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2000: Wirtschaft Wirtschaft

aus DER SPIEGEL 52/1999

Heroin als Hustensaft

»Alles, was erfunden werden kann, wurde bereits erfunden.« Mit dieser Einschätzung lag der Chef des amerikanischen Patentamts, Charles Duell, 1899 kräftig daneben - und damit voll im Trend: Es begann ein Jahrhundert, das durch spektakuläre Fehlurteile gekennzeichnet war. So galt Heroin jahrzehntelang als harmloses Hustenmittel, das, so ein Bayer-Forscher zu Beginn des Jahrhunderts, »alle ähnlichen Präparate übertrifft«. Eine Gewöhnung, schrieb der Werkarzt, »scheint nicht einzutreten«; sein Unternehmen produzierte sogleich rund eine Tonne Heroin pro Jahr, exportierte es in 22 Länder und verlor in Deutschland erst 1954 die Verkaufslizenz für den berauschenden Hustensaft. Eine andere Erfindung dagegen schaffte es gar nicht erst auf den Markt: Siemens verfügte mit dem »Hell-Schreiber«, benannt nach seinem Erfinder Rudolf Hell, zwar über das erste Faxgerät. Doch die Münchner verkannten dessen Potenzial: Das Geschäft machten später die Japaner. Und selbst gefeierte Hightech-Stars können sich irren: »640 Kilobyte sollten für jedermann genug sein«, befand Microsoft-Chef Bill Gates 1981 - ein Speicherplatz für nur 167 DIN-A4-Seiten. Ein Standardrechner von 1999 übertrifft die Vorgabe um ein 50faches. Auch ein anderer Computermann lag einst spektakulär daneben: »Ich denke, es gibt einen Weltmarkt für etwa fünf Computer«, sagte IBM-Chef Thomas Watson 1943; heute verkauft sein Unternehmen allein in Europa über zwei Millionen Stück pro Jahr. Wenig besser sieht es mit volkswirtschaftlichen Prognosen aus. Die bekannten Goldvorräte reichen nur noch für neun Jahre, befand 1972 der »Club of Rome«; Silber solle für 13, Kupfer und Blei noch für 21 Jahre zu finden sein. Weitsichtig zeigte sich dagegen der Autor Arthur Charles Clark ("2001 - Odyssee im Weltraum"), der schon 1945 Kommunikationssatelliten voraussagte. Allerdings: Mit dem Satelliten sollte auch das Fräulein vom Amt ins Weltall geschossen werden, so seine Vision, um vor Ort die Telefonverbindungen einzeln zu stöpseln.

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Das Käfer-Wunder

Als Auto betrachten den Käfer nur noch wenige Menschen. Für die meisten ist der mit 21,4 Millionen meistverkaufte Pkw der Welt längst ein Stück Geschichte - persönliche, weil der Käfer für eine ganze Generation ihr erstes Automobil war, oder nationale, weil das Fahrzeug zum Symbol für »made in Germany« und das deutsche Wirtschaftswunder wurde. Von Adolf Hitler als »Kraft durch Freude«-Fahrzeug zur Motorisierung der Massen in Auftrag gegeben und von Ferdinand Porsche entworfen, begann der Siegeszug des Autos erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Käfer lief und lief und lief und überholte 1972 mit 15 Millionen verkauften Fahrzeugen den damaligen Rekordhalter, die »Tin Lizzy« von Ford. Populärer als in Deutschland war der Käfer nur in den USA, dem Heimatland der Straßenkreuzer. Dort betrachteten viele den »Beetle«, wie der ehemalige VW-Chef Carl Hahn sagte, als ein Familienmitglied, das zufällig in der Garage steht. Entsprechend liebevoll befasste sich Hollywood mit dem Käfer und machte ihn zum Hauptdarsteller einiger Filme. Für viele wurde so aus einer Blechkarosse ein Mythos. Seit kurzem versucht VW, vom Mythos wieder zu profitieren: mit dem neu entwickelten Beetle, dessen Formen an den Käfer erinnern.

