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CSSR Witze beim Bier

Seit zwölf Jahren kennen und besuchen sich die dienstältesten Außenminister des Ostens und des Westens - letzte Woche in Karlsbad trafen sie sich wieder. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Der Gastgeber überraschte den Reisenden aus Bonn mit einem zweifelhaften Lob. »Herr Genscher«, begann der tschechoslowakische Außenminister Bohuslav Chnoupek am Mittwoch voriger Woche das Arbeitsgespräch mit seinem westdeutschen Kollegen im böhmischen Karlsbad, »Sie sind in der Moskauer ''Prawda'' positiv erwähnt worden.«

Dann schob er seinem Gegenüber den vierspaltigen Nachdruck des »Prawda«-Artikels im Prager KP-Organ »Rude pravo« über den Tisch: Bonns Außenminister, stand da zu lesen, habe sich anerkennend über die Abrüstungsinitiative des sowjetischen Parteichefs Michail Gorbatschow geäußert und erklärt, nicht nur die Interessen der USA seien berührt, wenn atomare Mittelstreckenraketen abgebaut werden sollten, sondern »viel direkter« die der Europäer.

Ein geschöntes Zitat. Zugleich hatte Genscher, von »Prawda« wie von »Rude pravo« verschwiegen, die Sowjets ermahnt, sie sollten den Europäern ein »gleiches Recht auf Sicherheit« einräumen, und die westlichen wie östlichen Länder Europas aufgefordert, »eigene Beiträge« zur Verbesserung des Ost-West-Verhältnisses zu leisten.

Forderungen solcher Art übermittelt zwar die Parteipresse nicht ihren Lesern, doch werden sie im diskreten Gespräch von der Politprominenz unterstützt. Chnoupek: »Auch wir sind für eine Renaissance des Entspannungsprozesses.«

Noch tags zuvor, berichtete der CSSR-Außenminister seinem westdeutschen Kollegen, habe er am Telephon mit dem sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse besprochen, wie wichtig gerade der Dialog mit der Bundesrepublik hierüber sei. Chnoupek: »Auf Deutschland schaut Europa.«

Solche Artigkeiten sind es, die den Kontakt zwischen den dienstältesten Außenamtschefs des Westens und des Ostens aus dem Einerlei des konventionellen Diplomaten-Small-talk herausheben. Chnoupek, seit 1971 (und damit fast drei Jahre länger als Genscher) auf Posten, hat seit Jahren ausgezeichnete Drähte in die Moskauer Machtzentrale und wird auch deshalb von seinem Bonner Kollegen geschätzt. »Unter vier Augen«, behauptet Genscher, »sagen wir uns die Wahrheit.«

Grundlage der Vertrautheit mit dem schlitzohrigen Slowaken Chnoupek: Ihn erfreut der Deutsche beim Bier regelmäßig mit Auszügen seines Repertoires an Ostblock-Witzen. Dafür hat der Prager Kommunist auf Bitten Genschers immer wieder in humanitären Härtefällen eingegriffen und so die Haft von festgenommenen Bundesbürgern in CSSR-Gefängnissen verkürzt.

Letzte Woche in Karlsbad blieb es bei schönen Worten. Denn auch das jüngste deutsch-tschechoslowakische Außenministertreffen zeigte dem Bonner Besucher, wie eng in der sozialistischen Realität der außenpolitische Handlungsspielraum des treuesten Verbündeten Moskaus in Osteuropa ist (siehe SPIEGEL-Report Seite 142).

Ein Genscher-Begleiter über Chnoupek: »Man sieht, der kann sich nicht viel bewegen.«

Das fing in Protokollfragen an: Genschers Bitte wurde abgeschlagen, auch Staatspräsident Gustav Husak zu treffen, der 100 Kilometer entfernt auf Schloß Lany Ferien machte. Begründung: Bei seiner Visite in der Lüneburger Heide im vergangenen August habe Chnoupek schließlich auch nicht Gelegenheit zu einem Besuch beim Bundespräsidenten oder Kanzler bekommen.

Ganz hart gab sich der Prager, als er die »hinhaltenden Reaktionen« des Westens auf die Abrüstungsvorschläge des sowjetischen Parteichefs kritisierte. Der Warschauer Pakt habe offensichtlich »vergebens gewartet«. Die »Zeit der Lippenbekenntnisse über friedensfördernde Maßnahmen« aber sei vorbei.

Den Hinweis Genschers, früher habe der Westen sowjetische Vorschläge oft mit einem einzigen Nein abgelehnt, jetzt dürfe die zugesagte »gründliche Prüfung« nicht unter Zeitdruck erfolgen, mochte Chnoupek nicht gelten lassen. Die Bonner Reisenden schlossen aus den unwirschen Antworten des Gastgebers, die östliche Vormacht samt ihrer treuen Freunde hätte offenbar fest mit einer westlichen Antwort auf die Gorbatschow-Offerten bis zum Parteitag der KPdSU Ende Februar gerechnet.

Die »Frage der Fragen« aber, so Chnoupek weiter, bleibe die Haltung zur Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) des amerikanischen Präsidenten. Wer sich am »Krieg der Sterne« beteilige, mache Gorbatschows Abrüstungsprogramm »kaputt«.

Sein Bonner Kollege, der zu Hause seit Monaten vor einer offiziellen deutschen Beteiligung an SDI warnt, verwies darauf, er habe zur All-Raketenabwehr »immer eine klare Haltung« vertreten: »Je mehr es in Genf gelingen sollte, die nuklearen Offensivwaffen in Ost und West einschneidend zu reduzieren, desto überflüssiger könnte es werden, weltraumgestützte Systeme zu stationieren.«

Offen freilich bleibt, ob das jemals gelingt - ob die Verbündeten in Washington den Ratschlägen ihrer europäischen Alliierten folgen und das SDI-Programm in Genf zum Verhandlungsobjekt zu machen bereit sind.

Genschers Kollege Chnoupek gab sich noch bescheidener, als er laut über die Möglichkeiten seines Landes nachdachte, den großen Partner in Moskau beeinflussen zu können. In der Trinkstube der Karlsbader Likörfabrik »Becherovka« prophezeite der Prager Politiker, es werde sicher gelingen, die Sowjets auch nach ihrem Parteitag zu bewegen, größter Importeur des böhmischen Kräuterschnapses zu bleiben - trotz der Anti-Alkohol-Kampagne in der Sowjet-Union. _(Am vorigen Mittwoch mit Journalisten im ) _(Bierkeller des Karlsbader Hotels ) _("Moskva«. )

Am vorigen Mittwoch mit Journalisten im Bierkeller des KarlsbaderHotels »Moskva«.

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