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CHINA Woge der Solidarität

Die Erdbebenopfer erleben eine überwältigende Hilfsbereitschaft. Unternehmer spenden Millionenbeträge, Frauen übernehmen stille Heldenrollen in einer nationalen Tragödie.
aus DER SPIEGEL 22/2008

Bauer Li und sein zwölfjähriger Sohn Ying kehren zurück - in ein Zuhause, das es nicht mehr gibt. Das Erdbeben am 12. Mai hat in ihrem Bergdorf Huodao, Ortsteil »Sechste Brigade«, sämtliche Häuser zerstört, die Stromleitung, die Wasserrohre. »Zum Glück haben alle bei uns überlebt«, sagt Li.

Aus Angst vor Nachbeben und Erdrutschen waren sie hinab in die Ebene bis in die 80 Kilometer entfernte Kreisstadt Mianyang geflüchtet. Dort kamen sie im »Neun-Kontinente-Stadion« unter, wo Helfer sie mit dem Nötigsten versorgten. Nun wollen sie zurück, nach den Alten schauen, die zu schwach zur Flucht gewesen waren oder sich schlicht geweigert hatten, ihre Heimat zu verlassen. »Außerdem«, sagt Li, »müssen wir die Felder düngen und die Ernte retten.«

Sie ziehen durch zerstörte Dörfer, an einem Plakat vorbei, das Staatschef Hu Jintao und Premier Wen Jiabao in Sichuan zeigt, gemeinsam mit Rettern und Opfern: »Ein Erdbeben kennt keine Gefühle, aber die Partei - eine Katastrophe kennt keine Gefühle, aber das Volk.« Ihre Stoffschuhe sind nach dem letzten Regenguss lehmverklumpt. Auf dem Rücken tragen sie Bastkiepen mit neuen Woks, mit Keksen, Mineralwasser und Zeltplanen.

Lange Kolonnen von Soldaten in blauen und weißen Plastikoveralls, mit gelben Gummihandschuhen, das Gesicht verborgen unter Stoffmasken, marschieren ihnen entgegen. Die Männer von der »Biologischen Kriegführung der Strategischen Raketentruppen« kommen aus der Stadt Beichuan unten im Tal. Dort haben sie die letzten Toten aus den Trümmern gezogen und die Ruinen mit Desinfektionsmitteln besprüht. Die Angst vor Seuchen geht um.

Ein Bergungstrupp trägt die rote Parteifahne mit Hammer und Sichel voran, ein surrealer Farbtupfer in all dem Elend, aber politisch korrekt. Dazwischen drängen sich Bauern mit ihren Schweinen und Rikschas, auf denen manche Familie ihren letzten Besitz verschnürt hat.

Zwei Wochen nach der Katastrophe kämpfen die Bewohner Beichuans um ihre Zukunft. In einem blauen Zelt des Lagezentrums, gleich neben den Trümmern der Mittelschule, in der an jenem Montag viele hundert Kinder starben, sitzen Funktionäre und essen aus Plastikschalen Kohlrabi mit Reissuppe. Was wird aus ihrer Stadt, in der rund 20 000 Menschen lebten? Sie stecken sich Zigaretten an. »Wir warten auf Anweisung von oben«, sagen sie, eines aber sei klar: »Da kann man nicht zurück, da ist nichts mehr aufzubauen.« Beichuan wird aufgegeben. Wo die Stadt neu entstehen soll, ist nicht bekannt.

In der Provinzhauptstadt Chengdu wird am vorigen Freitag die aktualisierte Statistik des Schreckens verlesen: Fast 56 000 Menschen seien mittlerweile tot, 25 000 noch immer verschüttet. Rund 5,5 Millionen haben kein Dach mehr über dem Kopf. Felder und Fabriken sind zerstört, Straßen, Krankenhäuser, Schulen, Tempel. Noch immer drohen Flutwellen talwärts zu stürzen, wenn durch Erdrutsche aufgestaute Wassermassen zu mächtig werden. Peking hat errechnet, dass es 6,4 Milliarden Euro kosten dürfte, die Schäden zu reparieren, und dass es Jahre dauern wird. Jedes Ministerium muss fünf Prozent seines Budgets für die Erdbebenhilfe abgeben.

