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China Wirkung Null

Die KP hat die Sympathien der Jugend verspielt. Die neue Generation träumt von Reichtum und Freiheit.
aus DER SPIEGEL 31/1991

Liu Gang, 21, Student an der Pekinger Fremdsprachenhochschule Nr. 2, hat große Pläne. Nach dem Fach Deutsch will er noch Wirtschaftskunde belegen. Sein Berufsziel ist ein Manager-Posten - und »viel Geld«.

»Möglicherweise tue ich mich mit Freunden zusammen und gründe eine eigene Firma«, träumt der junge Mann aus der Provinz Hubei. Bis dahin heißt es für ihn »büffeln, büffeln und nochmals büffeln«. Ablenkung vom Studium durch eine Freundin würde den jungen Streber eher »traurig stimmen«.

Derzeit erhält er wegen seiner guten Leistungen 66 Mark Stipendium im Jahr. Auf dem Campus muß er mit fünf Hochschülern in einem engen Zimmer hausen. Später, so hofft er, werde er sich eine Villa und ein Auto leisten können - am liebsten einen in China hergestellten Audi oder wenigstens einen Golf. Der kostet 500mal das Jahreseinkommen eines einfachen Bauern.

Lius Kommilitonin Zhang Yaping, 20, wurde als Tochter eines Uni-Dozenten und einer Ingenieurin »demokratisch und gleichberechtigt erzogen«. Nach ihrer Ausbildung zur Dolmetscherin schwebt ihr ein »freies Leben ohne Zwang« vor. Das heißt für sie: ein Monatseinkommen von »mindestens 400 Yuan« (ein Professor kommt ohne Prämien derzeit auf 180). Dazu gehören für die Studentin mit dem modernen Kurzhaarschnitt auch ein eigenes Haus, Reisen ins Ausland und nicht zuletzt ein »gutaussehender Mann«; natürlich soll er prächtig verdienen.

Die beiden sind mit ihren Sehnsüchten recht typische Vertreter ihrer Generation. Eine Sichuaner Tageszeitung nannte vor kurzem »Geldsucht«, »Individualismus«, »Egoismus« und »sexuelle Freizügigkeit« als »negative Trends« unter den chinesischen Jugendlichen.

Vor allem nach der blutigen Niederschlagung des Aufstandes gegen die Altherren-Diktatur am 4. Juni 1989 haben sich unter den Jugendlichen Staatsverdrossenheit, Resignation und Zynismus breitgemacht. »Sie glauben an nichts mehr«, klagt eine Pekinger Lehrerin.

»Ich habe genug mit mir selbst zu tun«, sagt eine junge Historikerin aus der Provinz Ningxia. »Mich interessiert _(* Mit Augenbinde als Protest gegen die ) _(Engstirnigkeit der Partei. ) Politik nicht, und mich interessieren schon gar nicht die Funktionäre, die sich auf Kosten anderer nach oben buckeln.«

Ein 25jähriger Verkäufer, der bei einem Pekinger Joint-venture-Betrieb über 1000 Yuan verdient und in seinem Maßanzug (der einen ganzen Monatslohn kostete) aussieht wie ein Hongkonger Geschäftsmann, denkt nur an Umsatz: »Ich diene meiner Firma und nicht dem Staat.« Seine Freizeit verbringt er fernab von Parteiversammlungen und politischen Schulungen am liebsten mit seiner Frau in einer der zahlreichen Pekinger Karaoke-Bars.

Noch vor knapp 15 Jahren hätte die Partei solche Verhaltensweisen als »Abweichen von der Massenlinie« scharf getadelt. Damals, so erinnert sich ein 40jähriger Wissenschaftler, »wollten wir uns mit dem ganzen Herzen der sozialistischen Sache und dem Staat widmen«.

Seit dem Beginn der Reform- und Öffnungspolitik fielen für Chinas Jugendliche die in zahllosen Massenkampagnen aufgebauten Ideale vom Sozialismus und der Lehre Mao Tse-tungs in sich zusammen. Versessen auf westliche Musik und TV-Serien, auf Jeans und kurze Röcke, lernen die Heranwachsenden in den Städten eifrig Englisch, um sich ein Auslandsstudium oder einen Arbeitsplatz in einem Joint-venture-Unternehmen zu erkämpfen. Ganz nach dem Vorbild ihrer Altersgenossen in Europa und Amerika nehmen sie sich zunehmende Aufmüpfigkeit gegen die greisen Herrscher heraus - im konfuzianisch geprägten China eine kulturelle Revolution.

