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ZEITGESCHICHTE Wo Asien beginnt

Die Adenauer-Forschung läßt keinen Zweifel daran: Bonns Sozialliberale berufen sich für ihre Polen-Politik zu Unrecht auf das ostpolitische Konzept des Ahnherrn der Union.
aus DER SPIEGEL 6/1976

Einträchtig reklamierten Bonns Sozialliberale zum 1 000 Geburtstag Konrad Adenauers den ersten Kanzler der Republik als geistigen Ziehvater ihrer Ostpolitik -- gegen seine leiblichen Erben von der Union.

Für den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt gab es »keinen Zweifel«, daß der Altvordere der Christdemokraten »im Konzept unserer sogenannten Ostpolitik die Grundelemente einer West-Ost- und Ost-West-Politik und insoweit die logische Ergänzung seines Bemühens um Ausgleich erkannt hätte«. Kanzler Helmut Schmidt verklarte der Nation im Fernsehen: »In den letzten Jahren seines Lebens hat Adenauer die Einsicht zu erkennen gegeben, daß das Werk der Aussöhnung mit dem Westen der Ergänzung im Osten bedurfte.«

Geschichtsklitterung trieben beide. Denn in Adenauers Weltsicht hatte die Sowjet-Union Zeit seiner Regierung, wie in seinen Memoiren nachzulesen ist, nur ein Ziel: »Beherrschung der Welt durch den Kommunismus« (1959). Bonn mußte zwar »unser Verhältnis zu Rußland in eine erträgliche Ordnung bringen« (so zu Heinrich Krone Ende 1961), doch aussöhnen konnte man sich mit den Welteroberem kaum.

Und die übrigen Regime des Ostblocks, darin sind sich Adenauer-Forscher jedweder Couleur einig, waren für ihn lediglich moskauhörige Satelliten, mit denen sich zu verständigen für Bonn sinnlos und ohne Wert war. Adenauers gesamte Ostpolitik war darauf gerichtet, so der Historiker Klaus Gotto, »im sowjetischen Block irgendwelche Risse zu entdecken«.

Am tiefsten schürfte beim Adenauer-Jubiläum der frühere FDP-Vorsitzende und Brandt-Außenminister Walter Scheel -- und tappte am weitesten daneben. In einer Gedenkstunde erinnerte der Bundespräsident daran, daß in Adenauers »erster Regierungserklärung die Aussöhnung mit der Sowjet-Union und mit Polen noch vor der mit Frankreich genannt wurde«.

Richtig an dieser Interpretation ist, daß Adenauer am 20. September 1949 vor dem Bundestag die westdeutsche Bereitschaft bekundete, »mit unseren östlichen Nachbarn, insbesondere mit Sowjet-Rußland und mit Polen, in Frieden zu leben«. Doch das Wort Aussöhnung -- eine Vokabel von eindeutig moralischer Qualität -- kommt hier ebensowenig wie anderswo in Adenauers östlichem Denk- und Wortschatz vor. Und das unverbindliche Friedensangebot folgte erst, nachdem der Kanzler zuvor die deutschen Ansprüche auf die Gebiete jenseits von Oder und Neiße bekräftigt und die »Massenaustreibung« aus den von Polen besetzten Gebieten scharf verurteilt hatte.

An dieser Haltung des Rhöndorfers insbesondere Polen gegenüber hat sich während seiner 14 Kanzlerjahre so gut wie nichts geändert. Für die These, daß Adenauer eine moralische Verpflichtung gegenüber den von Hitler überfallenen Nachbarn im Osten gesehen habe -- Basis für den von Brandt geschlossenen Warschauer Vertrag -- und aus dieser Verpflichtung den Verzicht auf die Oder-Neiße-Gebiete auch nur als Gedankenspielerei in Erwägung gezogen habe, findet sich in der Adenauer-Forschung bislang keinerlei Indiz. Adenauers Desinteresse an Polen war nur konsequent: Denn solange die Grenzfrage von Bonn tabuisiert war, mußte jede Polen-Politik ins Leere laufen.

In den ersten sechs Jahren seiner Regierungszeit hatte Adenauer ohnehin anderes, für ihn Wichtigeres im Kopf: der Bundesrepublik ihre außenpolitische Selbständigkeit vom Besatzungsstatut zu erstreiten und zugleich die Integration in das westliche Bündnis zu vollziehen. Beides hatte für ihn »absolute Priorität« (Gotto) vor jedweder Wiedervereinigungs- und Ostpolitik.

Handfestes Interesse an Polen gewann der Christdemokrat erstmals 1956, als er nach dem Posener Arbeiter-Aufstand und dem Machtwechsel zu Wladyslaw Gomulka die Chance witterte, »daß sich die osteuropäischen Völker von dem Zwang Moskaus lösten« und »wir hierdurch der Wiedervereinigung Deutschlands näherkamen«. »In Polen«, so notierte Adenauer in seinen Memoiren nahezu euphorisch, »war die Möglichkeit zu einer evolutionären Entwicklung gegeben.«

Doch als es zu handeln galt, tat der Kanzler nichts.

