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»Wir werden weiter zurückgedrängt«

SPIEGEL-Redakteur Rainer Paul über die ausweglose Lage farbiger Jugendlicher in New York *
Von Rainer Paul
aus DER SPIEGEL 41/1983

Eigentlich hätte es eines jener Feste werden sollen, mit denen die New Yorker Menschenmassen vornehmlich sich selber feiern:

300 000 kamen mit Sonnenschirmen und Strandlaken, mit prall gefüllten Picknick-Körben und Marihuana-Joints. Sie strömten auf die »Große Wiese« des Central Park, um dort, vor der imposanten Wolkenkratzerkulisse Midtown Manhattan, zwei Stunden lang dem Rock und Blues von Superstar Diana Ross zuzuhören.

Die Feier fiel ins Wasser. Als nach dem Konzert bei einsetzender Dunkelheit die Fans den Park verließen, »brach«, so Konzertbesucher Richard McConico, »die Hölle los«.

Rund 200 Jugendliche machten Putz. Sie überfielen Konzertbesucher, raubten Geldbörsen, rissen Goldketten ab und trampelten angstvoll fliehende Passanten nieder. Sie stürmten die vornehmen Lokale am Rande des Parks, beraubten Gäste und riefen in den völlig überforderten Ordnungshütern das Gefühl hervor, »von einer Kompanie Infanteristen überrannt zu werden« (so jedenfalls empfand es anderntags der New Yorker stellvertretende Polizeichef Gerard Kerins).

Erst eine Stunde nach Beginn der Teenager-Stampede gelang es der Polizei, die Ausschreitungen abzubremsen. 37 Randalierer wurden festgenommen und den Haftrichtern vorgeführt. Einer von ihnen, Judge William Davis, machte bei den Ketten- und Börsendieben zwei Gemeinsamkeiten aus: Sie waren Schwarze, und sie hatten keinen festen Job. Und darin, so Davis, »liegt das eigentliche Problem«.

Anlässe wie der Krawall im Central Park erinnern die größte US-Stadt regelmäßig daran, daß in den Gettos von Harlem, der South Bronx und dem Bedford-Stuyvesant-Bezirk im Stadtteil Brooklyn sich immer noch außergewöhnlicher sozialer Konfliktstoff zusammenballt. Jung, schwarz und arbeitslos in New York zu sein - das bedeutet immer noch, allen in den letzten 20 Jahren gewonnenen Sozialleistungen der liberalen Stadt zum Trotz, kaum eine Möglichkeit zu haben, zum Getto-Leben ohne Hoffnung verdammt zu sein.

Niemals zuvor in der Geschichte der Stadt New York war die Aussicht von Hunderttausenden Jugendlicher in der Sieben-Millionen-Metropole, einen Job zu bekommen, so düster wie im dritten Jahr der Reagan-Administration. Während

im zweiten Quartal dieses Jahres die Gesamtquote jugendlicher Arbeitsloser bei knapp 35 Prozent lag, betrug der Prozentsatz schwarzer New Yorker Teenager ohne Job 60 Prozent. Und selbst diese Zahl spiegelt noch nicht die ganze Wahrheit wider. Denn statistisch erfaßt sind nur jene schwarzen Jungen und Mädchen, die ihre Suche und Hoffnung auf irgendeine Art von Job noch nicht aufgegeben haben.

Beträgt landesweit die Anzahl schwarzer Teenager, die regelmäßig einem Job nachgehen, rund 18 Prozent, ist in New York, so die jüngste Zahl aus dem staatlichen Büro für Arbeitsstatistik, nur jeder zehnte jugendliche Schwarze teilzeit- oder vollbeschäftigt. »Wir durchleben«, sagt der New Yorker Arbeitsmarktforscher Professor Herbert Bienstock, »ein einmaliges Desaster in der Jugendarbeitslosigkeit.« Ihr Ende ist nicht abzusehen, ihre Auswirkung kaum abzuschätzen.

Die schwarzen Jugendlichen New Yorks bilden die jüngste Schicht einer weiterhin verarmenden Unterklasse Amerikas, die in den letzten zwei Jahrzehnten vergeblich versucht hat, den Einkommens-Anschluß an die weiße Mittelschicht zu gewinnen oder zumindest den sozialen Abstand zu verringern.

Zwanzig Jahre nachdem Martin Luther King im August 1963 in Washington seinen Traum von einem brüderlichen Amerika dargelegt hat, besteht kein Zweifel, daß dieser Traum noch längst nicht realisiert ist: Neben höherer Arbeitslosigkeit bei Erwachsenen und Jugendlichen, höheren Scheidungs- und Trennungsraten und weit verbreiteter Armut liegt auch die Kinder- und Müttersterblichkeitsrate der Schwarzen deutlich über der der Weißen.