Soldaten und Freiwillige aus allen Teilen Chinas errichten auf Feldern, Sportplätzen und Märkten Flüchtlingslager. Trotzdem fehlten bis Ende voriger Woche mindestens drei Millionen Zelte für Obdachlose und all jene, die aus Furcht vor Nachbeben nicht in ihre Wohnungen zurückkehren. Sie hausen im Freien unter Plastikplanen und Sonnenschirmen.

Die Regierung weiß, dass sie schnell handeln muss. Schon legen sich die Menschen mitunter lautstark mit den Funktionären an. Deshalb sollen eine Million leichter blau-weißer Fertighäuser aufgestellt werden, wie sie überall im Lande den Wanderarbeitern als Unterkunft dienen. Im Norden der Ortschaft Dujiangyan planieren Bulldozer eine Fläche, auf der bald 40 000 Menschen leben sollen.

Wie sich der Bauer Chen Youtian, 53, ein schmächtiger Mann mit blauer Jacke und buntem Polohemd - beides milde Gaben - seine Zukunft vorstellt? Auch sein Heim ist zerstört. »Keine Ahnung. Wir müssen ein neues Haus bauen. Ob die Regierung dafür Geld gibt, ist nicht klar.« Er sitzt auf dem Rasen des Großen Platzes im Zentrum von Shifang. Hier haben 2000 Leute eine vorläufige Unterkunft gefunden. Gerade hat Chen einen grünen Zettel studiert. »Psychische und körperliche Reaktionen nach einer Katastrophe« ist das Papier überschrieben, das Mitarbeiter des »Psychologischen Beratungszentrums Blauer Vogel« in den Zelten verteilen.

»Unterdrücken Sie nicht Ihre Gefühle, reden Sie mit anderen«, liest Chen. Und: »Versuchen Sie nicht, das Erlebte zu vergessen. Es ist richtig, wenn Sie eine Weile trauern.« Chen sagt: »Das sind gute Hinweise, damit kann man etwas anfangen.«

Den Einsatz von Psychologen für die Betreuung traumatisierter Erdbebenopfer machten die Medien zum Topthema. In der Katastrophe, so das Signal, kümmert sich die Regierung um die Seele ihres Volkes. Da wird, wie auf der Sichuan- Nachrichten-Website, auf 24-Stunden-Hotlines für Ratsuchende verwiesen. Da beklagt die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua den Mangel an Experten, da schicken das Chinesische Rote Kreuz, aber auch Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, Psychologen in die Katastrophenzone und halten täglich Schulungen ab für ehrenamtliche Helfer. Zwar hat sich auch in China die Psychotherapie etabliert; lange vorbei ist die Zeit, als der Berufsstand der Psychologen während der Kulturrevolution geächtet wurde und man glaubte, auffälligem Verhalten nur durch politische Umerziehung beizukommen. Aber auf dem Gebiet der Traumabewältigung kann Peking nur auf wenige hochspezialisierte Experten zurückgreifen. Insgesamt gebe es nicht einmal 15 000 Psychiater in China, meldet Xinhua - für ein Volk von 1,3 Milliarden Menschen.

Was China in diesen Tagen erlebt, ist die positive Seite, das freundliche Gesicht des Nationalismus - eine zweite Welle der Solidarität. Die erste entstand als wütende Reaktion auf die Zwischenfälle während des Fackellaufs und die Parteinahme des Westens für Tibet. Jetzt gelingt es Peking, auch dank ungewöhnlich ausführlicher Berichterstattung, die ganze Welt zu berühren und natürlich das eigene Volk.

