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»Wirklich das letzte Mal«

Verkehrsminister Reinhard Klimmt über neue Milliardenlöcher bei der Deutschen Bahn AG und den angestrebten Börsengang
Von Petra Bornhöft und Frank Hornig
aus DER SPIEGEL 45/2000

SPIEGEL: Herr Klimmt, bei der Deutschen Bahn AG haben sich neue Milliardenlöcher aufgetan. Wie kommt's?

Klimmt: Die finanzielle Situation des Unternehmens ist äußerst problematisch. Genau genommen ist das Ergebnis der bahninternen Bestandsaufnahme eine Katastrophe, die wir nun bewältigen müssen.

SPIEGEL: Konzernchef Hartmut Mehdorn wollte das Unternehmen bis 2004 für die Börse fit machen. Ist der Plan noch realistisch?

Klimmt: Eindeutig nein, dieser Plan ist vom Tisch. Die Hoffnung, im Jahr 2004 eine Bahn mit glänzenden Gewinnperspektiven an die Börse bringen zu können, hat sich als Kinderglaube erwiesen. Wann ein Börsengang der Bahn möglich sein wird, lässt sich seriös zurzeit nicht sagen.

SPIEGEL: Was hat die Bestandsaufnahme konkret ergeben?

Klimmt: In den Planungen bis zum Jahr 2005 fehlen entgegen dem ursprünglichen Szenario bis zu 17 Milliarden Mark. Bisher hatte die Bahn damit gerechnet, rasch in die Gewinnzone zu gelangen. Jetzt wären wir schon froh, wenn sie spätestens 2005 wirtschaftlich arbeiten kann und nicht mehr nur Verluste schreibt.

SPIEGEL: Es ist nicht das erste Mal, dass die Bahn ihre Plandaten nach unten korrigiert ...

Klimmt: ... aber jetzt muss es das letzte Mal sein, wirklich das letzte Mal. Das wissen Herr Mehdorn und seine Leute. Nun darf keiner bei der Bahn mehr mit verdeckten Karten spielen, alle müssen ackern, um die Plandaten möglichst zu verbessern.

SPIEGEL: Wie konnte es denn zu solch gewaltigen Abweichungen in den Kalkulationen kommen?

Klimmt: Da gibt es viele Gründe. Die früher Verantwortlichen im Unternehmen und beim Bund haben wohl aus politischen Gründen manche Zahlen sehr optimistisch eingesetzt - um die Bahnreform wirklich durchzubringen. Später haben dann die Bahner in Teilbereichen die Wirklichkeit ignoriert.

SPIEGEL: Einige langjährige Führungskräfte sind immer noch im Amt, so der Finanzvorstand Diethelm Sack. Warum drängt der Bund nicht auf personelle Konsequenzen?

Klimmt: Ich bin nicht im operativen Geschäft der Bahn tätig. Vorstand und Aufsichtsrat müssen jetzt nach der Diagnose die Therapie entwickeln. Mehdorns Verdienst ist es, die Wahrheit auf den Tisch gelegt und mit den Illusionen aufgeräumt zu haben.

SPIEGEL: Kann der Bund erneut der Bahn aufhelfen?

Klimmt: Wir bemühen uns nach Kräften, aber die Bundesregierung ist keine Gelddruckmaschine. Ich darf daran erinnern, dass wir die Bahn mit insgesamt 34 Milliarden Mark im Haushalt stehen haben - das reicht schon bald an den Verteidigungsetat heran. Die Bahnreform zielte auch darauf ab, die Belastungen des Bundeshaushalts auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren ...

SPIEGEL: ... tatsächlich müssen Sie immer wieder nachschießen, demnächst sechs Milliarden Mark aus den UMTS-Zinsersparnissen.

Klimmt: Ohne die Bahnreform hätte der Bund in den vergangenen sechs Jahren nicht 203 Milliarden Mark für das Eisenbahnwesen ausgegeben, sondern glatte 100 Milliarden Mark mehr. Diesen Erfolg kann man nicht kleinreden.

SPIEGEL: Das ist aber auch der einzige Erfolg. Weder arbeitet die Bahn wirtschaftlich, noch ist es gelungen, Verkehrsströme in nennenswertem Umfang von der Straße auf die Schiene zu verlagern.

Klimmt: Das stimmt nur teilweise, im Nahverkehr hat die Schiene enorm zugelegt ...

SPIEGEL: ... dafür verstopfen umso mehr Lkw die Autobahnen. Müssen Sie nicht faire Wettbewerbsbedingungen zwischen Schiene und Straße ermöglichen?

Klimmt: Wir haben bei den Investitionsmitteln für Straße und Schiene erstmalig im Haushalt 2001 gleichgezogen, so wie es in der Koalitionsvereinbarung angepeilt war. Nun muss die Bahn sich verstärkt anstrengen, um wirtschaftlich zu arbeiten und alle Rationalisierungsreserven auszuschöpfen. Leere Züge sind weder ökologisch noch ökonomisch vernünftig. Wer in die letzte Ecke der Republik zusätzliche Gleise legen will, kann so ein Minusgeschäft nicht der Bahn aufhalsen.

SPIEGEL: Flitzen Sie auch so gern im Sportwagen durch die Lande wie der Grüne Rezzo Schlauch?

Klimmt: Es wäre blöd zu leugnen, dass das Auto Bestandteil unserer Kultur ist. Ähnlich das Flugzeug: Die USA erreicht man am einfachsten per Flugzeug. Von Berlin nach Hannover aber komme ich unschlagbar schnell mit dem Zug - das ist attraktiv.

INTERVIEW: PETRA BORNHÖFT, FRANK HORNIG

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