Zur Ausgabe
Artikel 20 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BUNDESKRIMINALAMT Wodka und Weiber

In einem Prozeß um Korruptionsverdacht im Bundeskriminalamt sollen fragwürdige Ermittlungspraktiken im Untergrund unerörtert bleiben - »aus Staatsschutzgründen«. *
aus DER SPIEGEL 39/1983

Hans-Georg Haupt, 52, Kriminalhauptkommissar aus Wiesbaden, zählt sich zu den ganz Großen seines Metiers. Als Spezialermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) spielte er oft den Ganoven-Boß mit der dicken Brieftasche und machte mit Profis der Unterwelt manch heißes Geschäft. Wenn dann »Cash« fällig war, die »Ware« geliefert, ließ der Under-Cover-Agent (UCA) die härtesten Jungs hochgehen.

Haupt hat nach eigener Rechnung mit diesem Trick mindestens schon »einen Lkw voll Waffen«, »mehrere Kilogramm Rauschgift« und »Millionen an Falschgeld« sichergestellt. »Rund 100 Personen«, durchweg keine Eierdiebe, so prahlte der BKA-Mann in der TV-Sendung »Monitor«, säßen dank seines Spürsinns »hinter Schloß und Riegel«.

Wie es dort zugeht, wie man sich »auf sieben Quadratmeter Fläche« in einer Zelle fühlt, weiß der Star-Kriminalist inzwischen. Zwanzig Monate lang war er im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Gefängnisses »Ulmer Höh« in Untersuchungshaft; vom Dienst suspendiert, sitzt er nun in Duisburg jeden Donnerstag auf der Anklagebank.

Welcherart Fehlverhalten einen Top-Fahnder hinter Gitter führen kann, erörtert die Fünfte Strafkammer des Landgerichts Duisburg schon seit Monaten - und sie wird sich auch noch bis weit in den Herbst hinein damit quälen: Es geht um Bestechung, Erpressung und Unterschlagung eines Beamten im Spielhöllen-Milieu. Zugleich aber, in den Verhandlungspausen, ist unter Prozeßteilnehmern von der »verlorenen Ehre des Bundeskriminalamtes« die Rede.

Höhere Amtschargen sorgen sich, daß frühere V-Leute des BKA im Duisburger Zeugenstand auch andere Wiesbadener und gar Bonner Staatsschützer belasten könnten.

Weil dem Fall offenbar viel Anrüchiges anhängt, tragen BKA und Justiz hinter den Kulissen des Prozesses einen Machtkampf darüber aus, was aus »Staatsschutzgründen« in der Verhandlung überhaupt erörtert werden darf und was verschwiegen werden soll.

»Ist da nicht längst die Luft raus?«, kommentierte Haupts Ex-Vorgesetzter, BKA-Kriminaldirektor Hagen Saberschinsky, den Prozeß. Am liebsten wäre BKA-Oberen der Abbruch des Verfahrens, weil da doch, so formulierte es Haupt, »die gesamte verdeckte Verbrechensbekämpfung aufgedeckt wird«.

Die Verteidiger Thilo Liemersdorf und Horst Vogt verlangten, das Verfahren »zumindest zeitweise« auszusetzen, weil sich der Ex-Untergrund-Agent massiv bedroht fühlt: Angeblich trachten »der dicke und der lange Jan«, zwei äußerst polizeibekannte Holländer, die Haupt vor Jahren einmal als Scheinaufkäufer bei einem Deal mit einer Million Gulden Falschgeld aufs Kreuz gelegt hatte, dem Polizisten nach dem Leben.

100 000 Mark »für die Liquidierung« sollen nach BKA-Erkenntnissen ausgesetzt sein. Gemunkelt wird von einem möglichen »Säureattentat«. Die »akute Lebensgefahr«, fürchten die Anwälte,

werde durch Haupts »Teilnahme an der Hauptverhandlung noch gesteigert«.

Die Anwälte halten einen »hinreichenden Tatverdacht« für »nicht mehr begründet«, weil alle bisher vernommenen Zeugen die Vorwürfe gegen Haupt »weitestgehend widerlegt« hätten. »Die dicksten Dinger sind weg«, meint ein Duisburger Justizsprecher.

Ein wichtiger Zeuge namens »King« (BKA-Code: 015), der Korruptionsvorwürfe auch gegen andere BKA-Beamte kolportiert, allerdings ist bisher noch gar nicht gehört worden. Er »weiß nicht, wann ich in der Verhandlung drankomme, vielleicht ja überhaupt nicht mehr«. Denn, so »Kings« Eindruck: »Die ganze Affäre soll doch totgemacht werden.«

Aufgerollt worden war der Fall durch den Duisburger Staatsanwalt Gerd Schnittcher, 34, der 1981 mit einer Sonderkommission (Code: »Sonnenschein") mutig und forsch gegen zwei konspirative Dependancen des BKA in Mainz ermittelt hatte. Er war dabei »ans Eingemachte« (BKA-Jargon) geraten, an Praktiken der Under-Cover-Arbeit, die Schnittcher oft »allzu dubios« vorkamen (SPIEGEL 41/1982).