Nach dem Wechsel in Warschau nahmen die neuen Machthaber Polens über jugoslawische Mittelsmänner »äußerst diskret« (so der Politologe Arnulf Baring) Kontakt zur Bonner Botschaft in Washington auf. Bei ihrem Gespräch im Haus des jugoslawischen Gesandten am 18. Januar 1957 bekundete der polnische Botschaftsrat Henryk Jaroszek gegenüber dem deutschen Gesandten Albrecht von Kessel »lebhaftes polnisches Interesse an der Aufnahme diplomatischer Beziehungen« (Baring).

Kessel erbat am 23. Januar schriftlich aus Bonn Weisung, wie er sich weiterhin verhalten sollte. Doch er bekam keine Antwort. Erst nach der Bundestagswahl vom 15. September 1957 -- Kessel war inzwischen nach eigenen Angaben noch mehrmals mit Jaroszek zusammengetroffen, wobei der Pole auf den Austausch von Botschaftern gedrängt und die Oder-Neiße-Frage ausdrücklich ausgeklammert habe -- erhielt er mündlich aus Bonn Bescheid. er möge seinem Mittelsmann sagen, die Frage habe sich erledigt.

Adenauer nennt in seinen Memoiren zwei Gründe für den Abbruch der Kontakte. Moskau, so befürchtete er, könne Bonner Initiativen gegenüber Polen zum Anlaß nehmen, zu einer »Diversion nach außen überzugehen, um ... von den inneren Auseinandersetzungen abzulenken«. Außerdem schloß er nicht aus, die Sowjets könnten Verhandlungen mit den damals um größere Selbständigkeit kämpfenden polnischen Führern als willkommenen Vorwand mißbrauchen, »in Polen mit Gewalt einzugreifen«.

Das rasche Ende des polnischen Tauwetters bestätigte Adenauer in seiner Meinung, daß die Satelliten der Sowjet-Union zu schwach seien, sich auf Dauer größere Bewegungsfreiheit zu sichern.« Diese Lagebeurteilung«, so der Adenauer-Forscher Hans-Peter Schwarz, »erklärt unter anderem, weshalb er sich von einer Intensivierung der Beziehungen zu den osteuropäischen Hauptstädten im ganzen wenig versprach, nachdem die Vorgänge des Jahres 1956 (Ungarn) und der Stillstand der Liberalisierung in Polen diesbezüglich Klarheit geschaffen hatten. Moskau allein zählte.«

Ein anderer Grund war ohne Zweifel die nach Adenauers Staatssekretär Walter Hallstein benannte »Hallstein-Doktrin«. Sie sollte nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und der Ost-Berliner Schutzmacht Sowjet-Union ein Abbröckeln der weltweiten Front gegen die DDR verhindern. Bonn, so der Leitsatz, werde seine Beziehungen zu jedem Staat sofort abbrechen, der seinerseits außer in der Bundesrepublik auch beim SED-Regime in Ost-Berlin eine diplomatische Vertretung errichte.

Zum zweitenmal geriet Polen zwei Jahre später, im Sommer 1959, in Adenauers ostpolitisches Kalkül -- und wiederum ging es in Wahrheit nicht um Warschau, sondern um Moskau.

Am 21. Mai 1959 sickerten in Bonn Überlegungen des Auswärtigen Amtes an die Öffentlichkeit, den im Rahmen der Pariser Verträge von 1954 nach Westen ausgesprochenen Gewaltverzicht der Bundesrepublik auch Polen und der Tschechoslowakei anzubieten. Außerdem wurde kolportiert, die Bundesrepublik wolle diplomatische Beziehungen zu Polen, der CSSR, Ungarn, Bulgarien und Rumänien aufnehmen. Mit dieser Geste wollte Bonn zur Genfer Außenministerkonferenz über Berlin und die Deutschland frage Moskau »ein erstes neues Signal« (Gotto) des guten Willens geben, um das im Gefolge des Berlin-Ultimatums von 1958 ab-

* Mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Nikolai Bulganin nach der Vereinbarung über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und die Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen.

gerissene Gespräch mit den Sowjets wieder in Gang zu setzen.

Zugleich spekulierte das AA offenbar darauf, im Osten mit diesem Vorstoß »eine gewisse Verwirrung (zu) schaffen« und im Westen wie in der Dritten Welt der wegen ihres lästigen Festhaltens an deutschen Rechtspositionen kritisierten Bundesregierung »propagandistische Entlastung« zu bringen -- so der damalige AA-Staatssekretär Hilger van Scherpenberg.

