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ANTISEMITISMUS Wo kommst weg?

aus DER SPIEGEL 42/1966

Dem Pferdehändler Siegmund Spiegel klang aus dem Telephon vertraute Botschaft entgegen, die er längst vergessen hatte: »Ihr kommt noch alle dran, nehmt euch nur in acht.« Und ein paar Tage später, in einer Septembernacht: »In zehn Minuten bist du reif, Jude.«

Dann war der Anrufer reif: Spiegel hatte die Polizei seiner Heimatstadt Ahlen im Münsterland verständigt, die ein sogenanntes Fanggerät am Telephon des Händlers installieren ließ. Nach jenem Nachtgespräch konnte der Anrufer lokalisiert werden. Die Spur führte in die Polizeistation von Ahlen.

Dort schob zur fraglichen Zeit allein der Hauptwachtmeister Wilfried Schindler, 26, Wache. Polizist Schindler gestand und wurde gefeuert.

Nazi-Verfolgter Spiegel: »Ich begreife das alles nicht. Gerade hier bei uns hätte ich so was nie erwartet.«

Dem jüdischen Pferdehändler Siegmund Spiegel, 67, und seiner Frau Marga, geborene Rothschild, 52, erschien der unvermutete Haßausbruch per Telephon vor allem deshalb unbegreiflich, weil ihnen in einer Zeit, als Antisemitismus eine Tugend war, viele geholfen hatten: Vom Februar 1943 bis Kriegsende war das Ehepaar Spiegel mit seiner 1938 geborenen Tochter Karin von mehreren Bauern im Ahlener Hinterland versteckt und so vor Gestapo und Gaskammer bewahrt worden. In dieser Zeit kamen 37 Angehörige der Spiegel -Familie in Konzentrationslagern um.

Die Familie Spiegel durchlitt alle Phasen der Judenverfolgung. In der Kristallnacht wurde Siegmund Spiegel, Kriegsfreiwilliger des Ersten Weltkriegs, von SA-Leuten verprügelt. 1939 erhielten sie Ausweise mit dem Aufdruck »J« und den Zusatznamen Sara und Israel. Dann wurden sie nach Dortmund vertrieben, wo der Mann in einer Juden-Kolonne Zwangsarbeit auf einer Zeche verrichten mußte.

Im Februar 1943 erhielt Spiegel den gefürchteten Zettel mit dem unverfänglichen Text: »Sie haben sich zwecks Prüfung Ihrer Arbeitspapiere vormittags neun Uhr am Schlachthof, Dortmund, zu melden.« Der Mann mit dem Judenstern wußte, was das bedeutete.

Doch es traf ihn nicht unvorbereitet. Bei gelegentlichen Hamsterfahrten aufs Land - den Judenstern verdeckte er mit vorgehaltener Aktentasche - hatte der Bauer Hubert Pentrop in Nordkirchen ihn vor den Judentransporten gen Osten gewarnt: »Geh nicht mit. Von dort hört man nichts Gutes.« Und: »Komm zu mir, ich verstecke dich.«

Für diesen Fall hatte Spiegel seine Tochter Karin auf Frage und Antwort gedrillt: Sie müsse, wenn der Vater einmal »Soldat werden« würde und sie mit der Mutter zum Bauern ginge, immer sagen, ihr Name sei Karin Krone.

Dann begann die Odyssee der drei Juden durch die Dörfer des Münsterlandes. Sie wurden von der Polizei gesucht, konnten keine Papiere vorweisen, bekamen keine Lebensmittelkarten. Wer sie aufnahm, riskierte Haus, Hof und Familie, wenn nicht das Leben.

»Zuerst war es ziemlich aufregend«, erinnert sich heute Anni Richter, ältestes von acht Kindern des inzwischen verstorbenen Ehepaares Heinrich und Maria Aschoff, auf dessen Hof Mutter und Tochter Spiegel monatelang unter falschem Namen lebten.

