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KAMBODSCHA Wirklicher Kopf

Weil er einer politischen Lösung im Weg steht, muß der legendäre Chef der Roten Khmer gehen - Massenmörder Pol Pot wird pensioniert. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Seine Dschungel-Partisanen nannten ihn respektvoll den »Tiger«. Kambodschas einstiger Gottkönig und Regierungschef Prinz Sihanouk schmähte ihn dagegen als »Wiedergeburt Draculas«.

Jetzt wurde Pol Pot, 60, legendärer Anführer der Roten Khmer und als Partei- und Regierungschef für vier Jahre Schreckensherrschaft in Kambodscha verantwortlich, entmachtet. Der Partisan geht in Pension - so jedenfalls meldete es die Radiostation der Roten Khmer aus dem Dschungel irgendwo im kambodschanisch-thailändischen Grenzgebiet.

Pol Pot, hieß es Anfang voriger Woche in der Rundfunk-Botschaft, habe nach »Erreichen der Altersgrenze« seinen Posten als Oberbefehlshaber der »Nationalarmee des Demokratischen Kamputschea« (NADK) in andere Hände gelegt und werde in Zukunft ein neugegründetes »Forschungsinstitut für nationale Verteidigung« leiten.

Wenn die Meldung stimmt, dann hat sich einer der blutigsten Despoten der Menschheitsgeschichte zur Ruhe gesetzt. Pol Pots Name steht für das grauenvolle Experiment, das einst blühende Kambodscha mit Gewalt in einen Steinzeit-Kommunismus zu verwandeln. Über 2 Millionen Menschen fielen der wahnwitzigen Idee zum Opfer: Sie starben durch Massenhinrichtungen, in Straflagern oder während der Zwangsvertreibung der Stadtbevölkerung aufs Land.

Das menschenverachtende Modell eines egalitären Agrarkommunismus, einst von kambodschanischen Studenten an der Pariser Universität entworfen, wurde nach dem Sieg der Roten Khmer im Frühjahr 1975 Staatsdoktrin.

Der neue Mensch Kambodschas sollte sich im Reisbauern verkörpern, der mit seiner Hände Arbeit ohne technische Hilfe seinen Unterhalt verdient. Folglich machten sich Pol Pots Genossen daran, die technische und geistige Elite des Landes zu jagen. 80 Prozent aller Intellektuellen, gar 90 Prozent der Lehrer und Ärzte, wurden ausgerottet.

Pol Pot - richtiger Name: Saloth Sar - war als Sohn eines kambodschanischen Bauern und einer chinesischen Mutter geboren worden. Wie es für die arme Landbevölkerung üblich war, lernte er Lesen und Schreiben in einem buddhistischen Kloster. Dank der Protektion einer Tante am Königshof bekam er 1949 ein Stipendium für ein Studium an der Pariser »Ecole de radio-electricite«.

Er schloß sich marxistischen Studentenzirkeln an, und nachdem er dreimal durch die Prüfung gefallen war, mußte er nach Kambodscha zurück. Eine Zeitlang arbeitete der Jung-Kommunist als Französischlehrer an der Privatschule »Lycee Kamputh Both«, dann ging er in den Untergrund. Erst kämpfte er gegen Sihanouk, nach dessen Sturz gegen das Militärregime des von den Amerikanern eingesetzten Generals Lon Nol.

Nach der Machtübernahme der Roten Khmer gelang es Pol Pot, seinen stärksten Rivalen, Khieu Samphan, auf den wenig einflußreichen Posten des Staatschefs abzuschieben. Zusammen mit seiner Frau Khieu Ponnary, seinem Schwager Ieng Sary (Außenminister und Vizepremier) und dessen Frau Ieng Thirit (Sozialministerin) bildete Pol Pot die berüchtigte kambodschanische Viererbande, die das Land terrorisierte.

Nach der vietnamesischen Invasion im Januar 1979 flüchtete er mit 40 000 Getreuen in den Dschungel. Die Herrschaft in Pnom Penh übernahm als Statthalter der Vietnamesen ein abtrünniger Gefolgsmann Pol Pots - Heng Samrin, 51.

Als die Roten Khmer ein Widerstandsbündnis mit den Anhängern des Prinzen Sihanouk und dem antikommunistischen General Son Sann eingingen, mußte Pol Pot seine Spitzenposition zwar an den weniger belasteten Khieu Samphan abtreten. Aber er blieb der militärische Chef der roten Dschungel-Kämpfer, die unter seinem Kommando bald wieder 60 000 Mann zählten. Immerhin waren seine Guerilla-Aktionen so erfolgreich, daß es der bis zu 180 000 Mann starken vietnamesischen Besatzer-Armee trotz vieler Großoffensiven nicht gelang, den Widerstand endgültig zu brechen. Von China mit Geld und Waffen unterstützt, sorgten vor allem die Roten Khmer dafür, daß die kambodschanische Frage bis heute offen blieb: Das Regime von Heng Samrin ist international isoliert, die Uno verweigert Vietnams Marionette die Anerkennung.

So wirkungsvoll Pol Pot militärisch operierte, einer politischen Lösung stand er im Weg. Den Vietnamesen lieferte der Name des Schlächters die Rechtfertigung für ihre Anwesenheit in Kambodscha, und auch seine Koalitionspartner, allen voran Sihanouk, fürchteten, nach einem Abzug der Vietnamesen könnten die Roten Khmer wieder die Macht übernehmen.

Pol Pot hielt sich, solange China ihn stützte. Inzwischen aber scheint die Führung in Peking einer Verhandlungslösung in Kambodscha zuzuneigen - um so mehr, als sich auch Vietnam, von der sowjetischen Schutzmacht unter Druck gesetzt, kompromißbereit gibt. Hanoi erklärte sich bereit, seine Truppen aus Kambodscha bis 1990 abzuziehen und Gespräche zwischen Heng Samrin und den Widerstandsgruppen über eine »Nationale Aussöhnung« zu fördern. Einzige Bedingung: Pol Pots »Clique« dürfe nicht dabei sein.

Offenbar hat China, auf Frieden in Südostasien bedacht, den einstigen Mao-Günstling Pol Pot deshalb zurückgepfiffen. Die heutige Pekinger Führung hat der Weltrevolution vorerst abgeschworen und hält den wendigen Prinzen Sihanouk für den geeigneteren Mann.

Noch weiß niemand, ob der gefürchtete Dschungelkämpfer, der sich Anfang des Jahres wegen einer schweren Malaria-Erkrankung in einem Pekinger Krankenhaus behandeln ließ, damit endgültig kaltgestellt ist. Sihanouk hat da seine Zweifel. In Paris auf Pol Pots Pensionierung angesprochen, erklärte er: »Man muß abwarten, ob er nicht im Hintergrund der wirkliche Kopf bleibt.«

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