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ENGLAND / BOMBENKRIEG Wissenschaftlich

aus DER SPIEGEL 20/1961

Zu Beginn des Jahres 1942 erreichte den britischen Premierminister Winston Churchill ein geheimes Memorandum, das der Regierungschef sorgfältig verwahrte. Wochenlang galt es als das bestgehütete Geheimnis Englands, enthielt das Dokument doch Vorschläge, von deren Verwirklichung sich Churchill eine Wende des Krieges erhoffte.

In dem Schriftstück, das die Unterschrift des Professors Frederick A. Lindemann-Cherwell trug, wurde vorgeschlagen, England solle sofort mit einer Bomber-Großoffensive gegen Hitler -Deutschland beginnen. »Die Bombenangriffe«, resümierte Professor Lindemann, »müssen gegen die Häuser der deutschen Arbeiterklasse gerichtet werden. Mittelstandshäuser in ihrer aufgelockerten Bauweise führen unvermeidlich zu einer Verschwendung von Bomben.«

Prophezeite Lindemann in seinem mit Statistiken und Zahlen angereicherten Dossier: »Wenn sich die Bombenoffensive im wesentlichen gegen die Wohnhäuser der deutschen Zivilbevölkerung richtet - Fabriken und militärische Anlagen sind zu schwer auszumachen und zu treffen -, dann sollte es möglich sein, in sämtlichen Städten mit mehr als 50 000 Einwohnern die Hälfte aller Häuser zu zerstören.«

Das nur für den Premier und seine Minister bestimmte Geheimdokument gelangte auf Umwegen in die Hände des britischen Chemikers Sir Henry Tizard, der den Prognosen Lindemanns, des wissenschaftlichen Premier-Beraters mit Kabinettsrang, mißtrauisch gegenüberstand. Sir Henry bezeichnete denn auch den von Lindemann errechneten Bomben-Effekt als illusorisch. Tizard:

»Um das Fünffache zu hoch gegriffen.«

Den Bedenken schlossen sich auch andere Wissenschaftler an, denn - so berichtet ein Kronzeuge - »alle stimmten darin überein, daß es nicht lohnenswert wäre, sich auf die Bombenoffensive zu konzentrieren, wenn der Grad der möglichen Zerstörung so niedrig sei, wie Tizard und (Professor) Blackett errechnet hatten«.

Dennoch folgte Winston Churchill dem Lindemann-Plan und schickte die britischen Bomber auf ihre Todesflüge gen Deutschland. Die Argumente seriöser Wissenschaftler waren sinnlos geworden in einem Lande, in dem

»die Atmosphäre hysterischer war, als es sonst im offiziellen Leben Englands üblich ist«, und in dem »der schwache, aber gerade noch wahrnehmbare Geruch einer Hexenjagd« spürbar war.

Zu derart harten Urteilen ist jüngst der britische Schriftsteller und Physiker Sir Charles P. Snow in einem Buch gelangt, das zur Zeit die Briten aufregt. Autor Snow will in seinem Traktat »Regierung und Wissenschaft« anhand der geheimen Vorgeschichte des britischen Bombenkriegs zeigen, wie verderblich sich der Einfluß einzelner Wissenschaftler auf die Entscheidungen einer Regierung auswirken kann.

Kaum war das Buch auf dem angelsächsischen Markt erschienen, da rotteten sich 'Naturwissenschaftler und Historiker Englands und Amerikas gegen den Autor Snow zusammen.

Worüber sich Snows Kritiker ereiferten, war allerdings nicht nur die erneut aufgeworfene Frage, ob der Bombenkrieg gegen Deutschland, gerechtfertigt war, sondern auch die Darstellung der beiden Hauptakteure des Bombenkrieg-Dramas: des Churchill-Beraters Lindemann und seines Gegenspielers Sir Henry Tizard.