Mehr Schwarze als Weiße sitzen im Gefängnis. Schwarze sterben jünger, und schwarze Männer sind sechsmal häufiger das Opfer eines Mordes als weiße Männer.

In kaum einer anderen US-Großstadt sind diese Tatsachen augenfälliger als in New York, dessen in- und ausländische Besucher immer wieder die glitzernde Hochhaus-Silhouette der Insel Manhattan für das ganze New York ansehen. Diesen Stadtteil New Yorks, der Mitte der siebziger Jahre geschäftlich auszubluten drohte, bewahrt zu haben, dankt die Stadt ihrem jetzigen Bürgermeister Edward Koch.

Seine freizügig angebotenen Steuervorteile lockten investitionsstarke Unternehmen an, die einen gewaltigen Boom von Büro-, Bank- und Hotelneubauten in Szene setzten. Doch die neuen Dienstleistungsbetriebe siedelten sich hauptsächlich im Geschäftsbezirk Midtown Manhattan an.

An den ausgebrannten und verfallenden New Yorker Stadtteilen Harlem und Bronx, die teilweise an Müllplätze oder ausgebombte Städte erinnern, gingen solche Investitionsimpulse spurlos vorüber. Die arbeitsuchenden Bewohner dieser Armengettos sahen sich von den neugeschaffenen Arbeitsplätzen im Schaufenster Midtown Manhattan ausgeschlossen.

Auch in ihrer eigenen Nachbarschaft sind Arbeitsplätze Mangelware geworden. Die Zahl handwerklicher Betriebe hat sich während der letzten drei Jahrzehnte halbiert.

Für fünf von sechs offenen Stellen wird mittlerweile das Abschlußzeugnis der High School verlangt - die im Grunde nur der deutschen Hauptschule entspricht und von amerikanischen Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr besucht werden muß. Aber so weit kommen die meisten jungen Schwarzen und Puertoricaner gar nicht und bleiben draußen vor der Tür. Überdies müssen sie sich um die verbleibenden Stellen, wie etwa Büroboten oder Packer, mit Mitbewerbern streiten,

die zwar auch nicht die Schule beendet, doch zumindest den Vorzug haben, weißer Hautfarbe zu sein.

Die verlorene Generation der jungen Schwarzen bildet den Kern einer sozialen Bombe, für deren Entschärfung es derzeit weder durchdachte Kurzzeitpläne noch sinnvolle langfristige Programme gibt. Mehr denn je sind die schwarzen Teenager auf sich gestellt, ob mit oder ohne Schulabschluß.

Die Mehrzahl von ihnen kommt aus Familien, in denen die Mutter für das Einkommen (wenn schon nicht in Form von Lohn, dann durch Wohlfahrtsunterstützung und Lebensmittelgutscheine) aufkommt und in denen Großmütter, Tanten oder ältere Geschwister für Erziehung und Aufsicht verantwortlich sind.

Die »Feminisierung der Armut« nennt der New Yorker Journalist Ken Auletta in seinem Buch »The Underclass« die Tatsache, daß in 47 Prozent aller schwarzen Familien die Mutter das Familienoberhaupt ist; jede zweite dieser Familien gilt bei einem Jahreseinkommen von weniger als 9862 Dollar offiziell als arm.

Verstärkt wird der sich selbst erhaltende Prozeß von Arbeitslosigkeit, Armut und Abhängigkeit von staatlichen Hilfszahlungen dadurch, daß nirgendwo sonst in den westlichen Industrienationen mehr junge Mädchen Mütter werden als in den Vereinigten Staaten.

Während in Japan ein, in Frankreich und Schweden jeweils fünf Prozent der Neugeborenen von Frauen unter 20 Jahren zur Welt gebracht werden, liegt der US-Anteil bei 16 Prozent. Teenage-Mütter, die schwarz und unverheiratet sind, bilden den unverhältnismäßig höchsten Anteil: Auch hier ist New York exemplarisch.

