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RUNDFUNK Wo bleibt dein Fisch?

Das Radio als Liebeslaube - ein Berliner Privatsender gibt nächtliche Sexualkunde. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Das duftige Päckchen, das der Berliner Hausfrau Birgit per Zufall in die Hände fiel, weckte Hoffnungen auf ein eheliches Frühlingserwachen.

Träumerisch betrachtete sie die köstliche Trouvaille - Seidenstrümpfe, Strapse, schwarze und rote Büstenhalter. Kein Zweifel, »mein Herr Gemahl« wollte »unser sehr eintöniges Liebesleben auffrischen«, sein Weib mit zarter Reizwäsche schmücken. Doch jäh zerbrach der Zauber, als Frau Birgit den Ehemann vor dem Spiegel ertappte: Da stand der Schlingel in Straps und Seide, ein »roter BH bedeckte die behaarte Brust«. Der Gatte - ein Neigungstransvestit, das Eheglück - eine Schimäre. Verstört suchte die Frau den Rat eines stadtbekannten Sexualkundlers.

Im Berliner Hörfunk ist er, seit dem Frühjahr, zu empfangen, im Kommerz-Radio »Hundert, 6«. Frank Schmeichel heißt, programmatisch der moderne Kolle, einst war er Gebührenfahnder im SFB-Dienst. Sechsmal wöchentlich animiert er die Berliner zum intimen »Bettgeflüster«. Jeweils drei Stunden, von Mitternacht an, hält er dann - live am Telephon - Zwiesprache mit Hörern, die »ein Bedürfnis haben, über Liebe, Sex und Partnerschaft zu reden«. Die Anrufer bleiben anonym, nur der Vorname fällt, zuweilen Alter und Beruf.

»Reichen Sie mir die Hand zum Tanz auf dem Vulkan«, schmachtet Schmeichel, 31, und bittet um Anrufe bei der »heißesten Nummer in der Stadt«, 896948. Und obwohl sein seelsorgerisches Vokabular bisweilen so klingt, als veröffentliche die örtliche Oberfinanzdirektion einen Aufruf zum Gruppen-Sex, sorgt das Liebes-Kolleg in ganz Berlin für schlaflose Nächte. Die Hörer sind ganz närrisch nach dem ephebischen Softie, sechs Amtsleitungen sind stets überlastet, zehn Anrufer pro Sendung läßt Schmeichel durchstellen, »Verrückte und Betrunkene« wimmelt ein Sende-Assistent ab.

Jedes »Bettgeflüster« behandelt ein Generalthema. Mit Schmeichel haben die Berliner über »Lustabfall nach dem ersten Kind« geplauscht, über Jungfräulichkeit und Seitensprung, über »Telephon-Spanner« und häusliche Pornofilmer. Das deutsche Schlafzimmer ist reich an Heldensagen, aber auch - wie der Moderator schon bekümmert bemerkt hat - an Irrungen und Wirrungen. Die transvestitisch genasführte Birgit etwa regte ihn zum Sendethema »Normal oder abnormal?« an.

Wo, fragte er besorgt, »kippt das phantasievolle Liebesspiel um in die Perversion, die Abart, die Fehlschaltung den Webfehler?« Da »liebt sich jemand mit seinem Staubsauger, zum Beispiel«. Eine unverdorbene Susi, 20, ruft an. Eindeutig »pervers«, urteilt sie, »Sex ist für mich 'ne ganz natürliche Sache, und da braucht man keinen Staubsauger.« Auch Maria, 80, und Stammhörerin, empfindet so. Sie hat, in jüngeren Jahren, die Webfehler in der höheren Beamtenschaft kennengelernt, etwa bei einem Oberregierungsrat, der sich nach Liebesbissen ihrer »wunderschönen Zähne« verzehrte und den sie eindeutig in die Schamschranken wies: »Ick mach Ihnen jern 'nen Kaffee, aber so geht's nich, Herr Dokter!«

So kommen, verpackt in sämigen Kuschel-Pop, allerlei Grillen ans Licht, Lüste und Leiden; keine Triebstruktur ist dem Schmeichel fremd, bis zu 50 Briefe erreichen ihn täglich. Doch hat kaum jemand seine radiophone Liebeslaube für obszöne Sprüche mißbraucht. Gut 1000 Gespräche, in rund 100 Sendungen, hat er schon geführt, tausendmal ist nichts passiert. Nur zweimal hat er »den Regler runtergezogen« und Fäkal-Kunden ausgeblendet.

