diejenige Seite, die die Waffen zurückholen will, muß Gewalt anwenden. Und wir werden mit Gewalt antworten.

SPIEGEL: Heißt das, daß die Nato über Monate in ständiger Alarmbereitschaft für Bosnien bleiben muß?

Rose: Das kann der Fall sein. Aber die Nato ist bereits seit vorigen April im bosnischen Luftraum präsent. Sie wird bleiben, bis der Friedensprozeß vollendet ist. Für die Piloten macht das keinen Unterschied.

SPIEGEL: Die moslemischen Kämpfer in Sarajevo warten sehnlich darauf, den Vorteil zu nutzen und verlorene Stellungen zurückzugewinnen. Würden Sie auch gegen die bosnisch-moslemische Armee einschreiten?

Rose: Wir stehen zwischen den kriegführenden Parteien. In diesem Fall müßte die bosnische Armee erst uns angreifen. Wir haben das Recht auf Selbstverteidigung.

SPIEGEL: Jeder Luftangriff muß erst von Ihnen angefordert werden. Könnte die Nato trotzdem eigenmächtig serbische Stellungen bombardieren?

Rose: Natürlich kann es passieren, daß die Nato-Kampfflugzeuge gezwungen sind, zur Selbstverteidigung zu feuern, wenn sie vom Boden her mit Waffen angegriffen werden. Dann wird die Nato vorher auch niemanden konsultieren. Wenn die Nato allerdings Angriffe gegen Bodentruppen startet, werde ich in den Entscheidungsprozeß einbezogen - ich bin der Kommandeur vor Ort.

SPIEGEL: Das Problem ist doch, daß niemand nach den erfolglosen Verhandlungen der letzten Monate wirklich glaubt, daß sich die serbische Kriegsmaschinerie ohne Luftangriffe auf Dauer stoppen läßt.

Rose: Die Serben haben die Einhaltung aller im Genfer Friedensplan aufgeführten Bedingungen bereits vor dem Ultimatum zugesagt. Das Nato-Ultimatum hat diesen Prozeß durch seine Drohung nachhaltig unterstützt. Ich bin zuversichtlich: Wenn ich in ein Auto steige, erwarte ich nicht, daß es seinen Geist aufgibt. Passiert es doch, werde ich reagieren.

SPIEGEL: Der Westen lehnte bislang Gewaltanwendung gegenüber den Serben mit der Begründung ab, dies könne zur Ausweitung des Kriegs auf dem gesamten Balkan führen. Sehen Sie diese Gefahr?

Rose: Ich betrachte jedes Problem gesondert. Die Aufhebung der Belagerung von Sarajevo ist eine Sache. Aber natürlich bleiben da weitere Risiken. Nur: Mein Instinkt sagt mir, daß sich dieser Krieg nicht ausweiten wird.

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