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SCHULEN Wochenhinkel I

Westdeutsche Erziehungswissenschaftler haben ein neues Konzept für den deutschen Schulhof: spielen und spielen lassen.
aus DER SPIEGEL 17/1977

Wo es »öde« ist und »schmutzig«, »viel verboten, jedoch nahezu nichts erlaubt«, da macht der bundesdeutsche Nachwuchs regelmäßig Pause: auf dem Schulhof.

Wo nichts los ist, es sei denn Radau und Rabatz, ereignen sich 40 Prozent aller Schulunfälle. Wo Schüler und Schülerinnen sich erholen sollen, geht es langweilig zu oder auch ganz anders -- prügelnde Knaben, schimpfende Lehrer, am Ende ist jeder froh, wenn"s wieder klingelt.

Der Erziehungswissenschaftler Peter Kraft von der Pädagogischen Hochschule Münster hat, zusammen mit sechs anderen Pädagogen, jetzt erstmals umfassend untersucht, wie die Zustände auf bundesdeutschen Schulhöfen nun mal sind -- vor allem aber, wie sie sein könnten*.

Denn so trist oder gräßlich, je nachdem, wie die Älteren den Schulhof in Erinnerung haben und die Jüngeren ihn gewahr werden, braucht der Schulhof nach Überzeugung der Erziehungswissenschaftler keineswegs zu sein, Sie plädieren für einen radikalen Funktionswandel des Schulhofs und rücken ihn aus dem pädagogischen Abseits in den Mittelpunkt.

Bislang galt der Platz vor oder hinter der Schule, früher zumeist kiesbedeckt und heute häufig asphaltiert, als »ausgesprochene Randerscheinung« des Unterrichts: geformt nach DIN 18031, wonach der Schulhof aufzuweisen hat >"Abfallbehälter in ausreichender

Anzahl«,

* »ausreichenden Staub- und Windschutz«,

* »eine staubfreie und schnell trocknende Oberfläche«,

* »je Schüler mindestens fünf Quadratmeter freie Fläche«.

Es gibt kaum etwas, was auf Schulhöfen nicht irgendwo verboten wäre, Herumrennen und Ballspielen etwa, Bockspringen, Kettenziehen, Radfahren, Klettern, den Rasen betreten, sogar Essen und Trinken. Zu herrschen haben, zumindest auf dem Papier, »Sauberkeit«, »Ruhe«, »Ordnung«.

Durchweg erlaubt, so stellt der Münsteraner Kraft sarkastisch fest, wird Grundschülern lediglich »gehen, stehen, sich (im Gehen oder Stehen) unterhalten«. Die Schulordnung eines Berliner Gymnasiums liest sich wie ein Gefängnis-Reglement: »Die Pausen dienen der Erholung. Sie wird bei rund 500 Schülern am besten gewährleistet, wenn alle langsam auf dem Hof herumgehen (Kreisverkehr).«

Noch immer ist, wie die Münsteraner feststellen, »das Ritual von »Aufstellen und Reingeben« nicht überall verschwunden«. In 179 der von dem Pädagogen-Team untersuchten 252 Grundschulen des Regierungsbezirks Detmold haben sich alle Schulklassen zu formieren, wenn die Pause beendet ist -- ein Überbleibsel strenger Tradition, die sich zumindest für Preußen datieren läßt: auf den 6. Juni 1842, als eine königliche Cabinetsordre den Lehrern die »Erhaltung und Kräftigung der körperlichen Gesundheit« ihrer Schüler anvertraute, um »dem Vaterlande tüchtige Söhne zu erziehen«.

Zweifel darüber, was das bedeuten mochte, beseitigte 1860 eine Circular-Verfügung: Die körperliche Kräftigung sollte »unmittelbar die Wehrhaftmachung des Volkes fördern«. Damals wurde aus dem Schulhof ein Turn-, Appell- und Exerzierplatz. und wie es dann zu Kaisers Zeiten zuging, beschreibt im Kriegsjahr 1914 beispielsweise Roloffs »Lexikon der Pädagogik": »Das Aufstehen der Schüler beim Kommen und Gehen des Lehrers hat mit einem einzigen Ruck zu geschehen und muß »klappen« wie ein Bataillonstritt bei der Parade. Im Gänsemarsch

* Peter Kraft: »Der Schulhof als Ort sozialen Verhaltens. Verlag Westermann, Braunschweig; 208 Seiten; 24 Mark.

mit regelrechtem Soldatenschritt sollen sie in den Pausen das Zimmer verlassen und zwei zu zwei im Schulhofe ordnungsgemäß auf und ab marschieren.«

Dafür eignete sich, laut preußischem Runderlaß von 1895, ein Platz von nicht mehr als 1,5 bis 3 Quadratmeter Freifläche pro Schüler, laut Pädagogen-Meinung von 1931 sollte er »geschlossen und rechteckig« sein und »wegen der Turnspiele möglichst wenige Hindernisse aufweisen«.

Hitlers Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung schließlich wünschte sieh Schulhöfe, die »klar und wahr, lebensnah und in die Zukunft weisend, dabei gebunden an die ewigen Kräfte deutschen Bodens und deutschen Formwillens« waren, und morgens um acht klappten denn auch in frischer Luft die Hacken zusammen -- was Wunder, daß deutsche Pädagogen nach dem Krieg vom Thema Schulhof nichts mehr wissen wollten.

Von 18 zwischen den Jahren 1950 und 1974 erschienenen pädagogischen Handbüchern erwähnen nur drei den Schulhof überhaupt, und dies dürftig. Das »Lexikon der Pädagogik« von 1971 widmet ihm nur einen einzigen Satz: »Der Pausenhof sollte pro Schüler mindestens fünf Quadratmeter groß sein.