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Geld schlägt Gold

Seit tausenden von Jahren schürfen die Menschen nach Gold, kämpfen um Gold, horten Gold. Der lydische König Krösus prägte vor mehr als 2500 Jahren die ersten Goldmünzen. Als US-Präsident Richard Nixon 1971 den Dollar vom Goldwert abkoppelte, ging es zunächst steil bergauf mit dem Edelmetall - bis auf 835 Dollar pro Unze (31,1 Gramm) am 18. Januar 1980. Danach stürzten die Kurse auf rund 300 Dollar und haben sich bisher nicht wieder erholt. Zwar ist das mystische Metall immer noch knapp. Alles Gold dieser Erde passt in einen Würfel mit einer Kantenlänge von 20 Metern. Doch etliche Zentralbanken, weltweit die größten Goldhorter, verscherbeln nun ihre Reserven: Amerikaner wie Briten, Niederländer und Schweizer. Allein die Bundesbank hält noch knapp 3500 Tonnen überflüssiges Gold, das sie nach Einführung des Euro eigentlich nicht mehr braucht.

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Die Mega-Pleiten

Fast wäre das Jahrhundert des deutschen Wirtschaftswunders noch mit einer herben Pleite zu Ende gegangen: Einem Konkurs des Bauriesen Holzmann, der im November schon unabwendbar schien, wären wohl 60 000 Arbeitsplätze zum Opfer gefallen - eine Bilanz, die den Absturz des Baulöwen Jürgen Schneider und seines Imperiums noch übertroffen hätte. Bankrotte sind Alltag in Deutschland, vor allem im Baugewerbe: Von fast 34 000 Insolvenzen betrafen 1998 mehr als 8100 das Geschäft mit Mörtel und Kelle, dicht gefolgt vom Handel. Die Zahl der großen Firmen-Zusammenbrüche in Deutschland hielt sich hingegen in Grenzen, mehr als ein Dutzend sind es nicht gewesen - jeder einzelne Fall allerdings hatte harte Konsequenzen: für tausende Beschäftigte, die beteiligten Banken und die Zulieferindustrie. Als 1929 mit der Frankfurter Allgemeinen Versicherungs-AG der zweitgrößte deutsche Versicherer zusammenbrach, schrieben die Zeitungen noch, so etwas sei in der deutschen Wirtschaftsgeschichte nie da gewesen. Zwei Jahre später traf es dann die »Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei« in Delmenhorst, die in den Zwanzigern zeitweise ein Viertel der weltweiten Rohwolle-Verarbeitung kontrolliert hatte. Die erste große Insolvenz nach dem Krieg und dem Wirtschaftsboom der fünfziger Jahre war 1961 der Konkurs der Bremer Borgward-Werke - 23 000 Menschen verloren ihren Job, ein Fünftel aller Industriearbeitsplätze der Hansestadt wurde vernichtet. Und das wegen einer Summe von zehn Millionen Mark, aus heutiger Sicht »Peanuts«. Mitte der neunziger Jahre traf es, wieder in Bremen, den Vulkan-Verbund. Auch große Konzerne haben Erfahrungen mit Konkursen machen müssen - Daimler etwa, in Folge seiner fehlgeschlagenen Diversifizierungsstrategie: Mit Fokker und AEG mussten die Stuttgarter in den Neunzigern gleich zwei ehemalige Riesen abwickeln. Skandalüberschattet waren der Kollaps des Handels-Konzerns co op, der die Gläubiger-Banken etwa zwei Milliarden Mark kostete, und das unrühmliche Ende der Wohnungsbau-Gesellschaft Neue Heimat. Dass auch aus Pleitiers noch was werden kann, zeigt hingegen das Beispiel des Brauhauses Amberg. Nach dessen Konkurs beschloss die Hauptversammlung die Fortsetzung der Gesellschaft, allerdings mit neuem Geschäftsfeld: Statt mit Bier beschäftigt sich das Unternehmen, das seinen Namen inzwischen in »net.IPO AG« geändert hat, als Internet-Broker mit der Börse.

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58 000 Prozent Wachstum

Keine Hightech-Aktie, sondern ein ganz bodenständiges Papier war die beste Geldanlage unter den Dow-Jones-Werten der vergangenen 25 Jahre: Der amerikanische Einzelhandelskonzern Wal Mart legte um sagenhafte 342 132 Prozent zu - aus 100 Dollar sind in einem Vierteljahrhundert 342 000 Dollar geworden. Mit deutlichem Abstand folgen die Computer-Werte Intel und Microsoft. Bill Gates allerdings hat sein Unternehmen erst im März 1986 an die Börse gebracht, die Microsoft-Aktie schaffte in knapp 14 Jahren immerhin ein Wachstum von fast 58 000 Prozent. Auch unter den Dax-Werten liegt eine konservative Aktie weit an der Spitze: Die Münchener Rückversicherung stieg seit Anfang 1975 um 8440 Prozent, vor Mannesmann mit 5175 Prozent. Den Dow Jones Euro Stoxx 50 führt ein Technologie-Wert an: die Aktie des finnischen Handy-Herstellers Nokia mit 15 484 Prozent Zuwachs.

