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ZEITGESCHICHTE Wirrnis und Wahnsinn

Ein Mammutwerk von 47 Experten zeigt die Terroristen der Roten Armee Fraktion als Juniorpartner von Geheimdiensten im Kalten Krieg - und mit antisemitischen Tendenzen.
aus DER SPIEGEL 4/2007

Es war nachts um 3.15 Uhr, als am 20. Juli 1970 mehrere Polizeibeamte in eine Altbauwohnung im West-Berliner Bezirk Schöneberg eindrangen. Sie suchten Beweise gegen Anarchisten, die sich zunächst »Haschrebellen«, dann »Tupamaros« nannten und Bomben gelegt hatten. Doch die einzigen Bewohner, welche die Polizisten antrafen, waren zwei Halbaffen.

Während die Beamten die Wohnung durchsuchten, stand plötzlich ein junges Paar in der Tür: Thomas Weisbecker und seine Freundin Susanne Plambeck wurden sofort festgenommen. Zwei Tage später unterschrieb Weisbecker in der Untersuchungshaft eine Vollmacht, mittels deren seinem Anwalt Hans-Christian Ströbele »alle Rechte« an der Wohnung und den afrikanischen Galagos übertrug.

Das weitere Schicksal der exotischen Haustiere ist nicht überliefert; das von Weisbecker schon: Der Student, dessen Vater in Nazi-Deutschland als »Halbjude« und NS-Gegner jahrelange KZ-Haft überlebt hatte, schloss sich nach seiner Haftentlassung der Roten Armee Fraktion (RAF) an. Im März 1972 erschoss ihn ein Polizeibeamter auf offener Straße.

Vor ihm war bereits sein Freund Georg von Rauch, dessen Vater während des Zweiten Weltkriegs bei dem späteren BND-Gründer Reinhard Gehlen in der Generalstabsabteilung »Fremde Heere Ost« gedient hatte, in einem Feuergefecht mit der Polizei ums Leben gekommen.

Für die RAF wurden die beiden zu Symbolfiguren. »Meine wirklichen Geschwister sind Thomas Weisbecker und Georg von Rauch«, schrieb RAF-Führerin Gudrun Ensslin im Gefängnis.

Ein aufschlussreiches Doppelporträt dieser beiden frühen Toten des Terrorismus in der Bundesrepublik findet sich in einem von insgesamt 61 Aufsätzen, die ein Team von 47 Experten unter Leitung des Politologen Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung jetzt vorgelegt hat: Mit zwei schweren Bänden versuchen nun erstmals Wissenschaftler, auf 1415 Seiten ein Fundament für die Historisierung des dramatischsten innenpolitischen Konflikts der alten Bundesrepublik zu legen**.

Das Projekt mit dem Titel »Die RAF und der linke Terrorismus« war überfällig, denn die RAF ist Geschichte. Der große Showdown im »Krieg der sechs gegen sechzig Millionen« (Heinrich Böll), die »Offensive 77«, die mit der Ermordung des entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer und dem Selbstmord der RAF-Spitze im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim endete, jährt sich im Oktober zum dreißigsten Mal. Ihre Auflösung erklärte die Terrorgruppe 1998.

Zwar muss die Geschichte der RAF nicht umgeschrieben werden. Doch mehrere der jetzt vorliegenden Arbeiten bringen zwei entscheidende, bisher vernachlässigte Aspekte der komplexen RAF-Geschichte zur Geltung: die enge internationale Vernetzung der Gruppe und die antisemitischen Ausfälle einiger Terroristen.

Im Gegensatz zu den bisherigen, auf Deutschland konzentrierten Darstellungen zeichnen die Wissenschaftler das Bild einer Gruppe, die stets mit einer ganzen Reihe westeuropäischer und palästinensischer Terrorgruppen kooperierte.

Belegt wird dies mit umfangreichen Recherchen über die Beschaffung von Waffen. Im April 1975 etwa brachte das RAF-Kommando »Holger Meins« bei der Besetzung der westdeutschen Botschaft in Stockholm Sprengstoff und Waffen zum Einsatz, die eine verbündete Gruppe aus Depots der Schweizer Armee gestohlen hatte. Der venezolanische Topterrorist Carlos wiederum warf in Paris eine in Deutschland aus einem Depot der U. S. Army gestohlene Handgranate in ein Café.

Dieses Netz aus RAF und anderen linksterroristischen Gruppen, so eine Grundthese des Mammutwerks, konnte nur in der bipolaren Welt des Kalten Krieges entstehen. Zunächst war für die RAF-Mitglieder der Krieg der USA in Vietnam der auslösende Faktor dafür, selbst zu bomben und zu schießen. Doch auf die Dauer gerieten die selbsternannten Weltrevolutionäre in die düstere Spiegelwelt der Geheimdienste. Dass sich zehn RAF-Aussteiger Anfang der achtziger Jahre in den Schutz und die Abhängigkeit von Erich Mielkes Stasi begaben,

ist durch Aussagen der klandestinen Übersiedler exakt dokumentiert.