Es betrübt den Moderator, daß sein Programm trotzdem heftig angefeindet

wird. »Schweinepriester, Wichser, Doktor Sperma!« tönt es vor allem aus dem Lager konkurrierender Funkanstalten. Die Frauenbeauftragte des Berliner Senats, Carola von Braun, hat Schmeichel, allzu streng, »Frauenfeindlichkeit« angelastet. Die »Taz« notierte pikiert: »Hier drehen Herren jeden Alters Pirouetten auf dem erigierten Glied« - anatomische Meisterleistungen, die Schmeichel seiner Kundschaft nicht zutraut. »Meine Hörer«, sagt er fest, »sind keine Spanner und Erotomanen.«

Nein, die Fans von Radio »Hundert, 6«, das täglich 20 Stunden füllt, sind »aufstiegsorientierte« Optimisten, die »Probleme nicht verbissen sehen«, bekräftigt Chefredakteur Georg Gafron, Ex-Rias-Redakteur. Das Motto des Senders, dem der langjährige Jungfilmer Ulrich Schamoni ("Quartett im Bett") als Geschäftsführer vorsteht, lautet eindrucksvoll: »Sag ja zum Leben«.

Entschiedene Feinde des Yuppie-Zwergradios sind demzufolge »verbissene Feministinnen« und andere negative Alternative. Mit diesem Buntvolk muß sich das Frischwärts-Team von »Hundert, 6« noch bis zum Jahresende die Sendefrequenz teilen. Die Alternativen dürfen, als »Radio 100«, zwischen 19 und 23 Uhr funken. Wenn um 18.59 Uhr, auf »Hundert, 6«, die Nationalhymne verklungen ist, startet »Radio 100« höhnisch mit allerlei »Toiletten- und Würgelauten«, wie Gafron düster mitteilt.

Dem »Intendanten« Schamoni sind die Krakeeler naturgemäß sehr lästig. Frohlockend verweist er aber auf eine neue Umfrage, die »Hundert, 6« auf Platz zwei der beliebtesten Berliner Radiostationen setzt, nach der Dudelwelle Rias 2, vor SFB 2. Das »Bettgeflüster« soll »die Stadt auch nachts gut draufbringen«, sagt Schamoni, Gafron ist überzeugt, daß sein tönendes Eros-Center »vielen den Gang zum Psychiater erspart«.

Das ist ein Sendungsziel, dem auch Schmeichel bedenkenlos zustimmt. Erschrocken blickt er immer wieder in »Abgründe, die sich hinter der Normalität verbergen«.

So hat sich ihm unlängst, beim Thema »Lautstarker Geschlechtsverkehr«, eine gespaltene Christa, 36, offenbart. »Nach vorn«, erläuterte Schmeichel, »ist sie die ehrbare Hausfrau und fürsorgliche Mutter«- nach hinten aber kennt sie sich »im Bett nicht mehr wieder« und will von ihrem Mann wie »eine billige Hafennutte behandelt werden«.

Diese Fallstudie läßt dem Hörer Walter keine Ruhe, ebenfalls ein Verfechter hitziger Beischlafgeräusche. Walter ist »Abteilungsleiter in der Fischwarenabteilung« und den Wonnen der Geschlechtlichkeit am nächsten, wenn ihn seine Freundin anfeuert: »Meine Reuse ist offen, wo bleibt dein Fisch?« Sie wiederum gerät in Liebesrausch, wenn der Angestellte stöhnt: »Mensch, hast du schöne Arschbacken!«

Das sind Anfälle gesteigerter Lebensfreude, aus denen Schmeichel, der König aller Reusen, erheblichen Lustgewinn zieht. Er fühlt sich wohl als Krisen-Manager für Verklemmte, als missionarischer Kämpfer gegen Tabus und Muckertum. Aufmerksam hat er registriert, daß Frauen zahlreicher anrufen als Männer, »viel freier artikulieren«. Das gilt besonders für schriftliche und telephonische Meldungen von drüben. Auch Ost-Berlin verlangt nach Schmeichel-Einheiten, auch die DDR ist eine hochsensible erogene Zone mit »ganz ähnlichen Problemen« im sexuellen Umgang.

Bei all diesem gesamtdeutschen Ernst genießt Schmeichel aber auch heitere Momente. So hat ihn jenes Pärchen sehr amüsiert, das sich auf der laufenden Waschmaschine zu vereinigen pflegt und beim Wechsel in den Schleudergang den machtvollen Höhepunkt erreicht. Wie lockt die aufrüttelnde Waschmaschinen-Werbung? »Bauknecht weiß, was Frauen wünschen.«

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