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Gieriger Staat

Der Staat greift sich einen stetig wachsenden Teil des Einkommens seiner Bürger. 1950, im ersten Jahr nach der Gründung der Bundesrepublik, floss nicht einmal ein Drittel der Wirtschaftsleistung durch die Kassen von Bund, Ländern, Gemeinden oder Sozialversicherungen. Heute ist es fast die Hälfte (siehe Grafik). Angeschwollen sind vor allem die Budgets von Renten-, Kranken- und Arbeitslosenkassen. Vor 50 Jahren gaben die Deutschen nicht einmal neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Sozialbeiträge aus. Heute ist der Anteil auf fast 22 Prozent gestiegen. Für das Hoch in den Staatskassen sorgten beide Volksparteien gleichermaßen. Unter den CDU-Kanzlern Adenauer, Erhard und Kiesinger stieg der Staatsanteil von 31 auf 39 Prozent. Die SPD-Regierungschefs Brandt und Schmidt trieben die Quote noch einmal um rund 11 Prozentpunkte in die Höhe. Einen weiteren Schub brachte die deutsche Einheit: 1995 erreichte die Staatsquote über 57 Prozent.

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Blase aller Blasen

Die Börsen melden Jubelrekorde, doch für den Aktienguru Ed Yardeni sind es »Spekulationsblasen«. Schon im ersten Halbjahr 2000, orakelt der US-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, könne der Dow Jones um rund ein Drittel auf 8000 Punkte absacken. Etliche Ökonomen erinnern derzeit gern an die Tulpen-Hysterie in Holland. Der Preis für eine Tulpe wurde 1637 bis zum Wert einer Villa hochgepokert, danach war die Blume wieder so billig wie eine gewöhnliche Zwiebel. Zumeist blühen Spekulationen kurz, aber heftig. Enttäuschte Erwartungen lassen Blasen platzen, lehrte Börsen-Spekulant André Kostolany, »ein Sandkorn genügt": wie bei der South Sea Company oder der Compagnie d'Occident, auch Mississippi-Gesellschaft genannt. Indianer würden Gold gegen Glasperlen eintauschen, erklärte Firmengründer John Law, im Jahr 1720 stürzte der Kurs von 18 000 auf 40 Livre. Ganz ähnlich brachen 1980 die Silber-Spekulation der Hunt-Brüder und 1997 der Schwindel um die vermeintliche Goldmine der Bre-X zusammen. Wie sich Spekulationsblasen bilden und wann sie platzen, können Ökonomen noch immer nicht sagen. Doch inzwischen wird auch Analysten im Höhenrausch bange. Die derzeitige Hightech-Euphorie, meint etwa Dave Otto vom Investmenthaus A. G. Edwards, sei doch wohl die »Blase aller Blasen«.

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Die Superreichen

Es begann mit einer Tuchfabrik in Pritzwalk, später kamen Batterien (Varta), Chemie (Wintershall) und rund 200 weitere Unternehmen dazu. Aber erst BMW machte die Quandts zur wohl reichsten Familie Deutschlands. Über 100 Jahre nach der ersten Firmenbeteiligung von Emil Quandt wird allein der Familienzweig um Johanna Quandt auf über 20 Milliarden Mark taxiert. Aber nicht alle Vermögen haben eine lange Geschichte. Unter den reichsten Deutschen, die das US-Magazin »Forbes« regelmäßig ermittelt, finden sich an der Spitze vor allem die Pioniere der Nachkriegszeit, die im Handel ihr Geld machten: die Aldi-Brüder Theo und Karl Albrecht, Dieter Schwarz (Lidl & Schwarz), Metro-Gründer Otto Beisheim und der Otto-Versand, wo Gründer-Sohn Michael Otto schon 1981 die Geschäftsführung übernahm. Was früher der Handel war, sind heute Software, Internet und Telekommunikation: Ende der neunziger Jahre stieß Dietmar Hopp in die Truppe der zehn reichsten Deutschen - fast 30 Jahre nachdem er SAP mitgegründet hatte. Durch den Neuen Markt werden die Karrieren nochmals enorm beschleunigt: EM.TV-Gründer Thomas Haffa und Mobilcom-Chef Gerhard Schmid zählen schon gut zwei Jahre nach dem Börsengang ihrer Firma zu den 20 reichsten Deutschen.

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