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»Wo blieb nur das Geld?«

aus DER SPIEGEL 26/1992

Der Wahl-Berliner Werner Müller, einst unter den SPD-Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt Chef der Abteilung Inland im Bundespresseamt, hat in seinem Berufsleben schon einiges hinter sich.

Der frühere Presseamts-Staatssekretär Klaus Bölling (SPD) konnte mit dem Ministerialdirektor nicht: »Der hatte etwas Irrlichterndes, ein seltsames Flackern in den Augen, partiell eine pathologische Figur.« Müller seinerseits hielt Bölling für »verlogen«.

Im März 1978 wurde der Ministerialdirektor nach heftigen juristischen Auseinandersetzungen in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Bonner Finanzexperten rechneten aus, daß der amtlich verordnete Müßiggang des damals 42jährigen den Staat bis zur Pensionsgrenze mindestens 1,8 Millionen Mark kosten würde.

Fast 14 Jahre lang ernährte sich Müller von seiner Staatsrente und mit Fachbüchern über Konjunktureinbrüche und Asylantenflut (Titel: »Die Invasion der Armen"). Doch dann wurde der geschaßte Beamte wieder aktiv: Müller ist seit vergangenem Herbst Chef der Berliner Republikaner (Rep) und führte den marodesten Landesverband des Franz Schönhuber auf stolze 8,3 Prozent bei der Kommunalwahl im Mai - ausgerechnet »in meiner Vaterstadt«, klagt der ebenfalls in Berlin lebende Sozialdemokrat Bölling.

In den West-Berliner Kiez-Quartieren von Wedding, Neukölln oder Spandau, wo die meisten Arbeiter, Ausländer, Armen und Arbeitslosen wohnen, bekamen die Reps ausnahmslos zweistellige Stimmanteile. In vier Bezirken stellen sie erstmals auch einen Stadtrat.

Den Erfolg schreibt Presseamts-Müller vor allem einer personellen Säuberung seiner Truppe zu. Zuvor hatte der Berliner Rep-Ableger wegen seines dubiosen Führungspersonals in der Stadt in äußerst schlechtem Ruf gestanden.

Der Chef der Ordnertruppe etwa war ein Halbweltler und Karatekämpfer, genannt Chinesen-Kalle. Den Vorsitzenden Bernhard Andres, einen beurlaubten Polizeiobermeister, scheuchte Schönhuber persönlich aus dem Amt. Schönhubers Begründung: »Bernhard, dein Vorstand besteht aus Kriminellen.«

Die »Viererbande« (Müller) um Ex-Vorstand Carsten Pagel hinterließ Nachfolger Müller »nicht mal eine Schreibmaschine«. Dafür sucht der noch nach Resten von 3,3 Millionen Mark. So hoch waren die Partei-Einkünfte in zwei Jahren. Müller: »Wo ist nur das Geld geblieben?«

Der Ex-Genosse Müller, der mit dem schütteren, quer über den Schädel gekämmten Haar an eine Figur von Loriot gemahnt, ist für den Rep-Vorsitzenden Schönhuber in der deutschen Hauptstadt nahezu Idealbesetzung. Mit seinem bedächtigen fränkischen Flair könnte er, ähnlich wie Ex-Oberbürgermeister Klaus Zeitler in Würzburg, der im Mai von den Sozis zu den Reps wechselte, das verschrammte Bild der Rechtsaußenpartei glätten helfen.

Wo das Ausländerraus-Gegröle der Rep-Anhänger bürgerliche Wähler abschreckt, formuliert der Neu-Nationale vorgestriges Geistesgut in druckbarem Deutsch.

In der Sache ist auch Ex-Sozi Müller stramm auf Schönhuber-Linie: »Wir werden die Masse der hier lebenden Ausländer aus Nicht-EG-Staaten in ihre Heimatländer zurückschicken müssen. Das gilt in erster Linie für die Türken, es gilt aber auch für die Iraner, Libanesen, Iraker und Kurden, die Algerier und Marokkaner.«

Einer der Müller-Mentoren von einst, Alt-Sozialdemokrat Hans-Jürgen Wischnewski, ist zwar über den Frontwechsel »erschüttert«, aber er hält Müller noch immer für einen »aufgeschlossenen, vernünftigen, seriösen Mann«.

Erzfeind Bölling sieht das ganz anders. Müller, der 1973 die Journalisten-Vereinbarung der Bundesregierung mit der DDR ausgehandelt hat, sei schon damals, sagt Bölling, »ein ganz merkwürdiger Mann mit Hang zur Konspiration« gewesen.

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