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»Wir zersägen Kreuze und blutige Köpfe...«

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über neo-satanistische Tendenzen in der Bundesrepublik _____« Okkultismus ist die Metaphysik der dummen Kerle. » _____« Theodor W. Adorno » *
Von Fritz Rumler
aus DER SPIEGEL 52/1986

Lasset die Kindlein zu mir kommen«, spricht der Heiland. Doch die gehen lieber zum Teufel.

Satanismus ist Freizeitvertreib an deutschen Schulen, Magie und Dämonenglaube faszinieren vor allem Haupt- und Realschüler, Okkultes pflastert ihren zweiten Bildungsweg. Aber eine Decke aus geheimbündlerischem Schweigen breitet sich über die Szene, Schwüre binden die Zungen: »Tod dem Verräter«. Interne Erkenntnisse:

»Wir sind besessen von allem, was böse ist«, dichtet ein süddeutscher Schüler in ungelenker Schrift, »wir trinken das Blut des Bockes.« Ein junger Mann, der sich »dem Satan verschrieben« hat, wurde in eine norddeutsche Psychiatrie eingeliefert. Eine 14jährige ließ sich einreden, ihr Tod stünde in diesem Jahr bevor; sie könne dem Fatum nur entgehen, wenn sie jemanden umbringe oder sich »nackt auf einen Altar« lege.

Eine andere 14jährige hängte sich an eine Satans-Gruppe, um ihre Kleinwüchsigkeit zu kompensieren. Das geheime Leben einer 15jährigen fiel den Lehrern so auf: Ihr Unterarm trug rituelle Schnittwunden. Eine 13jährige war längere Zeit schulunfähig - sie hielt sich für eine »Hexe«, die Männer »umgarnen und vernichten müsse«.

Dem führenden Fachmann in Okkult-Fragen, dem evangelischen Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack (München) erscheint der Teufel täglich, auch sonntags: Per Telephon, Brief oder in persona kontaktieren ihn bis zu fünf Satans-Gläubige oder -Geschädigte. Erfahrungswert: »Von 1000 Betroffenen meldet sich nur einer.« Zum Geburtstag schenkte ihm einer ein »satanisches Altarlicht«, eine schwarze Kerze in Teufelsgestalt. Ist der Teufel los?

Offenbar. Angesichts einer »zunehmenden Welle okkultistischer Betätigungen« trat die Bischofskonferenz der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), vorletzten Monat, mit einer »Erklärung« warnend an die Eltern heran: Sie sollten »okkulten Symbolen und Praktiken gegenüber wachsam sein«.

Zu den Geheimübungen, denen sich »zunehmend jüngere Menschen zuwenden«, zählt die VELKD: *___"Es wird versucht, Kontakt mit Verstorbenen oder mit ____angeblich Jenseitigen Wesenheiten aufzunehmen; *___magische Selbst- und Fernheilmethoden werden ____praktiziert; *___Satansbeschwörungen und Tötungs rituale werden ____praktiziert.«

Noch eindringlicher appellierte eine bayrische Schule an die »geehrten Erziehungsberechtigten«. Verschiedene Eltern hätten der Schulleitung von »spiritistischen Sitzungen« ihrer Kinder berichtet, - dies »nicht nur in unserem Schulsprengel, sondern im ganzen Landkreis und in München«. Rat an die Eltern: »Verwehren Sie Ihrem Kind, an solchen Sitzungen, die sogar als harmloses 'Musikhören' getarnt sind, teilzunehmen.«

Genaueres über einen Schüler-»Satanskult« wurde letzten Monat im oberfränkischen Hof eruiert. Bei ihren Seancen tragen die Adepten Jeans-Westen mit der Inschrift »Satan lebt« oder mit dem alten Satanisten-Symbol einem auf den Kopf gestellten Kreuz. Zur Einstimmung dröhnt Black-Metal-Rock, mit Beschwörungsformeln ruft ein Medium dann Dämonen herbei. Die Formeln entstammten dem Buch »Necronomicon«.

Buchhändler der Stadt bemerkten, daß Jugendliche vermehrt Okkult-Literatur verlangten, vor allem »Das sechste und siebente Buch Mosis«; in einem von Jugendlichen frequentierten Schallplattenladen stieg die Nachfrage nach Black-Metal-Rock mit Satans-Texten. Erkennungs-Signet der Käufer: das auf den Kopf gestellte Kreuz.

Neo-Satanismus, sagt der Studienrat (und Mitglied der Münchener »Elterninitiative") Karl H. Schneider, sei »schlechthin das heimliche Thema in deutschen Klassenzimmern«. Zu den »Mechanismen« und »Effekten« der Praktiken zählt der Pädagoge: *___"Ausagieren von ödipalen Phanta sien; *___'Pille' gegen seelisches Wachstum; *___Ausleben von 'KZ-Phantasien'«. Und schon gab es einen ____Todesfall. Im Sommer dieses Jahres wurde die 15jährige ____Schülerin Anja in einem Wald bei Lüdinghausen ____(Westfalen) verblutet aufgefunden, mit Schnitten am ____Hals und in die Pulsadern. Tatverdächtig: eine ____Freundin, 14, und ein Freund, 16. Dem evangelischen ____Pfarrer und Sekten-Beauftragten Rüdiger Hauth gestand ____der Junge: Er habe - nach dem Satan-Film »Das Omen« - ____eine »Luzifer-Vision« gehabt; der »Vater« hieß ihn, ____eine Gruppe zu bilden, und befahl den »Luzifikanern« ____schließlich, »sich zu opfern«.