Die Ausgestoßenen konnten sich auf dem großen Hof frei bewegen. Anni Richter, damals BDM-Mädchen und in die Heimlichkeiten eingeweiht: »Es fiel gar nicht so auf. Wir hatten immer viel Besuch.«

Doch eines Tages saß ein Polizist in der Küche, hatte das Judenkind auf dem Schoß und fragte nach seinem Namen. Marga Spiegel: »Mir blieb fast das Herz stehen.« Aber die Fünfjährige antwortete prompt: »Krone.«

Siegmund Spiegel fand im Laufe der Jahre bei mehreren Bauern des Münsterlandes Unterschlupf. Zuerst im Dorf Dolberg, dann auf dem abseits gelegenen Gehöft von Hubert Pentrop, der dem Juden schon frühzeitig Asyl angeboten hatte.

Pentrop heute: »Das war so 'n Samstagabend, ich vergesse das ja nie, da kommt er mit seinem Koffer an. Ich sag': 'Kerl, wo kommst weg?'« Und er gab dem Verfemten eine Kammer, deren Tür nur auf ein verabredetes Klopfzeichen geöffnet wurde.

Im Gegensatz zu Frau und Tochter mußte Spiegel sich stets verborgen halten; er war im wehrfähigen Alter, was bei Fremden Verdacht hätte erwecken können, und außerdem bei den Bauern in der Umgebung wohlbekannt. Heimlich wurde ihm Essen gebracht, nur nachts konnte er sich die Füße vertreten.

Dennoch wagte »Frau Krone« es, den Pentrop-Hof zu besuchen. Bevor aber Spiegel seine Tochter - die glaubte, er sei Soldat - sehen durfte, war eine makabre Maskerade vonnöten: Er zog Pentrops Feuerwehruniform an, hängte sich das Eiserne Kreuz - das er im Ersten Weltkrieg erwarb und stets mit sich führte - um den Hals und trat vor Karin als »Urlauber« hin.

Nicht immer funktionierte die Geheimhaltung. So hatte ein Pflichtjahrjunge auf Pentrops Hof die Klopfzeichen an der geheimnisvollen Kammertür belauscht; eines Tages klopfte er selbst. Ahnungslos öffnete Spiegel. Noch am gleichen Abend verließ der Ertappte die Zufluchtsstätte. Auf dem Gehöft von Heinrich Silkenbömer fand Spiegel Unterkunft in einer Kammer. Ein Strick am Fensterkreuz sicherte den Fluchtweg nach draußen.

Unterdes wurde Karin Spiegel in ihrem Stammquartier bei den Aschoffs krank, ein Arzt verordnete Hospitalbehandlung. Es gelang der Mutter, das Kind unter falschen Angaben in einer Klinik in Ascheberg unterzubringen. Um nicht durch zu langen Aufenthalt an einem Ort Verdacht zu erregen, wechselten Mutter und Tochter nach der Genesung des Kindes nach Werne zum Bauern Sickmann über.

Bernhard Sickmann, furchtlos und fromm wie Pentrop, nahm die Bedrängten ohne Federlesens auf: »Wir haben sie als Besuch aufgenommen, und damit war die Sache fertig.«

So überstanden die drei Gehetzten - nach weiteren Stationen auf Gehöften um Ahlen - die Wirren des letzten Kriegswinters. Ostern 1945 war im Münsterland alles vorbei, die Familie Spiegel kehrte nach Ahlen zurück.

21 Jahre danach aber schlug ihnen mehrstimmig der Judenhaß entgegen. Denn nachdem der Polizist Schindler von seinen Kollegen entlarvt worden war und die Affäre beigelegt schien, klingelte bei Spiegel abermals das Telephon, diesmal am frühen Morgen.

Anonyme Anrufer teilten der entsetzten Familie mit, es sei noch nicht aller Tage Abend.

Spiegels Haus an der Beethovenstraße in Ahlen wurde unter Polizeischutz gestellt.

Bauer Pentrop: Klopfzeichen an der Kammertür

Bauer Aschoff

Polizei in der Küche

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