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IMAGE Wo was los ist

Mit Hektik versucht FDP-Innenminister Hans-Dietrich Genscher Image-Mängel auszugleichen, die ihm eine von der FDP in Auftrag gegebene Psycho-Studie nachweist.
aus DER SPIEGEL 4/1972

Die Gelegenheit schien günstig, die Bonner Kabinettstars waren verreist. Kanzler Brandt badete im Golf von Mexiko, Wirtschafts- und Finanzminister Schiller durchstreifte den Busch von Obervolta, Verteidigungsminister Schmidt segelte auf dem Manyara-See in Tansania. Selbst die Starlets waren aus der Hauptstadt geflohen, Wissenschaftsminister Leussink nach Südamerika, Entwicklungsminister Eppler nach Nordafrika.

Die Woche des Hans-Dietrich Genscher war gekommen. Auf der Flucht vor seinem grauen Image und der farblosen Alltags-Routine und auf der Suche nach Popularität und Wählergunst hetzte Bonns freidemokratischer Innenminister in acht Tagen 5000 Kilometer quer durch die Republik, teils vertikal, teils horizontal, mit dem schwarzen Dienst- Mercedes 280 SE und dem olivfarbenen Dienst-Hubschrauber Beil UH-1 D. Der Polizeiminister wurde gesehen in Stuttgart und Hannover, im Schwarzwald und im Ruhrgebiet, an Rhein, Main und Inn -- vor allem aber auf der TV-Röhre in ARD und ZDF.

Der Rastlose verharrte nur, wenn er Jupiterlampen. Mikrophone und elektronische Kameras erspähte. Letzte Woche ließ sich der Minister in Rundfunk und Television mehr als zwei dutzendmal bundesweit hören und sehen.

Auf dem Dreikönigstreffen der Freidemokraten in Stuttgart und beim FDP-Landesvorstand in Hannover richtete er die Parteifreunde auf. 16 Stunden lang feilschte er erfolgreich im Vier-Sterne-Hotel »Stuttgart International« mit ÖTV-Chef Kluncker um neue Tarife für die Angestellten im öffentlichen Dienst. Anschließend hofierte er die organisierten Beamten auf ihrem Jahreskongreß auf der Bühler Höhe.

Demonstrativ pflegte er deutsche Traditionswerte: Macht und Geld. Sport und Spiel, Recht und Ordnung. Auf dem Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Wuppertal machte Genscher am Dienstag vergangener Woche den Handelsherren seines Wahlkreises die Honneurs. Am Abend tafelte er im Düsseldorfer Industrieclub mit den Bossen von Rhein und Ruhr.

Am Freitag tanzte er auf Neckermanns Bali der Deutschen Sporthilfe in der Hoechster Jahrhunderthalle. Für den Samstag buchte der Sportminister die Eisschnellauf-Europameisterschaften der Damen in Inzell und das Sportpressefest in der Dortmunder Westfalenhalle.

Unter den Rotorblättern lobte er für das Fernsehen das Vorgehen der Beamten des Grenzschutzes in Kiel-Holtenau, die von einem DDR-Frachter Frau und Kind eines geflüchteten Ingenieurs befreit hatten, als »vorbildlich, umsichtig und im Rahmen des geltenden Rechts«. Am Dienstag geißelte Verfassungsschützer Genscher vor Bonns Presse die Umtriebe von Gastarbeitern, Radikalen und Spionen in der Bundesrepublik.

Vor den TV-Kameras schlug er den Rat des Kabinettskollegen und Rechtsprofessors Horst Ehmke aus, in einer Stellungnahme zu der Baader-Meinhof-Kolumne Heinrich Bölis im SPIEGEL nicht nur die Polizeischelte des Schriftstellers zu tadeln, sondern auch Bölls Kritik an der »Bild«-Hetze gutzuheißen. Ordnungshüter Genscher schenkte sich den zweiten Teil des Ehmke-Rates

Zwei Tage später, am Donnerstag. löste sein Bundeskriminalamt die bisher größte bundesweite Fahndung gegen die Baader-Meinhof-Gruppe aus. Doch Genschers Wochen-Show blieb ohne krönendes Finale, des Ministers Unrast hatte sich nicht ausgezahlt.

Schon im vergangenen Jahr hatten Demoskopen ermittelt, daß Genschers Gangart dem FDP-Minister beim Publikum wenig nützt. Nach einer von der FDP in Auftrag gegebenen Motivstudie der »Arbeitsgruppe für psychologische Marktanalysen« rangiert der rührige Sachse mit der »Freude an der Geschäftigkeit« ("FAZ") in seinem Bekanntheitsgrad allenfalls bei eingeschworenen FDP-Wählern hinter Brandt und Scheel an dritter Stelle.

Zwar gilt Genscher nach den Erhebungen von Gruppenleiter Bergler als »sehr publizitätsbewußt«, als ein Politiker, der sich »überall sehen läßt, wo was los ist«. Aber -- so die für Genscher tragische Beugler-Erkenntnis -- alle Ministerhektik bringt die anvisierten FDP-Wähler nicht von ihrem Urteil ab, der zweite Mann der Freidemokraten sei »nicht besonders intelligent; bestimmt kein Akademiker; sehr einfach und schlicht«. Ihr knappes Resümee: »Witzlos, fad, profillos, farblos.«

Irritiert fühlen sich die Bundesbürger vor allem durch den »naiven Augenaufschlag -- wie eine Diva«.

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