Maureen O'Keefe, Sozialhelferin in Harlem, überrascht jene Statistik nicht: »Jede fünfte Wohnung in East Harlem steht leer, jede weitere zehnte ist so verwahrlost, daß sie in Kürze aufgegeben werden wird. Was sehen diese Menschen, wenn sie morgens aufwachen? Ein Bild der Hoffnungslosigkeit. Was liegt innerhalb der Grenzen des für sie Erreichbaren? Mutter zu werden.«

Ausbruchsversuche arbeitsloser Jugendlicher aus ihrer Situation kann jeder New-York-Besucher ausmachen. Dazu gehören etwa die Windschutzscheiben-Putzer, die sich an Ausfallstraßen und Tunneleinfahrten zur Rush-hour einfinden. Zeigt die Ampel rot, springen die schwarzen Teenager-Kolonnen der 11bis 14jährigen an die Autos und fegen - ungefragt - mit eingeseifter Gummibürste über die Frontscheibe. Nach Abschluß der Zehn-Sekunden-Arbeit stellt sich der Fensterputzer ans Seitenfenster und verlangt Lohn.

David, 11, aus Bedford-Stuyvesant, dem schwarzen Armutsgetto im Stadtteil Brooklyn, bekommt pro Auto »rund 25 Cents«, bringt es auf »30 Dollar am Tag«

und ist stolz darauf, von den »cops« noch nie erwischt worden zu sein. Bei anrückender Polizei ist David mit seinen Kumpels blitzartig verschwunden.

Höhere Umsätze verzeichnen die Gruppen, deren Arbeitsutensilien drei Spielkarten, zwei schwarze und eine rote, sind. Der zum Wetten aufgeforderte New Yorker Passant muß unter den verdeckt verschobenen Karten die rote herausfinden. Die Einsätze schwanken zwischen 20 und 100 Dollar. Hat der Wetter bei diesem »con-card-game« auf die richtige Karte getippt, zahlt der Mischer den darauf gesetzten Betrag aus.

Doch der harmlose Kunde hat kaum eine Chance. Schnelligkeit und Finesse des Mischers sind so ausgeprägt, daß er mitunter auch nach dem Setzen die Karten nochmals verschiebt. Die Gewinne jedenfalls sind hoch und werden aufgeteilt unter den Kollegen der Karten-Gang, die während des illegalen Spiels die angrenzenden Straßenecken besetzen und dem Mischer jede Polizistennäherung per Pfiff oder Warnruf melden.

Immer beliebter werden in New York auch Schachspiele. Gegen einen Einsatz von ein oder zwei Dollar fertigen junge schwarze Schachexperten auch bessere Amateure im Blitzschach ab.

Andere Teenager versuchen sich in der Untergrundwirtschaft als Joint-Händler (Stückpreis je nach Händlerstandort und Potqualität: zwischen einem halben und zwei Dollar), verkaufen harte Drogen und Diebesgut. Wieder andere verschieben gestohlene Kreditkarten (Durchschnittspreis für eine American-Express-Karte: 50 Dollar) oder betätigen sich als Zuhälter, die in den letzten Monaten zunehmend kecker geworden sind und ihre Damen jetzt auch gelegentlich an der Fifth Avenue Position beziehen lassen.

Doch vom Kartentrickser bis zum Zuhälter - sie gehören alle zu einer Gruppe, die zwar außerhalb der Legalität aktiv ist, aber, so der New-York-Experte Auletta, »gewöhnlich nicht gewalttätig ist«, zumindest nicht zu den jugendlichen »Karriere-Kriminellen« gehört, die Polizei und Justiz für die »Mehrzahl der schweren Verbrechen (Einbruch, Raub, Vergewaltigung) verantwortlich« halten.

Nach Schätzung von Mario Merola, Staatsanwalt in der Bronx, ist eine Gruppe von 5000 New Yorker jugendlichen, arbeitslosen Wiederholungstätern für die meisten Straßenraube und bewaffneten Überfälle, für Ketten- und Geldbörsenklau, Einbrüche und Vergewaltigungen der Super-Metropole verantwortlich.

Die Umsätze der Untergrundwirtschaft New Yorks sind schwer zu bestimmen. Die fliegenden Schmuck-, Taschen- oder Walkmen-Händler auf der Fifth und Sixth Avenue kommen, wie das Stadtmagazin »New York« jüngst schätzte, nicht selten auf steuerfreie Jahresgewinne von etwa 60 000 Dollar.

Kein Zweifel, daß der Drang, »einen schnellen Dollar zu machen«, unter den

schwarzen Teenagern besonders ausgeprägt ist. Ebenso sicher ist, daß sich nur wenige diesem Druck entziehen können.