Verschreckt versuchen die herausgeforderten Alten, die früheren Werte wieder zu verbreiten, den Geist westlicher Kultur in die Flasche zurückzuzwingen. Marxismus und Patriotismus, bescheidenes Leben und hartes Arbeiten heißen die Schlagworte für den erwünschten Lebensstil des Nachwuchses. »Wir müssen mit Marxismus und Maos Gedanken . . . das Schlachtfeld der Universitäten erobern«, verlangte die Volkszeitung.

Der Kampf scheint aussichtslos. Zwar treten die Jugendlichen derzeit eifrig in die Partei ein: 3,3 Millionen Bewerber seien vergangenes Jahr 25 Jahre alt oder jünger gewesen, verkündete vor kurzem die KP stolz. Doch hinter dem Antrag steckt oft nur kalte Berechnung: Für eine Karriere ist das Parteibuch unerläßlich.

Die Halbwüchsigen scheuen sich nicht, zynisch Ergebenheit zu heucheln. Eine Pekinger Studentin preist seit dem 4. Juni in Pflichtaufsätzen den Sozialismus und gesteht wegen ihrer Beteiligung an Demonstrationen »Irrtümer« ein.

Ihre wahre Überzeugung äußert sie nur gegenüber Vertrauten: »Dieses Land ist zum Untergang verurteilt. Ich will einen sozialen Kapitalismus.«

Die Unzufriedenheit wird verstärkt durch ein starres Schul- und Berufssystem, das kaum Gelegenheit zur persönlichen Entfaltung bietet. Von klein auf leiden Schüler unter Prüfungsdruck; später können sich nur die wenigsten Beruf und Arbeitsstelle selbst auswählen. Schulen und Universitäten verteilen Absolventen oft ohne Rücksicht auf deren Interessen und Fähigkeiten. In den Büros und Werkshallen müssen sie sich in ein seit der Revolution von 1949 nicht mehr gewandeltes System einfügen. »Im ersten Jahr«, klagt eine Pekinger Verwaltungsangestellte, »darfst du nichts anderes tun als bescheiden und ruhig sein.«

Nun haben die Regierenden den Studenten auch noch die Hoffnung genommen, nach dem Examen ins Ausland, am liebsten in die USA, gehen zu können. Um sie von westlichem Gedankengut abzuschirmen und eine Massenabwanderung von Akademikern zu verhindern, stellen sie neuerdings Visa erst sechs Jahre nach dem Erwerb des Diploms aus.

Die von oben organisierte Kampagne vom braven Soldaten Lei Feng, der selbstlos seinen Kameraden die Socken stopfte und die kaputten Radios der Nachbarn reparierte, löst bei der Zielgruppe spöttisches Gelächter aus. »Wirkung Null«, kommentiert lakonisch ein Soziologe das naive Bestreben der Partei, der Jugend ein hausgemachtes Vorbild zu geben.

Einziges heimisches Idol ist der Rockstar Cui Jian, der mit rostiger Stimme von Liebe und Hoffnungslosigkeit singt und zum Entsetzen der Funktionäre heilige revolutionäre Lieder poppig verfremdet. Seine Auftritte werden von den Behörden in letzter Zeit immer häufiger verboten.

Wie kein anderer drückt er mit seinen Texten die Stimmung einer neuen Generation aus, die aus dem starren System von Bevormundung und Reglementierung ausbrechen will: »Meine Krankheit ist, daß ich keine Gefühle habe . . . Laßt mich doch weinen, laßt mich lachen, mich im Schnee wälzen . . .«

Pekinger Wissenschaftler belegten kürzlich mit einer breiten Meinungsumfrage in neun Provinzen die Abkehr der Jugendlichen aus allen Schichten von der Parteitradition. Die Ergebnisse müssen die KP zutiefst erschrecken: Sie offenbaren ein modernes, trotz aller Propaganda und politischer Schulungen von westlichen Werten geprägtes Denken.