Haupt dirigierte einen Wagenpark teurer Limousinen, unterhielt in den meisten deutschen Großstädten Telephonanschlüsse mit Geheimnummern, mietete immer neue Wohnungen an und bewegte Millionensummen über diverse Konten. Dabei floß Champagner in Edelbordellen, manch Tausender aus staatlicher Kasse geriet offenbar in falsche Taschen. Vor allem aber: Illegale Spielklubs zahlten Schutzgelder, um von der Polizei unbehelligt zu bleiben.

Als sieben Bände Ermittlungsakten darüber gefertigt und eine voluminöse Anklageschrift erstellt waren, erbebte in Wiesbaden die Kriminalistenwelt. Nicht nur, daß Haupt gewarnt worden sein muß und daß Beweise beiseite geschafft worden sein könnten - gezielt hatte Haupts Ehefrau Anneliese verbreitet, auch andere BKA-Beamte seien in den Bestechungsfall verwickelt.

Fälle wie Haupt waren möglich, weil sich Kriminalpolitiker gedrückt hatten, Regeln für UCA-Einsätze zu entwickeln: Under-Cover-Agenten seien nun einmal »Männer«, erinnerte Kriminalist Bernd Wehner im Fachblatt »Kriminalistik«, »die nicht jeden Sonntag zur Beichte gehen«. Üblich ist da »der Umgang mit Leuten«, erläuterte Praktiker Haupt, »die im Hotel gleich nach Wodka und Weibern rufen«.

Anders als in den USA, wo FBI-Agenten mit einem bestimmten Monatsbudget tun können, was sie wollen, war Haupt »wie ein korrekter preußischer Beamter« zu Abrechnungen »auf Heller und Pfennig« verpflichtet. »Unmöglich« ist es nach seinen Erfahrungen, in der Rolle eines Gangsterbosses einerseits Sektgelage zu schmeißen und Schmiergelder zu zahlen, andererseits aber die Ausgaben zu notieren: »Die Abrechnungen alle drei Wochen, das ist dann ein hartes Brot.« Eigentlich immer schon hätten BKA-Vorgesetzte beim Gegenzeichnen »die Nase gerümpft«.

»Spesenabrechnungen von drei- oder fünftausend Mark«, wie sie in der Anklageschrift dokumentiert werden, können auch nach Ansicht des früheren Amtschefs Horst Herold »unmöglich in Ordnung sein«. Herold geht davon aus, »daß man da die Vorgesetzten in die Haftung einbeziehen muß«.

Geduldet oder nicht entdeckt wurde, daß Haupt Privatfeten über dienstliche Spesen abgerechnet hatte. Er reichte Rechnungen »mal im Original, mal in Ablichtung ein, um zweimal kassieren zu können«. Nach seiner Verhaftung räumte Haupt ein, Honorare für kleine V-Leute für sich behalten zu haben.

Welches Durcheinander in Geldsachen geherrscht haben muß, macht der Fall des UCA »King« deutlich: Erst weigerte sich das BKA, dem früheren Haupt-Leibwächter 26 000 Mark Honorare nachzuzahlen, die Haupt »vergessen« haben soll, an seinen Mitarbeiter abzuliefern. Schriftlich versicherte der damalige BKA-Vizepräsident Günter Ermisch, »Kings« Nachforderungen seien »haltlos«. Kurz darauf jedoch ließ Ermisch dem Belastungszeugen 24 000 Mark anweisen.

Die Branche rätselt, »ob das eine Abfindung oder etwa Schweigegeld« gewesen sei. Haupt kommentiert den Vorgang: »Hier hat das Amt einen schweren Fehler gemacht.«

Als Haupt ein Netz von illegalen Spielklubs aufzog, in denen seine V-Leute Top-Informationen über geplante Rauschgift-, Falschgeld- oder Waffengeschäfte gewinnen sollten, kassierte einer seiner Gehilfen nach den Ermittlungen des Staatsanwalts Schnittcher reichlich ab: »Nico«, Klarname Noel Gilisen, ein ehemaliger belgischer Kongo-Legionär, soll in den Spielklubs je 30 000 Mark Schutzgelder im Monat eingestrichen haben. Dafür gab er an die Croupiers Tips von Haupt weiter, wann und wo demnächst Razzien seien.

Der BKA-Beamte Haupt gab in der Untersuchungshaft an, erst etwa Mitte 1980 entdeckt zu haben, daß Gilisen nicht für das BKA arbeitete, sondern daß er das BKA für sich arbeiten ließ. In früheren Vernehmungen hatte Haupt erzählt, schon 1980 habe er Gilisens Tageshonorare, Spesen und Sonderprämien zwar beim BKA abgerechnet, die Gelder aber für sich behalten. Bei der »verdeckten Verbrechensbekämpfung«, schrieb Haupt aus der Untersuchungshaft an den Haftrichter, sei er in »böse Verstrickung und Abhängigkeit« geraten.