Diejenigen Jugendlichen, die einen langsam verdienten legalen einem »schnellen« illegalen Verdienst vorziehen, sind auf Eigeninitiative angewiesen - wie Darryl Lee, 18, Schulaussteiger, arbeitslos. Er wohnt in East Harlem. »Es gibt einfach keine Jobs«, sagt Lee, der letztes Jahr aus der elften Klasse abging und sich »seither beschäftigt hält«. Vor allem will er nicht mit den »Jungs« herumhängen, weil das nur hinter Gitter führt. Während die »Jungs« in verlassenen Häusern in der Nachbarschaft mit Drogen handeln, klappert Lee regelmäßig Geschäfte und Büros in Mid Manhattan ab und fragt nach Arbeit.

Öffentliche Arbeitsvermittlung beschränkt sich auf ein Minimum. Stadt und Staat New York unterhalten in den fünf Stadtteilen Manhattan, Staten Island, Brooklyn, Queens und Bronx je ein »Youth Opportunity Center« (YOC), eine Art Arbeitsvermittlungsstelle für Jugendliche.

Von Oktober letzten bis Ende Juli diesen Jahres meldeten sich dort insgesamt 58 149 schwarze und puertoricanische Jugendliche (bis 22 Jahre alt). 30 616 sprachen mit einem der zwölf Vermittler über Lage und Aussichten auf dem New Yorker Arbeitsmarkt. 16 934 verließen die Ämter mit der Adresse eines möglichen Arbeitgebers.

Ob die Vermittlung klappte, ob die angebotene Stelle eine stundenweise berechnete Aushilfskraft war oder die Möglichkeit einer festen Anstellung eröffnete - darüber führt die Stadt nicht Buch. Und ebensowenig wird die Zahl derjenigen erfaßt, die mehrmals die YOC-Ämter anlaufen und damit beweisen würden, daß sie die Hoffnung auf einen Job noch nicht aufgegeben haben.

Genauer, gründlicher und offensichtlich engagierter sind die 32 Mitarbeiter der privaten Stellenvermittlung »Jobs for Youth« (JfY), die seit 25 Jahren ein Büro an der Grenze zwischen East Harlem und dem einstigen Deutschenviertel Yorkville betreibt.

Jeden Freitagmorgen finden sich etwa 15 arbeitslose Teenager bei JfY zu einem dreistündigen Orientierungsgespräch ein. Fast immer sind es Schwarze, fast immer vorzeitige Schulabgänger, nur selten kommen sie aus intakten Familien, alle wirken unsicher und verloren, von Selbstvertrauen keine Spur. Die Jobsucher kennen zwar das neueste Slang-Vokabular und die Texte der jüngsten Musikhits. Doch bei den 88 simplen Schreib- und Rechentestaufgaben, für deren Lösung sie eine Stunde Zeit haben, erreichen sie oft nur das Niveau von Fünftkläßlern.

»Diese jungen Leute sind in Wahrheit smart und aufgeweckt«, sagt JfY-Direktorin Maxine Bailey, die seit neun Jahren bei »Job for Youth« arbeitet. Intelligent genug scheinen die Teenager zumindest für die Einsicht zu sein, daß ihnen New Yorks öffentliches Schulsystem zwar möglicherweise ein Abschlußzeugnis aushändigt, damit aber keinen angemessenen Eintritt in die Arbeitswelt garantiert.

Nur etwa 1500 Jugendliche kann das JfY-Büro jährlich vermitteln. Der Etat des Unternehmens in Höhe von 1,2 Millionen Dollar im letzten Jahr kommen durch (steuerlich absetzbare) Spenden von New Yorker Geschäftsinhabern zusammen, die zu 96 Prozent Schwarze oder Puertoricaner sind.

»Alle Firmen, mit denen 'Jobs für Youth' zusammenarbeitet«, sagt Maxine Bailey, »zahlen einen echten, ehrlichen Lohn« - keine verschleierten Almosen. Auf dieser Basis könne sich meist auch ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Teenager und Arbeitgeber entwickeln, an dessen Zustandekommen JfY mitwirkt.

Ein halbes Jahr hält das Büro aus East Harlem mit der jeweiligen Firma und dem kostenfrei vermittelten Jugendlichen durch Telephonanrufe und gelegentliche Besuche den Kontakt aufrecht. Daß 37 Prozent der Vermittelten nach sechs Monaten noch immer ihrem Job nachgehen, bezeichnet die JfY-Direktorin als »eine gute Erfolgsquote«.

Mit einem festumrissenen Karriereziel kam auch Diamond Mercado Anfang August zu »Jobs for Youth«. Der 18jährige aus der Bronx wurde dreimal wegen Vandalismus in U-Bahnen festgenommen und geht seit Ende letzten Jahres

nicht mehr zur Schule: »Ich konnte den Druck dort, das ganze Klima, den Krach und die Gewalt nicht mehr aushalten, außerdem hatte ich laufend Probleme mit den Mädchen«, heißt seine für ihn schlüssige Begründung.