Fünf Quadratmeter -- selbst wenn das genügend Platz wäre, reichte er den Münsteraner Erziehern um Kraft nicht hin. Sie gehen von einem ganz anderen Konzept aus, beziehen den Schulhof in die Erziehung ein und sehen ihn gewissermaßen als Stätte der spielerischen Kreativität -- Kontrapunkt zum Lernbetrieb in der Klasse.

Dies um so mehr, als sich Schüler zweieinhalb his fünf Stunden in der Woche und 1300 bis 2600 Stunden während ihrer Schulzeit auf dem Schulhof aufhalten. »Der Schulhof und damit die Pausen«, schreibt der Erziehungswissenschaftler Dieter Höltershinken, »stellen einen der ersten größeren außerfamilialen Sozialisations- und Erziehungsrahmen dar.«

Für die Münsteraner Pädagogen sind deshalb gerade auch Pausen-Spiele wichtiger Teil kindlicher Entfaltungsmöglichkeiten außerhalb der Familie, sie »fördern die Auseinandersetzung mit der Umwelt«, konfrontieren die Kinder »mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen, Wünschen, Erwartungen und Erfahrungen« ihrer Spielpartner und bieten ihnen »die Gelegenheit, Probleme zu artikulieren und (teilweise) zu bewältigen« -- dies nicht nach einem programmierten Pausenbetrieb, sondern beim Buddeln und Bauen, beim Hangeln und Hinkeln, vor der Malwand und an der Murmelbahn.

Minutiös entwickelten die Pausen-Pädagogen über rund 100 Seiten Spiel-Vorschläge mit »Cowboy Jacky«, »Ochs am Berge« oder »Schwarze Köchin«, »Wochenhinkel I« und »Wochenhinkel II«, »erster Durchgang: mit dem rechten Bein, zweiter Durchgang: mit dem linken Bein, dritter Durchgang: im Schlußsprung, vierter Durchgang: im Scherensprung«. Sie breiten Planskizzen für neue Schulhöfe aus, mit Bereichen für Ruhe und Bewegung, für Spiele mit und fürs Spielen ohne Regeln.

Auf dem neuer Schulhof soll Schach oder Mühle in den Boden eingelassen werden; Spielkarten und Bälle liegen in der Spielkiste, die neben der Klassenzimmertür steht. Abgeschirmte Nischen sollen her, mit Bauelementen aus Holz und Kunststoff; Balancierbalken, Böcke, Pfähle, Röhren, Klettertürme, das ganze Arsenal einer kindgemäßen Spielplatz-Welt.

Da soll es auf dem Pausenhof der Zukunft farbig markierte Rasen- und Asphaltflächen für Ball-, Lauf-, Sing-, Kampfspiele oder Spiele mit Reifen geben; feste und bewegliche Tore, Ballspielwände und Zielscheiben für Fußballübungen; angemalte Blechfässer zum Rollen und Balancieren; Spielinseln mit alten Reifen und eine Seilbahn. Da werden in bestimmten Hofteilen mit Betonfarbe Spielkreise und Hinkelkästchen auf den Asphalt gemalt; da weisen moderne Piktogramme, symbolische Hinweisschilder, Flächen für Gummitwist und Zonen für Seilspringen aus, weisen auf Murmelplätze und auf Spielhäuser hin.

Und für den, der gerade mal Hilfe braucht, sitzt in irgendeinem Hofteil ein Lehrer parat. Nicht »aufpassen und für Ruhe und Ordnung sorgen« soll er auf dem Pausenhof der Zukunft, sondern »anregen, unterstützen und Hilfe geben« (Kraft): ein neues Spiel erklären, ein Hüpf-Kästchen auf den Boden malen oder auch mit Erstkläßlern mal »Tote Oma« spielen und »Hänschen, du stinkst«.

Hier und da hat diese Schulhof-Zukunft auch schon begonnen. So haben Lehrer, Eltern und Schüler der Paul-Klee-Grundschule in Berlin-Tempelhof sich überwiegend im Eigenbau und mit zusammengebettelten 5000 Mark einen Schulhof geschaffen, der dem Kraftschen Ideal nahekommt. Im dänischen Assens schafften die Lehrer und 120 Eltern der Schule am Skelvej mit 4100 Mark ein weit aufwendigeres Projekt. Sie liehen sich das Geld von einer Bank und spielten den Betrag bereits nach drei Jahren wieder mit ein paar Schulfesten ein. Eine rheinische Grundschule begann gar erfolgreich mit 150 MarK.

Auf diesen Schulhöfen wird überdies praktiziert, was Kraft sich in Zukunft für die Spiellandschaften aller deutschen Schulhöfe wünscht: Während der Unterrichtspausen benutzen beispielsweise die etwa 1000 Tempelhofer Schüler den Pausenhof; nachmittags steht er allen Kindern offen.

Ob Krafts Ideen bei deutschen Lehrern ankommen werden, bleibt jedoch fraglich. Als die nordrhein-westfälische Grundschullehrerin Heide Kraft, Ehefrau des Pausen-Forschers, an ihrer eigenen Schule das Schulhof-Projekt durchzusetzen versuchte, scheiterte sie an Kollegen-Argumenten:

Spielzonen, sagten die Lehrer, würden sowieso nicht eingehalten, Autoreifen seien zum Sitzen zu schmutzig, an Baumstämmen reiße man sich, Sand werde in die Klassenräume getragen und:,. Kinder bringen doch nur alles durcheinander.«

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