Bislang unbekannt war eine Hilfsaktion des KGB für mit der RAF kooperierende Palästinenser. Der Chef des sowjetischen Geheimdienstes, der spätere KPdSU-Generalsekretär Jurij Andropow, schlug 1974 vor, an den Palästinenser-Terrorpaten Wadi Haddad »spezielle technische Mittel« und Waffen zu liefern, »die unter strengster Beachtung der Konspiration mit Hilfe eines Aufklärungsschiffes der Seekriegsflotte der UdSSR« in den neutralen Gewässern des Golfs von Aden übergeben wurden. Die riskante Operation, die sich schlecht mit der sowjetischen Außenpolitik der »friedlichen Koexistenz« in Einklang bringen ließ, segnete Staats- und Parteichef Leonid Breschnew persönlich ab.

Mit palästinensischen Gruppen hatte sich die RAF auf eine strategische Allianz eingelassen. Ohne diese, so Herausgeber Kraushaar, hätte die RAF nie so wirksam und so lange Angst und Schrecken verbreiten können. Etliche ihrer Mitglieder reisten, bevor die RAF ihren »Krieg in den Metropolen« vom Zaun brach, zur militärischen Ausbildung in Palästinenserlager in den Nahen Osten. Später eröffneten die arabischen Freunde deutschen Terroristen in Beirut, Bagdad und Aden Ruheräume. Im Oktober 1977 entführten sie die Lufthansa-Maschine »Landshut«, um elf RAF-Kader freizupressen.

Doch die Allianz mit den Palästinensern, deren Todfeind Israel war, brachte die RAF-Kämpfer in einen unauflösbaren Widerspruch, dem die Wissenschaftler erstmals gründlich nachgingen. Denn in Deutschland versuchte die RAF mit antifaschistischen Sprüchen ihre Sympathisanten zu beeindrucken. Sie selbst stellten sich als Opfer des von Alt-Nazis durchsetzten Staatsapparats dar. Schon im Juni 1967, nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten, forderte Gudrun Ensslin ihre Genossen auf, sich zu bewaffnen: »Die werden uns alle umbringen - das ist die Generation von Auschwitz.«

Als Ulrike Meinhof 1972 in Köln im »Toten Trakt« in Isolationshaft gehalten wurde, überkamen sie, wie sie schrieb, »Auschwitzphantasien«. Noch 1967 hatte Meinhof zur »Solidarität der Linken« mit Israel im Sechstagekrieg aufgerufen. Als fünf Jahre später ein Kommando des »Schwarzen September« israelische Sportler während der Olympiade in München als Geiseln genommen hatte, bejubelte sie jedoch die mörderische Aktion als beispielhaft für die Strategie »des antiimperialistischen Kampfes«.

Nur wenige Monate später trat Meinhof als Zeugin in dem Prozess gegen Horst Mahler auf. Eingangs nannte sie als Beruf »Antifaschistin«. Dann erklärte sie: »Ohne dass wir das deutsche Volk vom Faschismus freisprechen - denn die Leute haben ja wirklich nicht gewusst, was in den Konzentrationslagern vor sich ging -, können wir es nicht für unseren revolutionären Kampf mobilisieren.«

Der Jurist Mahler, der derzeit in Cottbus eine Haftstrafe wegen antisemitischer Volksverhetzung absitzt, ist der krasseste Repräsentant der ideologischen Wirrnis und des Wahnsinns der RAF. Die letzte politische Gruppe, die er mitbegründete, ist ein »Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten«. Mahler hat, wie ein Porträt in dem Sammelband zeigt, das gesamte politische Spektrum durchlaufen. Inzwischen ist er bei seinem Vater angekommen. Der war - bis heute kaum bekannt - ein glühender Antisemit und Nationalsozialist, der 1949 eines Sonntags nach dem Frühstück in den Garten ging und sich dort erschoss.

Das beklemmendste Beispiel des Abstiegs deutscher Terroristen vom Antizionismus in den Antisemitismus lieferte bereits 1976 ein von dem Frankfurter Ex-Studenten Wilfried Böse angeführtes Kommando »Che Guevara«. Es entführte eine Air-France-Maschine nach Entebbe in Uganda, um inhaftierte palästinensische und deutsche Terroristen freizupressen. Die Entführer nahmen eine Selektion der Juden im Stil der Gestapo vor; die nichtjüdischen Passagiere wurden freigelassen.

»Ulrike Meinhof hatte 1972 keinerlei Bedenken«, sagt Herausgeber Kraushaar, »sich mit Holocaust-Opfern auf eine Stufe zu stellen, aber gleichzeitig den Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft für gut zu heißen.« Aus heutiger Sicht, sagt er, »ist es unvorstellbar, dass damals weder das eine noch das andere in der linken Öffentlichkeit auf entschiedenen Widerstand gestoßen ist«. MICHAEL SONTHEIMER

* Nach der Geiselbefreiung in Mogadischu 1977.** Wolfgang Kraushaar, (Hg.): »Die RAF und der linkeTerrorismus«. Zwei Bände. Hamburger Edition, Hamburg; 1415 Seiten;78 Euro.

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