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ZYPERN / TEILUNG Wölfe und Schafe

aus DER SPIEGEL 12/1964

Ein graugrüner Opel Rekord, der Ei im Schatten eines von 48 türkischen Flüchtlingen bewohnten Schafstalles zehn Kilometer nördlich der Zypern -Hauptstadt Nikosia steht, ist zum Symbol des Völkerhasses auf der Mittelmeerinsel geworden.

Der Wagen gehörte einem türkisch zyprischen Lehrer, der Weihnachten 1963 bei den Kämpfen im Nikosia-Vorort Omorphita ums Leben kam.

Die Familie des Wagenbesitzers flüchtete mit 5000 anderen Türken aus der von Griechen angegriffenen Vorstadt nach dem Schäferdorf Hamit Mandres, wo die Flüchtlinge seither in Ställen und Zelten hausen. Den Opel aber versprachen die Familienangehörigen des Lehrers demjenigen, der die in Omorphita zurückgelassene Leiche finde.

Viermal schlichen junge Türken in das verwüstete Omorphita. Keiner der Leichensucher kehrte zurück; niemand weiß, ob sie tot sind oder von den Griechen als Geiseln festgehalten werden.

Die Menschen in Hamit Mandres haben, die Hoffnung aufgegeben, die Leichen ihrer ermordeten Angehörigen oder ihre Wohnungen wiederzusehen: Alle Türken auf Zypern (Touristik -Werbeslogan: »Insel der Liebe und Schönheit") sind davon überzeugt, daß sie niemals wieder mit Griechen zusammenleben können.

Das Aufflammen neuer Kämpfe in der letzten Woche hat die Führer der türkischen Zyprer in der Auffassung bestärkt, daß der alte Zustand gemischter griechisch-türkischer Siedlungen auf Zypern sich nicht wiederherstellen läßt:

- In der Doppelstadt Paphos-Ktima, im

Südwesten der Insel, räucherten Griechen mit Granatwerfern und Panzerfäusten das Türkenviertel aus - 22 Türken und drei Griechen wurden getötet;

- in Kazaphani nahe Kyrenia an der

Nordküste der Insel eroberten Griechen den türkischen Ortsteil;

- in Mallia in den Troodos-Bergen zwangen griechische Freischärler die Türkengemeinde zur Kapitulation und Ablieferung ihrer Waffen.

Die türkischen Zyprer haben sich endgültig entschlossen, ihre Volksgruppen aus überwiegend griechisch besiedelten Orten herauszuziehen und damit eine Lösung vorzubereiten, die sie als einzig möglichen Ausweg aus dem Konflikt sehen: Zerlegung der Insel in einen türkischen und einen griechischen Teil (siehe Karte).

Schon unter britischer Herrschaft, als die griechisch-zyprische Terror-Organisation Eoka immer wieder »Enosis« (Vereinigung mit Griechenland) forderte, hieß das Schlagwort der Türken »Taksim« (Teilung).

Die türkische Parole fand jedoch bei den britischen Besatzern ebensowenig Gehör wie später bei Zypern-Präsident Makarios, der eine Teilung der Insel als Verrat an der nationalen Einheit der 1960 gegründeten Republik ablehnte. Makarios konnte aber auch ein sachliches Argument anführen:, Zyperns Volksgruppen seien so miteinander verzahnt, daß ein Auseinanderreißen der Bevölkerung nicht möglich sei.

Von den 573 566 Einwohnern der Insel wohnten bis Weihnachten vergangenen Jahres 265 000 Menschen in 116 gemischten Siedlungen. Daneben gibt es 400 rein griechische und 120 rein, türkische Orte, die jedoch ihrerseits wieder nicht in bestimmten Gebieten konzentriert, sondern über die ganze Insel verteilt sind.

Kaum aber war Ende 1963 der Bürgerkrieg zwischen Türken und Griechen ausgebrochen, der dies Türken bisher 1000 Tote, Verwundete und Vermißte kostete, da lösten die Türkenführer eine gezielte Umsiedlungsaktion aus.

Türkische Familien aus Dörfern mit Griechenmehrheit zogen in Orte mit türkischer Majorität. Türkische Flüchtlinge wurden nach dem Norden der Insel dirigiert, wo seit langem mehr als die Hälfte der türkischen Zyprer wohnte. Diesen Teil Zyperns nördlich der Linie Famagusta-Nikosia-Levka wollen denn auch die Türken beanspruchen, falls es zu der von ihnen gewünschten Teilung der Insel kommt.

An dieser Wanderung beteiligten sich bisher 25 000 Türken. Außerhalb der sechs gemischten Städte gibt es heute nur noch ein Dutzend Orte mit gemischter Bevölkerung, in denen insgesamt 4000 Türken leben.

Zentrum des von den Türken beherrschten Inselteils ist ein Gebiet, das von der Altstadt Nikosias bis nahe an Kyrenia im Norden reicht. Dort haben die Türken bereits eine eigene Verwaltung installiert. Es gibt eine türkisch zyprische Polizei, eine türkische Post und einen geheimen Rundfunksender, der allerdings von den Griechen gestört wird. Die Türken-Bastion wird zudem von den 650 regulären Soldaten der türkischen Armee geschützt, die vertraglich in Zypern stationiert sind.

Die türkischen Teilungspläne erhielten durch die Uno neuen Auftrieb. Uno -Generalsekretär U Thant ventilierte vor dem Weltsicherheitsrat den Gedanken einer Aufteilung Zyperns in autonome Kantone nach schweizerischem Muster.

Und der Sicherheitsrat ließ - erstmals in seiner Geschichte - einen Redner zu Wort kommen, der nicht Vertreter eines unabhängigen Staates, sondern nur einer Minderheit war: Rauf Denktasch, einen Führer der Türkenminderheit auf Zypern.

Die Zyperngriechen kündigten sofort an, daß sie alle Teilungs- und Föderationspläne »bis zum letzten Blutstropfen« (so die zyprische Zeitung »Makhi") bekämpfen werden. Sie ignorierten freilich, daß auch die griechische Mehrheit die Trennung zwischen Griechen und Türken längst praktiziert:

Die Regierung Zyperns wurde vollkommen von Türken gesäubert. Rundfunk und Fernsehen - in der Hand der Griechen - senden nur noch in griechischer Sprache. Die von Türken verlassenen Häuser werden von griechischen Freischärlern systematisch geplündert, verbrannt und die Mauerreste mit Bulldozern niedergewalzt, um eine Rückkehr ihrer Bewohner zu verhindern.

Die Griechen hoffen, den Türken dadurch das Leben auf der Insel unmöglich zu machen und sie zum Auswandern in die Türkei zu bewegen. Die türkischen Zyprer dagegen sind fest entschlossen, die Teilung zu erzwingen - notfalls mit Hilfe der türkischen Armee, deren Eingreifen nach den Kämpfen der vergangenen Woche neuerlich drohte.

»Die Schafe müssen vom Wolf getrennt werden«, erklärte der Führer der Türkenminderheit, Vizepräsident Dr. Fazil Kücük. »Das ist nur durch eine Teilung der Insel möglich. Eine andere Lösung gibt es nicht.«

Türkische Bürgerwehr auf Zypern: Bulldozer gegen Türkenhäuser

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