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»Wo gibt es ein Land wie dieses?«

SPIEGEL-Redakteur Romain Leick über die EG-Minister in Südafrika *
Von Romain Leick
aus DER SPIEGEL 37/1985

Luxemburgs Außenminister Jacques Poos ist ein Mann mit sanften Manieren und von geräuschlosem Auftreten. Als Vertreter eines Kleinstaates, das weiß er, würde er mit polternden Großmacht-Attitüden ja auch bestenfalls Heiterkeit erregen.

Der Zufall und die komplizierten Regeln der Europäischen Gemeinschaft aber bestimmten Ende vorletzter Woche, daß gerade der liebenswürdige Poos sich als Sprecher einer großen Macht gebärden mußte - und das gegenüber Leuten, mit denen nun wirklich nicht gut Kirschen essen ist.

Der Luxemburger, der gegenwärtig den Ratsvorsitz in der EG einnimmt, leitete eine Delegation, die sich im Auftrag des Europas der (bald) Zwölf ein Bild von der Lage in Südafrika machen sollte.

Es war schon eine seltsame Troika, die da in die festgefügte Buren-Welt einfiel: Neben Poos Italiens Giulio Andreotti, so schlau, daß niemand weiß, wo er wirklich steht, und Hollands Hans van den Broek, der sich benimmt, als geniere er sich unentwegt der besonderen historischen Beziehungen seines Landes zu den »Afrikaanern«.

Wäre es nur darum gegangen, Informationen zu sammeln, hätten sich die drei EG-Emissäre ihren Blitzbesuch sparen können. Alle Tatsachen »stehen Ihnen doch auch in Europa zur Verfügung«, wunderte sich Beyers Naude, Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrats, über die Besucher. Daß sie ihren Auftrag dennoch harmlos als »factfinding mission« umschrieben, enthüllt vor allem, in welcher Verlegenheit die Wirtschaftsgroßmacht EG steckt.

Denn die Regierungen der EG-Staaten sind sich zwar einig in der Verurteilung des Apartheid-Systems, nicht aber in der Frage, wie sie das Regime von Präsident Pieter Willem Botha zu tiefgreifenden Reformen bewegen können.

Die Formel, nach der die Europäer suchen, soll Unmögliches miteinander vereinbaren: Wirtschaftssanktionen müßten Südafrikas weißen Herren weh tun, ohne die Schwarzen zu treffen - und tunlichst auch ohne die eigenen Handelsinteressen allzu sehr zu schädigen.

Solche wundersamen Mittel gibt es nicht, wie die EG sehr wohl weiß. Deshalb sind Poos, Andreotti und van den Broek auch nicht nach Pretoria gekommen, um zu drohen und zu mahnen, wie es sich Südafrikas erster Wirtschaftspartner ja wohl herausnehmen könnte. Vielmehr suchen sie mühsam nach einem noch so vagen Zugeständnis, das es ihnen erlauben würde, nicht Farbe bekennen zu müssen.

Es wäre, bei solchen Voraussetzungen, ein diplomatisches Kunststück gewesen, sich bei den Buren nicht zum Narren zu machen. _(EG-Kommissar Willy de Clercq, ) _(Außenminister Jacques Poos (Luxemburg), ) _(Giulio Andreotti (Italien) und Hans van ) _(den Broek (Niederlande). )

Doch noch bevor es losging, hatten die drei schon kapituliert. Im tagelangen Gerangel um das Besuchsprogramm nahmen sie einen Affront nach dem andern hin. Um überhaupt in Pretoria empfangen zu werden, mußten sie zunächst einmal feierlich geloben, »Südafrika keine fremden Formeln vorzuschreiben« (Poos), weder über den Inhalt der verlangten Reformen noch über einen Zeitplan für ihre Verwirklichung zu reden. Im Klartext: Der Besuch durfte nur stattfinden, wenn sichergestellt war, daß er ergebnislos bleiben würde.

Als sie wünschten, den seit über 20 Jahren einsitzenden Führer des African National Congress (ANC), Nelson Mandela, im Gefängnis zu besuchen, wies Südafrikas Außenminister Roelof Botha die Forderung als »bizarr« zurück.

Die drei waren kaum gelandet, da klärte Präsident Botha sie über die Sinnlosigkeit ihrer Mission auf: Südafrika werde »kein Land auf der Welt bitten, keine Sanktionen gegen uns zu verhängen«.