Tizard ist Snows Held, Lindemann sein schwarzes Schaf«, spottete der Bostoner »Christian Science Monitor«, während Lewis L. Strauss, ehedem Vorsitzender der amerikanischen Atomenergie-Kommission, wetterte: »Amerikanische Freunde und Bekannte Lindemanns werden Mühe haben, irgend etwas in Snows Lindemann-Porträt wiederzuerkennen - es sei denn seinen Bowler-Hut.«

Der britische Historiker A. J. P.Taylor urteilte: »Ich kannte Lindemann nur flüchtig, und ich habe nie jemanden getroffen, den ich weniger leiden konnte.« Aber: »Auch Tizard war wie Lindemann ein Diktator-Typ.«

Tatsächlich waren die beiden Gegenspieler zunächst durch eine lockere Freundschaft verbunden gewesen, obwohl sich keine größeren Gegensätze denken ließen:

Tizard, 1885 geboren, Sohn eines Marineoffiziers, Student in Westminster und Oxford, Schüler des späteren deutschen Nobelpreisträgers Professor Walther Nernst, war »so englisch, wie überhaupt ein Engländer sein kann« (Snow).

Dagegen skizziert Tizard-Parteigänger Snow den Professor Lindemann als »typisch unenglisch«, von undefinierbarer Herkunft: »Sein Vater mag aus Deutschland oder aus dem Elsaß stammen, vielleicht ist er sogar jüdischer Herkunft.« Lindemann habe sich in die High Society gedrängt und habe dort dank seiner finanziellen Unabhängigkeit als ein Mann von Welt brilliert.

Die beiden Wissenschaftler begegneten einander erstmals als Studenten in Berlin. Später arbeiteten sie gemeinsam in England für die Regierung, hauptsächlich als Testpiloten.

Der Bruch zwischen Lindemann und Tizard begann, nachdem Lindemann auf einer Party den noch einflußlosen Unterhausabgeordneten Winston Churchill getroffen und mit ihm eine Freundschaft geschlossen hatte, die bis zu Lindemanns Tod im Jahre 1957 währte.

Erinnert sich Memoirenschreiber Churchill: »Lindemann wurde mein wichtigster Berater für die wissenschaftlichen Aspekte des modernen Krieges, vor allem für Fragen der Fliegerabwehr, aber auch für statistische Probleme aller Art. Diese angenehme und fruchtbare Zusammenarbeit setzten wir den ganzen Krieg hindurch fort.«

Je inniger sich aber Churchill und Professor Lindemann - der Premier verschaffte seinem »Prof« die Adelserhebung zum Lord Cherwell - anfreundeten, desto leidenschaftlicher wurde die Gegnerschaft zwischen den beiden Wissenschaftlern. Tizard hatte zudem in einer für die Luft-Verteidigung Großbritanniens lebenswichtigen Frage den Sieg über den Churchill -Protege errungen: Gegen Lindemanns Opposition entschloß sich die britische Regierung 1936, die Entwicklung des damals - gerade entdeckten Radar zu forcieren, um eine wirksame Waffe gegen deutsche Luftangriffe zu erhalten.

1942 kam für Lindemann die Stunde der Revanche: Sein Memorandum über die Notwendigkeit eines totalen Bombenkriegs gegen Deutschland wurde von Churchill und dessen Kabinett akzeptiert.

Tizard aber stellte Lindemanns Bombenkrieg als Fehlinvestition hin, ein Versuch, der schon deshalb zum Scheitern verurteilt war, weil die Inselbevölkerung endlich eine erfolgversprechende Maßnahme der britischen Regierung gegen die Deutschen forderte. Bereits im Februar 1942 hatte Lord Beaverbrook gedrängt: »Das Volk hat das Vertrauen zu sich selbst verloren und blickt auf die Regierung, von der es die Wiederherstellung dieses Vertrauens erhofft.«

Auch Churchill knüpfte, wie er seinem Luftfahrtminister schrieb, »große Hoffnungen an die Bomberoffensive gegen Deutschland«, meinte jedoch gleichzeitig ahnungsvoll: »Falls wir aber

... nicht ernsthafte Schäden anrichten, dürfte es schwierig werden, die Bevorzugung dieser Angriffsmethode zu rechtfertigen.«

Kriegschronist Snow urteilt denn auch, daß sich die Bedenken Tizards gegen den Bombenstrategen Lindemann als berechtigt erwiesen haben:

Die Schätzungen Lindemanns waren nicht nur fünfmal, sondern zehnmal zu hoch gewesen.

Dazu Tizard nach dem Kriege: »Ich hab's ja gleich gesagt.«

* C. P. Snow: »Science and Government«.

Oxford University Press; 94 Seiten; 9 1/2 s.

Churchill-Freund Lindemann

Die Wirkung des Bombardements ...

Churchill-Kritiker Tizard

...zehnmal zu hoch geschätzt

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