Friseure schnitten kostenlos das Haar der Helfer, Taxifahrer brachten Verletzte gratis ins Krankenhaus, zahllose Freiwillige machten sich mit Medikamenten, Essen und Wasser im Kofferraum auf den Weg ins Erdbebengebiet. Tausende haben sich allein bei den Behörden in Shanghai gemeldet, um Waisenkinder aus Sichuan zu adoptieren.

Die Chinesen geben gern, und wer es nicht so gern tut, gibt trotzdem. In manchen Unternehmen, etwa in einer Autofabrik in Shanghai, wurde den Angestellten die erste Spende gleich vom Gehalt abgezogen, für die zweite stellte man eine Box am Firmeneingang auf und notierte Namen und Betrag des Mitarbeiters.

Wer prominent und geizig ist, muss um seinen Ruf fürchten. Die Online-Gemeinschaft ächtet soziales Fehlverhalten in ihren Blogs. So vervierfachte der Basketball-Star Yao Ming seine Spende nach heftiger Kritik im Internet.

Ein bekannter Geschäftsmann aus der Immobilienbranche entschuldigte sich für seinen Kommentar, es müsse Grenzen der Großzügigkeit geben, schließlich würde China häufiger von Katastrophen heimgesucht, und Wohltätigkeit dürfe nicht zur Bürde für Unternehmen werden. Jetzt versprach er, weitere 14 Millionen Dollar für den Wiederaufbau im Erdbebengebiet zu investieren. Chinas Medien registrieren genau, welche Firma wie viel spendet, im Fernsehen werden die Hilfsleistungen ausländischer Regierungen aufgelistet.

Während im Internet die »internationalen Geizhälse« kritisiert werden, nahm die chinesische Regierung ausländische Firmen in Schutz. Handelsminister Chen Deming sagte vor Journalisten, sie hätten die Erdbebenopfer mit 178 Millionen Euro an Bargeld und Material unterstützt. Die Regierung bedankte sich ausdrücklich für »die große Hilfe«.

Das große Helfen hat erschütternde, mithin äußerst telegene Züge: Blut wurde schon gespendet. Geld sowieso. Und jetzt sogar Muttermilch.

Jiang Xiaojuan heißt eine Polizistin, die Waisenkinder stillt. Ihren eigenen Sohn gab sie zu den Großeltern, denn die fremden Babys schrien vor Hunger. Die Uniformjacke geöffnet, die Bluse aufgeknöpft, einen trinkenden Säugling im Arm, so zeigt sie das chinesische Staatsfernsehen als Beispiel wahrer Mutterliebe.

Acht Kinder, heißt es, ernährt sie - eine Heilige dieser Tage. Manchmal stillt sie sogar zwei Babys gleichzeitig. Jiang, 29, ist zum Symbol geworden für das Mitgefühl, das China eint, ganz so, wie es Premier Wen Jiabao beschworen hat: »Das Erdbeben kann Berge erschüttern und Flüsse blockieren, aber es wird niemals unsere Entschlossenheit mindern, angesichts solcher Katastrophen zusammenzustehen und einander zu helfen.«

Noch bis Anfang vergangener Woche wurden immer neue Wunder gemeldet - Rettungen nach 100, nach 179, nach 195 Stunden, jede Bergung ein emotionales Ereignis. Doch über 4000 Kinder hat das Erdbeben zu Waisen gemacht.

Im Fernsehen wird das fiktive Gedicht eines verstorbenen Jungen verlesen. »Mama«, lautet die erste Zeile, »mir ist etwas kalt ... hier ist es sehr dunkel. Ich habe große Angst, aber ich weine nicht.«

»Mama, lebe wohl«, heißt es am Schluss. »Nimm meine Schultasche. Falls du Angst hast, mich zu vergessen, dann stell für mich einen Gedenkstein auf. Schreib darauf drei Sätze: Er kam. Er war brav. Er ging.« ANDREAS LORENZ, SANDRA SCHULZ

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