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STUDENTEN Witziges Aas

aus DER SPIEGEL 45/1968

Aenne Brauksiepe, 56, Bundesministerin für Familie und Jugend, saß am Montag letzter Woche beim Mittagskaffee und blätterte in ausländischen Zeitungen. Da drangen fünf Studentinnen und zwölf Studenten unangemeldet In ihr Dienstzimmer und verkündeten: »Ihre Arbeit ist für uns nicht akzeptabel.«

Zu dem außerparlamentarischen Go-in hatten sich die Studenten, sämtlich Sozialreferenten ihrer Hochschulen, am vorausgegangenen Sonntag bei einem sozialpolitischen Seminar in Mehlem bei Bonn entschlossen, nachdem sie Aenne Brauksiepes »Entwurf eines ersten Gesetzes über Ausbildungsförderung« diskutiert hatten.

Nach dem Willen der Gesetzesmacher -- Motto: »Familienpolitisch denken« -- sollen die Einkommensfreibeträge für Studenten aus kinderreichen und einkommensschwächeren Familien erhöht werden. Das zur Zeit praktizierte Honnefer Modell dagegen bevorzugt nach Ansicht des Ministeriums wohlhabende und kinderarme Familien.

Auch Im neuen Entwurf hält das Familienministerium am Subsidiaritätsprinzip fest: Die Familie hat für die Ausbildung der Kinder zu sorgen und erhält erst dann staatliche Hilfe, wenn sie überfordert ist. Der Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) hingegen wünscht als Ziel einer modernen Ausbildungsförderung »optimale Voraussetzungen für ein repressionsfreies Studium« und bezeichnet den Bonner Entwurf als eine »wesentliche Verschlechterung gegenüber den bisherigen Förderungsmodellen«.

Gegen den familienfreundlichen Entwurf der auch »Bundesaenne« genannten Ministerin wendet der stellvertretende VDS-Vorsitzende und Student der Theologie Jürgen Kegler ein: »Repressionen auf das Studium liegen vor allem in den vielfältigen direkten und Indirekten Einflüssen, die die Familie auf psychologische, pädagogische und finanzielle Art ausübt.«

Aus Sorge, daß Proteste herkömmlicher Art die Verabschiedung des neuen Gesetzes nicht verhindern könnten, fuhren daher die 17 Protestanten In Ihren eigenen Personenwagen zum Familienministerium an der Bad Godesberger Kennedyallee, stellten sich beim Pförtner als Sozialreferenten vor und heischten Entree bei der Ministerin. Zuvor hatten sie sich bei deren Sekretariat vergewissert, daß Frau Brauksiepe im Hause war.

Als der Pförtner zum Telephon ging, um die Besucher anzumelden, stürmten die Studenten die Treppe hinauf. Im ersten Stock hielten sie einen Beamten an und erkundigten sich nach der Lage des Chefzimmers. Antwort: »Dritter Stock, links, Zimmer 335.«

Im Ministervorzimmer versuchte eine Sekretärin, die Eindringlinge aufzuhalten: »Sie können jetzt nicht »rein, Frau Minister hat wichtige Termine.« Der Stoßtrupp drängte mit dem Bescheid vorbei: »Die Tour kennen wir.

Die Christdemokratin, erst seit vier Wochen als Nachfolger Bruno Hecks im Amt, empfing die Demonstranten gelassen. Nachdem sie den Besuchsgrund erfahren hatte, bat sie, Platz zu nehmen, und fragte: »Darf ich meinen Kaffee weiter trinken?« Antwort: »Bitte, wir sind gegen jede Art von Repression.«

Dg die Sitzecke der Ministerin für so viele Besucher nicht ausreichte, hockten sich ein paar Studenten, »wie das ja auch in Oxford so Sitte ist« (Brauksiepe), auf den Perserteppich, den die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dem Ministerium geliehen hat.

Dieweil die Apo ihre Kritik vortrug, hasteten vier Herren ins Zimmer: Staatssekretär Barth, Ministerialrat Rothe sowie die Brauksiepe-Referenten Klingenburg (Presse) und Raabe (Persönliches).

Ein Student rügte: »Die Bundesregierung geht nicht von der Fragestellung aus, was müssen wir sozial und bildungspolitisch tun und wo bekommen wir das Geld dafür her, sondern sie fragt, wieviel Geld haben wir, und was können wir damit tun.« Die Ministerin fragte zurück, woher sie denn mehr Geld bekommen solle. Da rief ein Student: »Phantom«. Aber ehe er erläutern konnte, warum er die Anschaffung von 88 Phantom-Aufklärern zum Stückpreis von 23 Millionen Mark für falsch halte, beschied ihn Staatssekretär Barth: »So können wir nicht miteinander reden, das ist ja eine politische Frage.«

Daraufhin bot Frau Brauksiepe an, noch einmal zu einem Gespräch zusammenzukommen. »Bis dahin können dann alle Beteiligten Ihr Material austauschen und studieren«, sagte die Ministerin und erhob die Studenten in den Status von Experten, damit das Ministerium Ihre Reisekosten ordnungsgemäß verbuchen kann. Zu den geladenen Experten zählt die Sozialreferentin der Universität Münster, eine Studentin im ersten Semester, »blutjung und ein witziges Aas« (Brauksiepe).

Als sich die Ministerin per Handschlag von den Studentinnen verabschiedete, raunzte Ministerialrat Rothe den VDS-Kombattanten Kegler an: »Ich habe kein Verständnis für die Art, wie Sie das hier machen. Das verstößt doch gegen die simpelsten Regeln der Kinderstube.« Den Beamten ärgerte, daß noch ein paar Studenten auf dem Boden saßen, als die Ministerin bereits aufgestanden war, und »ihr sozusagen unter den Rock guckten«.

Frau Brauksiepe hatte mehr Verständnis für den Apo-Auftritt: »Man muß mit solchen Überraschungen rechnen, denn wir sollten nicht ganz so überzeugt sein, daß wir immer im Recht sind.«

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