Zu jener Zeit plauderte Haupt auch ausführlich über Bestechungssummen in einem internationalen Rauschgiftfall oder über Unregelmäßigkeiten bei einer Falschgeld-Razzia in München. Der BKA-Mann nahm offenbar an, ein rückhaltloses Geständnis, das eine Serie von Zeugenvernehmungen im V-Mann-Milieu unnötig mache, werde ihm milde Richter bescheren.

Zusätzliche Dramatik gewann die BKA-Affäre im Februar 1982, als Haupt und dessen V-Mann Gilisen auch noch unter Mordverdacht gerieten. Ein Jahr nach dem mysteriösen Tod von Haupts Ehefrau Anneliese hatten Duisburger und Wiesbadener Staatsanwälte die Leiche ausgraben lassen: »Viele Indizien«, hielt Staatsanwalt Hans-Joachim Gotthardt damals fest, sprächen für ein Gewaltverbrechen

(SPIEGEL 46/1982); möglicherweise sei Gift im Spiel.

Ein Motiv war nach Ansicht von Gotthardt und Kollegen »gegeben«, weil die Ehefrau von Machenschaften der beiden Agenten gewußt habe und sie »hochgehen« lassen, »fertigmachen« und »erpressen« wollte (so Ohrenzeugen noch heute).

Später, als der Mageninhalt der Toten und Notizbücher aus einem Safe analysiert worden waren, konstatierten die Ermittler »erhebliche Schwierigkeiten mit der Beweisführung«. Nach einer Vernehmung Haupts wurde die Mordsache schließlich eingestellt. Agent »King«, einer der letzten Gesprächspartner der Toten, fragt sich inzwischen, ob die Frau des Polizisten »nicht einen Selbstmord wie Mord inszeniert hat, um ihm eins auszuwischen«.

In der Hauptverhandlung widerrief der Angeklagte sein Geständnis, umfangreiche Unterschlagungen begangen zu haben und bestochen worden zu sein. Haupt erklärt nun, »zu den Aussagen erpreßt worden« zu sein - von wem, will er »offenlassen«. Unverständlich ist dem BKA-Mann, daß das Bundeskriminalamt ihn bisher nicht »aus der Sache« herausgepaukt hat.

Alle Spesenabrechnungen, versichert der Angeklagte jetzt, seien »dienstlich begründet« gewesen; nur habe er die Namen seiner Gäste und Honorarempfänger durch Namen von Familienangehörigen und Freunden ersetzt - aus »Geheimhaltungsgründen«.

Einen Teil der Vorwürfe, Beteiligung an Falschgeld- und Rauschgift-Handel, hat die Anklagebehörde im Prozeß fallengelassen. Die Spesenfälle wurden von dem Verfahren abgetrennt. Das BKA sperrt sich aus Geheimhaltungsgründen dagegen, dem Gericht die Originalabrechnungen vorzulegen. Nur Photokopien von offenkundig zensierten Belegen wurden zur Verfügung gestellt.

Wenn solche »Fahndungskosten-Unterlagen« demnächst im Gerichtssaal erörtert werden sollten, sähe Haupt nach den Worten seiner Anwälte »keine Möglichkeit«, sich gegen die von Amts wegen getricksten Beweise »zu verteidigen«.

Alle Details, die der Angeklagte in dem Ermittlungsverfahren zu Protokoll gegeben hatte, werden jetzt nach Haupts Widerruf von Staatsanwalt Schnittcher im Zeugenstand referiert. Haupts wichtigste Mitwisser, die mehr Klarheit bringen könnten, sind tot (Ehefrau Anneliese), als Zeugen unerreichbar (Gilisen) oder »noch nicht dran« ("King"). Und Folge-Verfahren gegen weitere Beamte sind noch in der Schwebe.

So ermitteln die Duisburger Staatsanwälte gegen Haupts früheren Vorgesetzten Saberschinsky wegen des »Verdachts der Begünstigung und der Strafvereitelung«. Mit bewußt falschen Angaben über Haupts Lebensführung soll Agentenführer Saberschinsky den Duisburger Staatsanwalt davon abgehalten haben, bereits im März 1981 bei dem Hauptkommissar in Wiesbaden eine Hausdurchsuchung zu veranstalten.

Schon vorher hatte »King« den »Boss« im BKA, Saberschinsky, in Haupts »Unregelmäßigkeiten« einweihen wollen und um eine Aussprache gebeten. Als Antwort bekam er, so jedenfalls »King«, einen Rüffel: »Stellen Sie Ihre Drohungen gegen meine Mitarbeiter ein, sonst gehe ich offiziell gegen Sie vor.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 20 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.