Doch wiederum scheute Adenauer die Tat. Als Brentano dem Kanzler in einem Brief am 7. Juli 1959 mitteilte, er wolle in Genf die Ausdehnung des Gewaltverzichts auf Polen und die CSSR offiziell vorschlagen, stimmte Adenauer zunächst ausdrücklich und schriftlich zu. Daraufhin unterrichtete der AA-Chef die drei Westmächte, die in den Monaten zuvor den Kanzler in dieser Frage unter Druck gesetzt hatten. Noch einen Tag vor der Sitzung des Bundeskabinetts, in der die Regierung die Initiative förmlich sanktionieren wollte, versicherte Brentano dem amerikanischen Außenminister Christian Herter, »daß die Zustimmung wohl außer Frage stehe«.

Doch der AA-Chef irrte. Am 22. Juli votierte in Bonn die Ministerrunde gegen Brentano -- und Adenauer ließ es geschehen.

Verbittert beschwerte sich der Außenminister in einem Brief. den er am 23. Juli aus Genf an seinen Kanzler schrieb, darüber, daß innenpolitische Rücksichten auf Vertriebenen-Wähler höher veranschlagt würden als ein außenpolitischer Erfolg: »Ich halte es einfach für unerträglich, daß die Durchführung von politischen Überlegungen, die wir für richtig halten, von der Zustimmung einiger mehr oder minder radikaler Verbandsfunktionäre abhängig gemacht wird. Das Argument, daß wir damit Stimmen verlieren, halte ich darüber hinaus für völlig abwegig.«

Nachdem seine Gewaltverzichts-Initiative gescheitert war, drängte Brentano den Regierungschef, Warschau gegenüber wenigstens eine versöhnliche öffentliche Geste zu machen, die schon Adenauers Pressechef Felix von Eckardt dem Kanzler nahegelegt hatte. Adenauer, so der Vorschlag, solle zum 1. September 1959 (20. Jahrestag des Kriegsausbruchs) in einer Rundfunkansprache vor aller Welt deutsche Schuld bekennen.

Adenauer sagte zwar zu. Doch statt des von Eckardt entworfenen Textes verlas er am 31. August eine »offenbar mit niemandem besprochene Fassung ... die -- anders als der Text des Bundespressechefs -- für polnische Ohren ärgerliche Nebentöne enthielt« (Baring).

Originalton Adenauer: »Ein besonderes Wort aber muß heute dem Volke gelten, das durch den Einfall der Truppen Hitler-Deutschlands und der Sowjet-Union das erste Opfer des Krieges geworden ist, ich meine das polnische Volk ... Vor zwanzig Jahren wurde es das erste Opfer dieses letzten Krieges, als Hitler-Deutschland und die Sowjet-Union in das Land einfielen und es grausam zerstörten. Unser Bestreben wird es sein, Verständnis, Achtung und Sympathie zwischen dem heutigen Deutschland und dem polnischen Volk zu begründen, damit auf diesem Boden dereinst eine wahre Freundschaft erwachse.«

Mit seinem unverblümten Hinweis auf Moskau verkehrte Adenauer, ob gewollt oder nicht, die Absicht Brentanos und Eckardts ins gerade Gegenteil: Die Adressaten reagierten erbost. Adenauer, so erzürnte sich der polnische Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz öffentlich, versuche, »einen Keil zwischen das polnische Volk und die Sowjet-Union zu treiben«. Danach war Ruhe.

Den einzigen Beleg für wenigstens eine Stiefvaterschaft an der Bonner Polen-Politik der Sozialdemokraten lieferte Adenauer in seinem letzten Kanzlerjahr -- zu einem Zeitpunkt, als seine Autorität längst dahin, sein Abgang beschlossene Sache war: Am 7. März 1963 unterzeichneten Bonn und Warschau ein Abkommen über die Errichtung von Handelsvertretungen, zwei Jahre nachdem das Parlament die Bundesregierung aufgefordert hatte, die Beziehungen zu den osteuropäischen Staaten zu intensivieren.

Doch selbst diese einzige handfeste politische Tat des Spätkanzlers gegenüber Polen eignet sich kaum als Ausweis Adenauerschen Sinneswandels. »Man wird wohl annehmen können«, so resümiert der seinem Studienobjekt durchaus wohlgesinnte Adenauer-Forscher Klaus Gotto, »daß diese Politik für Adenauer nicht den Beginn einer Neuorientierung seiner Ostpolitik darstellen sollte, um quasi von den Rändern her zum Zentrum Moskau zu gelangen, sondern eher flankierender Bestandteil seiner bisherigen Politik war, die allein in Verhandlungen mit Moskau erfolgversprechende Aussichten sah.«

Eine ganz andere, eher tiefenpsychologische Deutung des Adenauerschen Unvermögens, mit dem von Hitler-Deutschland nach den Juden am meisten geschundenen Nachbarn im Osten ins reine zu kommen, bietet Gottos Kollege Arnulf Baring an: In Adenauers »rheinischer Weltsicht«, in seiner »Überzeugung, daß Köln in der Mitte des Abendlandes« liege, war der Harz schon Asien. Schon in den zwanziger Jahren habe, so Baring, Adenauer vertraulich bekundet, »bei Braunschweig beginne für ihn die asiatische Steppe«.

Polen, jenseits der Oder, hatte da keinen politischen Ort.

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