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TRINKWASSER Wirres Zeug

Im hessischen Vogelsberg ermitteln Staatsschützer gegen »Öko-Terroristen«, die mit Bombenanschlägen verhindern wollen, daß aus ihrer Gegend immer mehr Grundwasser gepumpt wird. *
aus DER SPIEGEL 25/1984

Vor Jahren schon hatten Bauern und Bürger von Mauswinkel, Fischborn und Kirchbracht im südlichen Vogelsberg Aufruhr vorausgesagt. »Bevor wir auf dem Trockenen sitzen«, orakelte 1978 der Landwirt Karl Lissmann aus Illnhausen, »wird es ernst.«

Und der Müller Heinrich Muth aus dem Dörfchen Salz wollte nicht ausschließen, daß einige Leute »mit Gewalt reagieren«, wenn »unsere Gegend leergepumpt wird«.

Das Landvolk am Vogelsberg hat die Stimmung richtig eingeschätzt, aus den Drohungen ist Ernst geworden. Mit Gewalt kämpfen neuerdings Menschen aus dem hessischen Mittelgebirge dagegen, daß täglich vieltausend Liter ländliches Grundwasser für die städtischen Ballungsgebiete Frankfurt und Hanau abgezapft werden.

Bis zum Jahr 2000 sollen aus tiefen Brunnen im Vogelsberg jährlich rund 80 Millionen Kubikmeter Wasser gefördert werden, 15 Millionen Kubikmeter sind es heute schon. Zuviel womöglich - Hessens Grüne sehen das Öko-System der Landschaft in Gefahr, Bauern ihre Existenz gefährdet.

Der Land-Protest gegen den »Wasserräuber« (Kampfjargon) aus den Städten wird mit Bomben und Brandsätzen, Molotowcocktails, aber auch Äxten und schwerem Werkzeug geführt. Ganze Brunnenbauwerke im Südlichen Vogelsberg sind inzwischen in die Luft gejagt worden; Pumpen wurden unbrauchbar gemacht; mehrere Bagger und Maschinen von Firmen, die neue Wasser-Pipelines ausbauen, sind abgebrannt, Rohrleitungen wurden zerstört. Der Schaden geht in die Millionen.

Die Täter kommen immer nachts. »Kaum ein Wochenende«, so schildert der Ingenieur einer Pipeline-Firma, »an dem hier nicht was passiert.« Die zuständige Kripo in Bad Orb war überfordert und mußte die Ermittlungen aufgeben. Die Hanauer Staatsanwaltschaft, die mit Hilfe der Staatsschutzabteilung der Polizei »intensiv«, aber bisher ohne Erfolg recherchiert, spricht von einer neuen kriminellen Machart, dem »Öko-Terrorismus«.

Von den Tätern, die das kostbare Trinkwasser offensichtlich lieber im Boden behalten wollen, wissen die Ermittlungsbehörden freilich nur so viel: »Das sind«, vermutet ein Staatsschützer, »jüngere Leute aus dem Vogelsberg mit genauen Ortskenntnissen.«

Bei den Bürgern in dem Basaltgebirge werden die Anschläge unterschiedlich bewertet. Einem Unternehmer aus Fischbach, der auch gegen die Wasserentnahme ist, »geht das zu weit«. Ein Jungbauer aus Birstein hingegen, der »sonst gegen Gewalt« ist, berichtet: »Was da gemacht wurde, tut keinem weh und ist doch sichtbarer Widerstand.«

Als »Psycho-Terror« sieht Diplom-Ingenieur Werner Jung vom »Wasserverband Kinzig« in Wächtersbach die Aktionen an. In den Köpfen der Bombenleger spuke »wirres Zeug«, meint Jung. »Im Vogelsberg«, behauptet der Wasserwerker, »gibt es genug Grundwasser, den können wir gar nicht leerpumpen.«

Die Bedenken der Bauern freilich, daß übermäßige Grundwasserförderung zu »Naturschäden in großem Ausmaß« (Landwirt Lissmann) führen, sind nicht aus der Luft gegriffen. In anderen Regionen Deutschlands sind die Folgen solcher Wasserausbeutung schon sichtbar - im südhessischen Ried etwa, wo Äcker verkarsten und Wälder eingingen (SPIEGEL 48/1978). Die hessischen Grünen warnen davor, daß in der Folge des Wasserraubbaus »Bäche versiegen«, »Laubbäume verdorren« würden, kurzum, das »gesamte Öko-System schwer geschädigt« werden könnte.

Und die Gebäude trifft es auch. Im Vogelsberg-Städtchen Nidda etwa, von wo aus die »Oberhessischen Versorgungsbetriebe AG« (Ovag) mächtig Wasser in Richtung Frankfurt pumpen, sank der Grundwasserspiegel um acht Meter. Weil Fundamente von Gebäuden keinen Halt mehr haben, muß jetzt der Kindergarten abgerissen werden. Reparaturen am abgesackten Hallenbad kosten knapp eine Million Mark, die alte Kirche, von Rissen durchzogen, konnte nur dürftig repariert werden.

Derlei Schäden sind auch aus anderen grundwasserdränierten Gebieten bekannt, aber nirgendwo wird der Kampf ums Wasser so heftig geführt wie am Vogelsberg. Am 12. Juni 1983 registrierten Staatsschützer den ersten Anschlag. Am Illnhäuser Weiher wurde nachts ein Brunnen mit einem Brandsatz zerstört (Schaden: 30 000 Mark). Am 5. Oktober traf ein Molotowcocktail eine Brunnenanlage bei Neuenschmidten. Und am Abend des 13. November letzten Jahres gingen drei Baumaschinen (300 000 Mark Schaden) in der Nähe von Birstein in Flammen auf.

Zwischendurch wurden Brunnenabdeckungen aufgebrochen, Baufirmen die Startbatterien für Bagger geklaut. Im April wurde die Pipeline bei Kirchbracht »gezielt« (Jung) unterbrochen. Tausende Kubikmeter Wasser flossen, statt nach Frankfurt, ins Erdreich.

Am Ostersonntag gingen zwei Brunnen in Mauswinkel bei einem Brandanschlag zu Bruch. Und erst kürzlich wurde bei Neudorf ein teures Meß- und Steuerungskabel zur Fernsteuerung der Pumpbrunnen durchtrennt.

Damit sei nun, fürchtet Wasserförderer Jung, »die Hemmschwelle überschritten«. Und »wer weiß«, sagt der Ingenieur, »was noch alles passiert«. Jung will jetzt an den Gemeinsinn der Vogelsberger appellieren. Sie sollten an die Menschen in Hanau und deren prekäre Situation denken.

Dort ist das Trinkwasser aus den städtischen Brunnen teilweise derart mit Industriechemikalien verseucht, daß es erst genießbar ist, wenn es mit dem Wasser aus den tiefen Brunnen des Vogelsbergs gemischt wird. _(Nach einem Brandanschlag. )

Nach einem Brandanschlag.

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