Rund 70 Prozent der Befragten, heißt es in dem bislang unter Verschluß gehaltenen Fazit, befürworten in ihrem Leben »Konkurrenz« nach kapitalistischem Modell, die Mehrzahl kümmert sich wenig um die »Staatsinteressen«, sondern denkt »individualistisch«. Die Frage »Auf wessen Meinung hörst du?« beantworteten die meisten schnöde mit: »Meine eigene«.

Im Volkskongreß, Pekings Scheinparlament, sollten nach Ansicht der Jugendlichen nicht etwa »Deputierte, die die Parteilinie repräsentieren«, oder »Modellarbeiter« sitzen, sondern eine für das Land derzeit untypische Gruppe: »Politiker, die an Volk und Vaterland denken und ihre Meinung offen sagen«.

Die Versuche der Wissenschaftler, die Parteiführung auf die unangenehmen Erkenntnisse aufmerksam zu machen, scheiterten: Die höheren Kader verweigerten bislang die Annahme der Studie. Ein frustrierter Soziologe: »Die Partei muß endlich begreifen, wie stark sich die Wertvorstellungen bei den Jugendlichen verändert haben.«

Deutliche Belege für das Abdriften von alten Idealen gibt auch eine in der Pekinger Jugendzeitung wiedergegebene Diskussion in einer Mittelschulklasse. Die Schüler sollten zwei Zitate bewerten. Das eine stammte aus dem Film »Jiao Yulu« über den unbestechlichen Genossen Jiao: »Das ganze Volk liegt ihm am Herzen, an sich selbst denkt er nicht.« Das andere hatte die taiwanesische Autorin San Mao geprägt: »Wenn du alles den anderen widmen würdest, hättest du in deinem Leben einen Menschen schikaniert - dich selbst.«

Die meisten fanden den vorbildlichen Funktionär zwar beeindruckend, aber auch ein bißchen blöde. Die Schülerin Wang Jingyu formulierte für alle: Zuerst solle man sich um das eigene Wohlergehen kümmern, dann erst sei es möglich, für andere dazusein.

Einer, der den Vorstellungen der Partei entspricht, ist der Pekinger Textilarbeiter Wang Jinglung, 24. Er hat sich in kurzer Zeit zum Jugendbeauftragten seiner Fabrik emporgearbeitet und betreut rund 700 Lehrlinge und junge Arbeiter. Seine Hauptaufgabe ist es, sie von den Zielen der Partei zu überzeugen und die »politische Schulung« zu verstärken.

Wang spürt, daß »die Jugendlichen nicht mehr den vorgeschriebenen Weg gehen wollen«. Er muß sich häufig »scharfe Fragen« zum politischen System und zum Tienanmen-Massaker gefallen lassen.

Auch der Nachwuchs auf dem Lande ist für die Funktionäre nicht mehr eine unbedingt verläßliche Basis: Die Bauernkinder haben noch weniger Zukunftschancen als die Gleichaltrigen in den Metropolen.

Für die Feldarbeit werden die jungen Leute nur zwei- bis dreimal im Jahr benötigt; eine Arbeit in der Stadt zu bekommen ist wegen der strengen Zuzugsregelungen nahezu ausgeschlossen. Bis zum Jahr 2000, schätzen Statistiker, werden über 200 Millionen Bauern arbeitslos sein, die meisten 15 bis 25 Jahre alt.

Auf Wohlstand wollen auch sie nicht verzichten, zumal ein kleines Vermögen Voraussetzung ist, eine attraktive Braut zu werben. Die jungen Leute besorgen sich die Volkswährung in letzter Zeit immer häufiger mit Gewalt: Sie stehlen und rauben, manchmal legen sie aus sinnloser Wut Strommasten um. Ein westlicher Botschafter und Sinologe in Peking: »Die Jugendlichen sind für die Partei eine Zeitbombe.«

Das Politbüromitglied Li Ximing, 65, hat die Gefahr offenkundig erkannt. Derzeit kämpften »feindliche Kräfte im In- und Ausland« um die junge Generation Chinas, warnte er. Wenn die KP versage, »werden wir die Macht verlieren«.

* Mit Augenbinde als Protest gegen die Engstirnigkeit der Partei.

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