Der ohne Vater aufgewachsene Mercado hat in Hector Luis Marquez, Inhaber des Begräbnisunternehmens »La Paz« und einer Pizzeria, sein Vorbild gefunden. »Als ich 14 war, durfte ich bei Hector meine erste Leiche waschen«, erzählt Mercado, »das war schlimm, doch mit jeder neuen Leiche«, an die Marquez den Jungen (illegal) heranließ und ihn mit je zehn Dollar entlohnte, »machte mir die Arbeit mehr und mehr Spaß«.

Nun will auch Mercado Einbalsamierer werden und später selbständiger Begräbnisunternehmer. Weil man »viel Geld mit Leichen verdienen kann«, doch zuvor, so Mercado realistisch genug, »muß ich auf eine Fachschule«. Den notwendigen Collegeabschluß will er in Abendkursen erwerben, am Tage hofft er durch JfY-Vermittlung auf einen Job »fürs Taschengeld«.

Wie Leichenwäscher Diamond Mercado will auch der 17jährige Eric Raysor, ebenfalls aus der Bronx, »vorerst nichts von schnellen Dollars wissen«. Auch Raysor ist ein Einzelgänger ohne feste Freundesclique. Sein Vater lebe »irgendwo in New Jersey« und lasse sich »nie blicken«. Raysors Mutter nahm den Schulabgang ihres Sohnes Anfang des Jahres aus der elften Klasse »einfach hin«, sie habe, so Eric, »nicht einmal die Mahnbriefe geöffnet«.

Als Auslöser für seinen vorzeitigen Schulabgang nennt der Teenager: »Ich wollte nur eine Schülermonatskarte haben und die verlangten alles mögliche Zeug von mir, Geburtsurkunde, Impfnachweis und all so'n Scheiß. Ich wußte gar nicht, daß es so etwas gibt. Meine Mutter hatte die Dokumente verloren, verlegt oder weggeworfen.«

Es dauerte Monate, bis Raysor Abschriften der Papiere auftreiben konnte. Sie nutzten nichts mehr für den Fahrtausweis, aber immerhin für die Beratung bei »Jobs für Youth«, wo der vorgelegte Geburtsschein Voraussetzung für Stellensuche und -vermittlung ist.

Raysor will ins Computerbusiness, wo seine beiden Brüder, 24 und 25 Jahre alt, beide geschieden, beide Väter, »viel Geld machen«. Das brauche er auch, und zwar »dringend«, um »ganz schnell von zu Hause - seiner Mutter, Tante, Nichte und Schwester - fortzukommen«. Er will mit seiner 21jährigen Freundin zusammenziehen und wenn »ich erst mal einen guten Job hab', geh' ich ganz cool nur noch in Pierre-Cardin-Jeans, Gucci-Schuhen und Ralph-Lauren-Hemden rum«, nur darin fühle er sich »richtig wohl«.

Derlei Konsumwünsche können von Müttern, die Wohlfahrtsempfänger sind oder für Mindestlohn arbeiten, nicht erfüllt werden. Für Maxine Bailey aber sind diese Wünsche eines der Anzeichen »für die kaputte Gesellschaft, vor allem die New Yorks«. Sie beklagte es, daß Amerikas Kinder, die mehr Stunden vor dem Fernsehschirm verbringen als in der Schule, durch die TV-Werbung bombardiert werden und von der »Existenz all der schönen und teuren Sachen« erfahren, deren Hersteller dem Zuschauer einreden, »er müsse sie haben - um in dieser Welt es zu etwas zu bringen«.

Diesen sinnlosen Zauber zur Ankurbelung des Konsums zu stoppen, sieht die Sozialarbeiterin Maxine Bailey ebensowenig eine Möglichkeit, als daß »in Kürze von einem verantwortlichen Politiker« ein »ehrliches Programm zur Situationsverbesserung der schwarzen Unterklasse« erwartet werden könne. Im Gegenteil:

Erfahren und »oft genug enttäuscht« in der täglichen Jugendarbeit, befürchtet sie, daß die Regierung Reagan angesichts milliardenhoher Defizite nicht nur die Steuern anheben, sondern auch die Hilfsprogramme für Arme und Minderheiten weiter zusammenstreichen wird.

»Wir werden nochmals weiter zurückgedrängt.« Doch sehr viel weiter geht es nicht. Maxine Bailey: »Wir stehen mit dem Rücken zur Wand und fühlen schon die Steine.«

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