Vergeblich versuchte Poos zu begütigen: Südafrika, so hielt er dem Präsidenten vor, sei »völlig isoliert«. Die Regierung habe jede Glaubwürdigkeit verloren, ihre Reformansätze würden in der Welt nicht beachtet. »Wir sind gekommen, Ihnen aus der Isolation zu helfen. Das sollten Sie uns nicht zum Vorwurf machen.«

Die Offerte wurde schroff zurückgewiesen. Wenn die Europäer den Namen Mandela erwähnten, ging der Afrikaaner-Präsident zornbebend an die Decke. Wenn die drei die Diskriminierung der Schwarzen verurteilten, antwortete er mit sarkastischen Anspielungen - zum Beispiel darauf, daß die Türken in der Bundesrepublik auch nicht eben von gleich zu gleich behandelt würden.

One man, one vote? In Wirklichkeit gebe es das auch in Europa nicht. So komme in Frankreich in einigen Wahlkreisen ein Abgeordneter auf 80 000 Wähler, in anderen einer auf 120 000.

Die Reformen in Südafrika kämen zu zögernd, die Schwarzen würden nicht schnell genug an der politischen Macht beteiligt? Europa, so Bothas Erwiderung, brauche ja auch ziemlich lange, um zu einer politischen Union zusammenzuwachsen. Andreotti rechnete er vor, wie viele Jahrzehnte nötig gewesen seien, bis das Piemonteser Königshaus Italien zu einer einheitlichen politischen Nation vereinigt habe.

Und überhaupt, hielt Botha seinen Gästen vor, hätten die Europäer kein Recht, sich in Südafrika einzumischen. »Warum reisen Sie nicht nach Mosambik?« Dort würden die schwarzen Babys von den wilden Tieren gefressen.

»Wo in Afrika gibt es noch ein Land wie dieses«, fragte der Präsident pathetisch, »mit einer freien Presse, freien Gewerkschaften und einem Wohlstand«, wie ihn die Schwarzen sonst nirgendwo hätten?

Statt selber zu drohen - was einem Mann wie Poos ohnehin psychische Pein bereitet hätte -, wurden die Europäer bedroht: Wenn die EG Sanktionen gegen Südafrika beschließe, argumentierte Botha, würden Millionen von Schwarzen ihren Job verlieren. Die Regierung in Pretoria sei dann gezwungen, die Arbeitslosen über die Grenzen in die Homelands und in die Nachbarländer zurückzuschicken. Für das Elend dieser Deportation, so der Präsident, »werden wir Europa öffentlich verantwortlich machen«.

Die Arroganz des Staatspräsidenten, der in seiner Nationalen Partei noch zu den Gemäßigten gerechnet wird, beweist, wie weit sich die Afrikaaner schon in ihre Wagenburg zurückgezogen haben. Botha und seine Mitstreiter können sich keine größere Schmach vorstellen, als ausländischem Druck zu weichen. Auf Vorhaltungen von außen, so erkannte Poos, »reagiert der nur verstockt«. Bezeichnend: Erst nach der Abreise der EG-Inspizienten mochte Roelof Botha einräumen, die weißen Regierungen der Vergangenheit seien mit ihren Rassentrennungsgesetzen womöglich »zu weit« gegangen.

Da kommt der alte Buren-Wahn durch, das Lager zu schließen und allein auf sich gestellt »bis zum letzten Blutstropfen« (Botha) gegen eine feindliche Umwelt zu kämpfen. Statt nach politischen Perspektiven zu suchen, klammert sich der Staatschef an Durchhalteparolen: »Wir lassen uns nicht aus einem Land vertreiben, das wir nicht gestohlen, sondern zum Blühen gebracht haben.«

Solche Sprüche offenbaren eine Gesinnung, Politik ersetzen sie nicht. Bothas Pech ist es, daß seine den Sjambok-Stock schwingenden Polizisten jede Straßenschlacht in den schwarzen Townships gewinnen können, nicht aber den Bürgerkrieg.

So paradox es klingt: Gerade weil der Kampf der Schwarzen politisch unorganisiert ist, wird er der Regierung so gerährlich. Die Staatsmacht hat es mit einem Aufstand zu tun, der in Wahrheit kopflos ist - deshalb kann sie die Unruhen auch nicht beenden, indem sie, so Robert Schirrer von der Universität Kapstadt, »den Kopf einfach abschlägt«, sprich: schwarze Rädelsführer verhaftet.