Woher der Wahnsinn? Bislang hatten sich vor allem erwachsene Arm- und Schwarmgeister in die »schwarze Schlammflut des Okkulten« (Sigmund Freud) gestürzt, zum Wohlergehen von Gurus und selbst angesehener Buch-Verage.

Der Irrationalismus, in der schmierigen Soutane »Neuer Jugendreligionen« der im Kaschmir abgehobener Psychogen, erhebt allerorten sein krauses Haupt. Warum jetzt die Jungen? Heutige Halbwüchsige sind Medienkinder; Rock-Musik, Filme, Videos, TV und ihre Schule. »Kannst du mir drei Video-Titel nennen, die dir in Erinnerung geblieben sind?« wurden, Anfang dieses Monats, rund 1000 Hauptschüler der pfälzischen Stadt Frankenthal gefragt. Sie nannten über 600 Titel, die 13 meistgenannten waren von der Bundesprüfstelle indiziert, also Horrorfilme. Spitzenreiter: »Tanz des Teufels«.

»Das Schöne blüht nur im Gesang«, lehrt die Schule (mit Schiller) - nicht in der rabiatesten Spielart der Rock-Musik, im »Heavy Metal« oder »Black Metal«. Einladungsschreiben zum Konzert einer deutschen Newcomer-Band: »Wenn Ihr blutgeil seid, müßt Ihr auf unser nächstes Slaughter in Hell-Konzert kommen. Wir zersägen Kreuze und blutige Köpfe auf der Bühne, erschießen Mönche und Jesus Christus... etc. Bloodlust!«

Satanismus im Heavy Metal hat mittlerweile Tradition - Alter der Fans: ab 13. Sie kriegen tatsächlich Shows wie die angekündigte zu sehen, von Bands, die Böses im Namens-Schilde führen: »Black Sabbath«, »Kiss« (kurz für: Knights in Service of Satan), »Venom« (Gift), »Slayer« (Mörder). Ein Fra Diavolo von der Band »Exodus": »Du kannst dir nicht vorstellen, wie bei unseren Konzerten das Blut in Strömen fließt. Und die Kids tun alles, was du ihnen sagst.«

Kostproben aus Black-Metal-Texten: »Satan: Er ist Gott«. »Ich liebe es, meine Gegner abzustechen, ihnen die Kehle durchzuschneiden, den Schädel zu zerschmettern.« »Ich bin der Antichrist, ich bin der Wahnsinn.« Song-Titel: »Folterer«, »Schwarze Magie«, »Hab kein Erbarmen«, »The Number of the Beast«.

Die Nummer des »Tieres« ist 666 - in der Johannes-Apokalypse wird mit der Code-Zahl der Antichrist benannt, und den Titel stülpte sich auch der Schutzpatron aller Neo-Satanisten über: der englische Magier Aleister Crowley (1875 bis 1947), »Ipsissismus« der Geheimloge »Ordo Templi Orientis« (O.T.O.), Prior der Schwarze-Messen-»Abtei Thelema«.

»The Great Beast 666«, Crowley, hatte sich aus gnostisch-ägyptisch-fernöstlichsexualmagischen Versatzstücken ein eigenes Wahnsystem zusammengezaubert. Grundgesetz: »Tu, was du willst.« Kommentar: »Zertretet die Verdammten und Schwachen: So will es das Gesetz der Starken.«

Magie als Machtmittel, Phantasien vom Übermenschen - kein Wunder, daß der faule Zauber wirkt, vor allem auf die »Verdammten und Schwachen«. Berufs- und Gelegenheits-Satanisten jeder Couleur praktizieren Crowleys Rituale in aller Welt, Mickey-Maus-Magier, erotomane Zauseln, Sado-Maso-Brüder; meist im Verschwiegenen, manchmal auch öffentlich und mit Blut: Memento Charles Manson, USA 1969.

Satanistische Serienmorde halten die USA seit geraumer Zeit in Atem, die Polizei ließ Spezial-Departements aufstellen. Eine »SoKo Satan« hat sich in der Bundesrepublik bislang nicht hervorgetan; Staatsanwälte, immerhin, klopften bereits an Satans Pforte.

Beispielsweise an die des »Thelema-Ordens« zu Berlin (SPIEGEL 20/1985). Als Abt der Brüderschaft fungierte eine Reinkarnation (eigene Angabe) Crowleys, der den Gerichten nicht unbekannte Michael D. Eschner, 37. Unter dem Druck der Ereignisse löste sich der Verein auf, und die »Thelemiten« emigrierten, nun guerillahaft als »Netzwerk« gesponnen, in den Landkreis Lüchow-Dannenberg.

Dort führten sich die Brüder mit einem Gratis-»Kulturszene- und Freizeitmagazin« namens »Netzwerk News« ein; Sonder-Service: ein »N-N-Freizeittelephon«. Text: »Wer seinen Freundeskreis erweitern möchte, der schicke uns seine Anschrift und Telephonnummer. Ihr erhaltet dann von uns eine Liste mit Telephonnummern von netten Leuten, die sich auf euren Anruf freuen.«

Mephisto im »Faust« spricht so: »Den Teufel spürt das Völkchen nie, /Und wenn er sie beim Kragen hätte.«

Okkultismus ist die Metaphysik der dummen Kerle. Theodor W. Adorno

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