Die EG-Delegation bedrückte vor allem, daß »die politische Mitte in diesem Land immer mehr zurückgedrängt wird« (Poos). Der Verhärtung der weißen Afrikaaner entspricht eine Radikalisierung der Schwarzen; Verhandlungen zwischen den Fronten, so der (weiße) Chef der offiziellen Opposition, Frederik van Zyl-Slabbert, würden auf beiden Seiten »nur noch als Verrat« empfunden.

Vornehmlich die jungen Vertreter der schwarzen Opposition, sagte Andreotti, verträten einen Radikalismus, »vor dem sich niemand retten kann«.

Stundenlang warteten die EG-Außenminister im niederländischen Generalkonsulat von Kapstadt auf Abgesandte der Anti-Apartheid-Bewegung »Vereinigte Demokratische Front« (UDF). Doch sie wurden versetzt: Weil ihre Führer im Gefängnis säßen, hätten sie kein Mandat für ein Gespräch mit der europäischen Delegation, teilten die UDF-Vertreter telephonisch mit.

Den wahren Grund nannten sie Journalisten: Das fest vereinbarte Gespräch sei sinnlos, weil die EG »keine factfinding mission, sondern eine goodwilltour« veranstalte.

Vergebens begehrten Poos, Andreotti und van den Broek, Nelson Mandelas Frau Winnie zu sehen. Sie sei verhindert, ließ ihr Anwalt wissen. Ob sie dann wenigstens mit Tochter Zindzi sprechen könnten, schlugen die drei vor. Grob

erwiderte der Anwalt, Zindzi sei zu jung, um politische Gespräche zu führen, den Außenministern gehe es wohl nur um einen Phototermin.

Vermutlich hatte er recht. Für die EG-Abgesandten war die Blamage komplett: Angetreten, der unterdrückten schwarzen Mehrheit ihre Solidarität zu demonstrieren und der weißen Regierung ins Gewissen zu reden, mußten sie erleben, daß sie weder von den einen noch von den anderen ernst genommen werden.

Selbst der vor gutem Willen übersprudelnde Bischof Desmond Tutu ließ sich nur widerwillig zu einem Treffen breitschlagen. Eindringlich appellierte er an die EG-Minister, das Regime mit Sanktionen zu bestrafen. Die seien eines der letzten gewaltlosen Mittel, um Botha zum Einlenken zu bewegen.

Da täuscht sich der fromme Mann wahrscheinlich. Aber daß Sanktionen womöglich nichts bewirken, wäre ja noch kein Grund, sie nicht zu verhängen. Gewiß, die harten, die »verkrampten« Buren würden sich aus einem Handelsboykott wenig machen; sie leben in einem ohnehin isolierten Land, sind zudem von ihrer Tradition her an Autarkie und Selbstgenügsamkeit gewöhnt.

Sicher auch würden Sanktionen Nachteile für die Schwarzen bringen - wenigstens für jene, die in den Gold- und Kohleminen einen Job haben.

Weil sie wenig bewegten, womöglich die Falschen träfen und die Sanktionierer selbst schädigten, darauf redet sich die EG gerne hinaus, seien Sanktionen eher ein Zeichen von Ratlosigkeit, Ausdruck einer Politik, die mehr von Gesinnung als von Verantwortung geprägt sei.

Nur: Es gibt Situationen, in denen zivilisierte Staaten auch Gesinnung zeigen müssen. Europa, so viel gab der EG-Missionschef zu erkennen, wird dazu kaum den Mut haben. Die EG ist eben doch nur eine Wirtschaftsmacht.

Als Poos nach 58 Stunden in Johannesburg das Flugzeug zurück nach Europa bestieg, griff er dankbar nach dem Champagner, den die Stewardeß reichte: »Den Schluck haben wir verdient.«

Es klang mehr nach Erleichterung, das Burenland hinter sich lassen zu dürfen, als nach Stolz auf das Erreichte.

EG-Kommissar Willy de Clercq, Außenminister Jacques Poos(Luxemburg), Giulio Andreotti (Italien) und Hans van den Broek(Niederlande).

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